Im Burgtheater lässt Andreas Kriegenburg eine scheinbar normale Gesellschaft durchdrehen.

Im Burgtheater lässt Andreas Kriegenburg eine scheinbar normale Gesellschaft durchdrehen.

Kultur

Wenn die Sprache Amok läuft

Burg- und Volkstheater punkten mit Komödien: "Der Menschenfeind“ und "Pension Schöller“ sind die Höhepunkte eines schwachen Saisonstarts.

Das Genre der Komödie hat einen schweren Stand. Entweder bedient man hemmungslos die Boulevard-Bedürfnisse des Publikums, oder man versucht krampfhaft, Witz mit Bedeutung zu unterfüttern. Selten geht jemand den dritten Weg: auf die Mechanik der Stücke zu vertrauen, das Klappern der Sprache auf die Körper zu übertragen, die Wörter Amok laufen zu lassen. Nimmt man die Texte ernst, werden sie erstaunlicherweise ganz von selbst existenziell.

Inszenierung als Missing Link

Dies demonstrieren gleich zwei Wiener Inszenierungen, die dem eher lauen Saisonstart nun ein wenig Pfeffer geben. Im Volkstheater findet der junge Regisseur Felix Hafner, 1992 in Voitsberg geboren, den richtigen Ton für Molières gestelzte Verse in "Der Menschenfeind“ (1666). Seine temporeiche Revue der Eitelkeiten bedient das Artifizielle der Sprache, lässt aber auch melancholische Momente zu. Lukas Holzhausen spielt einen vitalen Idealisten, der nicht lügen möchte. Zugleich beweist seine Liebe zur Salondame Célimène (Evi Kehrstephan), die Verstellung als Sport betreibt, dass Herz und Verstand unterschiedliche Wege gehen können. Rainer Galke zeigt als eitler Dichter einmal mehr sein immenses Talent zur Komik. Birgit Stögers windschiefe Figur einer gehässigen Tugendhüterin beeindruckt durch schräge Details. Hafners Inszenierung ist eine Art Missing Link - sie dürfte das alteingesessene Volkstheater-Publikum, dem Anna Badoras Spielplan zu gewagt ist, mit dem neuen jungen Publikum versöhnen.

Im Burgtheater steht indes ein Stück auf dem Programm, das man von Sommerfestivals kennt: In "Pension Schöller“ (1890) von Carl Laufs und Wilhelm Jacoby wünscht sich ein Mann aus der Provinz, in Berlin etwas zu erleben. Ein Besuch in einer psychiatrischen Klinik würde ihm gefallen. Sein Neffe schleppt ihn stattdessen in die Pension Schöller. Unter all den Verwechslungen blitzt die verunsichernde Frage auf: Wer ist schon normal? Regisseur Andreas Kriegenburg gilt als Experte, wenn es darum geht, die Mechanik einer Komödie in rabiate Körperlichkeit zu übersetzen. Mit dreieinhalb Stunden ist der Abend zwar eindeutig zu lang - vor allem der erste Akt zieht sich -, aber es ist eine Freude zu sehen, mit welcher Verve sich die Akteure in ihre Rollen werfen. Christiane von Poelnitz stolpert als Schundromanautorin über jedes Möbelstück, Max Simonischek gibt fiebrig einen Möchtegern-Schauspieler, der den Buchstaben "L“ als "N“ ausspricht und sich gern mit Brandauer vergleicht ("Knaus Maria“). Im Zentrum aber redet sich Roland Koch als vermeintlich einziger Normaler um Kopf und Kragen.

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