Salzburg: Das Spiel vom Sterben des reichen Landes

Salzburg: Das Spiel vom Sterben des reichen Landes

Schlappen, Skandale, Schulden: Das einst stolze Salzburg spielt nur mehr auf der Provinzbühne. Bankrotterklärungsversuche in drei Akten von Gernot Bauer und Eva Linsinger.

1. Salzburg ist das neue Kärnten

Früher war es noch schlimmer. Im Jahr 1918 flog auf, dass der Präsidialchef der Salzburger Landesregierung, Dr. jur. Eduard Rambousek, ein gebürtiger Böhme, sieben Millionen Kronen unterschlagen und auf einem als „Invalidenfonds“ getarnten Konto geparkt hatte. Ermöglicht hatten den Korruptionsfall kriminelle Energie und Machtfülle des mächtigsten Beamten des Landes. Neben dem Präsidialamt leitete Rambousek das Militärreferat, die Flüchtlingsfürsorge, die Rechnungs- und die Ernährungsabteilung. Der damalige Landeshauptmann Felix von Schmitt-Gasteiger stattete Rambousek sogar mit Blanko-Unterschriften aus. Hernach gab er sich zerknirscht und beteuerte, von den Machenschaften seines Präsidialchefs nichts geahnt zu haben. Der Defraudant selbst wurde Anfang November 1918 in Wien arretiert und beging kurz darauf in seiner Zelle Selbstmord.
Geschichte wiederholt sich, zuerst als Tragödie, dann als Farce.

Im Vergleich zur Affäre Rambousek wirkt der Salzburger Finanzskandal knapp 100 Jahre später nachgerade wie harmloses Marionettentheater. Niemand hat sich, zumindest nach bisherigen Erkenntnissen, persönlich bereichert, und das Verzocken von öffentlichen Geldern ist zwar unschön, aber nicht automatisch ein Verbrechen. 1918 erließen die Behörden nach gewalttätigen Demonstrationen der aufgebrachten Bevölkerung ein Versammlungsverbot und bewaffneten Bauern und Arbeiter, um Plünderungen in der Altstadt zu verhindern. Im Dezember 2012, nach dem Auffliegen des Finanzskandals, wurde nicht einmal ordentlich demonstriert. Und geplündert waren nur die diversen Wohnbau- und Versorgungsfonds sowie Depots, Konten und Portfolios, über die das Spekulationssystem des Landes zehn Jahre lang gelaufen war.

Doch die Folgen sind diesmal viel gravierender. Vor dem Auffliegen der Affäre war Salzburg stets eines der reichsten Bundesländer. Mit Oberösterreich ritterte es seit Jahrzehnten um den Meistertitel der geringsten Arbeitslosigkeit, mit Wien um Platz eins bei Kaufkraft und Bruttoregionalprodukt pro Kopf, mit Tirol um die Goldmedaille im Tourismus. Man konnte diese Erfolgsgeschichte so beschreiben wie der Salzburger und frühe Wutbürger Thomas Bernhard: „Die Stadt ist von zwei Menschenkategorien bevölkert, von Geschäftemachern und ihren Opfern.“ Oder, nüchtern ökonomisch: als Gnade der Lage im Zentrum des europäischen Wohlstandsgürtels, der sich von München bis Mailand zieht.
Der Quell des Reichtums geht bis ins Mittelalter und den regen Handel mit Bayern und Italien zurück und wurde nie unterbrochen. An den Folgen der Deindustrialisierung litt Salzburg, anders als etwa die Steiermark oder Oberösterreich, nie – war es doch gar nicht erst industrialisiert worden. Der Abbau von Gold im Rauriser- und Gasteinertal wurde zwar vor Langem eingestellt, seit 1989 wird nicht einmal mehr das namensgebende Salz abgebaut. Wen kratzte das bei jährlich 24 Millionen Übernachtungen von Touristen, doppelt so vielen wie in Wien? Doch jetzt ist auch noch die Kohle weg. Das einstige Flaggschiff der Wirtschaftsdaten hat laut Rechnungshofbericht vier Milliarden Euro Schulden. Salzburg ist das neue Kärnten.

An diese Rolle müssen sich das Land, seine Bewohner und Salzburger im Wiener Exil erst einmal gewöhnen. Kärnten ist Beachvolleyball, Fête Blanche, Roy Black, Scheuch Bros., Villacher Fasching und neues Geld. Salzburg war Festspiele, alter Adel, Wolfgangsee, Kaprun. In Kärnten fahren die Porsches, in Salzburg wohnen sie.

Nicht jede Festspielaufführung von Hofmannsthals „Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ geriet zur Glanznummer. Doch das aktuelle Spiel vom Sterben des reichen Landes auf der Politbühne war nicht einmal ansatzweise großes Welttheater, sondern peinliche Provinzposse pur. Der einstige Publikumsliebling Gabi Burgstaller gab die verfolgte Unschuld, die verkniffene Zweitbesetzung Wilfried Haslauer jun. den Erbbauern, der sein Land zurück will; in Nebenrollen dilettierten der böse Bube Karl Schnell und Möchtegern-Mammon Monika Rathgeber. Und niemand kann bis heute sagen, wie viel Geld an wen verspekuliert wurde und wer von welchen Vollmachten wusste.

Ein derartiges Ausmaß an ökonomischem Nicht-Wissen passt eher zu Volksstücken à la „Der Bauer als Millionär“. Doch mit neuen Spielplänen wird sich Ex-Nettozahler Salzburg vertraut machen müssen.

2. Die politische Sonderrolle ist ausgespielt

„In Salzburg sind viele der auch in anderen Bundesländern beobachtbaren Konflikte früher, schärfer profiliert und folgenreicher zum Tragen gekommen als anderswo“, analysieren Salzburger Historiker im Prunkband „Die Ära Haslauer“ (gemeint ist selbstredend der Senior) Besonderheiten der Politlandschaft. In der Tat stimmt das Klischeebild vom erzkonservativen schwarzen Kernland nur bedingt: Eine absolute Mehrheit der ÖVP gab es, im Gegensatz zu echten Hochburgen der Volkspartei wie Tirol oder Niederösterreich, nur zwei Mal kurz, von 1945 bis 1949 und von 1984 bis 1989. In der Zeit davor und danach verhinderte die vor allem in den Gebirgsgauen ausgeprägte deutsch-nationale Tradition eine ÖVP-Dominanz und verhalf der FPÖ zu Wahlerfolgen, als sie im Rest Österreichs noch um den Einzug in die Landesparlamente zittern musste. Schon der FPÖ-Vorläufer VdU kam 1949 auf 19 Prozent, stets war die FPÖ in Salzburg doppelt so stark wie im Bundessschnitt und bei der Nationalratswahl 1999 überhaupt stärkste Partei. Selbst für die stramm-rechte Präsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz konnten sich 2010 im Lungau satte 37 Prozent erwärmen.

Gleichzeitig ist Salzburg die Wiege der Grünen, die schon 1977 mit dem schrulligen Schauspieler Herbert Fux das Stadtparlament eroberten. Eine Wahl später, 1982, kam mit dem blutjungen Versicherungsvertreter Johannes Voggenhuber der erste Grünpolitiker Europas in eine Regierung und ertrotzte Fußgängerzonen. So richtig ideologiefest waren viele Grüne der ersten Stunde, die sich im Kampf um die Erhaltung der Altstadt zur „Bürgerliste“ fanden, allerdings nicht: Manche wurden später Gemeinderäte der Autofahrer-Partei, andere entpuppten sich als deklarierte Rechte.
Warum hätten auch ausgerechnet die Grünen Ideologie hochhalten sollen? Klassenkampf mochte anderswo en vogue sein, in Salzburg war stets alles abgeschliffener, lieblicher, kupierter – selbst die Revolutionäre. Die Anführer bei den Bauernaufständen wurden von den Nachbarn importiert – wie später die Landeshauptleute Josef Klaus (Kärnten), Hans Lechner (Steiermark), Franz Schausberger (Oberösterreich) und Gabi Burgstaller (Oberösterreich). Selbst die regionale Sozialdemokratie entschied sich, im Gegensatz zu den Genossen in Wien oder Oberösterreich, schon nach dem Ersten Weltkrieg dezidiert gegen den Marxismus: Als Arbeiterräte in Mühlbach am Hochkönig im März 1919 einen Kupferbergbaubetrieb übernahmen, fuhr der Eisenbahner Karl Emminger, Führer der Arbeiterräte, flugs in den Pongau und erklärte die Übernahme für unzulässig. Während Kanzler Ignaz Seipel, der Prälat ohne Milde, in Wien die Sozialdemokratie bekämpfte, setzte der christlich-soziale Landeshauptmann Franz Rehrl demonstrativ auf Kooperation. Bald schon hieß es an den Stammtischen, Rehrl sei „wie Bauerng’selchtes, außen schwarz, innen rot“. Selbst die Revolution 1968 fand in Salzburg erst 1970 statt, dauerte nur eine Stunde und endete als Burleske: Studenten ließen bei einer Heeresparade ein eingeseiftes Ferkel frei, das sich schmierig lange dem Zugriff der Polizei entzog und vom Publikum „Jolande“ getauft wurde. Schließlich übergab die Exekutive das Schwein dem Landeshauptmann – der es bei einem Empfang von Landtagsabgeordneten verspeisen ließ.

Das legendäre „Salzburger Klima“, von Haslauer senior noch am Totenbett beschworen, stand in seinen besten Tagen für respektvolle Zusammenarbeit zwischen Rot und Schwarz, in seinen schlechteren für ungenierte Kungelei. An allen Tagen ließ es Konflikte gar nicht unter den Türen des Regierungssitzes Chiemseehof hervordringen. Nur in einer solchen Polittradition konnte eine Sozialdemokratin wie Burgstaller in ihrer Rolle als „Bauerntochter“ ländliche Wähler gewinnen und ein historischer Machtwechsel weitgehend reibungslos über die Bühne gehen. Die Proporzregierung war schon Ende der 1990er-Jahre, früher als anderswo, abgeschafft, Rot-Grün wäre 2004, Schwarz-Blau 2009 rechnerisch möglich gewesen, doch SPÖ und ÖVP regierten gemeinsam weiter, wie sie es immer getan hatten – bis zur Finanz-Katastrophe. Seither zelebrieren Burgstaller und Haslauer junior ihre gegenseitige Aversion derart offensiv, dass sich selbst Werner Faymann und Michael Spindelegger dagegen wie ein Traumpaar ausnehmen. Konfliktkultur will gelernt sein. Salzburg fängt erst damit an.

3. Stadt der verpassten Chancen

Es hätte ganz anders kommen können. Die US-Besatzer liebäugelten nach dem Zweiten Weltkrieg damit, Salzburg zur Bundeshauptstadt zu machen. Für die Salzburger jedenfalls blieb stets München die Hauptstadt, die „Gscheaden“ in Wien waren nicht nur räumlich doppelt so weit entfernt. Bayern, nur einen Bierkrügelwurf weit weg, bildete: Schließlich war man in Salzburg schon mit deutschen Fernsehprogrammen sozialisiert, als der Rest Österreichs lediglich FS 1 und FS 2 des ORF empfangen konnte. Im Gegensatz zu Bayern war Salzburg stets mehr Lederhose statt Laptop und kultivierte lustvoll seine Mischung aus Größenwahn und Minderwertigkeitskomplex. Unerschöpflicher Quell Salzburger Selbstbewusstseins ist seit jeher der Sport. Die besten Skifahrerinnen Österreichs stammen nun mal aus Lungau, Pinzgau, Pongau und Tennengau, darunter Annemarie Moser-Pröll, Petra Kronberger und Marlies Schild. Bei den Herren werden selbst Tiroler angesichts von Hermann Maier und Marcel Hirscher knieweich.

Fallen die Wiener im Skisport als natürliche Gegner aus, eignen sie sich umso besser als Feinddarsteller im Fußball. Als Austria Salzburg zwischen 1993 und 1997 drei Mal österreichischer Meister wurde und die arroganten Wiener Vereine Austria und Rapid demütigte, jubelte die Provinz – umso lauter, als Salzburg 1994 sogar ins Uefa-Cup-Finale stürmte. Mit dem Einstieg von Red Bull (2005, seither drei Meistertitel) fand sich Fußball-Salzburg plötzlich selbst in der Rolle der unsympathischen Großklubkicker.
Dennoch gilt an der Salzach der Grundsatz „Lieber Meister mit der Dose als ohne Dose tote Hose“. Überhaupt Red Bull: Wenn der dreifache Formel-1-Champion Sebastian Vettel sein erstes großes Interview wenige Tage nach dem Titelgewinn jeweils im firmeneigenen TV-Sender im firmeneigenen Hangar in Salzburg und nicht in London, Singapur oder Berlin gibt, kann sich das ganze Land wieder sicher sein: In unserer kleinen Welt hat die große locker Platz.

Von Karl Kraus stammt das böse Bonmot: „Wenn die Salzburger Salzburg gebaut hätten, wäre bestenfalls Linz daraus geworden.“ Glücklicherweise bauten seinerzeit die Italiener. Würden die Salzburger heute Hand anlegen, wäre nicht einmal mehr das Resultat Linz gewiss – hat sich doch die Konkurrenz wesentlich mehr angestrengt. Graz wurde Kulturhauptstadt, Pörtschach bekam den ersten EU-Gipfel Österreichs, Linz die Zusage für die Medizin-Universität. Salzburg blieb das Dasein als Museum für Mozart und Co. Wenn Johannes Voggenhuber heute rund um die Festung flaniert, seufzt er über die Stadt der verpassten Chancen: „Salzburg hat leider stets die Magie der Vergangenheit gereicht.“

Das reicht nicht mehr. Der Finanzskandal ist lediglich der jüngste einer Reihe von Kalamitäten: Mit einer „Mickey Mouse Bewerbung“ (so die späte Erkenntnis der Bewerbungsgesellschaft) scheiterte Salzburg schon in der ersten Runde als Kandidat für die Olympischen Spiele. Erst nach dem peinlichen Auftritt sickerten dubiose Darlehensflüsse und ein verworrenes System verschiedener Rechnungskreise an die Öffentlichkeit und in einen Untersuchungsausschuss. Ein verblüffend ähnliches Modell aus versteckten Konten auf den Namen „Anonymservices“ und blinden Kontrolleuren erschütterte vor drei Jahren die Osterfestspiele. Selbstredend hat nie ein verantwortlicher Politiker etwas von den Skandalen gewusst, gesehen oder geahnt. Nach dem Finanzskandal 1918, als das Vertrauen in Politik und Verwaltung erschüttert war, suchte die Salzburger Regierung ihr Heil in der Selbstaufgabe und ließ am 29. Mai 1921 über den Anschluss an Deutschland abstimmen. 99,3 Prozent der Salzburg wären damals dafür gewesen: ein beispielloses Misstrauensvotum gegen die lokalen Politiker – das jetzt, 92 Jahre später, seine Wiederholung fand.