Strahlenproben
Wissenschaft

Radioaktive Gesteinsproben in Schulen

In Salzburgs Schulen wurde vergangenen Sommer hochbrisantes Material gefunden: radioaktives Gestein, das früher dem Unterricht diente. Die Pechblenden sind inzwischen gesichert. Wie gehen die restlichen Bundesländer mit dem Problem um?

Der pastellgrüne Geigerzähler knattert und rauscht. Thomas Neff, Aktionsleiter der Plattform gegen Atomgefahren (plage.at), führt das Gerät langsam über poröse Steinproben aus der geologischen Sammlung einer Schule im oberösterreichischen Vöcklabruck. Mehrere Pechblenden befinden sich dort unerkannt und ungesichert - sie wurden einst als Unterrichtsmaterial angeschafft und sind über die Jahre in Vergessenheit geraten. Mithilfe des erstaunten Direktors verpackt Neff das Urangestein in Plastikbehältern und sperrt es weg.

Es ist nicht Neffs erster Fund. Nachdem er Anfang 2016 durch Zufall stark strahlende Pechblenden in einem Salzburger Gymnasium entdeckt und Alarm geschlagen hatte, ließ die Landessanitätsdirektion systematisch alle Schulen des Bundeslands nach den Mineralien durchsuchen. Die 44 aufgespürten, unterschiedlich stark strahlenden Gesteinsproben sind nun sicher im Nuklidlager der Uni Salzburg verwahrt (profil 42/2016).

Pechblenden sind sogenannte Alphastrahler. Die Strahlung an ihrer Oberfläche ist immens hoch, lässt sich jedoch bereits durch ein Blatt Papier oder die Haut abschirmen. Gefährlich sind Alphastrahler dann, wenn kleine Partikel durch den Mund ins Körperinnere gelangen. Dass Lehrer oder Schüler Brösel des porösen Gesteins verschluckt haben, ist zwar unwahrscheinlich, kann aber nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Umso wichtiger ist es, die oft vergessenen Pechblenden aus den Schulen zu entfernen oder sie in sicheren Behältern zu verwahren.

Die Allgemeine Unfallversicherungsanstalt (AUVA), zuständig für Unfallvermeidung und Prävention am Arbeitsplatz, interessiert sich erstaunlicherweise nicht für die Pechblenden, wie ein Schreiben von Wolfgang Aspek vom Fachbereich Physik und Strahlenschutz an Aktionsleiter Neff zeigt: "Da ich eher pro-Atom bzw. kein Strahlenwarner bin, kann ich mich Ihren Meinungen n i c h t anschließen. Das Problem der Radioaktivität bzw. ionisierender Strahlung wird aus meiner Sicht total überbewertet, und da ich nirgendwo konkrete Dosisabschätzungen im Bereich der ‚Schulquellen‘ habe, kann ich keine ehrliche Stellungnahme anbieten.“ Tatsächlich gibt es bereits seit Herbst 2016 konkrete Dosisangaben aus Salzburgs Schulen sowie vom Radiologischen Messlabor berechnete Sicherheitsabstände.

profil hat nachgefragt, welche Bundesländer inzwischen aktiv wurden.

Im Burgenland sind laut Auskunft des Landes alle vorhandenen Pechblenden gesichert: Man habe in drei Schulen "kleine Gesteinsproben Urangestein, in speziellen Bleigefäßen (nicht frei zugänglich) gelagert“, gefunden, berichtet Landesschulinspektor Jürgen Neuwirth. Er will nun deren Entsorgung veranlassen.

In Oberösterreich wurden bereits alle AHS überprüft, sämtliche Urangesteine seien sicher verwahrt und beschildert, sagt Karl Steinparz, Sprecher des Landesschulrats Oberösterreich. Die Erhebung an den Pflichtschulen soll bis Ende des Quartals abgeschlossen sein.

In Niederösterreich ist man noch nicht so weit. Die Sanitätsdirektion arbeitet derzeit an einem Masterplan: "Wir wollen innerhalb der nächsten Wochen Klarheit, wie wir vorgehen werden“, sagt Landesschulratspräsident Johann Heuras. Im Horner Gymnasium fand Thomas Neff zwar keine Pechblenden, dafür die Überbleibsel eines Reaktormodells. Ein engagierter Physiklehrer hatte 1967 auf dem Schulgelände ein Mini-Kernkraftwerk bauen lassen. Er hatte sich auch von besorgten Eltern nicht aufhalten lassen, wie er damals einer Schülerzeitung verriet: "Durch die Interventionen einer Mutter, die eine radioaktive Verseuchung ihres Kindes und der übrigen Schüler befürchtete, (…) wurde der Bau vorübergehend eingestellt.“ Eine Kommission vom Atomforschungszentrum Seibersdorf bestätigte später die Ungefährlichkeit des Modells, das auf dem Schulgelände errichtet wurde. Tatsächlich wurden dort nie radioaktive Substanzen eingesetzt. Schließlich musste das kleine AKW einem Anbau weichen.

In Kärnten hat die Landesregierung den Schulen eine Frist gesetzt: Bis 20. Februar müssen alle ihre Gesteinssammlungen überprüfen und verdächtige Materialien melden.

Tirol ist schon weiter. In 15 weiterführenden Schulen wurden radioaktive Stoffe gefunden, darunter auch Pechblenden. "Je nach Art der Stoffe werden diese auf unterschiedliche Weise gelagert - vom verschlossenen Glasgefäß über verschließbare Metallboxen und Bleiabschirmung bis hin zum Strahlentresor“, berichtet Landesschulrat Bernhard Deflorian. Die radioaktiven Materialen würden nicht mehr im Unterricht verwendet. In Tiroler Fachberufsschulen wurden keine strahlenden Proben aufgespürt, die Erhebungen an den Neuen Mittelschulen und den Polytechnischen Schulen laufen noch. Sollte man radioaktives Material finden, werde man es ordnungsgemäß entsorgen, so Deflorian.

Aus Vorarlberg ist zu erfahren, dass "vor einigen Wochen“ eine Sicherheitsfachkraft beauftragt wurde, "das Vorhandensein von radioaktivem Gestein zu prüfen und gegebenenfalls die sichere Verwahrung zu veranlassen“. Bislang sei kein strahlendes Material aufgetaucht, sagt Andreas Meusburger vom Kollegium des Landesschulrats.

Wien und die Steiermark haben bis Redaktionsschluss nicht auf die Anfragen von profil reagiert.

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