Die Zinsen sind quasi abgeschafft worden. Alles paradiesisch also?

Die Zinsen sind quasi abgeschafft worden. Alles paradiesisch also?

Zinsen sind in den westlichen Industrienationen weitgehend abgeschafft worden. Religionsführer und Utopisten hatten das immer schon gefordert. Alles paradiesisch also?

Gottfried Haber, vor Kurzem noch als heißer Kandidat für den Posten des Finanzministers gehandelt, ist ganz froh, bei der Besetzung leer ausgegangen zu sein: "Als Ökonom kann ich meine Meinung zu Ereignissen frei äußern, ohne dass dies sofort Auswirkungen auf den Finanzmarkt oder gar auf gesamte Volkswirtschaften hat. Als Finanzminister, wenn auch eines kleinen Landes, muss man da bedeutend vorsichtiger sein.“

Das Ereignis, welches Haber, Professor für Wirtschafts- und Finanzpolitik an der Donau Universität Krems, anspricht, wird von Kommentatoren einhellig als "historisch“ eingestuft. Entsprechenden Widerhall fand es in der Berichterstattung. Auf sämtlichen Nachrichtentickern quer über den Kontinent war am 4. September kurz vor 14 Uhr dieselbe "Eilt“-Meldung zu lesen: "EZB senkt Leitzins unerwartet auf 0,05 Prozent.“

Die Europäische Zentralbank reagierte damit auf die konstant schwächelnde Konjunktur in der Eurozone. Doch einen solchen Wiederbelebungsversuch hatte kaum jemand auf dem Therapieplan gehabt. Erst im Juni hatte die EZB den Leitzins auf das Rekordtief von 0,15 Prozent gesenkt - tiefer geht es nicht mehr, dachte die Finanzwelt. Die Zentralbank bewies das Gegenteil.

Die westlichen Industrienationen haben damit den Zins nun weitgehend abgeschafft.

Beliebt war er ohnehin nie. Aristoteles nannte ihn "wider die Natur“, Luther "das größte Unglück der deutschen Nation“. Von Moses über Christus bis hin zu Mohammed: Die Zinsnahme wurde von fast allen religiösen Führern mehr oder weniger strikt abgelehnt. Und Utopisten jeglicher Couleur gilt eine Welt ohne Zinsen seit Jahrhunderten als eine Art ökonomischer Garten Eden.

Demnach dürften bald paradiesische Zustände ausbrechen.

So weit geht das Wunschdenken der Zentralbanker zwar nicht - dafür ist EZB-Chef Mario Draghi zu sehr Realist. Doch die Zinssenkung und die gleichzeitige Erhöhung des Strafzinses für Banken (auf 0,2 Prozent), die Geld lieber bei der Notenbank parken, statt es an Unternehmen und Private zu verleihen, folgt einem simplen Kalkül: Auf niedrige Zinsen folgen billigere Kredite. Diese sollen bei den Unternehmen die Investitions-, bei den Bürgern die Konsumlust wecken. Mehr Investitionen und mehr Konsum bedeuten ein höheres Wirtschaftswachstum. Und wird das Wachstum angeschoben, erledigt sich die andere große Sorge der EZB - die zu niedrige Inflation - quasi von selbst.

Ganz einfach. Eigentlich.

Haber hat da jedoch so seine Zweifel: "Die realwirtschaftlichen Auswirkungen der Zinssenkung sind bescheiden. Die EZB zeigt damit nur, dass sie kein Potenzial mehr hat.“ Wie Haber zweifeln die meisten Ökonomen an der Sinnhaftigkeit der EZB-Entscheidung. Wirtschaftsforscher Stephan Schulmeister erklärt: "Wir befinden uns in einer schweren Wirtschaftskrise. Und in Zeiten der Depression ist das Instrument der Geldpolitik stumpf.“

Denn niedrige Zinsen ändern nichts am grundsätzlichen Problem. Auch die vorangegangenen Zinssenkungen sind nahezu ohne Wirkung auf die Konjunktur verpufft. Die Banken bleiben auf dem Geld sitzen, das ihnen die EZB zu Sonderkonditionen zuschiebt. Denn nach sieben Jahre Krise haben Unternehmen weniger Lust denn je, sich zu verschulden und ins Risiko zu gehen. Die Sorge ist groß, dass sich die Lage weiter verschlechtern könnte. Gleiches gilt für die Konsumenten: Wer um seinen Arbeitsplatz fürchtet, hält sein Geld lieber zusammen, als es mit beiden Händen auszugeben.

Das belegen auch die im Sommer veröffentlichten Zahlen der EZB zur Kreditvergabe. Die Nachfrage ist vor allem durch Hypothekarkredite getrieben. Finanziert werden also Eigentumswohnungen, aber kaum Investitionen, welche die Wirtschaft voranbringen. Wenn Unternehmen neue Kredite aufnehmen, dann zum Umschulden oder Restrukturieren.

Dass eine extreme Niedrigzinspolitik nicht dazu geeignet ist, eine lahmende Wirtschaft wieder auf die Beine zu bringen, zeigt das Beispiel Japan. Die japanische Notenbank ging schon Ende der 1990er-Jahre dazu über, Geld praktisch gratis an die Kreditinstitute zu verleihen, ohne dass die viertgrößte Ökonomie der Welt zu ihrer alten Stärke zurückgefunden hätte. Stattdessen sind die Staatsschulden immer weiter gewachsen, zuletzt auf rund 230 Prozent der Wirtschaftsleistung. Dazu kommt: Hat der Finanzsektor sich einmal daran gewöhnt, Geld zum Nullzins aufzunehmen, kann er nicht mehr ohne dieses Doping auskommen. Immer wenn die Bank of Japan versucht, das Geld zu verteuern, kippt die Konjunktur weg.

Richtig hart sind die Zeiten für Sparer. Nach der jüngsten Zinssenkung tönten österreichische wie deutsche Boulevardmedien, die EZB enteigne die Sparer. Abgesehen davon, dass es kein Recht auf einen positiven Realzins gibt, gehört es nicht zum Mandat der Zentralbank, die Verzinsung von Sparbüchern zu garantieren. Zudem können die Zinsen eines Sparbuchs die Inflation schon lange nicht mehr wettmachen. Die aktuelle Rücknahme des Leitzinses um einen Zehntel-Prozentpunkt macht das Kraut nun auch nicht mehr fett. "Dem Durchschnittsösterreicher kann die Höhe der Zinsen egal sein. Zu seinem Einkommen tragen sie ohnehin nicht bei“, erklärt Bank-Austria-Chefökonom Stefan Bruckbauer. Außerdem: Dass das Geld auf der Bank von der Inflation aufgezehrt wird, ist nicht ungewöhnlich: "Bei kurzfristigen Veranlagungen war der Realzins in den vergangenen 50 Jahren deutlich öfter negativ als positiv“, so Bruckbauer.

Die Annahme, dass Sparer bei sinkenden Realzinsen ihr Geld lieber ausgeben, als es zu horten, bewahrheitet sich indes auch nicht. "Die Leute wollen einen Sicherheitspolster, auch wenn der langsam dahinschmilzt. Sie kompensieren das durch noch mehr Sparen“, sagt Schulmeister. Das wird auch durch aktuelle Daten der Oesterreichischen Nationalbank untermauert: Trotz kontinuierlich sinkender Zinsen hat sich das Einlagevolumen privater Haushalte im Jahresvergleich zuletzt um über zwei Prozent erhöht.

Die niedrigen Zinsen schaden auch den Lebensversicherungen und Pensionskassen. Schon haben manche Anbieter Mühe, die in alten Polizzen festgeschriebenen Garantieverpflichtungen zu erwirtschaften. Sie investieren ihre Kundengelder vor allem in lang laufende Staatsanleihen, die als Folge der EZB-Politik kaum noch etwas abwerfen. Gleichzeitig müssen sie üppige Garantiezahlungen stemmen, die sie ihren Kunden in besseren Zeiten versprochen haben. Robert Lasshofer, Generaldirektor der Wiener Städtischen, schwächt - zumindest für sein Haus - ab: "Das niedrige Zinsumfeld stellt eine Herausforderung für alle dar. Wir sind in der glücklichen Lage, über festverzinsliche Wertpapiere und andere Vermögenswerte zu verfügen, die schon länger im Deckungsstock sind und dadurch höhere Zinsen abwerfen. Daher können wir unseren Kunden in der Lebensversicherung nach wie vor eine Gesamtverzinsung von 3,25 Prozent der Sparprämie bieten.“

Doch mit ihren ständigen Zinssenkungen hat die Notenbank eine Lawine ausgelöst, die ihre Opfer erst in einigen Jahren und Jahrzehnten erwischen wird. Schon jetzt erleben Anleger, dass die Auszahlungsprognosen ihrer Versicherungen kontinuierlich nach unten revidiert werden.

Ein paar Punkte kann EZB-Chef Draghi jedoch auch auf der Haben-Seite verbuchen. Wie gewünscht, ist der Euro gegenüber dem Dollar sofort gesunken. Das hilft der Exportwirtschaft, weil sie ihre Produkte auf den Weltmärkten besser verkaufen kann.

Zudem können sich Europas Staaten derzeit so billig verschulden wie noch nie. Laut Experten-Schätzungen hat sich Österreich seit Ausbruch der Finanzkrise jährlich rund eine Milliarde Euro durch die Minizinsen erspart. Selbst Staaten wie Griechenland oder Portugal, vor Kurzem noch in akuter Pleitegefahr, können ihre Staatsanleihen zu rekordniedrigen Zinsen platzieren. Davon profitieren wiederum die Steuerzahler.

Beflügelt wurden auch die Börsen, die meisten europäischen Indizes legten deutlich zu. Schulmeister beobachtet das mit Argwohn: "Das ist eine perverse Entwicklung: Die europäische Wirtschaft ist seit Jahren im Stillstand, aber die Aktienmärkte boomen. Das kann noch ein paar Jahre so weitergehen, aber irgendwann wird diese Blase platzen.“