Helmut Elsner
Nachruf

Helmut Elsner (1935-2022): zum Tod des streitbaren Bankers

Helmut Elsner kämpfte jahrelang vergeblich gegen ein System, das ihn zum Alleinverantwortlichen des Bawag-Skandals stilisieren wollte. Ein Nachruf.

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Helmut Elsner hat bis zuletzt gekämpft - gegen die körperlichen Folgen des Alterns, verschärft durch eine mehrjährige Gefängnishaft, von der er sich nie mehr wirklich erholen sollte. Er kämpfte aber auch für eine Gerechtigkeit, die ihm hartnäckig verwehrt blieb. Helmut Elsner ist dieser Tage in seinem Exil im deutschen Bad Reichenhall im Alter von 86 Jahren gestorben.

Wir hatten in den vergangenen Jahren immer wieder Kontakt, telefonierten regelmäßig, entboten einander Weihnachtsgrüße. Wenn er in Wien weilte (was nicht allzu oft der Fall war, er fühlte sich hier nicht mehr daheim),gingen wir auf einen Kaffee, 2008 hatte ich ihn in der Justizanstalt Wien-Josefstadt besucht, 2013 saßen wir in Bad Reichenhall beisammen (und sind doch all die Jahre über per Sie geblieben).

Viele unserer Gespräche kreisten um die einstmalige Gewerkschaftsbank Bawag, vormals Arbeiterbank, in welcher er sein gesamtes Berufsleben verbracht hatte, 1995 zum Generaldirektor aufgestiegen und 2003 in den Ruhestand getreten war; sie drehten sich auch um die SPÖ, die ihn im Bawag-Skandal zum "Bauernopfer" gemacht hatte (und mit der er längst gebrochen hatte); um den späteren Strafprozess, der ihm eine zehnjährige Haftstrafe wegen Untreue eingetragen hatte, wovon er viereinhalb Jahre auch tatsächlich absitzen musste (ehe er aus gesundheitlichen Gründen und viel zu spät entlassen wurde).Vor allem aber ging es um den Umgang der Justiz mit Wolfgang Flöttl, den Elsner bis zuletzt bezichtigte, zumindest einen Teil des Ende der 1990er-Jahre verschwundenen Bawag-Vermögens abgezweigt zu haben. Wofür sich aber außer ihm und mir kaum noch jemand interessierte.

Wir redeten Stunden über seinen Fall, aber nicht nur. In jüngerer Vergangenheit rief er mich immer wieder einmal an, um sich zu beschweren. Über die Migrationspolitik der Bundesregierung, Impfgegner und Corona-Leugner, Kickls FPÖ, die ÖVP-Korruptionsaffäre oder peinliche Politiker-Auftritte in der ORF-"ZIB 2". Er hatte den Achtziger längst hinter sich gelassen, war körperlich in zunehmend schlechter Verfassung, aber der Verstand war wach und scharf geblieben.

Dass er einer breiteren Öffentlichkeit als golfender Nadelstreif-Sozi mit Penthouse und Villa in Erinnerung geblieben war, war ihm durchaus bewusst (er las Foren-Beiträge, auch über ihn, mit der Verachtung anonymer Dritter konnte er nicht gut umgehen, aber wer kann das schon). Sein Selbstbild war wenig überraschend ein anderes, geprägt übrigens von einer klar antifaschistischen Haltung. Gewiss, er hatte sich im Laufe der Jahre nicht nur Freunde gemacht. In der Bank selbst und darüber hinaus. Aber Beliebtheitswerte sind nun einmal keine strafrechtliche Kategorie.

Helmut Elsner hatte auch Jahre nach seinem Urteil einen ebenso engagierten wie zunehmend verzweifelten Kampf gegen ein System geführt, das ihn zum Alleinverantwortlichen des "Karibik"-Debakels stilisieren wollte. "Es kostet mich viel Kraft, hält mich aber auch irgendwie am Leben", sagte er bei einem unserer letzten Telefonate.

Die Bawag-Prozesse I und II waren, profil hat das in der Vergangenheit immer wieder thematisiert, eine Farce. Die Aneinanderreihung der Merkwürdigkeiten (beginnend mit Flöttls folgenlosem Teilgeständnis im ersten Prozess) würde den Rahmen dieses Textes überdehnen. Oder um es mit den Worten eines gewissen Christian Pilnacek auszudrücken, einstmals angesehener Sektionschef im Justizministerium: "Rückblickend gesehen wurde die ganze Geschichte falsch verfolgt, das ist nicht gerade erfreulich." (profil Nr. 46/17)

Noch 2015 hatte Elsner die Wiederaufnahme seines Verfahrens angestrebt, da ging es ihm körperlich bereits sehr schlecht. Er wollte beweisen, dass er nicht nur keinen Schädigungsvorsatz hatte, vielmehr Flöttls Version vor Gericht nicht stimmen konnte. Es war irgendwie absurd. Da saß ein bereits 80-Jähriger in seiner Wohnung in Bad Reichenhall (weit weg vom früheren Wiener Penthouse-Prunk) und machte die Arbeit, die einst weder die Staatsanwaltschaft noch das Gericht hatten machen wollen. Er stellte auf eigene Faust Recherchen an, stellte Antrag um Antrag und legte Beweismittel vor, die im Erstverfahren unter dem Vorsitz von Claudia Bandion-Ortner entweder nicht beachtet wurden oder erst gar nicht vorlagen.

Es half nichts, 2018 wurde die Wiederaufnahme vom Oberlandesgericht Wien endgültig verworfen. Causa finita, wenn auch nicht für ihn. Elsner schrieb unverdrossen weiter Anträge und Briefe, die wahrscheinlich niemand mehr las. "Die warten auf meinen Tod", sagte er mir anlässlich eines Interviews 2017. Es klang zynischer, als es gemeint war.

 

 

Michael   Nikbakhsh

Michael Nikbakhsh

ist stellvertretender Chefredakteur, Leiter des Wirtschaftsressorts und Mitglied beim International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ)