Streit

Arbeitskräftemangel: "Holen wir uns Lehrlinge aus aller Welt"

Warum dürfen Menschen aus Kolumbien oder dem Kongo in Österreich studieren, aber keine Lehre machen? Ein Streitgespräch zwischen dem früheren ÖVP-Politiker und Unternehmensberater Hannes Missethon und der stellvertretenden Vorsitzenden der Gewerkschaft vida, Olivia Janisch.

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Bevor wir darüber streiten, ob Lehrlinge aus Kolumbien, den Philippinen oder Indien eine wirksame Antwort auf den Arbeitskräftemangel wären: Gibt es diesen Mangel überhaupt?
Missethon
Natürlich. Und das liegt schlicht und einfach an der Demografie. In meinem Heimatbundesland Steiermark rückten in den 1970er-Jahren jährlich 20.000 junge Menschen neu auf den Arbeitsmarkt nach, jetzt sind es nur mehr 12.000. Parallel dazu gehen geburtenstarke Jahrgänge in Pension. In Wien und anderen Ballungsräumen ist diese demografische Kluft noch nicht so tief wie in der Steiermark, in Tirol oder Vorarlberg. Aber wohin die Reise geht, zeigt das deutsche Drama. Dort braucht man jährlich bereits 400.000 Zuwanderer aus Drittländern, um die Wirtschaft am Laufen zu halten.
Janisch
In Österreich herrscht eine Jugendarbeitslosigkeit von 10,6 Prozent. Vollbeschäftigung hingegen gibt es bei einer Arbeitslosenquote zwischen zwei und drei Prozent. Bei diesen Zahlen auch nur darüber nachzudenken, Lehrlinge aus aller Welt zu holen, ist Verrat an den betroffenen Jugendlichen. Natürlich haben Betriebe in manchen Regionen Probleme, Personal und Lehrlinge zu finden. Das stelle ich gar nicht in Abrede. Aber dann müssen eben Löhne und Arbeitsbedingungen für junge Menschen vor Ort noch attraktiver werden. Im Tourismus ist es offensichtlich geworden, wie unattraktiv manche Arbeitsplätze sind.

Olivia Janisch und Hannes Missethon im Streitgespräch zum Thema Arbeitskräftemangel.

Es gab am österreichischen Lehrstellenmarkt immer mehr Suchende als freie Stellen. Im August war das Verhältnis erstmals ausgeglichen. In der Steiermark kommt ein Anwärter mittlerweile auf zwei offene Lehrstellen.
Janisch
Für eine ehrliche Rechnung müssen wir auch über 10.000 Jugendliche in AMS-Kursen und überbetrieblichen Lehrwerkstätten dazurechnen. Dann sind es nämlich 8000 Lehrstellen zu wenig. Der Fachkräftemangel in technischen Berufen ist auch ein bildungspolitisches Thema. Dieser ist hausgemacht. Denn: Wann wurde die letzte neue HTL eröffnet?
Missethon
Zeigen Sie mir die Jugendlichen, die selbst mit attraktivsten Löhnen bereit sind, in einen Industriebetrieb nach Leoben zu kommen. Manche Betriebe zahlen dort bis zu 2000 Euro an Lehrlingsentschädigung und werden trotzdem nicht fündig.

Die Lage wird sich derart zuspitzen, dass wir trotz aller Krisen intensiv über ausländische Arbeitskräfte diskutieren werden.

Hannes Missethon

Janisch
Es geht nicht nur um die Bezahlung, sondern auch um die Ausbildungsbedingungen, das Wohnumfeld und die Perspektive, die jungen Menschen eröffnet wird. Zudem gab es vor 20 Jahren noch 39.000 Ausbildungsbetriebe, heute sind es nur mehr 27.000. Oft wissen Betriebe zum Beispiel nicht, dass sie sich zu Ausbildungsverbünden zusammenschließen können. Aber es gibt auch Leuchtturm-Betriebe mit Ausbildungsakademien. Sie ziehen Bewerberinnen und Bewerber noch stärker an.

Hannes Missethon meint, dass es nicht reichen würde, spanische Lehrlinge nach Österreich zu holen. 

Sie sind Konzernbetriebsrätin bei den ÖBB, Frau Janisch. Haben die ÖBB genug Lehrlinge?
Janisch
Ja. Wir suchen ständig, aber finden am Ende auch genügend Bewerberinnen und Bewerber.
Missethon
Wir haben mit der Lehre ein "golden nugget",das es in dieser Form nur noch in Deutschland und der Schweiz gibt. In Ländern wie Spanien sitzen Jugendliche, bis sie 18 Jahre sind, fünf Tage die Woche in der Berufsschule. Bei uns absolvieren sie die Lehre zu 80 Prozent im Betrieb. Ich plädiere dafür, diese einzigartige Ausbildungsschiene nach Vorbild der Universitäten international zu öffnen. Lehrlinge aus der ganzen Welt sollten-genauso wie Studenten, die zahlen-eine Aufenthaltsgenehmigung in Österreich bekommen. Sie sollten allerdings volljährig sein, ein Reifeprüfungszeugnis haben und B1-Grundkenntnisse in Deutsch mitbringen.
Janisch
Erstens kann man Lehre und Studium nicht vergleichen.

Lehrlinge aus aller Welt zu holen, ist ein Verrat an arbeitslosen Jugendlichen in Österreich. 

Olivia Janisch

Missethon
Wieso?
Janisch
Auf einer Universität sind Studierende selbstbestimmt und in ein internationales Umfeld eingebettet, in einer Lehre haben sie einen fixen Arbeitstag und einen Lehrherrn. Außerdem ist es nicht nachhaltig, die Zukunft des Arbeitsmarktes auf Menschen aufzubauen, die woanders Freunde und Familien haben. Abgesehen von der sozialen Entwurzelung: Wenn viele wieder zurückgehen nach der Lehre, haben die heimischen Betriebe umsonst in sie investiert.
Missethon
Den großen Unterschied zum Studium sehe ich so nicht. Die jungen Menschen treffen eine bewusste und freiwillige Entscheidung und wissen, worauf sie sich einlassen. Zur Rückkehr in die Heimat: Ich gehe davon aus, dass ein Großteil wegen der besseren Jobmöglichkeiten in Österreich bleiben würde. Und wer zurückgeht, tut es mit einer guten Ausbildung und das hilft seinem Land.
Janisch
Auch das stört mich an der Idee. Es sollen Menschen aus Ländern geholt werden, in denen die soziale Lage schlechter ist. Das öffnet Lohn-und Sozialdumping Tür und Tor, weil sich solche Menschen weniger dagegen wehren.
Missethon
Es gibt Kollektivverträge, die eingehalten werden müssen.
Janisch
Aber die in vielen Branchen übliche Überzahlung fällt schnell einmal weg, und gegen schlechte Arbeitsbedingungen stehen Zuwanderer erfahrungsgemäß weniger auf. Außerdem frage ich mich, warum wir derart in die Ferne schweifen. In Europa liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 14 Prozent. Jeder EU-Bürger, der als Lehrling nach Österreich will, kann das uneingeschränkt tun. Es laufen längst Anwerbungsprogramme von Betrieben oder öffentlichen Stellen.
Missethon
Die hohe Jugendarbeitslosigkeit in der EU geht vorwiegend auf den Süden zurück. Wir holen schon jetzt spanische Lehrlinge nach Österreich und merken: Das wird auf Dauer nicht ansatzweise reichen. Auch dieser Arbeitsmarkt trocknet aus.
Janisch
Warum machen Sie das als private Firmen? Ich habe gelesen, dass die Lehrlinge für die Vermittlung zahlen müssen. Das halte ich, mit Verlaub, für Geschäftemacherei. Dafür gibt es Behörden wie das AMS.
Missethon
Den mit Abstand größten Teil unserer Dienstleistung zahlen Firmen, die uns damit beauftragen. Die Lehrlinge selbst zahlen höchstens den Flug. Das können sie in Raten abbezahlen. Zum AMS: Die meisten Firmen haben ihre Lehrstellen natürlich auch dort gemeldet, werden aber nicht immer fündig.
Frau Janisch, sind Sie der Meinung, dass wir auch mittelfristig ohne Arbeitskräfte aus Drittstaaten auskommen?
Janisch
Ich bin überzeugt, dass wir selbst in der Pflege zuerst das heimische und danach das europäische Arbeitskräftepotenzial stärker ausschöpfen können, bevor wir überhaupt an Menschen aus Drittstaaten denken. In der Pflege wurde in Bezug auf attraktive Löhne und Arbeitsbedingungen besonders viel verabsäumt.
Missethon
Wir Österreicher sind immer so starr in unseren Haltungen, bis dann alles über uns zusammenbricht und es erst recht Notlösungen braucht. Der frühere deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn reiste 2019 wegen des Pflegenotstands in Deutschland nach Mexiko und warb persönlich Personal an. Mit den Goethe-Instituten hat Deutschland ein weltweites Netzwerk, das mit Sprachkursen auf die Arbeit in Deutschland vorbereitet und eine versteckte Rekrutierungsstelle ist. Etwas Ähnliches brauchen wir auch. Schauen wir nicht zu lange zu beim internationalen Wettlauf um Arbeitskräfte.
Ist nicht auch der Brain Drain, also das Abziehen von Wissen und Expertise, ein Problem in jenen Ländern, in denen Europa Arbeitskräfte anwirbt?
Janisch
Zuallererst ist es ein riesiges Problem für Europa, wenn es nicht in die eigene Jugend investiert.
Missethon
Nein, weil die jungen Leute zu einer Berufsausbildung nach Österreich kommen, vergleichbar mit einem Studium. Also Wissen aufbauen.
Wir haben noch gar nicht über Menschen gesprochen, die seit 2015 über die Fluchtrouten ins Land kommen. Warum reichen diese nicht aus, die Lücken am Arbeitsmarkt zu füllen?
Janisch
Ein gutes Beispiel, wo unser Fokus liegen sollte. In die Integration von Geflüchteten zu investieren, kann sich auch für Firmen mehr lohnen, weil diese eher nicht in ihre alte Heimat zurückgehen. Es gibt tolle Beispiele gelungener Integration, aber es gibt noch deutlich Luft nach oben.
Missethon
Da stimme ich Ihnen voll zu. Es fehlen die passenden Formate, um Geflüchtete rasch in eine Lehre zu bringen und dort auch zu halten. Aber selbst wenn wir diese entwickeln, reicht die Zahl jener, die es tatsächlich schaffen, bei Weitem nicht aus. Außerdem sind Fluchtwellen erratisch und die Menschen, die kommen, oft sehr unterschiedlich integrierbar. Wenn man Menschen direkt-zum Beispiel aus Afrika-holt, nach einer Grundausbildung vor Ort, ist das viel effizienter. Deshalb sollte die EU Berufsschulen in jenen Ländern bauen, mit junger Bevölkerung.
Janisch
Als Gewerkschaft denken wir europäisch. Wenn die EU eines Tages in diese Richtung gehen sollte, können wir uns das vorstellen. Aber das Anwerben von solchen Arbeitskräften wäre dann eben nicht privaten Agenturen überlassen, sondern würde nach klaren Normen und dem tatsächlichen Bedarf verlaufen. Und wer trägt die Integrationskosten? Die Unternehmen oder wir Steuerzahler? Solange wir das Potenzial in Österreich aber nicht voll ausschöpfen, ist auch das eine Scheindebatte.
Missethon
Der Arbeitskräftemangel hat selbst in der Pandemie zugenommen. Die Lage wird sich wegen der Demografie derart zuspitzen, dass wir trotz aller Krisen sehr bald sehr intensiv über ausländische Arbeitskräfte diskutieren werden.
Janisch
Darüber kann man immer diskutieren. Aber jetzt auf schnell, schnell Lehrlinge aus aller Welt zu holen, ist die falsche Antwort.

Olivia Janisch

Die 46-Jährige ist stellvertretende Vorsitzende und Bundesfrauenvorsitzende der Verkehrs-und Dienstleistungsgewerk schaft vida. Bei den ÖBB ist sie im Konzernbetriebsrat zuständig für Lehrlingsaus-und Weiterbildung.

Hannes Missethon

Der 62-Jährige war ÖVP-Politiker in der Steiermark, im Bundesrat, Nationalrat und bis 2008 Generalsekretär. Seither ist er Unternehmensberater. Mit der Initiative "Talente für Österreich" bildete er Flüchtlinge aus und vermittelt EU-Bürger in die Lehre nach Österreich.

Clemens   Neuhold

Clemens Neuhold

Seit 2015 Allrounder in profil-Innenpolitik mit Leidenschaft für Zuwanderung, Integration. Koordinator der wöchentlichen Streit-Seite. Davor Kurier, biber, Wiener Zeitung.