Geschlechterforschung: Sind Männer und Frauen wirklich so verschieden?

Sind Männer sexbesessener? Können Frauen tatsächlich schlechter einparken? Die Forschung über Geschlechterunterschiede boomt. Doch je eher Studien gängigen Klischees entsprechen, desto skeptischer sollte man sein: Auch in der Wissenschaft sind Vorurteile weit verbreitet.

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Campus der Florida State University, 1978. Eine junge Frau ist auf Aufriss. Sie fixiert einen Studenten, der allein auf einer weißen Parkbank sitzt, und spricht ihn an. "Ich habe dich schon öfter auf dem Campus gesehen. Ich finde dich sehr attraktiv. Würdest du heute Abend mit mir schlafen?" Er antwortet: "Warum müssen wir bis heute Abend warten?"

Derselbe Campus, derselbe Tag, drei Stunden später . Ein junger Mann streift durch die von roten Ziegelbauten umsäumten Rasenflächen, bis ihm eine einsame Studentin ins Auge fällt. Er macht ihr dasselbe Angebot. "Was ist los mit dir? Lass mich in Ruhe!", herrscht sie ihn an.

Im Rahmen eines psychologischen Experiments bekamen 48 Frauen und 48 Männer entweder dieses eindeutige Angebot, eine Einladung nach Hause oder in ein Restaurant. Keine einzige der Studentinnen akzeptierte den Vorschlag zum Sex oder zum Gang in eine fremde Wohnung. Auf ein gemeinsames Abendessen im Gasthaus hätte sich die Hälfte der Frauen eingelassen. Die meisten Studenten hingegen waren freudig überrascht: 70 Prozent von ihnen hätten die Fragende nach Hause begleitet oder mit ihr geschlafen; ein normales Date wollte nur die Hälfte der Männer. Dieses Experiment der Psychologen Elaine Hatfield und Russell Clark, die es 1982 mit demselben Ergebnis wiederholten, wurde zum Klassiker der Psychologie. Jahrzehntelang galt es als ein Beleg dafür, dass Männer von Natur aus polygam seien, Frauen keusch und weniger an Sex interessiert.

Sex im Labor

Dieser Befund blieb aufrecht, bis Andreas Baranowski und Heiko Hecht von der Gutenberg Universität Mainz die Studie 2013 wiederholten - unter etwas anderen Bedingungen. Sie schickten ebenfalls Lockvögel aus: auf dem Mainzer Campus, in einer Bar und im Labor. Die Ergebnisse draußen und im Lokal unterschieden sich kaum von jenen in Florida. Wirklich spannend wurde es hingegen im Labor: Die Probanden glaubten, an der Studie eines Dating-Portals teilzunehmen. Ihnen wurden Fotos von zehn Männern oder Frauen vorgelegt, die angeblich zugestimmt hatten, sie zu treffen oder mit ihnen zu schlafen. Den Probanden wurde zugesichert, dass das Date in einer sicheren Umgebung stattfinden und die erste halbe Stunde von den Forschern aufgezeichnet werde. 100 Prozent der Teilnehmer wollten mit mindestens einer der vorgeschlagenen Frauen ein sexuelles Abenteuer - 97 Prozent der Teilnehmerinnen waren ebenfalls dazu bereit, zumindest mit einem der potenziellen Partner zu schlafen. "Der Unterschied zwischen den Geschlechtern ist signifikant kleiner in einer sicheren Umgebung, in der Frauen weder Gewalt noch soziales Stigma fürchten müssen", so das Fazit von Baranowski und Hecht.

Forschung über die Unterschiede der Geschlechter boomt. Psychologie, Neurologie, Biologie, Medizin und andere Disziplinen beschäftigen sich eingehend mit fundamentalen Fragen: Worin unterscheiden sich Männer und Frauen? Wie groß ist die Kluft zwischen den Geschlechtern tatsächlich? Wer formt die Gegensätze - Natur oder Gesellschaft? Die Ergebnisse werden öffentlichkeitswirksam publiziert und breit zitiert. Vor allem aber passen sie meist perfekt in das gängige Weltbild. Gerade dann gilt es, sie gründlich zu hinterfragen. "Wir müssen skeptisch sein. Die Studie, in der wir lesen, dass Männer besser einparken als Frauen, könnte mit anderen Probanden völlig konträr ausfallen", schreibt Angela Saini. Die britische Wissenschaftspublizistin nahm in ihrem bisher nur auf Englisch erschienenen Buch "Inferior" ("Unterlegen") führende Untersuchungen der Geschlechterforschung unter die Lupe und zeigte, dass manche von ihnen echter Nonsens sind.

Sogar die größten Genies unterlagen den Vorurteilen der Kultur, in der sie lebten. "Ich glaube bestimmt, dass Frauen, obwohl sie Männern moralisch überlegen sind, ihnen intellektuell unterlegen sind", schrieb Charles Darwin 1881. Sein Sexismus entsprach exakt dem viktorianischen Weltbild, das er auch über seine Evolutionstheorie stülpte. Die sexuelle Selektion habe Männer größer, stärker und schlauer gemacht, weil sie mit anderen Männern um die Gunst der Frauen buhlen müssten. Zeitgenossen Darwins waren es auch, die Frauen geringere geistige Fähigkeiten attestierten, weil ihre Gehirne kleiner sind. Auch wenn solche Aussagen heute völlig absurd klingen (die Größe des Gehirns hängt von der Körpergröße ab): Besonders in der Neurologie ist es immer noch Mode, nach Unterschieden zwischen Mann und Frau zu suchen.

Unterschiedliche Programmierung?

Sehr erfolgreich betrieb dies der britische Autismusforscher Simon Baron-Cohen. Seine Theorie: Gehirne werden bereits im Mutterleib durch das Hormon Testosteron entweder männlich oder weiblich programmiert. "Männer denken in Systemen, Frauen erfassen die Welt mithilfe der Empathie, also der Kunst, sich in andere hineinzuversetzen", behauptet Baron-Cohen. Extreme Testosteronwerte während der Schwangerschaft führten folglich zu Autismus, einer Entwicklungsstörung, die Probleme im sozialen Umgang hervorruft, aber auch mit großen mathematischen Begabungen einhergehen kann.

2000 vermeldete Baron-Cohen eine Sensation: Er habe mit einem Experiment bewiesen, dass bereits Neugeborene diese Geschlechterunterschiede zeigten. Dafür besuchte seine damalige Studentin Jennifer Connellan eine Geburtenstation und hielt den Babys zuerst ein Bild von sich vor, danach ein Mobile, ebenfalls mit ihrem Konterfei. Es kam wie erwartet: 40 Prozent der Buben bevorzugten das Mobile und nur 25 Prozent das Foto, während 36 Prozent der Mädchen das Foto länger betrachteten und nur 17 Prozent das Mobile. Der Großteil der Kinder zeigte freilich keine Präferenzen. Trotzdem waren die Ergebnisse signifikant genug, um in der Fachwelt Furore zu machen.

Während Simon Baron-Cohen an seiner inzwischen umstrittenen These festhält, besuchte die Journalistin Saini dessen frühere Assistentin Jennifer Connellan 15 Jahre nach den Babytests. Diese gab eklatante Fehler zu: Zwar hatte Connellan die Neugeborenen in einem neutralen Raum getestet, aber von vielen das Geschlecht gewusst. Sie hatte die Mütter zuvor selbst im Krankenzimmer um Erlaubnis fragen müssen, wo ihr rosa oder blaue Luftballons und Namenschilder nicht verborgen blieben. Das verstößt gegen jede gute wissenschaftliche Praxis, die verlangt, dass Studien immer blind durchgeführt werden. Der Forscher darf also selbst nicht wissen, zu welcher Gruppe seine Probanden gehören. Connellan könnte die Babys - bewusst oder unbewusst - beeinflusst oder deren Blicke fehlinterpretiert haben.

Mehrere nachfolgende Untersuchungen (mit besseren Studiendesigns) zeigten, dass Kleinkinder erst im Alter zwischen eins und zwei Präferenzen für Spielzeug entwickeln. Dass hohe Testosteronspiegel im Mutterleib zu Autismus führen, ist inzwischen ebenfalls widerlegt. Übereinstimmend mit der Mehrzahl aktueller Studien sagt Connellan heute: "Bei den meisten Kleinkindern gibt es fast keinen Geschlechterunterschied." Er wird zum Großteil anerzogen. Spätestens mit fünf Jahren wissen Kinder, was sich für Buben und Mädchen in der Gesellschaft, in der sie leben, angeblich gehört.

Komplexe Differenzen

Was ist mit den Erwachsenen? Sind Frauen tatsächlich besser im Multitasking als Männer, während diese sich besser auf eine Aufgabe konzentrieren können? Nein, sagt sogar Ruben Gur, Autor der Studie, dem dieses Ergebnis 2012 nachgesagt wurde. Dafür gebe es keinen Hinweis in seinen Daten, und er wisse nicht, wie es diese Aussage damals in die Presseaussendung der Universität Pennsylvania geschafft habe. Trotzdem ist die Botschaft bei vielen Menschen hängen geblieben, ebenso wie seine Behauptung, Frauen hätten mehr Verbindungen zwischen den beiden Gehirnhälften, Männer dafür mehr innerhalb jeder Gehirnhälfte. Diese anatomischen Unterschiede hätten zur Folge, dass Frauen bessere soziale Fähigkeiten und Männer ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen haben, so Ruben Gur.

Jüngere Studien widersprechen seiner These. Denn sie basiert, wie viele neurowissenschaftliche Studien in diesem Bereich, auf wenig statistischer Substanz. Lise Eliot von der Franklin University of Medicine and Science in Chicago hat die Ergebnisse von 76 Untersuchungen mit insgesamt 6000 Menschen analysiert. Eliots Fazit: "Je größer die Datensätze von männlichen und weiblichen Gehirnen, desto eher verschwinden die Unterschiede zwischen den Geschlechtern."

Und doch gibt es sie. Aber die Differenzen sind komplexer als gedacht, und die Grenze verläuft nicht immer zwischen Mann und Frau, sondern oftmals zwischen Individuum und Individuum. Das Gehirn ist extrem flexibel, passt sich Lebensbedingungen, Erfahrungen und Gewohnheiten an. Londoner Taxifahrer zum Beispiel müssen das Straßennetz der Stadt für die Einstiegsprüfung auswendig lernen und haben dadurch einen größeren Hippocampus, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, als der Durchschnitt der Bevölkerung, egal, ob Lenkerin oder Lenker.

Auch wenn er inzwischen widerlegt ist - der Fokus auf konträr funktionierende Männer- und Frauengehirne wirkt immer noch nach. Ein Experiment der Psychologin Corinne Moss-Racusin von der Yale University zeigt, was viele im Alltag erleben. Sie schickte 127 Biologen, Chemikern und Physikern von sechs Universitäten in den USA ein Bewerbungsschreiben für eine Stelle als Labormanager. Die Bewerbungen waren ident, allerdings war eine Hälfte mit einem Frauen-, die andere Hälfte mit einem Männernamen unterschrieben. Moss-Racusin bat die Wissenschafter anschließend, die Kompetenz der Bewerber zu beurteilen. Sie schätzten die Bewerberinnen zwar sympathischer, aber signifikant weniger kompetent ein, wollten sie seltener einstellen sowie ihr Mentor sein und boten ihnen ein geringeres Gehalt (26.500 Dollar pro Jahr der Frau, 30.200 dem Mann). Dabei war es egal, ob weibliche oder männliche Professoren die Bewerber beurteilten - bei beiden schnitten die Männer deutlich besser ab.

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Franziska   Dzugan

Franziska Dzugan

schreibt für das Wissenschaftsressort und ist Moderatorin von tauwetter, dem profil-Podcast zur Klimakrise.