Esoterischer Unfug mit der Welt der Quanten

Frijtof Capras Quanten-esoterischer Bestseller "Das Tao der Physik"

Frijtof Capras Quanten-esoterischer Bestseller "Das Tao der Physik"

Ob Engelheilung, Astrologie oder Alternativmedizin: Die Welt der kleinsten Teilchen muss immer öfter als Scheinbegründung für esoterischen Unfug herhalten. Der Physiker Florian Aigner fragt: Was können die armen Quanten dafür?

Sie wollen mit den Seelen Verstorbener kommunizieren? Sie möchten Ihr Horoskop harmonisch ausbalancieren lassen? Sie haben das Gefühl, das Kronen-Chakra Ihrer Katze könnte ein bisschen mehr Energie vertragen?

Kein Problem: Das Geschäft mit der Esoterik ist zu einem milliardenschweren Industriezweig geworden. Selbst die absurdesten Angebote finden zahlungswillige Käufer. Wenn man wissen möchte, wie die geheimnisvolle Wirkung dieser segensreichen Errungenschaften zu erklären sei, bekommt man oft eine erstaunliche Antwort: Das hat irgendwie mit Quantenphysik zu tun.

Okay, dann muss es ja funktionieren.

Es ist paradox: Esoteriker, deren Geschäftsmodell darauf fußt, die Erkenntnisse der Naturwissenschaft zu ignorieren, berufen sich auf eine naturwissenschaftliche Theorie. Es ist, als würden Atheisten in der Bibel nach Bestätigung ihrer weltanschaulichen Thesen suchen. Oder als würde just ein Vegetarierverein mit Gratisschnitzelsemmeln Mitglieder anwerben wollen.

Quantenphysik ist erstaunlich populär. Sie ist gewissermaßen der Pandabär unter den wissenschaftlichen Theorien. Während andere Bereiche der Naturwissenschaft als langweilig gelten, technokratisch, starr und kalt, umhüllt die Quantentheorie offenbar eine Aura des Lebendigen, Warmen und Mystischen. Dabei ist die Quantenphysik eine naturwissenschaftliche Theorie wie jede andere auch: Sie ist in der Sprache der Mathematik verfasst, liefert klare Vorhersagen, lässt sich im Experiment überprüfen. In der Quantenphysik verwendet man mathematische Formeln, und am Ende kommt eine Zahl heraus.

"Quantum Engel Heilung“

Mit anstrengenden Zahlen und Formeln hat die Quantenesoterik freilich nichts zu tun. Stattdessen geht es um Gesundheit, Spiritualität und Lebensberatung. So erfahren wir zum Beispiel: "Quantum Engel Heilung“ sei eine neuartige "Energiemedizin“, die unter "direkter Anleitung der Engel“ entwickelt wurde. Als "Quanten-Astrologie“ wird eine Gesprächstechnik bezeichnet, bei der "Blockaden im Horoskop des Klienten“ aufgespürt und "energetische Unausgewogenheiten ausbalanciert“ werden. Man kann "Quantenkraftsteine“ kaufen, um sich gegen Elektrosmog zu wappnen - nebenbei schützen sie auch vor Neutrinos aus der Sonne, vor Herzproblemen und Burn-out.

Besonders beliebt ist momentan die "Quantenmedizin“, ein buntes Feld von unterschiedlichen alternativen Heilmethoden. Manchmal werden den Patienten ehrfurchtgebietende Apparate vorgesetzt - sie wirken angeblich mit geheimnisvollem Licht, speziellen Magnetfeldern oder auch mit mysteriösen Tachyonen. Das sind hypothetische Teilchen, die bis heute nur theoretisch in bestimmten spekulativen physikalischen Theorien vorkommen. Gemessen wurden sie noch nie, doch die Esoterikbranche lässt sich von solchen Nebensächlichkeiten kaum irritieren.

Oft sind quantenmedizinische Behandlungen allerdings auch eher unspektakulär: Geheilt wird gerne mit sanften Berührungen. Es handelt sich somit einfach um eine modernisierte, vermeintlich wissenschaftlich verbrämte Version des Handauflegens, das man von religiösen Wunderheilern aller Epochen kennt. Was das mit Quanten zu tun haben soll, ist schwer erkennbar. Oft beschränkt sich der Zusammenhang auf die Behauptung, bei der Behandlung würden obskure quantenphysikalische "Informationen“ übertragen. Eine Wirkung solcher Verfahren ist aus wissenschaftlicher Sicht nicht zu erwarten - im besten Fall kann man mit einem Placeboeffekt rechnen, im schlechtesten Fall verschwenden Patienten Zeit und Geld mit nutzlosen Therapien, während sie sich dringend einer echten medizinischen Behandlung unterziehen sollten.

Doch wie kam es, dass sich die Quantenphysik zur Lieblingswissenschaft der Esoterik entwickelte? Dass gerade die Quantenphysik gerne als ungewöhnlich und mystisch dargestellt wird, ist kein Zufall. Tatsächlich liefert sie manchmal Ergebnisse, die wir mit unserem Alltagsverstand kaum begreifen können. Sie konfrontiert uns mit Phänomenen, die höchst merkwürdig oder sogar verrückt erscheinen.

Entgegen der Alltagsintuition

Nach den Regeln der Quantentheorie sind Teilchen nicht einfach winzige Kügelchen, die sich zu jedem Zeitpunkt an einem bestimmten Ort befinden. Sie können sich vielmehr an verschiedenen Positionen gleichzeitig aufhalten. In unserem Alltag bemerken wir von solchen Effekten nichts, doch in der Welt der kleinsten Teilchen sind sie ganz normal. Und wenn die Gesetze der Quanten nicht so recht zu unserer Alltagsintuition passen, dann liegt das an unserer Alltagsintuition. Die Quantenphysik kann nichts dafür.

Selbst die größten Genies der Physik hatten mit der Quantenphysik ihre Not. Albert Einstein wunderte sich sehr über das Phänomen der Quantenverschränkung: Zwei Quantenteilchen können quantenphysikalisch so miteinander verbunden sein, dass eine Messung an einem Teilchen augenblicklich auch den Zustand des anderen Teilchens verändert. Das hielt Einstein für absurd und unmöglich, daher sprach er spöttisch von einer "spukhaften Fernwirkung“. Doch wie man in zahlreichen Experimenten zeigen konnte, durchgeführt unter anderem vom österreichischen Physiker Anton Zeilinger und seinem französischen Kollegen Alain Aspect, ist die Quantenverschränkung alles andere als spukhaft. Es gibt sie tatsächlich, man kann sie berechnen, messen und gezielt für neue technische Anwendungen nutzen. Nur weil ein Phänomen mit unserem Alltagsverstand schwer vereinbar ist, muss es noch lange nicht unwissenschaftlich oder gar mystisch sein.

Populär wurde die Verknüpfung von Quantenphysik und Mystik in den 1970er- und 1980er-Jahren, in der Blütezeit der New-Age-Bewegung. Damals, als verwirrende Theorien über holistische Spiritualität, alternative Heilmethoden und das herannahende Zeitalter des Wassermanns gezimmert wurden, erschien manchen Leuten die verwirrende Quantenphysik als willkommener Verbündeter - auch wenn die Quantenphysik damals weder neu noch revolutionär war, sondern bereits seit Jahrzehnten zum etablierten naturwissenschaftlichen Weltbild gehörte.

Der britische Biologe Rupert Sheldrake präsentierte seine Ideen über "morphogenetische Felder“, die uns angeblich auf mysteriöse Weise verbinden und uns "außersinnliche Fähigkeiten“ verleihen. Die genaue Funktionsweise dieser "Felder“ konnte Sheldrake nicht erklären, aber auch er berief sich auf die Quantenphysik. Wie schon die Beatles einige Jahre zuvor hatte er sich in Indien mit transzendentaler Meditation beschäftigt. Danach versuchte er, die östliche Philosophie in die westliche Wissenschaft einzubauen, allerdings mit mäßigem Erfolg. Seine absonderlichen Experimente, mit denen er zeigen wollte, dass Haustiere die Ankunft ihrer menschlichen Besitzer auf übersinnliche Weise erahnen können, wurden wissenschaftlich nie anerkannt.

Ein anderer Superstar der Quantenesoterik ist Fritjof Capra. Er stammt aus Österreich, studierte Physik an der Universität Wien und schlug dann eine internationale Forscherkarriere ein. Berühmt wurde er allerdings nicht durch seine Beiträge zur Teilchenphysik, sondern durch Bestseller wie "Das Tao der Physik“, in dem er tiefe Zusammenhänge zwischen taoistischer Mystik und Quantentheorie nachzuweisen versuchte. Einige der Grundgedanken Capras werden bis heute von Quantenesoterikern unablässig vorgebracht: Die Quantenphysik soll angeblich zeigen, dass unser Bewusstsein einen direkten Einfluss auf die Welt hat, dass geistige Kräfte auf unbelebte Materie einwirken können, dass Spiritualität und Kosmos eine Einheit bilden. Doch dahinter steckt ein ganz banaler Irrtum.

Besondere Rolle der Beobachtung

Dass in der Quantenphysik das Beobachten und Messen eine besondere Rolle spielt, ist tatsächlich wahr. Jede Messung kann zwangsläufig den Zustand eines Quantenteilchens verändern. Das ist in anderen Bereichen der Physik nicht unbedingt so: Ob wir einen Asteroiden draußen im Weltall gerade beobachten und vermessen, ändert nichts an seiner Bahn. Ein Quantenteilchen hingegen wird von der Messung stark verändert. Solange es unbeobachtet ist, kann es eine Kombination unterschiedlicher Zustände einnehmen. So kann ein radioaktives Atom gleichzeitig zerfallen und ganz sein, solange es vom Rest der Welt isoliert ist. Erst bei der Messung trifft die Natur eine Entscheidung: Der Zustand des Atoms wird entweder auf "ganz“ oder "zerfallen“ festgelegt. Insofern spielt die Beobachtung in der Quantenphysik wirklich eine ganz besondere, durchaus verwirrende und auf den ersten Blick erstaunliche Rolle.

Das heißt aber keineswegs, dass dadurch dem Beobachter selbst oder gar seinem Bewusstsein eine spezielle Bedeutung zukäme. Es ist nämlich völlig egal, ob es sich um einen bewussten Beobachter handelt oder nicht. Die Messung kann von einem denkenden Menschen durchgeführt werden, von einer altersschwachen Tiefseequalle oder von einem mechanischen Apparat. Sobald ein Quantensystem mit dem Rest der Welt in Kontakt kommt, handelt es sich um eine Messung. Mit dem menschlichen Bewusstsein hat das nichts zu tun.

Aber auch wenn die Vorstellung vom geheimnisvollen Quantenbewusstsein falsch ist, bleibt sie populär. Der Gedanke fühlt sich einfach gut an: Die Quantenphysik ist seltsam und schwer verständlich. Unser Bewusstsein ist auch seltsam und schwer verständlich. Müssen diese beiden Mysterien dann nicht einfach etwas miteinander zu tun haben?

Logisch betrachtet ist das natürlich genauso unsinnig wie die Behauptung, der Saturn sei für Hochzeiten verantwortlich, weil er so viele Ringe hat. Man findet eine Gemeinsamkeit und leitet daraus einen Zusammenhang ab, ohne logische Brücke dazwischen. Diese Argumentationsstrategie lässt sich in der Quantenesoterik oft beobachten: Der Guru spricht von Schwingungen, und auch in der Quantenphysik kommen Schwingungen vor - also muss doch beides zusammengehören! Wir fühlen uns anderen Menschen verbunden, und auch Teilchen können quantenphysikalisch miteinander verbunden sein. Hurra, ein Zusammenhang!

Es ist, als würde man erklären wollen, wie ein Auto funktioniert, und sagen: "Da drehen sich die Räder, und im Atom dreht sich das Elektron um den Atomkern. Daher fährt das Auto.“ So funktioniert Wissenschaft aber nicht. Wissenschaft lebt nicht von Gleichnissen, sondern von logischen Schlüssen, von klaren, zwingenden Begründungen. Und die sucht man in der Quantenesoterik vergeblich.

Doch es liegt wohl in der Natur des Menschen, lieber blumige Vergleiche zu hören, als sich mit präzisen Formeln herumzuschlagen. Und so wird das wissenschaftliche Quantenlehrbuch auf den Bestsellerlisten wohl auch in Zukunft den Quantenheilungsratgeber nicht überholen.

Physiker als Quantenphilosophen

Eine gewisse Mitschuld an der Mystifizierung der Quanten tragen allerdings auch manch ernsthafte Physiker, die eines Tages das sichere Terrain der Naturwissenschaft verließen und auf das wackelige Gerüst der Quantenphilosophie stiegen - was ihnen zwar kaum Sympathie der Kollegen, dafür aber gute Chancen auf Fernsehauftritte einbringt.

Der deutsche Kernphysiker Hans-Peter Dürr beispielsweise wurde mit recht esoterisch anmutenden Aussagen bekannt: Es gebe gar keine Materie, unser Leben sei von einem größeren "Jenseits“ umfangen, in dem nach dem Tod unsere "geistigen Quantenfelder“ weiterleben. Der britische Physiker Brian Josephson, der als 23-jähriger Doktorand einen Supraleitereffekt entdeckte, für den er später den Physiknobelpreis bekam, fiel in späteren Jahren weniger durch wissenschaftliche Forschung auf, sondern vielmehr durch reichlich merkwürdige Aussagen über paranormale Phänomene und Homöopathie.

Mainstream sind solche Verknüpfungen von Physik und Philosophie aber keineswegs. Insgesamt hat sich in der Wissenschaft ein sehr pragmatischer Umgang mit den merkwürdigen Eigenschaften der Quantenphysik durchgesetzt: Wem in der Quantenphysik etwas seltsam vorkommt, der muss sich eben daran gewöhnen. Nicht wundern - rechnen. "Shut up and calculate!“ - Dieser Zugang erweist sich als bemerkenswert nützlich. Sich Gedanken über die philosophische Bedeutung der Quantenphysik zu machen, mag trotzdem spannend sein. Aber man verlässt damit das Gebiet der Naturwissenschaft und liefert womöglich merkwürdigen Esoterikern scheinbar wissenschaftliche Munition.

Der österreichische Quantenphysiker Wolfgang Kummer, der in den 1980er-Jahren Präsident des Council des CERN war, warnte seine Studierenden in seinen Vorlesungen eindringlich vor einem solchen Schicksal: "Manche Physiker werden alt und meinen, ein Buch über die philosophische Bedeutung der Quantentheorie schreiben zu müssen“, sagte Kummer: "Und bei manchen Leuten setzt diese Vergreisung bereits schockierend früh ein.“

Die Quantenphysik spielt eine skurrile Doppelrolle: Einerseits ist sie Basis unserer technisierten Welt, hat uns Mikroelektronik, Laser und Solarzellen beschert und uns einen völlig neuen Einblick in die tiefen Gesetze der Natur ermöglicht. Andererseits wird sie als Verkaufsargument missbraucht, um nutzlose Ideen aus vorwissenschaftlichen Zeitaltern zu bewerben. Doch eine Theorie, in der Teilchen gleichzeitig auch Wellen sind und in der Atome zerfallen und gleichzeitig ganz bleiben können, wird auch diese skurrile Doppelrolle überstehen.