Die Teak Holz International AG soll über Jahre fehlerhafte Bilanzen gelegt haben

Die Teak Holz International AG soll über Jahre fehlerhafte Bilanzen gelegt haben

Ein Unternehmen schafft sich ab: Die börsennotierte Teak Holz International AG soll über Jahre fehlerhafte Bilanzen gelegt haben und steht jetzt vor der Zerschlagung.

Sagen wir, Klaus Hennerbichler und Erwin Hörmann wollten einen Beitrag zur Rettung des Planeten leisten. Ehrenhaft. Sagen wir, die Herren wollten mit ihrem Investment in eine nachwachsende Ressource, in einer strukturschwachen Region Mittelamerikas zumal, irgendwann auch Geld verdienen. Legitim. Sagen wir weiters, sie wollten Dritte am Risiko und am Ertrag ihres Projekts teilhaben lassen. Fair trade.

Sagen wir also, die beiden Oberösterreicher, Gärtner der eine, Bauunternehmer der andere, hätten es mit der Gründung der Teak Holz International AG (THI) 2006 und dem Börsegang 2007 wirklich ernst gemeint. Dann sind sie an ihren Ansprüchen doch recht nachhaltig gescheitert.

Mittwoch dieser Woche gibt der Große Festsaal des Hauses der Industriellenvereinigung am Wiener Schwarzenbergplatz die Kulisse für ein in dieser Form nicht alltägliches Spektakel. Vorstand und Aufsichtsrat der börsenotierten THI AG wollen die Aktionäre im Rahmen einer außerordentlichen Hauptversammlung über die Zerschlagung abstimmen lassen. Das auf den Betrieb von Teakholz-Fincas in Costa Rica spezialisierte Unternehmen steckt so tief in den roten Zahlen, dass hinter dem Fortbestand ein kaum zu übersehendes Fragezeichen steht. Ohne zusätzliche Liquidität im Wege eines Abverkaufs wird THI den ausufernden Zahlungsverpflichtungen alsbald nicht mehr nachkommen können.

Nun ist es nicht so, dass THI keinerlei verwertbares Vermögen hätte. Die Frage ist nur, wie hoch dieses noch ist. Oder besser: Ob es jemals so hoch war, wie in den Büchern ausgewiesen. Es deutet mittlerweile einiges darauf hin, dass die Bilanzen der Vergangenheit fehlerhaft waren. Eine Folge beispielloser Schlamperei, möglicherweise auch mehr.

Bäume, die es gar nicht gab

Am 15. Dezember des Vorjahres wandte sich der seit Ende 2013 amtierende Alleinvorstand Franz Fraundorfer mit einer beunruhigenden Mitteilung an die Öffentlichkeit. Dies, nachdem sich im Zuge einer Inventur des Baumbestandes auf Costa Rica bemerkenswerte Abweichungen aufgetan hatten: „Nach bisherigen Erkenntnissen erweisen sich sowohl die bisherigen Annahmen zur bepflanzten Fläche als auch die Bestockungsdichte (Anzahl Bäume/Hektar Pflanzfläche) als fehlerhaft. Insgesamt verfügt die Gesellschaft nach den bisherigen Ergebnissen über circa 660.000 Bäume, den Bewertungen der Vorjahre lagen circa 1,3 Millionen Bäume zugrunde. Offenbar waren auch die Gutachten der externen Experten in den vergangenen Jahren zumindest teilweise falsch.“

Mit anderen Worten: THI soll über Jahre Bäume auf der Aktivseite der Bilanz geführt haben, die es gar nicht gab.
Wie konnte das passieren?

Die Geschichte führt zurück in die 1990er-Jahre. Der Freistädter Gärtner Klaus Hennerbichler und der Linzer Bauunternehmer Erwin Hörmann bereisten Costa Rica und verschauten sich in Land, Leute und vor allem das Edelholz Teak. Sie erwarben Flächen und begannen Teakbäume auszupflanzen. „Wir haben das zunächst nur für uns gemacht“, erinnert sich Hennerbichler. Irgendwann sei die Liebhaberei dann doch ins Geld gegangen. Teakholz wächst zwar vergleichsweise flott; dennoch müssen zumindest 15 (eher 20) Jahre vergehen, ehe erste brauchbare Ernten und damit Erträge lukriert werden können. Bis dahin laufen die Kosten. „Um 2006 herum haben wir uns entschlossen, das Projekt größer zu machen“, so Hennerbichler. Sie gründeten die Teak Holz International AG mit Sitz in Linz (dieser wurde später nach Wien verlegt) und brachten sie mithilfe der Erste Bank am 28. März 2007 an die Wiener Börse. Hennerbichler übernahm ein Mandat im Vorstand, Hörmann zog in den Aufsichtsrat ein. Beide sind inzwischen aus allen Funktionen ausgeschieden, aber weiterhin beteiligt. Hennerbichler hält 4,16 Prozent an THI, Hörmanns Privatstiftung 19,08 Prozent. Größter Aktionär ist seit 2013 der in London lebende italienische Investor Marcello Comoli mit 29,64 Prozent, die verbleibenden 47,12 Prozent sind Streubesitz.

Der Börsegang endete für die Anleger in einem Desaster. Der Ausgabepreis lag bei neun Euro je Aktie, ab da ging es mit wenigen Unterbrechungen steil bergab. Mittlerweile hält die Aktie bei gerade noch 74 Cent.

Heute, bald acht Jahre nach dem Börsegang, verdichten sich die Hinweise auf Unregelmäßigkeiten. Nach eigener Darstellung verfügte THI 2007 noch über 2,12 Millionen Bäume auf 1934 Hektar Grund – das entspricht ziemlich genau der Fläche des Wörthersees, wie man in den Jahren darauf immer wieder stolz betonte.

Aber waren die Bäume auch wirklich vorhanden?

Die Wahrheit ist: Niemand hatte diese gezählt. Man verließ sich auf eine Expertise des damals 71-jährigen Hollabrunner Forst-Sachverständigen Eberhard Nossek (er verstarb 2013), der sich auf die Expertise eines lokalen Zivilingenieurs verlassen hatte, der den Baumbestand mittels Stichproben hochgerechnet hatte. Man könnte auch sagen: Die Verantwortlichen hatten vor lauter Wald die Bäume nicht mehr gesehen. „Ich kann mir das alles wirklich nicht erklären“, sagt Hennerbichler. „Unsere damaligen Angaben waren korrekt. Ich bin überzeugt, dass der Gutachter, Diplom-Ingenieur Nossek, erstklassig gearbeitet hat.“ Das gilt so allem Anschein auch für die Erste Bank. „Unsere Leute waren im Vorfeld der Emission in Costa Rica“, erklärt Sprecher Michael Mauritz. „Das hat alles sehr ordentlich ausgesehen.“ Und ja, man habe sich auf das Nossek-Gutachten verlassen. Eigens gezählt habe die Bank den Baumbestand allerdings nicht, wie Mauritz einbekennt. Auch die Wirtschaftsprüfer von PWC taten dies nicht. Sie kamen im Zuge ihrer Abschlussprüfungen zwar immer wieder zu dem Schluss, dass die Gesellschaft knapp an Liquidität sei, versahen die Bilanzen dann aber doch stets mit dem sogenannten uneingeschränkten Bestätigungsvermerk. „Selbstverständlich haben wir unsere Prüfungstätigkeit für die Teak Holz International AG mit größter Sorgfalt und unter Einhaltung sämtlicher Standes- und sonstiger Vorschriften durchgeführt“, schreibt PWC-Sprecherin Sabine Müllauer in einer Stellungnahme an profil. „Wie bei jeder Abschlussprüfung dieser Art wurden dafür Stichproben, bereitgestellte Unterlagen und Informationen aus Befragungen der Unternehmensorgane und Mitarbeiter als Quellen herangezogen. Darüber hinaus stützte sich die Prüfung auf vorliegende Bewertungsgutachten externer Forstsachverständiger. Die Prüfung hat ein plausibles Bild und keinerlei Verdachtsmomente auf unrichtige Angaben ergeben.“

Dem ist nichts hinzuzufügen, außer: PWC ist nicht länger der Wirtschaftsprüfer von THI. Vorstand Fraundorfer hat die Zusammenarbeit zwischenzeitlich beendet und stattdessen den Mitbewerber Ernst & Young verpflichtet.

„Zweifel an der Güte der THI-Plantagen“

Eigentlich müsste der Fall längst die Justiz beschäftigen. Tat er sogar. Der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft war im Sommer 2014 eine anonyme Sachverhaltsdarstellung zugegangen, die auf Ungereimtheiten in den THI-Büchern abstellte. Doch die WKSTA stellte das Verfahren ohne nennenswerte Ermittlungsmaßnahmen ein. Das wirft kein gutes Licht auf die Behörde.
Geld verdiente THI in all den Jahren nicht, konsequenterweise wurde auch nie eine Dividende ausgeschüttet. Schwarze Zahlen kamen, wenn überhaupt, nur im Wege sogenannter Buchgewinne zustande – also durch die fortgesetzte Neubewertung des Baumbestandes, der aber offensichtlich falsch war. Die nach dem Börsegang veröffentlichten Jahresabschlüsse vermitteln kein konsistentes Bild: Aus den ursprünglich 2,12 Millionen Bäumen wurden im Laufe der Jahre 1,6 Millionen, dann 1,3 Millionen und nunmehr eben 660.000. Sicher, nicht jeder ausgepflanzte Baum schafft es tatsächlich bis zur Ernte und Wälder müssen bisweilen durchforstet werden, um etwa schadhaftes Holz zu entfernen. Die Diskrepanzen sind damit aber nicht zu erklären.

Um die laufenden Kosten bis zur ersten großen kommerziellen Ernte – lange war von 2015/2016 die Rede, 2013 wurde der Termin dann auf 2020 verschoben – zu bestreiten, brauchte THI obendrein deutlich mehr Geld als jene 15 Millionen Euro, die der Börsegang hereingespielt hatte. Auch deshalb, weil die Gesellschaft sich lange Zeit eine ihrer Größe nicht annähernd angemessene Führungsstruktur leistete, die obendrein einem Durchhaus glich. In acht Jahren verschliss THI acht Vorstandsdirektoren, der amtierende Franz Fraundofer ist die Nummer neun. Da passt es nur zu gut ins Bild, dass allein die Bezüge der Vorstandsmitglieder über Jahre höher waren als die eigentlichen Umsätze. Die Folge: Immer neue Schulden – zu immer höheren Zinsen.

Wie dramatisch die Situation wirklich ist, verdeutlicht die vorerst letzte Kreditaufnahme Ende des Vorjahres. Um überhaupt an Geld zu kommen, ließ THI sich einen 2,5 Millionen Euro schweren Kreditrahmen bei einem monegassischen Investmenthaus namens Venus Capital Management einräumen. Verzinsung: halsbrecherische 24,5 Prozent. Fraundorfer will sich dazu mit Blick auf die nahende Hauptversammlung nicht äußern. Er sagt nur: „Wir arbeiten mit Hochdruck an der Restrukturierung des Unternehmens.“

Die Zeit drängt. Nach einer profil vorliegenden internen Aufstellung aus 2014 hat die THI AG Finanzverbindlichkeiten in der Höhe von insgesamt 30 Millionen Euro angehäuft. Unter den Gläubigern: die Sparkasse Oberösterreich mit 3,55 Millionen Euro, die oberösterreichischen Raiffeisenbanken Gramastetten (1,85 Millionen) und Sierning (1,35 Millionen Euro), der frühere THI-Aufsichtsrat und Großgrundbesitzer Gotthard Pilati (drei Millionen Euro), der italienische Geschäftsmann Marco Ponzalino (1,98 Millionen Euro) sowie eben Venus Capital. Dazu kommen 15,6 Millionen Euro aus einer 2010 begebenen Anleihe, die über die Wiener Semper Constantia Privatbank bei Anlegern platziert wurde und am 31. August dieses Jahres zurückgeführt werden muss. Doch dazu fehlt derzeit schlicht das Geld. Theoretisch sind die Anleihegläubiger – vornehmlich betuchte Kunden der Semper Constantia – abgesichert, da ihnen die Gesellschaftsanteile der costa-ricanischen THI-Fincas verpfändet wurden. Doch die Sicherheitenstellung ist verzwickt: Financier Gotthard Pilati beispielsweise wurden grundbücherliche Pfandrechte an einer Plantage zugestanden, die er an die Banken abtreten musste. Im Ergebnis vermag vorerst niemand mit letzter Gewissheit zu sagen, wer eigentlich wie besichert ist. Abgesehen davon, dass auch die Werthaltigkeit dieser Sicherheiten zu hinterfragen ist – siehe Baumschwund.

Aus Sicht der Aktionäre ist die Rechnung demgegenüber recht einfach: Sie werden im Falle der Zerschlagung der Gesellschaft wohl übrig bleiben. Im Falle einer Insolvenz sowieso.

Im Mai 2007, wenigen Wochen nach dem Börsegang, äußerte profil ernsthafte „Zweifel an der Güte der THI-Plantagen“. Der damalige Vorstand Johannes Hofer schrieb daraufhin einen bösen Leserbrief, warf diesem Magazin unsaubere Recherchen vor und drohte mit Klage. Nun ja.