Special Agent Cooper

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Kultur

"Twin Peaks"-Staffel 3: Schrecken ohne Ende

Böses Erwachen: David Lynchs „Twin Peaks“-Fortsetzung driftet weiter ins Übernatürliche ab.

„Wir sehen uns wieder in 25 Jahren“, flüstert Laura Palma dem FBI-Sonderermittler Dale Cooper gleich zu Beginn der ersten neuen „Twin Peaks“-Folge ins Ohr. Fans wissen, es ist eine alte Szene, die hier die Serien-Wiedergeburt einleitet – sie stammt aus der bisher letzten Folge der US-Serie im Jahr 1991.

Nicht nur für Special Agent Cooper (Kyle MacLachlan) war das Serien-Finale ein Schrecken ohne Ende. Der legendär verrätselte Fernsehkrimi ließ eine ganze Fernsehgeneration verstört zurück. Am Ende des 30-teiligen, 1400 Minuten langen surrealen Fiebertrips gab es mehr Fragen als Antworten und einen Cliffhanger, der beispiellos in der TV-Geschichte ist. Einen Serientod musste der Held trotz sinkender Einschaltquoten nicht erleiden. Ihn erwischte es noch schlimmer.

Jetzt, genau 26 Jahre nach dem Ende der Serie, fragen sich Fans auf der ganzen Welt, wie die Geschichte von den Menschen in dem fiktiven Holzfällerörtchen im Nordwesten der USA wohl weitergeht? Viele Darsteller von damals haben die Serienschöpfer David Lynch und Autor Mark Frost wieder um sich geschart. Neben MacLachlan sind es Ray Wise als Leland Palmer, Sheryl Lee als Laura Palmer, Mädchen Amick als Shelly Johnson oder Michael Horse als Deputy Hawk, die hier bereits im ersten Teil ihr Comeback geben. Für die unverkennbare Musik wurde wieder der Lynch-Intimus Angelo Badalamenti engagiert. Wichtiger als der legendäre Ort waren bei „Twin Peaks“ eben immer die zahlreichen unverkennbaren Charaktere.

Special Agent Cooper

Doppelgänger mit langen Haaren. Kyle MacLachlan als Dale Cooper

Aber David Lynch wäre nicht David Lynch, wenn er auf die Wünsche seiner treuen Anhängerschaft Rücksicht nehmen würde. Der heute 71-jährige Regisseur war auch beim alten „Twin Peaks“ nicht daran interessiert, nur die zentrale Kriminalgeschichte rund um den mysteriösen Mord an Laura Palmer aufzuklären. Immerhin wurde das Rätsel inmitten der zweiten Staffel, anders als geplant, vorzeitig gelüftet. Der Zuseher fand sich plötzlich wieder in einer Parallelwelt, in der man vor Dämonen und esoterischem Mystizismus nur mehr schwer die eigentliche Geschichte finden konnte. Die Seifenoper, die gekonnt Traum- und Slapstick-Elemente zu einem Sittenbild der amerikanischen Gesellschaft formte, wurde zum erratischen Experimentierfeld des exzentrischen Regisseurs.

Geschäft mit dem Teufel

Nach den ersten beiden der insgesamt 18 neuen Folgen ist überraschend, dass die Erzählstränge kaum in Twin Peaks spielen. Wie zum Gruß schaut Lynch nur kurz in dem nebelverhangenen Kaff vorbei; die wirklichen Ereignisse finden woanders statt. Bereits nach wenigen Minuten springt die Handlung in ein hermetisch abgeriegeltes Versuchslabor in New York City, der grausige Ritualmord eines angesehenen Highschool-Rektors erschüttert derweil ein verschlafenes Städtchen in South Dakota und in der Spielerstadt Las Vegas werden Geschäfte mit dem Teufel gemacht.

David Lynch, der die ersten beiden Folgen bei den Filmfestspielen von Cannes zur Premiere bringt, hat sich entschieden, die Serie weiter ins Übersinnliche abdriften zu lassen. Statt den Zuseher bei der Hand zu nehmen, lässt er ihn weiter hilflos durch das Geschehen taumeln.
Dennoch: Auch für Lynch scheint die Kultserie noch nicht ausgestanden zu sein. Für ihn sei das neue „Twin Peaks“ ein 18-teiliger Film, wie der Meister in einigen seiner wenigen Statements zum Projekt verlauten ließ. Und das sagt jemand, der eigentlich keine Filme mehr drehen will.

Twin Peaks

Warten noch auf ihren Einsatz. Mädchen Amick and Peggy Lipton in bekannter Pose.

Die Geschichte muss also zu Ende erzählt werden. Will man aus den ersten beiden Folgen schlau werden, muss man nur dem gealterten Helden Dale Cooper genau auf die Finger schauen. Cooper, den man in der letzten Szene der alten Serie als einem vom Bösen besessenen sieht, taucht zu Beginn der neuen Staffel gleich doppelt auf. Einmal wie gewohnt im schwarzen Anzug, frisch rasiert und mit der unverkennbaren Haartolle, dann als langhaariger Killer ohne Gewissen. Der liebenswerte Special Agent von damals, mit seinem ausgeprägten Hang zu schwarzem Kaffee, Kirschkuchen und Zahlenrätseln, ist in den neuen Figuren aber nur schwer zu erkennen. Für Cooper, gefangen im legendären „Red Room“, einer Art Fegefeuer zwischen Himmel und Hölle, geht es allein um das Seelenheil, um das Menschsein per se.

Die zentrale Frage, ob die nun gestartete dritte Staffel überhaupt funktionieren und an den Kult von damals anschließen kann, stellt sich das Autorenpaar Frost/Lynch schuldbewusst gleich selbst: „Ist das die Zukunft oder die Vergangenheit?“, wird Agent Cooper im „Red Room“ gefragt. Die Antwort liegt wohl irgendwo dazwischen.

"Twin Peaks" läuft auf dem Bezahlsender Sky und Sky Ticket.

David Lynch

Verwirrspiel. Regisseur David Lynch am Set mit Schauspieler James Marshall (James Hurley).

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