Alpine: Wie der Baukonzern Bilanzen behübschte

Alpine: Wie der Baukonzern Bilanzen behübschte

Aus dem Inneren eines Pyramidenspiels: Wie der Baukonzern Alpine seine Bilanzen behübschte und Anleger dabei Millionen verloren. Was wussten die Kreditgeber? Der Aufsichtsrat? Der Wirtschaftsprüfer?

Eine Versuchsanordnung: Nehmen wir an, Sie haben 100 Euro Bankschulden und gerade keinen Cent flüssig. Technisch gesehen sind Sie mit 100 Euro netto verschuldet. Nehmen wir weiters an, dass Ihre Hausbank Ihnen die 100 Euro nur unter Auflage kreditierte, dass ihre Nettoverschuldung an jedenfalls zwei Stichtagen im Jahr, dem 31. Dezember und dem 30. Juni, keinesfalls 100 Euro betragen darf – andernfalls der Kredit sofort fällig gestellt würde und sie finanziell erledigt wären. Im Fachjargon werden derartige Klauseln auch „Covenants“ genannt. Was können Sie also tun, um nicht vertragsbrüchig zu werden? Sie könnten einen Wertgegenstand verkaufen. So noch vorhanden. Sie könnten sich aber auch in der Familie – vorübergehend und sehr diskret – Geld leihen; sagen wir fünf Euro. Diese legen Sie kurz vor einem der Stichtage auf Ihr Konto. Ihre Nettoverschuldung liegt dann bei nur mehr 95 Euro – also innerhalb des Rahmens. Wenn der Stichtag durch ist, geht das Geld zurück an die Familie. Sie haben sich also mittels eines Luftgeschäfts erst einmal Luft verschafft. Bis zum nächsten Stichtag.

Grundprinzip eines Pyramidenspiels

Im Falle des 2013 kollabierten Salzburger Baukonzerns Alpine ist genau das passiert. Und nicht nur ein Mal. Wie ausführlich berichtet, war das seit 2006 mehrheitlich im Eigentum der spanischen FCC-Gruppe stehende Unternehmen spätestens im Herbst 2010 zahlungsunfähig. Um den Verpflichtungen gegenüber Mitarbeitern, Lieferanten und Kreditgebern dennoch nachzukommen, musste Alpine immer neue Schulden machen – zunächst bei den Banken, ab 2010 auch bei gutgläubigen Anleihezeichnern. Das Grundprinzip eines Pyramidenspiels.

Am 20. Juni 2013 schlitterte die Alpine Bau GmbH in den Konkurs, die vorgelagerte Alpine Holding GmbH folgte am 2. Juli. Bis dahin waren ungedeckte Verbindlichkeiten in einer Größenordnung von fast vier Milliarden Euro aufgelaufen – die größte Pleite der österreichischen Wirtschaftsgeschichte.

Die rund 7000 Privatanleger, welche zwischen 2010 und 2012 drei Anleihen der Alpine Holding im Nennwert von insgesamt 290 Millionen Euro gezeichnet hatten, ahnten lange nichts von der Schieflage des Konzerns. Weil es die Führungsebene geschickt verstanden hatte, die ausufernden Schulden, eine Folge desaströser Auslandsprojekte, kleinzurechnen. Möglicherweise mit Duldung des Aufsichtsrats, des Wirtschaftsprüfers (Deloitte), von Hausbanken (allen voran Erste Bank, Raiffeisenlandesbank Oberösterreich, UniCredit Bank Austria, Hypo Alpe-Adria und Bawag) – dies wird die Justiz zu klären haben.

Schriftsatz offenbart Abgründe

Am 14. Jänner dieses Jahres brachte die Kanzlei des Alpine Holding-Masseverwalters Karl F. Engelhart eine Klage beim Handelsgericht Wien ein. Engelhart fordert von den spanischen Eigentümern FCC einen Betrag von vorerst 186,23 Millionen Euro zuzüglich Zinsen. Der Schriftsatz offenbart Abgründe. „Um zu vermeiden, dass in den Bilanzen eine Überschuldung/Zahlungsunfähigkeit ersichtlich wird, und um damit die Konzernbilanz der Alpine-Gruppe zu retten, wurden … zu den Bilanzstichtagen Bilanzverschönerungen betrieben (,window dressing‘)“ , heißt es da. Und: „Durch ein Bündel von Maßnahmen zu den Bilanzstichtagen (31.12 und 30.6) wurde insbesondere die tatsächliche Nettoverschuldung lediglich kurzfristig zu diesen Stichtagen dramatisch reduziert. Dadurch entstand gegenüber Dritten der Eindruck, der Alpine-Konzern verfüge über ausreichende Bonität und Liquidität.“


DRINGEND Liquiditätshilfe!!!

Wie das geht? 2013 hatte profil interne Alpine-Korrespondenz veröffentlicht, wonach der Baukonzern auch im Juni 2012 an der Kippe stand. Und dies, obwohl erst wenige Wochen zuvor die dritte Anleihe im Volumen von 100 Millionen Euro im Markt untergebracht worden war. Nachdem die Nettoverschuldung im Mai mit 798 Millionen Euro den bis dahin höchsten Wert der Unternehmensgeschichte erreicht hatte, alarmierte der damalige kaufmännische Alpine-Geschäftsführer am 25. Juni 2012 die FCC-Konzernzentrale in Barcelona via E-Mail: „DRINGEND Liquiditätshilfe!!! „Uns läuft die Zeit davon! Wir brauchen die Liquiditätshilfe bis Donnerstag.“ Der Adressat, ein ranghoher FCC-Vertreter, replizierte verhalten: „Ich nehme den Geldbedarf zur Kenntnis. Der Juni ist ein schwieriger Schlussmonat für die gesamte Gruppe, und nicht nur Alpine verlangt.“ Reaktion des Alpine-Managers: „Wenn das die FCC-Position ist, dann sind wir tot!“ (profil 30/2013).

Dass Alpine nicht schon damals verschied, war unter anderem einer Transaktion zu verdanken, die kurz darauf über die Bühne ging. Unmittelbar vor dem Bilanzstichtag 30. Juni 2012 „verkaufte“ die Alpine bestehende Forderungen gegenüber Dritten um 100 Millionen Euro an ein Unternehmen innerhalb der FCC-Familie. Am 9. Juli 2012 wurde das Geschäft rückabgewickelt. Dies sorgte – zusammen mit anderen „Maßnahmen“ – dafür, dass die Nettoverschuldung der Alpine jedenfalls am 30. Juni 2012 bei nur 550 Millionen Euro lag. Nur einen Monat später waren es bereits wieder 824 Millionen Euro. Ähnlich war man bereits in den Jahren 2010 und 2011 vorgegangen.

"Bilanzbild drastisch verfälscht"

„Die tatsächliche Liquiditäts- und Finanzierungssituation des Alpine-Konzerns wurde durch diese Maßnahmen massiv besser dargestellt, als sie tatsächlich war“ , schreibt Masseverwalter Engelhart. „Durch dieses Maßnahmenbündel wurde das Bilanzbild zu den jeweiligen Stichtagen drastisch verfälscht … All dies erfolgte mit dem Ziel, den sonst sichtbar werdenden Verstoß gegen die in den wichtigsten Kreditverträgen der Alpine Bau vereinbarten Covenants zu verschleiern.“ Engelhart stützt sich auf Erhebungen des Beratungsunternehmens BDO. Diese zeigen, dass die Verschuldung ab 2009 zu den jeweiligen Stichtagen teils auffallend stark sank, um gleich anschließend wieder zu steigen.

Das bilanzielle „window dressing“ in Konzernverbünden ist durchaus keine Seltenheit und fällt rechtlich in eine Grauzone. Im Fall Alpine könnte der Bogen jedoch deutlich überspannt worden sein. Immerhin wurden die manifesten Liquiditätsprobleme damit kaschiert – und Anleger auf Grundlage von irreführenden Kennzahlen zum Kauf von Anleihen bewogen. Im Prospekt zur Anleiheemission 2012–2017 etwa wurde die Nettoverschuldung zum 31. Dezember 2011 mit gerade einmal 277 Millionen Euro beziffert. In Wahrheit dürfte sie zu diesem Zeitpunkt bereits bei fast 700 Millionen Euro gelegen haben.

Was wusste der Aufsichtsrat? Im Kontrollgremium der Alpine Holding saßen mit wenigen Ausnahmen nur Vertreter der spanischen FCC, die um die Verfasstheit des österreichischen Teilkonzerns wissen mussten. Eine der Ausnahmen war SPÖ-Altkanzler Alfred Gusenbauer, der dem Alpine-Aufsichtsrat zwischen August 2009 und Mai 2010 angehörte, ehe er sich zum Mitbewerber Strabag verabschiedete. Gusenbauer wollte sich dazu gegenüber profil nie äußern. Er fühlte sich bereits 2013 durch die profil-Anfrage „belästigt“. Eine andere Ausnahme war die ÖVP-Außenministerin und EU-Kommissarin a. D. Benita Ferrero-Waldner, die im März 2011 in den Aufsichtsrat einrückte und dort bis kurz vor der Pleite saß. Auch sie verspürte bisher nicht das Verlangen, sich zu erklären.

Masseverwalter klagten Deloitte

Was wussten die Abschlussprüfer von Deloitte, welche die Alpine-Jahresabschlüsse stets mit uneingeschränkten Bestätigungsvermerken versehen hatten? Auch diese Frage wird demnächst vor dem Handelsgericht Wien zu klären sein. Die Masseverwalter Karl Engelhart (Alpine Holding) und Stephan Riel (Alpine Bau) haben Deloitte wegen vermuteter Versäumnisse bei den Abschlussprüfungen auf 68 Millionen, respektive 25 Millionen Euro geklagt. Seitens Deloitte wird jedwede Verfehlung in Abrede gestellt. „Wir weisen die Vorwürfe auf das Schärfste zurück“, so Deloitte-Partner Harald Breit.

Und die Banken? Es deutet einiges darauf hin, dass die Kreditgeber spätestens ab 2009 wussten, was bei Alpine wirklich los war. Zwischen 2009 und 2010 liehen sie dem Unternehmen zwar noch einmal 360 Millionen Euro, für die Hälfte des Betrags musste der Staat jedoch Haftungen aus dem sogenannten ULSG-Programm übernehmen. Mit dem Konkurs wurden diese Staatsgarantien schlagend. Doch die Republik weigert sich jetzt, diese auszuzahlen. Eben mit Hinweis darauf, dass die Banken mehr wussten, als sie zugeben. Der Fall liegt mittlerweile ebenfalls vor dem Handelsgericht Wien.

Tatsache ist, dass die Alpine-Hauptgläubiger Erste, Bank Austria, Bawag und Raiffeisen ab 2010 den Verkauf von Alpine-Anleihen an Privatanleger forcierten. Tatsache ist auch, dass Alpine die Einnahmen daraus zur Tilgung bestehender Bankschulden (auf dem Höhepunkt fast 700 Millionen Euro) verwendete. Im Fachjargon nennt man das „Risikotransfer“: weg von den Banken, hin zu den Anlegern. Auch hier sind bereits erste Klagen verprellter Investoren anhängig.

Die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft führt ihrerseits Ermittlungen gegen eine Reihe ehemaliger Alpine-Repräsentanten unter anderem wegen des Verdachts der Bilanzfälschung und des Betrugs.

Fortsetzung folgt.