Warum die SPÖ ihre Beteiligung an der Echo-Gruppe verkaufte

Christian Pöttler - Warum die SPÖ ihre Beteiligung an der Echo-Gruppe verkaufte

Die Wiener SPÖ zieht sich mit dem Verkauf ihrer mächtigen echo-Gruppe aus dem Mediengeschäft zurück. Zumindest ein bisschen.

In gewisser Weise sollte der Titel der Veranstaltung programmatisch für seinen weiteren Lebensweg sein. Aber das konnte Christian Pöttler damals natürlich nicht ahnen. Im November 1993 bat die (später verblichene) SPÖ-Denkfabrik "Zukunfts- und Kulturwerkstätte“ zu einer Podiumsdiskussion, moderiert von Pöttler. Gemeinsam mit Fachleuten aus der Werbung versuchte sich der aufstrebende Journalist in den Diensten des SPÖ-eigenen Wiener VWZ Verlags an der Beantwortung einer Frage: "Fünfte Gewalt Werbung - Vom geheimen Verführer zur heimlichen Macht?“

Ginge es darum, Pöttlers weitere Karriere in Schlagworten zu verdichten - es käme in etwa das dabei heraus: Werbung. Macht. Heimlichtuerei - und obenauf eine Prise Verführung.

Vor wenigen Wochen ging in Wien ein Geschäft über die Bühne, das jenseits der Medienbranche eher wenig Nachhall hatte: Zum Jahreswechsel trennte sich die Wiener SPÖ überfallsartig von einer ihrer interessantesten Beteiligungen, der echo medienhaus GmbH. 250 Mitarbeiter, 24 Millionen Euro Jahresumsatz und ein Bauchladen einschlägiger Aktivitäten: Zeitungen, Magazine, Werbung, PR, Veranstaltungen.

Auf der Käuferseite: ein eilig zusammengetrommeltes Konsortium um den langjährigen echo-Geschäftsführer Christian Pöttler selbst: Der heute 54-jährige Steirer übernahm 40 Prozent, sein väterlicher Freund Anton Feistl (Gründer des Postwurfzustellers feibra) und dessen Sohn weitere 40 Prozent, der Wiener Steuerberater Hermann Gugler die verbleibenden 20 Prozent.

Bis dahin hatte das Medienhaus über eine Zwischenholding dem "Verband der Wiener Arbeiterheime“ (VWA) gehört, der wiederum seit Jahrzehnten das wirtschaftliche Fundament der Wiener SPÖ bildet. Eine Melange aus Bauträgern, Immobilien, Finanzbeteiligungen und eben auch Medien. 2010 nannte profil den VWA nicht ohne Grund "die mächtigste politische Unternehmensholding Österreichs“ (Nr. 35/10). Geführt wird der VWA seit 1995 von einem gewissen Helmut Laska, Ehemann der langjährigen Wiener Vizebürgermeisterin Grete.

In diesem Kontext ist der nun erfolgte - formelle - Rückzug aus dem Mediengeschäft zu sehen. Also das, was Wiens SPÖ-Landesparteisekretär Christian Deutsch eine "gelungene Privatisierung“ nennt: "Dieser Schritt war kein leichter. Aber er ist aus der Verantwortung für das Unternehmen und dessen Mitarbeiter notwendig und unausweichlich geworden.“

Notwendig deshalb, da das neue Parteiengesetz für die Sozialdemokraten höchst unangenehme Folgen gezeitigt hätte. Sie hätten gegenüber dem Rechnungshof fürderhin nicht nur die echo-Beteiligung an sich offenlegen müssen - sondern vor allem die vielfältigen Geschäftsbeziehungen des Medienhauses mit der Stadt Wien und deren Ablegern. Und das wäre der Transparenz dann doch ein wenig zu viel gewesen.

Unausweichlich deshalb, da genau diese engen Verflechtungen längst auch zu einem existenziellen Problem des Medienhauses geworden waren. "Mit der ursprünglichen Eigentümerstruktur hätten wir nicht weitermachen können“, sagt Pöttler.

Ein Rückblick: Ab Mitte der 1990er-Jahre - verdeckte Parteienfinanzierung galt damals als Fremdwort - war rund um den verstaubten SPÖ-eigenen VWZ Zeitungsverlag ein stetig wachsender, integrierter Kommunikationskonzern entstanden, dessen Geschäftsmodell darauf ausgerichtet war, den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt die Segnungen der SPÖ-Kommunalpolitik näherzubringen. Über journalistische Formate. Via Werbung. Mittels Veranstaltungen.

Rot und Spiele, quasi.
Da wäre einmal das von echo herausgegebene "Wiener Bezirksblatt“, das 26-mal im Jahr kostenlos an alle Wiener Haushalte verteilt wird. Laut jüngster Mediaanalyse kam die Publikation zuletzt auf 467.000 Leser oder stattliche 31,5 Prozent lokale Reichweite; das in öffentlichen Beförderungsmitteln des Verkehrsverbunds Ostregion aufliegende "VORmagazin“ (monatlich 160.000 Leser in Wien, elf Prozent Reichweite); das Seniorenmagazin "Unsere Generation“ (elf Ausgaben im Jahr, Druckauflage: 254.000 Stück) sowie das Eventmagazin "wien-live“ (zehn Ausgaben, Druckauflage 40.000 Stück). Daneben betreibt echo einen Buchverlag, eine Werbe- und PR-Schiene und organisiert Events aller Art ("Eine Stadt. Ein Buch“, "Kriminacht“, "Polizisten des Jahres“, "Vienna Night Run“). Stets im Zentrum der Inszenierung: Wiens Bürgermeister Michael Häupl, die Genossen Stadträte und die Bezirksvertreter.

Da in Wien die Grenzen zwischen den Interessen der SPÖ und jenen der Stadt traditionell verschwimmen (in Zeiten des Wahlkampfs zumal), darf es nicht überraschen, dass aufseiten der wichtigsten echo-Financiers die üblichen Verdächtigen zu finden waren und sind: das Magistrat der Stadt Wien, die Wiener Stadtwerke (Wien Energie, Wiener Linien), die Wien Holding (Vereinigte Bühnen Wien, Wiener Hafen, Wiener Messe, Stadthalle) sowie Wiener Wohnen.

Schleier gehoben
Das Ausmaß der öffentlichen Zuwendungen an echo galt stets als wohlgehütetes Geheimnis, erst das neue Medientransparenzgesetz hat den Schleier etwas gehoben. Nach Recherchen des "Standard“ schalteten die Stadt Wien und die ihr nahestehenden Unternehmen zwischen dem dritten Quartal 2012 und dem dritten Quartal 2013 Inserate im Gegenwert von 2,8 Millionen Euro in allen echo-Medien. Die von der SPÖ selbst bezahlten Inserate und Aufträge an die echo-Werbeagentur sind hier noch gar nicht erfasst (woraus die Partei weiterhin ein Geheimnis macht). Weitere 1,6 Millionen Euro kamen von Ministerien und anderen öffentlichen Rechtsträgern, insgesamt also 4,4 Millionen Euro Steuergeld. Die Verlagsgruppe war damit nach "Kronen Zeitung“, "heute“ und "Österreich“ einer der dankbarsten Abnehmer öffentlicher Mittel.

Apropos: Auf der einen Seite stehen all diese Medienhäuser im Wettbewerb zueinander, auf der anderen Seite ergeben sich teils erstaunliche (auch private) Konstellationen. Die "Kronen Zeitung“ gehört zu jeweils 50 Prozent der deutschen Funke-Gruppe (vormals WAZ) und der Familie Dichand. Die angeheiratete Eva Dichand, Gattin von Christoph Dichand, kontrolliert über ein Stiftungskonstrukt die Mehrheit an "heute“. Die Mediaprint, gemeinsame Verlags- und Vertriebsgesellschaft von "Krone“ und "Kurier“, ist seit November 2011 zu 24,9 Prozent an der echo-Tochter Wiener Bezirksblatt GmbH beteiligt. Und im September 2013 ehelichte Christian Pöttler Ursula "Uschi“ Fellner, Ex-Frau von "Österreich“-Gründer Wolfgang Fellner.

Werbemillionen
Zurück zu den Konkurrenzverhältnissen: Die vom echo Medienhaus beanspruchten öffentlichen Werbemillionen sind zwar kein Bettel, reichen aber nicht annähernd aus, um eine Medienorgel dieser Dimension zu bespielen - weshalb die Gruppe auch auf Einnahmen aus der Privatwirtschaft angewiesen war und ist. Und genau das sorgte zuletzt für eine immer steilere Schieflage.

Debatte über Parteienfinanzierung
Bis 2010 hatte die echo Medienhaus GmbH Jahr für Jahr Gewinne in einer Größenordnung von 200.000 und 300.000 Euro ausgewiesen (ausgehend vom Einzelabschluss der Gesellschaft, konsolidierte Jahreszahlen wurden bisher nicht veröffentlicht). Das Auffliegen des Telekom-Skandals löste eine breite Debatte über Parteienfinanzierung aus und brachte auch echo in die Ziehung. So beteuerte etwa der Lobbyist Peter Hochegger, er habe der SPÖ 2011 via echo eine Partei-spende in der Höhe von 20.000 Euro aus dem Telekom-Topf zukommen lassen. Plötzlich mussten sich die Genossen die Frage gefallen lassen, ob und in welchem Ausmaß hier Werbegelder willfähriger Sponsoren in Richtung Parteikassen umgeleitet wurden. Die Staatsanwaltschaft Wien begann sich für die Gebarung des Medienhauses zu interessieren, ebenso die Finanz (profil berichtete). Wiewohl der Beweis verdeckter Zuflüsse bis heute nicht zweifelsfrei erbracht werden konnte, wurde das Medienhaus den Stallgeruch nicht mehr los. "Kaum ein Unternehmen findet den Gedanken lustig, mittels Schaltungen in echo-Medien die SPÖ querzufinanzieren“, so Pöttler. "Ich habe definitiv nie Geld an die Partei weitergeleitet. Aber wegen dieser Gerüchte hatten wir große Probleme auf dem Markt.“

2011 fiel der echo-Gewinn - auch unter dem Eindruck insgesamt schwächelnder Werbeerlöse - auf 43.000 Euro, 2012 waren es dann bereits 644.000 Euro Verlust. Auf konsolidierter Basis, also unter Berücksichtigung der Ergebnisse von damals insgesamt 14 Beteiligungen, soll der Abgang sogar zwei Millionen Euro betragen haben - bei einem Umsatz von 24 Millionen Euro.

„Katastrophenjahr 2012”
2013 dürfte operativ marginal besser gelaufen sein. Auch deshalb, weil das Unternehmen unrentable Zweige abstieß (Internet-TV, Teile des Eventgeschäfts sowie den erfolglosen Berlin-Ableger) und den Mitarbeiterstand empfindlich reduzierte. "Es lag auf der Hand, dass wir noch so ein Katastrophenjahr wie 2012 nicht überleben würden“, resümiert Pöttler. So gesehen sei auch die Ende 2013 erfolgte Restrukturierung auf Eigentümerebene nur eine "logische Konsequenz“ gewesen. Wie viel Pöttler und Partner dafür auf den Tisch legten, ist nicht bekannt. Alle Beteiligten haben sich zu bedingungslosem Stillschweigen verpflichtet. Der guten Ordnung halber sei festgehalten, dass echo letztmals vor mehr als zehn Jahren Gewinne an die frühere Muttergesellschaft A.W.H. abgeführt hatte.

Die SPÖ ist also raus aus dem Mediengeschäft. Aber ist sie das wirklich? Schon die Konstellation der neuen echo-Eigentümer wirft Fragen auf. Die echo Medienhaus GmbH gehört nunmehr zu 100 Prozent der neugegründeten FFPG Beteiligungs GmbH, an welcher Pöttler besagte 40 Prozent hält, Anton Feistl und Sohn noch einmal 40 Prozent, Steuerberater Gugler 20 Prozent. Wie Kommerzialrat Feistl (der eher dem schwarzen Lager zuzurechnen ist) mit dem Geschäft in Berührung kam? "Das war eine kurzfristige Entscheidung. Ich kenne und vertraue Christian seit Jahren. Als er an mich herangetreten ist, habe ich keine Sekunde gezögert“, sagt er. "Viele meinen, ich sei verrückt, dass ich mir das mit 72 Jahren noch einmal antue. Aber das Geschäft interessiert mich nun einmal.“ Dass das Medienhaus schon wirtschaftlich bessere Zeiten erlebt hat, scheint ihn dabei nicht weiter zu beschäftigen. "Ich habe mir die Bilanzen gar nicht erst angeschaut. Mein Blick ist stets in die Zukunft gerichtet.“

Freunde wie Anton Feistl müsste man haben.

Das gilt so wohl auch für Hermann Gugler, der über Jahre nicht nur der Haus- und-Hof-Steuerberater von echo war. Er unterhält beste Kontakte zum Rathaus im Allgemeinen, zur Wiener SPÖ im Besonderen. So ist er unter anderem Aufsichtsratsvorsitzender des SPÖ-nahen Wiener Bauträgers Sozialbau. Guglers Stellvertreter ebenda: Landesparteisekretär Christian Deutsch. "Hermann Gugler hat sich in eigenem Namen und auf eigene Rechnung beteiligt“, versichert Deutsch. "Er ist definitiv kein Treuhänder oder Strohmann für die SPÖ.“ Gugler selbst war für profil nicht zu erreichen.

Gute Verbindungen
So oder so: Völlig abreißen werden die guten Verbindungen zum roten Lager auch in Zukunft nicht. Und das liegt nicht nur daran, dass auch Pöttler (den das Branchenmagazin "extradienst“ einst als "Roten Tycoon“ titulierte) sich zur Sozialdemokratie bekennt. Noch im Herbst vergangenen Jahres installierten die damaligen Eigentümer an seiner Seite einen zweiten Geschäftsführer, der auch weiterhin beschäftigt bleibt: Alois Aschauer, ehedem stellvertretender Landesparteisekretär der - erraten - Wiener SPÖ. Und dass mit Thomas Landgraf der frühere Sprecher von Werner Faymann (als dieser noch Infrastrukturminister war) nach wie vor bei echo zugange ist - er war bis vor Kurzem Chefredakteur des "Bezirksblattes“ und leitet nunmehr das "VORmagazin“ - wird den Interessen der Genossen auch nicht eben abträglich sein. Oder wie es der neue echo-Eigentümer Anton Feistl formuliert: "Die Stadt Wien wird auch weiterhin unser Kunde sein. Wir stehen aber auch jedem anderen offen.“ Wirklich jedem? Pöttler schränkt ein: "Von der FPÖ werde ich auch in Zukunft keinen Cent annehmen.“