Vienna Insurance Group: Blogabfertigung

(VIG)-Chef Günter Geyer (l.) und sein Nachfolger Peter
Hagen

(VIG)-Chef Günter Geyer (l.) und sein Nachfolger Peter Hagen

Ein Internettagebuch widmet sich den „schmutzigen Geschäften“ der Vienna Insurance Group. Was ist dran an den Vorwürfen?

Bekanntlich ist nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern. Doch manchmal bekommen selbst gut abgehangene Texte plötzlich wieder Relevanz. Dieser Tage etwa erfährt ein profil-Artikel aus dem Jahr 2011 erneut gesteigertes Interesse. Matthias Strolz hob ihn aus den Tiefen des Archivs. Der NEOS-Chef, von allen Seiten attackiert, nutzte ihn als Rechtfertigung für sein Handeln. Denn die Partei liegt mit einer ehemaligen Mitarbeiterin im Clinch. Eine frühere Referentin der NEOS behauptet, sie sei wegen ihrer Pläne zur Gründung eines Betriebsrates entlassen worden. Unterstützt wird sie von der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA), die sich prompt auf die NEOS einschoss. Strolz ortet indes eine „Dreckkübelkampagne“. Die Auflösung des Vertragsverhältnisses sei bereits eine Woche vor der Betriebsratsinitiative mit der Kollegin besprochen worden. Die Entlassung habe andere Hintergründe gehabt. Strolz verwies auf nicht näher definierte „Machenschaften“, die ein „gewisses Muster“ hätten, wie auch besagtem profil-Artikel zu entnehmen sei.

Die Wickel der NEOS interessieren hier nur am Rande. Doch im Fahrwasser der Fehde geriet nun überraschend auch die Vienna Insurance Group (VIG) in den Fokus. Der Versicherungskonzern mit 50 Gesellschaften in 25 Ländern sieht sich mit heftigen Anschuldigungen konfrontiert. In der Wiener Zentrale des börsennotierten Unternehmens ist man darob wenig amüsiert. Man wähnt sich in einem Déjà-vu.

Anschuldigungen über mutmaßliche Verfehlungen

Vor vier Jahren berichtete profil über zwei ehemalige VIG-Mitarbeiter, die den Vorständen des Konzerns über Monate den letzten Nerv raubten. Als selbst ernannte Vertreter der Kleinaktionäre der Rumänientochter Asirom, die bei der Übernahme durch die VIG über den Tisch gezogen worden seien. 2007 war die VIG in die Asirom eingestiegen und erwarb daraufhin in mehreren Etappen die Mehrheit an der Versicherungsgesellschaft. Damals wurde auch den Kleinaktionären ein Pflichtangebot gelegt, welches jedoch nicht von allen angenommen wurde. Der gebotene Preis sei viel zu niedrig gewesen, hieß es von den Aktionärsvertretern. Ihr Engagement wollten sie sich entlohnen lassen: Zehn Prozent vom noch mit der VIG auszuhandelnden Rückkaufpreis schwebten ihnen als Provision von den Kleinanlegern vor. Im besten Fall insgesamt, so die damaligen Berechnungen, 250.000 Euro.
Gedroht wurde auch, man werde bei der VIG-Hauptversammlung mit einer Delegation von Asirom-Aktionären erscheinen. Es sei denn, die Versicherung zahle einen Spesenersatz von 30.000 Euro.

Begleitet wurde die Chose mit über die Medien gespielten Anschuldigungen über mutmaßliche Verfehlungen des Managements.

Der Deal kam nie zustande. Stattdessen erwirkte die VIG eine einstweilige Verfügung, die den beiden Ex-Mitarbeitern untersagte, die „als unwahr klassifizierten Behauptungen“ zu wiederholen (später habe man sich geinigt). Und hier schließt sich der Kreis: Bei der einen Hälfte des Aktionärsvertreter-Duos handelt es sich um jene Referentin, die nach einer Zwischenstation beim BZÖ bei den NEOS gelandet war.

„Wir haben keinerlei Handhabe, dagegen vorzugehen“

Ende Juni, wenige Tage, nachdem Strolz den profil-Artikel via Twitter gepostet und die Tageszeitung „Der Standard“ die Story aufgriffen hatte, ging ein Blog online. Sein Titel: „VIG Leaks. Die schmutzigen Geschäfte der Vienna Insurance Group“. Dort wird die Bazooka ausgepackt. Es ist von Geldwäsche die Rede. Von großangelegtem Steuerbetrug. Von Erpressung. Von Korruption. Zutaten, die jedem John-Grisham-Thriller zur Ehre gereichen würden. „Der Blog wird anonym betrieben und liegt auf einem internationalen Server. Wir haben keinerlei Handhabe, dagegen vorzugehen“, sagt VIG-Generaldirektor Peter Hagen. Eine Vermutung, wer dahinter stehen könnte, habe er nicht. „Meines Wissens haben die beiden Protagonisten von damals nicht gegen die einstweilige Verfügung verstoßen.“ Und zum Unterschied von einst, sei jetzt niemand mit finanziellen Forderungen an das Unternehmen herangetreten.

Die im Blog erhobenen Vorwürfe würden jede Ermittlungsbehörde und jeden Journalisten hellhörig werden lassen. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass der überwiegende Teil der Einträge aus Jahre alten Artikeln besteht, welche Causen behandeln, die längst bekannt sind. Mit neuen, reißerischen Überschriften versehen, geben sie sich die Anmutung exklusiver Enthüllungen. Die wenigen Originalbeiträge der Blogbetreiber bestehen aus Behauptungen und Unterstellungen. Die Belege dafür bleibt man aber schuldig. Da wird etwa vorgebracht, Hagen werde erpresst. „Das stimmt nicht. Aber wie beweist man so was?“, so der Generaldirektor.

Im Fall von Christian Brandstetter wiederum wird angedeutet, er habe sich der Steuerhinterziehung schuldig gemacht. Der Manager war – ehe er sich 2007 selbstständig machte – Vorstand der Wiener Städtischen und in dieser Funktion für Zukäufe in Osteuropa zuständig. Ende 2014 berief ihn Hagen in die Führungsetage der Asirom. Die VIG, wiewohl Marktführer, hatte in Rumänien schwer zu kämpfen. 2008 beschäftigte der Konzern dort insgesamt 5000 Mitarbeiter, aktuell sind es nur noch 2300. Bei der Asirom mussten 2013 Verluste in Höhe von 70 Millionen Euro verbucht werden. Das gesamte Management wurde ausgetauscht, in der Zentrale rund 100 Leute freigesetzt. Brandstetter fährt einen scharfen Restrukturierungskurs. Damit macht man sich naturgemäß nicht nur Freunde.

Anonymes E-Mail

Hagen erzählt, dass bei der rumänischen Versicherungsaufsichtsbehörde ASF (Autoritatea de Supraveghere Financiară) eine Reihe anonymer Anzeigen gegen Brandstetter eingegangen seien. Dort ging man den Anschuldigungen nach. „Der ASF-Chef erklärte mir persönlich, dass alle Vorwürfe geprüft würden“, sagt Hagen. Im Mai dieses Jahres erhielt Brandstetter schließlich die Approbation der Behörde. Doch damit war die Sache nicht erledigt. Kürzlich veröffentlichten rumänischen Medien Berichte, die insinuieren, der Manager wäre in Geldwäscheaktivitäten verwickelt. Als Beleg dient lediglich eine Auflistung seiner Firmen. Der Verfasser eines an profil adressierten anonymen E-Mails wird ein bisschen konkreter: Brandstetter habe Versicherungsgesellschaften in Bosnien-Herzegowina und Moldawien gekauft, um sie anschließend zu überhöhten Preisen an die VIG zu verkaufen.

„Das ist ein typisches Beispiel, wie hier vorgegangen wird“, meint Hagen. „Es werden permanent Fakten mit Dichtung verknüpft.“ Richtig sei, dass Brandstetter in Gesellschaften in diesen beiden Ländern investiert habe. Die VIG habe das Vorhaben mit einem Kredit unterstützt. Die Idee dahinter: Brandstetter kauft und entwickelt die Unternehmen und verkauft sie dann an die VIG weiter. Zeigt die kein Interesse, kann er sie anderen anbieten. „Wir haben nicht zu viel bezahlt. Im Gegenteil. Wer in diesen Ländern verkaufen will, kommt zum Marktführer, also zu uns, verlangt aber einen enorm hohen Preis. Auf diesem Weg haben wir sogar Geld gespart“, erklärt Hagen.

Papier um Papier

Spätestens, wenn Brandstetter, der bei der Asirom nur interimistisch dient, abgelöst werde, würden auch die Anwürfe aufhören, ist man bei der VIG überzeugt. Aber dann käme wohl der Nachfolger ins Kreuzfeuer. Bis dahin wird der Großkonzern aber ganz schön auf Trab gehalten. Jeder Hinweis und jede Anschuldigung werde in der internen Revision geprüft. Auch von der Staatsanwaltschaft werde man immer wieder um Stellungnahme gebeten. In keiner der genannten Causen hätten sich die Verdächtigungen bestätigt, sagt Hagen. „Zu jedem einzelnen Vorwurf gibt es einen Bericht, der auch dem Aufsichtsrat kommuniziert wird“, erklärt der VIG-Chef und zeigt auf einen beeindruckend hohen Dokumentenstapel.

Gut möglich, dass der VIG-Leaks-Blog noch für das eine oder andere zusätzliche Blatt Papier sorgt. Ein Eintrag wird es aber wohl kaum in die Dokumentation schaffen: „Kein Betriebsrat in der VIG! Was weiß der SPÖ-Mann Günter Geyer?“, echauffiert man sich an einer Stelle. Geyer, als Vorsitzender des Aufsichtsrates, dürfte informiert sein. Im Zuge der Trennung des operativen Geschäftes von der internationalen Tätigkeit in die Holding VIG und die Österreich-Gesellschaft Wiener Städtische im Jahr 2010, entschieden die rund 200 VIG-Mitarbeiter, sich auch in Zukunft vom Betriebsrat der Städtischen vertreten zu lassen.