12-Stunden-Tag
Österreich

12-Stunden-Tag: Lohnraub oder Realität der Arbeitswelt?

„Lohnraub durch die Hintertür“ oder „Abbildung der Realität der Arbeitswelt“? Der Generalsekretär der Industriellenvereinigung, Christoph Neumayer, über die Regierungspläne zur Arbeitszeitflexibilisierung.

profil: Man darf gratulieren. Mit der Reform der Arbeitszeit hat die ÖVP-FPÖ-Regierung eine langjährige Forderung der Industrie rasch umgesetzt. Künftig können Arbeitnehmer dazu verpflichtet werden, zwölf Stunden täglich und 60 Stunden pro Woche zu arbeiten. Ihr Lobbying war erfolgreich.
Neumayer: Die Flexibilisierung der Arbeitszeit ist ein langjähriges Anliegen von Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb stehen. Leider ist dieses Problem seit Jahrzehnten auf sozialpartnerschaftlicher Ebene nicht gelöst worden. Der jetzige Reformvorschlag ist ein starkes Signal. Die Regierung zeigt, dass sie die Realitäten der Arbeitswelt und der Unternehmen verstanden hat.
profil: Schon bisher waren ein Zehn- oder Zwölf-Stunden-Tag und eine 50-Stunden-Woche möglich.
Neumayer: In manchen Bereichen und Branchen war das möglich. Industriebeschäftigte, die etwa Angebote ausarbeiten oder Aufträge aufnehmen, konnten bisher nicht so flexibel arbeiten. Und um diese Mitarbeiter geht es, nicht um Arbeiter in der Produktion. Die jetzige Reform ist fair für beide Seiten.


Wir haben Zustimmungsraten von über 70 Prozent.

profil: Die Pläne der Regierung sehen die Möglichkeit für Arbeitnehmer vor, die elfte und zwölfte Überstunde aus „überwiegenden persönlichen Interessen“ abzulehnen. In der Praxis wird sich das kein Arbeitnehmer trauen. Wo bleibt da die Fairness?
Neumayer: Wir leben in unseren Unternehmen ein partnerschaftliches Miteinander. Unsere Unternehmen haben Betriebsräte und selbstbewusste Mitarbeiter. Fachkräfte in der Industrie werden aufgrund der Hochkonjunktur gesucht und entsprechend geschätzt.
profil: Bisher war Mehrarbeit nur in Ausnahmefällen und im Einverständnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer beziehungsweise Betriebsrat möglich. Nun könnte sie zum gesetzlichen Dauerzwang werden.
Neumayer: Das geht schon deswegen nicht, weil die Arbeitszeit über das Jahr gerechnet gleich bleibt und ein enger Rahmen durch die Kollektivverträge weiterbesteht. Österreich ist im internationalen Vergleich im hinteren Bereich, was die Flexibilität betrifft. Wenn man Überstunden bezahlt, Zeitausgleich gewährt und in Summe nicht mehr gearbeitet wird, dann haben Mitarbeiter hohes Verständnis für flexible Arbeitszeitmodelle. Wir haben Zustimmungsraten von über 70 Prozent.

profil: Die Gewerkschaft spricht von „klassischem Lohnraub durch die Hintertür“.
Neumayer: Das ist absurd und entspricht nicht der Wahrheit. Es ist enttäuschend, dass es Teile der Arbeitnehmer-Vertreter und der Gewerkschaft mit der Wahrheit nicht ernst nehmen. Es fehlt offensichtlich an sachlichen Argumenten, und deswegen gaukelt man vor, es würde generell ein Zwölf-Stunden-Tag eingeführt und Überstunden nicht mehr bezahlt werden. Das ist, man muss es in dieser Klarheit sagen, schlicht eine Lüge. Die Arbeitnehmer-Vertreter bauen eine künstliche Konfrontation auf. Sie denken mehr an Machtstrukturen als an ein gedeihliches Miteinander.
profil: Aber spart sich die Industrie durch das neue Modell nicht tatsächlich Zuschlagszahlungen für Überstunden?
Neumayer: Alle Kollektivverträge und Regelungen zur Abgeltung von Überstunden und Mehrarbeit bleiben in Kraft. Und primär geht es um flexiblere Arbeitszeiten in Bürojobs. In der Produktion dient es, wenn, dann dem Abdecken der Produktionsspitze und ist nicht der Regelfall. Daran haben die Unternehmer auch kein Interesse, weil die Fehleranfälligkeit bei einem Zwölf-Stunden-Tag höher wird.


Wenn nur noch die Blockierer Oberwasser haben, wird es schwer.

profil: Die Sozialpartnerschaft wird durch diesen Streit und das Vorgehen der Regierung jedenfalls weiter geschwächt.
Neumayer: In Wirklichkeit hat die Sozialpartnerschaft diese Schwächung selbst verschuldet. Seit 14 Jahren diskutieren wir dieses Thema. Im Vorjahr gab es die Möglichkeit einer Einigung, die im letzten Moment an den Arbeitnehmer-Vertretern scheiterte. Diese fehlende Kompromissbereitschaft hat dazu geführt, dass die Regierung nun gehandelt hat.
profil: Rechnen Sie mit Streiks?
Neumayer: Für die Sozialpartnerschaft wäre das ein kontraproduktives Signal. Wenn nur noch die Blockierer Oberwasser haben, wird es schwer, die Sozialpartnerschaft am Leben zu halten. Die neu gewählten Spitzen von ÖGB und Arbeiterkammer sollten die Streitthemen genau analysieren und weniger parteipolitisch handeln.

Interview: Gernot Bauer

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  • Walter Topf
    Walter Topf Do, 21. Jun. 2018 20:39

    Obwohl CETA, 12 Stunden Tag und 60 Stunden Woche niemals wirkliche Anliegen der FPÖ waren, sind es fast ausschließlich FPÖ Mitglieder, die zwar etwas konfus, aber doch mit scheinbarer Überzeugung diese Beschlüsse verteidigen.
    Das ist doch wirklich bewundernswert. Die ÖVP hat Ihre Klientel mit diesen Beschlüssen bedient, und die FPÖ gibt nun folgsam den Watschenmann und verteidigt diese Maßnahmen.

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