Erleben wir gerade eine neue Völkerwanderung?

Asylsuchende an der deutsch-österreichischen Grenze

Asylsuchende an der deutsch-österreichischen Grenze

Auf jeden Fall erleben wir eine neue Völkerwanderung – genau wie die meisten Menschen vor uns in fast allen Epochen der Geschichte. Migration ist keine Anomalie, sondern der Normalfall. Alwin Schönberger über eine zentrale Antriebsfeder der Spezies Homo sapiens.

Wahrscheinlich waren Wetterkapriolen schuld, ausgedehnte Dürreperioden vielleicht, die Missernten und Hungersnöte auslösten. Genau weiß man es nicht, sicher ist jedoch, dass die Menschen eines Tages ihre Heimat in Syrien verließen, um einer besseren Zukunft entgegenzustreben. Zuerst machten sich einzelne Gruppen auf den Weg, später folgten ihnen weitere Wellen von Auswanderern. Über das Ziel bestand weithin Einigkeit: Längst hatte sich herumgesprochen, dass es ein Land gab, das im Überfluss schwelgte, wo die Menschen stets genug zu essen und zu trinken hatten und in sicheren, gepflegten Städten wohnten.

Die Rede ist nicht von Deutschland, sondern von Ägypten, und die Geschichte spielt vor fast 4000 Jahren. Sie erinnert, wenigstens zum Teil, an die große Migration der Gegenwart: Um ihrer Not zu entfliehen und sich den Traum von einem schöneren Leben zu erfüllen, brechen Menschen massenhaft zu neuen Ufern auf und lassen fast alles hinter sich, was bisher ihre Existenz ausmachte.

Was wissen wir über das weitere Schicksal derer, die damals ins alte Ägypten zogen? Sie ließen sich im Nildelta nieder, nahmen zunächst Hilfsarbeiterjobs an, kletterten über Generationen in der Hierarchie empor. Sie gründeten eine Stadt, die in der Blütezeit auf 30.000 Einwohner anwuchs. Ihre Nachfahren und weitere Zuzügler schufen ein lokales Herrschaftszentrum. Etwa ein Jahrhundert lang verdrängten sie sogar die Pharaonen vom Thron, bis diese die Macht wieder an sich rissen. Die Elite der „Hyksos“, wie die zeitweiligen Fremdherrscher hießen, wurde anschließend vertrieben, doch das einfache Volk blieb, verschmolz mit der ägyptischen Gesellschaft und schenkte der neuen Heimat viele Errungenschaften, von denen die Ägypter später profitierten: moderne Handwerks- und Waffentechniken, die Kunst der Diplomatie und des weiträumigen Handels. So trugen die Hyksos maßgeblich zum späteren Welterfolg der Ägypter bei.


Migration kann man begrüßenswert finden oder erschreckend, aber ein Faktum bleibt es allemal.

Diese Ereignisse weisen noch ein typisches Merkmal von Migration auf: Die Hyksos importierten Konkurrenzdruck, aber auch Innovation; sie erschütterten das Gefüge einer etablierten Gesellschaft mit Ermüdungstendenzen, verhalfen ihr jedoch auch zu neuer Kompetenz und Elan; sie symbolisierten Bedrohung und Befruchtung zugleich.

Wanderungen von Völkern gab es zu allen Zeiten, Migration ist im Grunde eine fest verankerte Kerneigenschaft des Homo sapiens, verbunden mit biologischen, sozialen und technologischen Anpassungen auf Seiten der Reisenden wie auch der Menschen in den Zielgebieten. Das kann man begrüßenswert finden oder erschreckend, aber ein Faktum bleibt es allemal. Aus der Perspektive unserer kurzen Lebensspanne mag die aktuelle Flüchtlingskrise wie ein Sonderfall wirken, wie die Anomalie einer historisch stabilen Situation, doch in Wahrheit handelt es sich um eine Normalität.

Die Motive sind vielfältig – Krieg, Vertreibung, Seuchen, soziale Not, Sklaverei oder blanke Neugier auf das Unbekannte –, und die konkreten Erscheinungsformen ändern sich mit Bevölkerungsdichte, Klima, Geografie und technischen Möglichkeiten der Mobilität, doch das Grundprinzip bleibt konstant: Der Aufbruch ist eine fundamentale humane Triebfeder. Heute dominiere die Ansicht, „die großen Migrationen seien kein elementarer Motor der Gesellschaften, sondern eher eine anarchische Komponente der sozialen Veränderung“, sagt Massimo Livi Bacchi, Professor für Demografie in Florenz. Tatsächlich treffe exakt das Gegenteil zu: Neben der Fortpflanzung sei die „Fähigkeit, den Wohnort zu wechseln“, gleichsam ein Eckpfeiler des globalen Erfolgs der Menschheit.


Was taten die Immigranten aus dem heißen Süden? Brachen sie sofort Streit vom Zaun?

Allein die Tatsache, dass wir heute in unserem vertrauten, vermeintlich wohlgeordneten Europa sitzen und Lösungen für das Flüchtlingsdrama diskutieren können, ist das Resultat einer Migration, und zwar der wohl wichtigsten aller Zeiten: Rund 100.000 Jahre ist es her, dass unsere Urahnen beschlossen, Afrika den Rücken zu kehren und fremde Kontinente zu erkunden. So kam der moderne Mensch, von dem wir alle abstammen, nach Europa. Über die Gründe, warum der Homo sapiens zum Migranten wurde, kann mangels solider Belege aus dieser Ära nur spekuliert werden. Einige Forscher vermuten widrige klimatische Verhältnisse, sich verknappende Ressourcen oder eine – gemessen an damaligen Verhältnissen – steigende Populationsdichte in Afrika. Möglicherweise verdanken sich die globale Ausbreitung unserer Spezies und unsere Existenz in allen Winkeln dieses Planeten daher dem Umstand, dass die frühen Menschen zu dem wurden, was heute mitunter „Wirtschaftsflüchtlinge“ genannt wird.

Auf seinem langen Marsch drang der Homo sapiens unter anderem ins Revier bisheriger Platzhirschen namens Neandertaler ein. Was taten die Immigranten aus dem heißen Süden? Brachen sie sofort Streit vom Zaun? Attackierten, malträtierten und überrollten sie die ortsansässige Bevölkerung? Keineswegs, sie hatten erst einmal Sex miteinander. Deshalb tragen alle Menschen heute noch Spuren des Neandertalergenoms in sich, was ursprünglich wohl auch bei der Anpassung an das raue Klima in Europa half. So überlebte der Homo sapiens leichter im kalten, unwirtlichen Norden, und zugleich fand er reichlich Nahrung in Form von Tieren und üppiger Vegetation vor – sozusagen doppelt günstig für die Einwanderer, durchaus ein Fall von Selektionsvorteil dank Migration. Ein paar tausend Jahre siedelten die beiden Spezies anschließend auf demselben Territorium, bis sich letztlich unsere Vorfahren als einzige Menschenart durchsetzten, vermutlich aufgrund ihrer besseren Innovationsleistungen.

Die längste Zeit seines Daseins auf Erden existierte der Mensch als Nomade, also als Migrant. Erst mit der Sesshaftigkeit vor rund 10.000 Jahren, mit der Erfindung von Pferchen, Äckern und dem Konzept von stationärem Besitz bestand Anlass, aus der Fremde herbeiströmende Menschen argwöhnisch zu beäugen. Somit markiert die neolithische Revolution jenen Zeitpunkt in der Geschichte, ab welchem die Menschen ihr eigenes anthropologisches Erbe erstmals als potenzielle Gefahr zu betrachten begannen: den nomadischen Lebensstil.

Beachtliche Migrantenströme wälzten sich durch die Lande und stießen im Zuge des größten mittelalterlichen Kolonisationsprozesses in viele Areale Osteuropas vor.

Seit damals gibt es Menschen, die Regionen für sich und ihre Nachkommen entdecken und erschließen, einen Heimatbegriff entwickeln und der Hoffnung einer fortwährenden Stabilität dieses Zustandes anhängen; und es gibt andere, die es aus ihren Wohngegenden forttreibt, aus welchen Motiven auch immer. Pull- und Push-Faktoren heißen diese Umstände: Manche, ob Krieg, Krankheit oder Überflutungen, verdrängen Bevölkerungsgruppen aus ihrem bisherigen Umfeld, während in den Zielländern andere Einflussgrößen, etwa Wohlstand und sozialer Friede, eine Sogwirkung entfalten. Übersteigt das Ausmaß der Faktoren Push und Pull eine kritische Schwelle, setzen sich die Menschen zuverlässig in Bewegung. Und die meisten Forscher stimmen darin überein, dass es auf Dauer unmöglich ist, diesen Prozess aufzuhalten. „Schockierend sind die neuen Flüchtlingsströme nicht zuletzt deshalb, weil sie die Vorstellung von der Steuerbarkeit der Migration zerstört haben“, argumentierte kürzlich der Berliner Politikwissenschafter Herfried Münkler in der „Neuen Zürcher Zeitung“. Die Annahme, einen Massenexodus kontrollieren oder gar unterbinden zu können, sei jedoch blanke Illusion.

Nahezu alle Völker sind in gewissen Phasen ihrer Existenz unterwegs und unternehmen „Völkerwanderungen“. Wobei der Begriff unglücklich gewählt ist: erstens, weil „Wanderung“ gar zu gemütlich klingt, zweitens, weil jene Epoche zwischen Antike und Frühmittelalter, die gemeinhin als jene der Völkerwanderung bezeichnet wird, ein eher schlechtes Beispiel für eine erzwungene Suche nach neuer Existenz abgibt. Denn damals strebten kaum einfache Leute notgedrungen einem neuen Lebensraum entgehen, vielmehr trachteten häufig Söldnerheere und marodierende Meuten danach, sich brachial fremde Territorien anzueignen.

Zimperlich gingen wohl auch die Magyaren nicht vor, als sie ihre einst angestammten Landstriche im Uralgebiet hinter sich ließen und über mehrere Zwischenstationen sukzessive ins Herz Europas zogen. Womöglich hatte ihnen zuvor das Klima zugesetzt, oder es hatten ihnen Eindringlinge das Leben erschwert. Um die Wende zum 10. Jahrhundert unternahmen sie – traditionell reitende Nomaden – ausgedehnte Raubzüge, wobei sie sich vermutlich auch von Zaunkonstrukten, wie sie ihr Nachfahre Viktor Orbán für angebracht hält, schwerlich hätten aufhalten lassen. Später, zwischen dem 11. und dem 14. Jahrhundert, war ganz Europa geprägt von gewaltigen Wanderbewegungen. Beachtliche Migrantenströme wälzten sich durch die Lande und stießen im Zuge des größten mittelalterlichen Kolonisationsprozesses in viele Areale Osteuropas vor.


Keiner der Beweggründe der europäischen Auswanderer würde heute von den strengen Hütern der Einwanderungsbestimmungen als Rechtfertigung für Immigration akzeptiert.

Überhaupt, Europa! Kaum eine Phase in der wechselvollen Geschichte, die nicht von dramatischen Bevölkerungsverschiebungen geprägt gewesen wäre, von Eroberung und Flucht, Aufbruch und Neubeginn. Besonders das 19. Jahrhundert erlebte gravierende demografische Umwälzungen und Massenmigration, wenn auch nicht nach Europa, sondern vom Kontinent fort. Rund 50 Millionen Menschen verließen von der Wende zum 19. Jahrhundert bis etwa zum Ende des Ersten Weltkrieges die Alte Welt, die überwiegende Mehrheit wanderte in die Vereinigten Staaten aus. Darunter waren circa fünf Millionen Deutsche und ungefähr ebenso viele Menschen aus den Monarchiegebieten. Hinzu kamen Spanier, Portugiesen, Italiener, Russen, Polen, Einwohner Skandinaviens und Irlands. Allein um die Mitte des Jahrhunderts schifften sich an die 1,5 Millionen Iren Richtung Amerika ein, wobei mitunter – welch schauerliche Parallele zur Gegenwart – die Hälfte der Passagiere die Überfahrt nicht überlebte.

Keiner der Beweggründe der europäischen Auswanderer würde heute von den strengen Hütern der Einwanderungsbestimmungen als Rechtfertigung für Immigration akzeptiert: Die Bevölkerung wuchs, das Land wurde knapp. Man ersann effizientere Produktionsmethoden für die Landwirtschaft, was wiederum Arbeit abwertete und die Löhne drückte. Viele Menschen schlitterten allmählich in prekäre Lebenssituationen. Hinzu kamen Naturereignisse wie der Ausbruch des Vulkans Tambora im Jahr 1815, der zu einem „Jahr ohne Sommer“ führte. Kurz: Bittere Not zog ins Land.

In solch einer misslichen Lage stehen im Grunde zwei Optionen zur Wahl: Man kann sich mit dem Niedergang abfinden – oder man geht. Letztere Variante bevorzugen im Regelfall – und das halten Experten für ein durchgängiges Muster vieler Migrationsereignisse – die jungen, fitten, energischen, wagemutigen Personen, Menschen mit dem Willen, sich durchzuboxen, und einem gesunden Vertrauen in ihre Ausdauer, ihr Talent, ihren Ideenreichtum und ihre Anpassungsfähigkeit. Dies wiederum hat Effekte in jenen Regionen, in denen sich die Migranten niederlassen, ob es sich um die erste Vorhut des Homo sapiens handelte, um die Hyksos, die sich im alten Ägypten behaupteten, oder jene europäischen Abenteurer, die in den Weiten Amerikas ihr Glück suchten.

Neuankömmlinge bewirken, sehr allgemein formuliert, Veränderung in jenen Gebieten, in denen sie Fuß fassen. Dazu kann demografischer Wandel (aufgrund besonders am Anfang höherer Reproduktionsraten) ebenso zählen wie technologischer infolge des Imports bestimmter Innovationen und Fertigkeiten oder schlicht aufgrund höheren Tatendrangs. Ob das gut oder schlecht ist, ob solche Entwicklungen die bereits ortsansässigen Menschen benachteiligen, speziell die sozial weniger privilegierten, mag man umfänglich diskutieren – in jedem Fall ist ein solcher Verlauf vielfach signifikant für das Phänomen Migration.


Und vor allem: Wohin werden all die Menschen flüchten, denen Hochwässer, Dürren und Wetterextreme die Existenz rauben?

Ebenfalls keine Wertung, sondern eine Tatsachenfeststellung ist es, wenn Sozialforscher darauf verweisen, dass Einzelne durch umfangreiche Zuwanderung durchaus in Bedrängnis geraten, während insgesamt jedoch meist Impulse entstehen, die einer Bevölkerung oder einer Nation zu neuem Schwung verhelfen. So kann Migration gleichsam frischen Wind in starre, ermattete, überbürokratisierte oder allzu selbstzufriedene Gesellschaften bringen und, wie es Demograf Livi Bacchi formuliert, einen „bedeutenden Beitrag zur Erneuerung“ von Populationen leisten.

Ob man dieser Argumentation zustimmt oder Migrantenströme doch eher als Bedrohung gewachsener Gefüge wahrnimmt, ist aber ohnehin fast einerlei. Denn alles deutet darauf hin, dass uns die wirklich großen Fluchtbewegungen noch bevorstehen – und dass im Vergleich dazu jene Trecks, die derzeit nach Europa ziehen, geradezu vernachlässigbar erscheinen. Zum einen ist längst eine Art stille, aber enorme Migration im Gange, die bis Ende dieses Jahrhunderts manchen Prognosen zufolge mehr als zwei Milliarden Menschen erfassen könnte: eine Verschiebung der Lebensräume in die globalen Großstädte, verbunden mit nachhaltigen Einschnitten in urbane und soziale Strukturen sowie reichlich Konfliktstoff. Der kanadisch-britische Journalist Doug Saunders beschrieb ausführlich, welch „monumentale Auseinandersetzungen“ mit diesem globalen Trend einhergehen könnten.

Zum anderen wird der Klimawandel die Menschen aus ihren Wohngebieten vertreiben; Schätzungen gehen von 200 Millionen „Umweltflüchtlingen“ bis zum Jahr 2050 aus. Vor einem „Asteroideneinschlag in Superzeitlupe“ warnten Wissenschafter bei der eben zu Ende gegangenen Klimakonferenz. Wir werden dann mit Migrantenwellen konfrontiert sein, für die es noch nicht einmal ein formales Regelwerk gibt. Haben Menschen, denen das Wasser buchstäblich bis zum Hals steht, ein Anrecht auf Asyl? Vorerst offenbar nein, wie jüngst ein Gericht in Neuseeland entschied, an das sich Inselbewohner gewandt hatten, deren Heimat sukzessive im Meer versinkt. Was aber sollen etwa die Bürger jener indischen Sechs-Millionen-Stadt auf lange Sicht tun, die kürzlich großräumig überflutet wurde? Werden angesichts dieser absehbaren Entwicklungen herkömmliche Kategorien wie Wirtschafts- oder politische Flüchtlinge nicht überhaupt sinnlos und untauglich? Massimo Livi Bacchi plädiert aus Gründen der Realitätskompatibilität dafür, Migration als „ein Instrument zur Verbesserung der Lebensumstände“ zu definieren.

Und vor allem: Wohin werden all die Menschen flüchten, denen Hochwässer, Dürren und Wetterextreme die Existenz rauben? Wenn man sich vor Augen hält, dass Europa in einem vergleichsweise gemäßigten Klima verbleibt und die Bevölkerung bis zur Jahrhundertmitte voraussichtlich auf knapp mehr als 700 Millionen Europäer sinken wird, fällt ein heißer Tipp nicht schwer.
Fragt sich nur, ob hellsichtige Politiker dann wieder behaupten werden, von einer völlig unerwartbaren Entwicklung überrascht worden zu sein.