KZ Gusen: "Höchst blamabel"
Österreich

KZ Gusen: "Höchst blamabel"

Da die Republik untätig bleibt, errichtet nun eine lokale Initiative im KZ Gusen bei Mauthausen einen Besucherpavillon beim unterirdischen Rüstungszentrum.

Der peinliche Vorfall hatte Folgen. Im vergangenen Mai nahm Polens Vize-Regierungschef und Kulturminister Piotr Gliński an einer Gedenkfeier in der NS-Stollenanlage "Bergkristall" im oberösterreichischen Ort Gusen teil. Seit Jahren fehlt dort ein Besucherzentrum samt Toilettenanlage. Der hohe Gast stand im Regen und musste eine Plastik-Klokabine aufsuchen.

Der Bürgermeister von St. Georgen, Erich Wahl, der auch Vorsitzender der "Bewusstseinsregion Mauthausen -Gusen - St. Georgen" ist, startete daraufhin eine Initiative. Gemeinsam mit dem Gedenkdienstkomitee Gusen gab er vergangenen Mittwoch die Errichtung eines Besucherpavillons mit modernen Sanitäranlagen bekannt. Mehrere Tausend Personen besuchen jährlich das ehemalige KZ. Freiwillige Helfer werden einen nicht mehr gebrauchten Ausstellungskiosk aus Holz abtragen und beim Stolleneingang neu aufstellen. Gesammelte historische Fotos sowie Dokumente von Überlebenden sollen dann im neuen Kiosk ausgestellt werden. Die Finanzierung von rund 500.000 Euro sichern das Land Oberösterreich, die Gemeinde St. Georgen und ein "Leader"- Projekt mit EU-Mitteln. "Indem Bürgerinnen und Bürger ehrenamtlich mithelfen, wird eine nachhaltige Erinnerungskultur gewährleistet", so Wahl.

Die Republik Österreich hat das KZ-Lager Gusen, das nur wenige Kilometer von Mauthausen entfernt liegt, lange vernachdem Gelände achtlos Wohnhäuser errichtet. In den unterirdischen Stollenanlagen und zuerst auch in Hallen über der Erde lässigt. In den 1960er-Jahren wurden auf wurden in der NS-Zeit Waffen und Düsenflugzeuge produziert. Viele Häftlinge, darunter besonders viele Polen, mussten zuerst Zwangsarbeit in umliegenden Steinbrüchen verrichten, später auch die unterirdischen Stollen graben. Einige Zehntausend Menschen kamen um, durch Unterernährung und Krankheiten, aber auch durch Mord, wobei unter anderem Lastautos zur Vergasung eingesetzt wurden. Allein 13.000 Polen, Gefangene nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen, später auch Beteiligte am Warschauer Aufstand 1944, starben in Gusen.

Die polnische Regierung finanzierte 2015 einen großen Gedenkstein samt einem kleinen Ausstellungsraum mit Informationstafeln. Die rechtskonservative Regierung Polens drängt nun darauf, dass die letzten baulichen Zeugen von der Republik Österreich angekauft und als Gedenkstätte ausgebaut werden sollen. Doch eine im Vorjahr fertiggestellte Machbarkeitsstudie der Bundesimmobiliengesellschaft über die Anlage einer Gedenkstätte in Gusen wurde bis heute nicht veröffentlicht. Und die Stollenanlage soll darin gar nicht vorkommen.

Dabei stehen gerade mehrere Bauten aus der NS-Zeit, darunter Baracken für Häftlinge und SS-Wachmänner, die große "Steinbrecher"-Anlage, der Appellplatz und das lange als privates Wohnhaus genutzte Eingangsgebäude "Jourhaus", zum Verkauf. "Die Republik muss diese Immobilien unter allen Umständen kaufen, um eine würdige Erinnerungsstätte zu schaffen", fordert Bertrand Perz, Zeitgeschichte-Professor der Uni Wien und Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirates der Bundesanstalt Gedenkstätte Mauthausen. "Alles andere wäre höchst blamabel." Vom Land Oberösterreich gibt es eine Finanzierungszusage, aber vorerst nur für den neuen Pavillon.

"Uns ist wichtig, dass diese Gedenkstätten in würdiger Form an jene Menschen erinnern, denen hier unmenschliches Leid zugefügt wurde", so Landeshauptmann Thomas Stelzer. Nach dem Krieg hatten die sowjetischen Truppen die Steinbrüche und Baracken für eigene Zwecke genutzt. Das riesige unterirdische Stollensystem wurde 1947 mithilfe von übrig gebliebenen Fliegerbomben teilweise gesprengt. "Im Jahr 2001 wurde der Republik Österreich endlich klar und gerichtlich bestätigt, dass sie in der Nachfolge des Großdeutschen Reiches Eigentümerin der Anlage ist", sagt Martha Gammer vom Gedenkdienstkomitee Gusen. Wegen der Neubauten über den Stollen begann man, die unterirdischen Gänge mit Beton aufzufüllen. Erst nach Protesten lokaler Verbände, die auf die historische Verantwortung hinwiesen, blieb einer von neun Stollen in einer Länge von 1,2 Kilometern erhalten. Er wird nur an vier Tagen im Jahr für Gruppen geöffnet. Wegen der hohen Konzentration von Radongas im Inneren muss er vorher tagelang belüftet werden.