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Wissenschaft
05/13/2020

Die Abtrünnige: Von der Homöopathin zur Kritikerin

Natalie Grams praktizierte als Homöopathin, bis sie sich in die Beweislage für die Wirksamkeit der Globuli vertiefte - und zur profunden Kritikerin alternativer Therapien sowie zum erklärten Feindbild ihrer früheren Kollegen wurde. In einem neuen Buch legt sie einen Leitfaden durch die Welt der sanften Behandlungen vor.

von Alwin Schönberger

Am schlimmsten seien Impfgegner und Anthroposophen, sagt Natalie Grams. Die würden sich bisweilen nicht mit verbalen Anfeindungen begnügen, sondern auch vor körperlicher Bedrohung nicht zurückschrecken. Zu manchen ihrer Vorträge oder Buchpräsentationen kommt Grams daher lieber mit Begleitschutz. Es sind auch sonst irritierende Erfahrungen, die sie ausgerechnet mit Anhängern der angeblich sanften Medizin macht: mit Fans der Homöopathie, Akupunktur, der Traditionellen Chinesischen Medizin. Beschimpfungen, Beleidigungen und Hassbotschaften ist sie längst ebenso gewöhnt wie plumpe Interventionsversuche. Kurz vor Beginn der Corona-Krise legten sich Widersacher ins Zeug, um einen Vortrag in einer Apothekerkammer zu verhindern.

Die Vehemenz der Attacken ist allein deshalb bemerkenswert, weil Grams nicht etwa politische Agitation betreibt, sondern medizinische Aufklärung. Sie ist Ärztin und spricht und schreibt in eher nüchternen, abwägenden Worten über die Wirksamkeit von Therapieverfahren. Dennoch ist sie innerhalb von fünf Jahren zu einer Reizfigur der alternativmedizinischen Szene, sogar zu ihrem wohl größten Feindbild im deutschsprachigen Raum geworden. Vielleicht speist gerade der Umstand, dass sich Grams ausnehmend ruhig, besonnen, sachlich und verbindlich äußert, dass sie bewusst auf Provokation, Angriffigkeit und missionarischen Eifer verzichtet, den überbordenden Schwall aus Wut, Emotion und Aggression.

Die größte Sünde, die sie in den Augen ihrer Gegner begangen hat, ist aber gewiss der Verrat: Natalie Grams hat die Seiten gewechselt. Sie war selbst Homöopathin, ist nun jedoch eine entschiedene Kritikerin der Homöopathie und anderer alternativmedizinischer Behandlungsformen. Das gilt vermutlich als unverzeihlich und als unerträgliche Zumutung für viele Mitglieder ihrer einstigen Gesinnungsgemeinschaft. Hier exponiert sich nicht jemand aus der fernen Welt der notorischen Skeptiker, unverbesserlichen Zweifler und stur Wissenschaftshörigen, sondern eine Person aus der eigenen Mitte mit langjähriger profunder Innensicht, die mangelnde Plausibilität, Kollision mit Naturgesetzen, innere Widersprüche und unzulässige Heilsversprechen des Glaubenssystems Homöopathie aufzeigt. Das macht den Fall Natalie Grams außergewöhnlich in der erbitterten Debatte um "alternative" Verfahren, in der die Ansichten unversöhnlich aufeinanderprallen.

Ausstieg aus einer Sekte

Es war eine einschneidende Erfahrung, berichtet Grams, als sie der Lehre Samuel Hahnemanns, der sie lange angehangen hatte, den Rücken kehrte. Freunde wandten sich ab, Weggefährten wurden zu Kontrahenten. Es sei vergleichbar mit dem Ausstieg aus einer Sekte.

Grams, Jahrgang 1978, studierte Medizin in München und Heidelberg und wollte Chirurgin werden. Ein Autounfall änderte die Pläne der damals 22-Jährigen abrupt: Monate danach litt sie an Herzrasen, wurde wiederholt ohnmächtig. Kein Arzt fand eine Erklärung, bis Grams eine Heilpraktikerin aufsuchte, die zu Homöopathie und Psychotherapie gegen die Spätfolgen des Unfalls riet. Die junge Medizinerin kam der Empfehlung nach - und die seltsamen Symptome verschwanden. Grams reagierte wie viele Menschen, die derartige Erfahrungen machen: Auf Ereignis A (eine homöopathische Behandlung) folgt Ereignis B (die Beschwerdefreiheit), also muss A die Ursache für B sein. Sie hinterfragte das keine Sekunde. Als zufriedene Patientin überlegte sie nicht, ob tatsächlich ein ursächlicher Zusammenhang vorlag und wie es um die wissenschaftliche Plausibilität der Therapie bestellt war. "Im Überschwang der Gefühle hegte ich keinerlei Zweifel daran, was mich gerettet hatte", schreibt Grams in ihrem neuen Buch. "Es war meine homöopathische Erweckung."

Sie begann eine Zusatzausbildung in Homöopathie und Traditioneller Chinesischer Medizin. Sie büffelte nun nicht nur Anatomie, sondern auch Hahnemanns Organon der Heilslehre - quasi die Bibel der Homöopathie. Da wie dort war es erforderlich, große Stoffmengen auswendig zu lernen, viel Zeit für eine differenzierte Betrachtung blieb nicht. Genau wie ihre Kommilitonen kam sie auch gar nicht auf die Idee, eine solche für angebracht zu halten: Man war unter Gleichgesinnten, verfolgte dieselben Ziele, Alternativmedizin galt als schick, und viele blickten auf positive Erlebnisse mit der Homöopathie zurück. Das genügte. Es war ein Leben in einer Blase.

Als Grams das Angebot bekam, eine homöopathische Praxis im Raum Heidelberg zu übernehmen, ergriff sie ihre Chance. Rasch florierte die Ordination, die Patienten flogen teils aus den USA ein, um sich von der jungen Ärztin behandeln zu lassen, die aufmerksam zuhörte und sich bis zu drei Stunden Zeit für ein Erstgespräch nahm. Die Klienten bezahlten dafür gerne 120 bis 200 Euro. Alles schien vorerst perfekt: Das Geschäft lief, Grams war von ihrer Methode überzeugt - dank eigener Erfahrung und enthusiastischer Rückmeldungen der durchwegs zufriedenen Patienten.

Dann jedoch, im Jahr 2012, erschien ein Buch, das die heile Welt erheblich störte. Es hieß "Die Homöopathie-Lüge" und ging mit Hahnemanns Lehre hart ins Gericht: alles pseudowissenschaftlicher Humbug, so lautete die Kernaussage. Grams las das Buch und war wütend. Hier verhöhnten offenkundig Ahnungslose eine bewährte Therapie, auf die viele Menschen schworen, wie jeder Anwender und Scharen von begeisterten Patienten bestätigen konnten, zürnte Grams. Zunächst verfasste sie erbost eine Online-Rezension, dann wollte sie selbst ein Buch schreiben, eine Verteidigungsschrift für die Homöopathie.

"In dem Moment ist meine Welt implodiert"

Dafür allerdings musste sie recherchieren. Sie war gezwungen, nach Belegen für die Wirksamkeit von Homöopathie zu suchen, was ihr bisher ebenso wenig in den Sinn gekommen war wie den meisten anderen Mitgliedern ihrer Blase. Sie las Studien, vertiefte sich in die Beweislage für die wissenschaftliche Basis ihres gesamten beruflichen Lebensentwurfs. Das Ergebnis war niederschmetternd. Grams stellte fest: Verdammt, die Kritiker haben recht. "Ich konnte keinen haltbaren Beleg für den Nutzen meiner eigenen Arbeit finden", sagt Grams. "In dem Moment ist meine Welt implodiert."

Sie erkannte, dass nichts wirken kann, wenn Präparate so stark verdünnt sind, dass kein Molekül der Ausgangssubstanz mehr vorhanden ist; dass es krass den Naturgesetzen widerspricht, wenn etwas umso effektiver sein soll, je weniger Wirkstoff enthalten ist und mangels Nachweisbarkeit desselben ein ominöser "Geist" der Ursubstanz daran haften soll; dass Homöopathie nichts mit der gerne bemühten Natürlichkeit und Sanftheit zu tun hat, wenn alles, was die Natur ursprünglich hervorbrachte, beinahe bis ins Unendliche verwässert wird und zudem Arsen, Röntgenstrahlung, Berliner Mauer und allerlei Toxine verarbeitet werden; wenn alle Einwände in Bezug auf fehlenden Wirksamkeitsnachweis mit der lahmen Behauptung gekontert werden, die Wissenschaft habe eben den Mechanismus dafür noch nicht entdeckt; dass es einer seltsamen Beweislastumkehr gleichkommt, wenn gefordert wird, die etablierte Medizin müsse eben so lange forschen, bis sie auf Belege stoße, die den Homöopathen recht gäben; dass es ein seltsamer Sonderstatus der Homöopathie ist, wenn sie ihre Methode trotz seit 200 Jahren ausständiger Belege am Patienten anwendet, während alle anderen Sparten der Medizin zuerst Wirksamkeitsbeweise brauchen und dann erst therapieren dürfen; dass wenig gewonnen ist, wenn unter ein paar Hundert Studien über die Homöopathie einige wenige sind, die zu positiven Resultaten kommen, weil es immer und in allen Medizinbereichen Ausreißer gibt und deshalb erst die Gesamtzusammenschau der Studienlage aussagekräftig ist; dass es vermutlich eine Kombination aus ärztlicher Zuwendung, Placebo-Effekt und ohnehin ablaufender Selbstheilung ist, die Patienten zu überzeugten Homöopathie-Anwendern macht. Kurz: Nachdem sich Grams erstmals umfassend mit den theoretischen Grundlagen ihrer Therapieform befasst und sie auf wissenschaftliche Plausibilität geprüft hatte, wurde ihr deren Abwegigkeit deutlich bewusst.

Sie schrieb ihr Buch, aber es fiel ganz anders aus als anfangs geplant. Es hieß "Homöopathie neu gedacht", erschien 2015 und sollte, so die naive Idee, eine Debatte anstoßen. Wie sie selbst, dachte Grams, müssten doch auch all ihre Kollegen daran interessiert sein, Argumente auszutauschen und das wissenschaftliche Fundament ihres therapeutischen Konzepts zu erörtern. Sie waren es nicht. Sie erntete Bestürzung, Ablehnung und offene Feindseligkeit. Sie hatte sich der Ketzerei schuldig gemacht.

Die Abkehr weiter Teile ihres bisherigen Kollegenkreises erleichterte die Ablösung von der Szene. Grams gelangte zur Einsicht, dass sie nicht länger eine Therapieform anbieten konnte, an die sie nicht mehr glaubte; dass sie nicht weiterhin Präparate verordnen konnte, die sie für nutzlos hielt. Sie schloss ihre Praxis und arbeitete fortan als Autorin und Vortragende. Sie beteiligte sich an der Gründung der Website "Informationsnetzwerk Homöopathie" und trat in TV-Diskussionsrunden auf, wenn Befürworter und Kritiker alternativer Heilverfahren die Klingen kreuzten. Sie argumentierte sachlich, versuchte Zusammenhänge zu erklären, ohne Anhänger der Alternativmedizin als irrationale Esoteriker zu verspotten. Inhaltlich blieb sie aber konsequent und wiederholte ihre Position, die auch Stand der Wissenschaft ist: Homöopathie hat keine Wirkung, die über den Placebo-Effekt hinausgeht.

Im Vorjahr erhielt sie dafür eine Klagsdrohung: Der deutsche Homöopathiehersteller Hevert wollte ihr jede Wiederholung dieser Äußerung juristisch untersagen - und demonstrierte mit dem Einschüchterungsversuch vor allem, dass sich die Produzenten angeblich sanfter Arzneien mitunter genau so benehmen, wie es gemeinhin Big Pharma nachgesagt wird. Grams veröffentlichte den Anwaltsbrief, die Causa machte Schlagzeilen, Jan Böhmermann verkündete in seiner TV-Show gefühlte 70 Mal, dass Homöopathie nicht über den Placebo-Effekt hinaus wirke, und Grams sagte den Satz ebenfalls weiterhin ohne Konsequenzen.

Kürzlich legte sie ihr neues Buch vor. Einen "Kompass durch die Welt der sanften Medizin" verspricht der Untertitel. Eigentlich ist es sogar breiter angelegt, es geht nicht nur um Alternativmedizin, sondern um grundlegende Mechanismen des Systems Medizin überhaupt. Grams erklärt beispielsweise, wieso große klinische Studien, randomisiert und doppelverblindet, das beste verfügbare Instrument sind, um einen Wirkstoff oder eine Behandlungsmethode zu prüfen - und warum demgegenüber Anekdoten und individuelle Erfahrungsberichte nicht zuverlässig genug sind, um darauf allgemeingültige Aussagen über den Nutzen einer Therapie zu gründen. Sie erläutert, wie unser Immunsystem im Detail funktioniert, und mit diesem Wissen lässt sich auch verstehen, warum es nicht erst, wie ein populärer Mythos besagt, gezielt "stimuliert" werden muss. Sie beschreibt, wie unser Körper es bewerkstelligt, mit Hunderten potenziellen Krankheitserregern gleichzeitig fertigzuwerden, weshalb die Befürchtung unzutreffend ist, eine Sechsfachimpfung würde den Organismus heillos überfordern. Auch entgiften oder entschlacken muss man ihn nicht. Ersteres besorgen die Organe, Letzteres brauchen nur Hochöfen.

Weite Teile des Buches sind dennoch alternativen Verfahren gewidmet, von Akupunktur und Bachblüten über Osteopathie und Phytotherapie bis zu Vitaminkuren. Wobei schon das Gegensatzpaar Alternativ- und Schulmedizin Unsinn ist. Eine Alternative liege schließlich dann vor, so Grams, wenn einem Patienten zwei gleichermaßen effektive Optionen zur Verfügung stünden, was auf viele sogenannte "alternative" Methoden aber nicht zutreffe. Daher müsse man zwischen wirksamen und nicht wirksamen Verfahren unterscheiden. Der Begriff "Schulmedizin" wiederum, einst als Schmähwort von Homöopathen geprägt, wurde spätestens durch die Nazis vollends entwertet: Sie wollten die "verjudete Schulmedizin" durch eine deutsche Naturheilkunde ersetzen.

Was hilft wirklich?

Besonders beliebt ist der ziemlich abgenutzte Stehsatz: "Wer heilt, hat recht." Klingt nett und überzeugend, ist aber inhaltsleer, wie auch Grams aufzeigt. Denn ohne umfassende, standardisierte Überprüfung einer Methode kann man gar nicht wissen, wer oder was letztlich geholfen hat. Jahrelange Erfahrung, wie oft moniert, taugt dazu höchstens ergänzend. Der häufigste Denkfehler in dem Zusammenhang, für den wir als ewig sinnsuchende Wesen freilich alle anfällig sind, lautet im Fachjargon "post hoc ergo propter hoc": danach, also deswegen. Weil auf eine Behandlung eine Verbesserung des Zustandes folgt, nehmen wir an, dass die Therapie ursächlich war, was aber eine Scheinkausalität darstellen kann. Haben zum Beispiel tatsächlich Globuli die scheußliche Neurodermitis beseitigt? Oder ist sie einfach deshalb abgeklungen, weil sie bei vielen Menschen im Teenageralter von selbst verschwindet? Haben Homöopathika der lästigen Serie von Erkältungen eine Ende gesetzt? Oder liegt es daran, dass der Patient nun nicht mehr seinen Hausarzt konsultiert, der ständig Antibiotika verschrieben hat, die den Kosmos schützender Darmmikroben dauerhaft beleidigt haben?

Bei banalen Leiden mögen solche Fragen nicht so bedeutsam sein, Hauptsache, die Probleme sind gelöst. Bei gravierenden Krankheiten ist es jedoch entscheidend, zu wissen, was wirklich gewirkt hat, und da haben in den vergangenen Jahrzehnten systematische, kontrollierte Studien Erfahrungsschätze und den Rückgriff auf altes Wissen klar ausgestochen. Die meisten Sparten der Medizin hat diese Methodik, bestehend aus Versuch, Kontrolle und Fehlerbehebung, merklich vorangebracht, während Homöopathen auf einem anderen Jackpot zu sitzen meinen: Sie können niemals irren. Ihre Behandlung greift entweder sofort, mit Zeitverzögerung, oder es kommt zur Erstverschlimmerung. Was soll da schiefgehen?

Mit diesem Buch, meint Natalie Grams, habe sie mehr oder minder alles gesagt, was sie sagen wollte. Fünf Jahre als öffentliche Person seien auch genug, findet sie. Die Leitung des Informationsnetzwerks Homöopathie hat sie nun zurückgelegt. Demnächst beginnt sie wieder in dem Job zu arbeiten, für den sie eigentlich studiert hat: als Ärztin.

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