Das Herumspringen im Gehirn kommt von der Algorithmen-Logik

Wie können wir in einer Überflut von Informationen und digitalen Kanälen noch effizient arbeiten und denken?

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Wie können wir in einer Überflut von Informationen und digitalen Kanälen noch effizient arbeiten und denken? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Neurobiologe Bernd Hufnagl. Im Interview erklärt der Buchautor und Berater, wie man digitale Erschöpfung erkennt und sie behandelt. 

 

Hat die Digitalisierung ihrer Ansicht nach dem menschlichen Gehirn bisher mehr geschadet oder mehr geholfen?
Bernd Hufnagl 
 Das ist so, als würden Sie mich fragen, ob die Erfindung des Autos den Menschen geschadet hat. Es hängt davon ab, wie man es verwendet. Das kann man also so nicht beantworten. Wie sehr die Nutzung schadet, hängt von der Anwendung ab. Für die einzelne Person kann sie Nebenwirkungen haben, aber auch positive Effekte. 
 Wann ist die Nutzung von Smartphones und anderen Geräten gesundheitsgefährdend, wie erkennt man die digitale Erschöpfung? 
Bernd Hufnagl 
Wie bei Alkohol oder Kaffee ist es so, dass wir ein Problem bekommen, wenn wir es überdosieren. Krankmachend ist beim Digitalen, wenn Symptome der Überdosierung auftauchen.  enn  ich etwa merke, dass es ohne gar nicht mehr geht. Nicht, wenn man sich nur gelangweilt fühlt, wenn man das Handy aus der Hand nimmt – sondern wenn man das Gefühl hat, dass ein  Körperteil fehlt. Dann kommt es zu Nebenwirkungen, wir verlernen es, Pausen zu machen. Das Gehirn kann nicht ständig mit Informationen gefüttert werden. Und das gilt auch für Bücher  lesen: Manchmal einfach sitzen und schauen, das fehlt beim digitalen Überkonsum. Das ins Narrenkastl schauen fehlt, das Tagträumer-Netzwerk wird nicht aktiviert und es bleibt nur das Grübeln. Das Problem dabei ist, dass wir keine neuen Perspektiven bekommen. Wir verlieren uns in Meinungsblasen im Internet und in Jammerkultur. Das hat auch Auswirkungen auf die  Arbeitswelt, es wird kühler, egoistischer und oberfl ächlicher, Aufmerksamkeitsstörungen nehmen zu. Aber das sind Nebenwirkungen, die digitale Welt hat natürlich auch Vorteile.
Gibt es bereits Erkenntnisse, wie eine gesunde Nutzung der digitalen Kanäle aussieht, und wie viele Pausen wir vom Digitalen brauchen?
Bernd Hufnagl  
Das hängt davon ab, wie sie diese nutzen. Nutzen Sie es aktiv als Werkzeug im Beruf, dann können Sie es Stunden nutzen. Nutzen Sie das Smartphone nur zur Berieselung oder als  Spielzeug, dann können Stunden oder Minuten schon schädlich sein. Aber das ist sehr unterschiedlich, es geht auch darum, Pausen zu machen und wie schnell man entspannen kann. Das Herumspringen des Hirns kommt von der Logik der Algorithmen in sozialen Medien. Wir müssen das Nichtstun wieder trainieren, da reichen auch ein paar Minuten am Vormittag und am  Nachmittag ins Narrenkastl zu schauen. Es gibt viele Möglichkeiten, dem Gehirn zu zeigen, das Gegenteil von Multitasking zu betreiben. Ich empfehle Mikropausen, also häufig und kurz zu unterbrechen.
 Wie funktioniert also hirngerechtes Arbeiten?
Bernd Hufnagl 
Unser Gehirn hat sich seit der Steinzeit nicht verändert, darauf müssen wir Rücksicht nehmen. Wir müssen zeitnah sehen können, ob wir uns mit unserer Energie dem angestrebten Ziel  nähern. Das ist bei Berufen, wo jeder Tag gleich aussieht, schwer, das entspricht nicht der Logik des Belohnungssystems. Im Selbstmanagement kann man das in der digitalen Welt  herbeiführen, etwa mit Post-its oder grafi sch arbeiten, um den Arbeitsfortschritt und Ziele sichtbar zu machen. Das geht natürlich nicht nur haptisch, sondern auch digital. Zum Beispiel mit einem digitalen Tagebuch, wo Sie reinschreiben, was Sie heute getan haben und was das Highlight war. Den Riesenfehler, den viele machen, ist in zu großen Projektschritten zu denken.  Unser Belohnungssystem ist auf kleine Schritte programmiert, das heißt, man muss alles herunterbrechen.