Hepatitis C: Ein neues Medikament kann die oft tödliche Krankheit heilen

Hepatitis C: Ein neues Medikament kann die oft tödliche Krankheit heilen

Ein neues Medikament kann die oft tödliche Hepatitis C innerhalb weniger Wochen heilen. Würde man alle österreichischen Patienten mit der teuren Arznei behandeln, wäre das der Bankrott der Krankenkassen.

Das Ding ist gerade 45 millionstel Millimeter groß. In Europa tötet es jährlich 90.000 Menschen, elf Mal so viele wie AIDS. Wissenschafter nennen es Hepatitis-C-Virus aus der Familie der Flaviviridae. 80 Prozent der damit Infizierten werden die Krankheit nie mehr los, 20 Prozent entwickeln Leberzirrhose, bis zu vier Prozent Leberkrebs.

Hepatitis C ist ein Massenleiden: Weltweit sind 180 Millionen Menschen davon betroffen. In Österreich gibt es rund 80.000 Infizierte, manifest wurde die Erkrankung bei 30.000.

Für sie gibt es sensationelle Neuigkeiten: Mit einer neuen Kombinationstherapie von zwei Medikamenten sind sie ihre Krankheit mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent in spätestens zwölf Wochen los - und das praktisch ohne Nebenwirkungen. Den nächsten Frühling würden sie schon virusfrei erleben.

Es gibt allerdings ein Problem: Eine Behandlung beläuft sich derzeit auf rund 120.000 Euro. Multipliziert mit den 30.000 Erkrankten, wären das 3,6 Milliarden - die Ausgaben der österreichischen Krankenkassen für Medikamente würden sich mehr als verdoppeln.

"Damit entsteht ein ethisches Problem von einer Dimension, mit der die Kassen bisher noch nie konfrontiert waren", meint Professor Peter Ferenci von der Wiener Universitätsklinik, Österreichs führender Hepatitis-Spezialist: "Natürlich wäre es sinnvoll, alle Erkrankten sofort mit den neuen Medikamenten zu behandeln, aber das geht nicht."

Hepatitis C ist eine langsam verlaufende Erkrankung, der Zustand der Leber verschlechtert sich in kleinen Schritten. Es gibt sieben Erkrankungsstadien: vier Stufen der Leberfibrose und drei darauf folgende der irreversiblen Leberzirrhose. Dann entwickelt sich in nicht wenigen Fällen ein Leberkarzinom.

Der Hauptverband der Sozialversicherungsträger hat sich bereit erklärt, die teure Arznei ab den Fibrosestufen drei und vier zu bezahlen. "Das ist im internationalen Vergleich sehr großzügig", sagt Professor Ferenci. In nur fünf europäischen Staaten springen die Kassen wenigstens bei den Schwerkranken ein. Dennoch ist es für Hepatitis-C-Patienten mit beginnendem Leberschaden unerträglich, wenn ihnen der Arzt mitteilt, ihre Leber müsse noch deutlich mehr von dem Virus zerstört werden, bevor sie die heilenden Medikamente bekommen.

Einer der Betroffenen ist Klaus P., 68.

"Es ist schwer zu ertragen"
Er wurde als Student in den 1970er-Jahren infiziert, als er wie viele andere gegen ein kleines Zubrot regelmäßig Blutplasma spendete. Das Virus wurde erst 1990 während eines Krankenhausaufenthalts in seinem Körper entdeckt. Seither muss der Selbstständige viermal jährlich zur Blutkontrolle. Seine Leberwerte sind inzwischen sehr schlecht, obwohl er Diät hält und keinen Alkohol trinkt. Aber noch ist seine Leber nicht sichtbar geschädigt, die neuen Medikamente bekommt er nicht bezahlt. "Du lebst ständig mit einem Damoklesschwert über dir", sagt Klaus P.: "Es ist schwer zu ertragen."

Damit will sich Angelika Widhalm von der Hepatitis Hilfe Österreich (HHÖ) nicht abfinden. Ihre Organisation (www.gesundeleber.at) kämpft für eine umfassende Behandlung aller Erkrankten mit der besten Medizin und hat mit dem "Millionenshow"-Moderator Armin Assinger einen prominenten Unterstützer gefunden, der auch ein Plakat der HHÖ ziert. Um zwei Prozentpunkte müssten die Kassenbeiträge erhöht werden, um allen Erkrankten die neue Therapie zu ermöglichen, hat Angelika Widhalm errechnet: "Die neue Medizin gegen Hepatitis C ist schließlich mit der Erfindung des Penicillins vergleichbar."

Die 60-Jährige weiß, wovon sie spricht. Vor rund 30 Jahren wurde sie durch eine Blutkonserve nach einer Operation mit dem Hepatitis-C-Virus infiziert. Im Lauf der Jahre verschlechterte sich ihr Zustand drastisch. 2008 wurde Angelika Widhalm - sie litt inzwischen an einer Leberzirrhose im letzten Stadium - eine neue Leber implantiert. Allerdings "hält" ein solches Transplantat nur fünf bis zehn Jahre, dann haben es die ja im Blut verbleibenden Hepatitis-C-Erreger wieder zerfressen.

Frau Widhalm wurde daher mit der bisher gängigen Kombinationstherapie
- Interferon, Ribavirin und ein Proteasehemmer - behandelt. Die Nebenwirkungen waren entsetzlich: "Sie müssen sich eine schwere Krebs-Chemotherapie vorstellen - und das länger als ein Jahr." Viele Patienten brechen die unerträgliche, ohnehin nur bei etwa der Hälfte wirksame Therapie ab. Einige starben daran.

Derzeit wird die HHÖ-Gründerin mit den neuen Medikamenten kostenfrei behandelt; der Herstellerkonzern will testen, ob die neuen Mittel auch bei Transplantationspatienten wirken.

Frau Widhalm geht es derzeit so gut, dass sie sich wieder auf ihre Arbeit in der Selbsthilfegruppe konzentrieren kann. Dabei sind ihr nicht nur die medizinischen Fragen ein Anliegen: "Mir ist wichtig, dass der Öffentlichkeit klar wird, dass Hepatitis C jeden treffen kann."

Erkrankten droht soziale Ausgrenzung
Die Krankheit gilt bis heute oft als eine Art Sühne für sexuell Überaktive oder Drogensüchtige. Dabei wird Hepatitis C praktisch nie durch sexuelle Aktivitäten und auch nur zum Teil durch verunreinigte Spritzen im Fixer-Milieu übertragen. Infektionsquellen sind auch nicht ordnungsgemäß gereinigte Instrumente bei Zahnärzten, in Manikür-und Pedikürsalons, bei Tätowierern und in Piercing-Studios. Blutkonserven sind nach strengen, 1992 erlassenen Richtlinien heute sicher. Bei 40 Prozent der Infizierten kann die Quelle nicht mehr nachgewiesen werden.

Wer das Virus in sich trägt. hat meist mit sozialer Ausgrenzung zu kämpfen. Die bisher gebräuchlichen, nebenwirkungsreichen Therapien machen das Ausüben eines Berufs praktisch unmöglich. Die Erkrankten finden nach meist einjährigem Krankenstand nur schwer in ihren Job zurück. 60 Prozent der an Hepatitis C Erkrankten leiden auch an Depressionen. HHÖ-Chefin Widhalm: "Diese volkswirtschaftlichen Kosten und jene für die 130 Lebertransplantationen pro Jahr muss man auch einkalkulieren, wenn man von den neuen Medikamenten spricht."

Das neue "Wundermittel" Sofosbuvir (Markenname "Sovaldi"), das mit einem anderen heuer entwickelten Präparat namens Simeprevir kombiniert werden muss, wurde erst im Dezember 2013 von der US-Arzneimittelbehörde freigegeben und im Jänner 2014 auch in Europa zugelassen. Entwickelt hat es das kanadische Biotech-Unternehmen Pharmasset, das 2011 von dem US-amerikanischen Konzern Gilead Sciences um elf Milliarden Dollar übernommen wurde.

Der Pharmariese Gilead mit Sitz in Kalifornien hatte schon öfter Schlagzeilen gemacht, weil sich von Beginn an prominente Politiker der Republikanischen Partei, wie etwa Ronald Reagans Außenminister George Shultz, unter den Großaktionären befanden. Ein gewaltiges Gilead-Aktienpaket hält Donald Rumsfeld, der 1997 auch das Amt des Aufsichtsratspräsidenten übernahm. Damals waren seine Aktien 25 Millionen Dollar wert. Als er 2001 als Verteidigungsminister in die Regierung von George W. Bush eintrat, legte er seinen Chairman-Posten zurück.

Aufregung gab es, als Rumsfeld 2005 wegen der angeblich drohenden Vogelgrippe 200.000 Rationen des Mittels Tamiflu für die Soldaten im Irak orderte. Tamiflu-Vertreiber: Gilead Sciences, deren Aktienkurs im Gefolge der Vogelgrippe-Hysterie einen Höhenflug erfuhr.

Seit das neue Hepatitis-C-Medikament auf dem Markt ist, also seit dem heurigen Frühjahr, hat sich der Aktienwert von Gilead Sciences praktisch verdoppelt.

Im Hauptverband der Sozialversicherungsträger, der darüber entscheidet, welche Medikamente von den Kassen bezahlt werden, beobachtet man die Geschäftsgebarung des kalifornischen Pharmariesen jedenfalls genau. So hat Vize-Generaldirektor Josef Probst die jüngsten Geschäftszahlen von Gilead sofort parat: "Bei einem Umsatz von 7,5 Milliarden Dollar im zweiten Quartal 2014 haben sie 3,4 Milliarden Rendite gemacht. Wie es aussieht, wollen sie ihre Investitionen innerhalb eines Jahres zurückverdienen."

"Preis reflektiert den ökonomischen und volksgesundheitlichen Wert"
Österreichs Hepatitis-Top-Experte Peter Ferenci hat recherchiert, dass sich die Produktionskosten von Sobosbuvir für eine dreimonatige Kur - sie wird um mehr als 100.000 Euro angeboten - auf etwa 200 Euro belaufen, wobei der Mediziner durchaus zugesteht, dass die forschungsintensive Pharma-Industrie die gewaltigen Overhead-Kosten in den Preis einkalkuliert; dies müsse jedoch transparenter als derzeit geschehen.

Gilead Sciences selbst rechtfertigt die hohen Kosten der Hepatitis-C-Arznei auf ihrer Website so: "Der Preis reflektiert den signifikanten klinischen, ökonomischen und volksgesundheitlichen Wert für die Patienten, ihre Familien und für die Gesundheitssysteme."

Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser (SPÖ) wurde mit der ethisch äußerst heiklen Materie gleich nach Amtsübernahme konfrontiert. Wie der Hauptverband der Sozialversicherungsträger rät auch sie dazu, das neue Medikament selektiv einzusetzen. Vor finanziellen Entscheidungen von großer Tragweite müsse erst einmal abgewartet werden, ob das Mittel für alle sechs Genotypen der Hepatitis C gleichermaßen einsetzbar sei und ob es tatsächlich keine Nebenwirkungen gibt. Der Pharmaindustrie traut sie nur bedingt: "Bei der FSME-Impfung hat man auch behauptet, alle zwei oder drei Jahre sei eine Auffrischung nötig. Inzwischen sind wir schon bei zehn Jahren." Die Preisgestaltung für die neue Hepatitis-C-Arznei hält die Ministerin für "unanständig. Das ist eine globale Erpressung durch ein Pharmaunternehmen. So werden Gesundheitssysteme an den Rand des Zusammenbruchs getrieben."

Die Kassen zahlen derzeit für rund 3800 zugelassene Medikamente, für weitere 780 bedarf es einer gesonderten Bewilligung; sie sind "Chefarzt-pflichtig". Noch strengeren Kriterien unterliegen superteure Arzneien wie eben Sovaldi.

Dabei ist das Hepatitis-Mittel gar nicht das teuerste Medikament: Ein von den Kassen bezahlter Enzymersatz für eine seltene Stoffwechselerkrankung kostet etwa 4000 Euro monatlich und muss lebenslang verabreicht werden. Es gibt allerdings nur wenige Patienten, die an dieser Krankheit leiden.

Professor Markus Müller, Vorstand der Universitätsklinik für klinische Pharmakologie am Wiener AKH, erinnert sich an andere Beispiele von zu extrem hohen Preisen angebotenen Medikamenten: "Als vor 15 Jahren die ACE-Hemmer gegen Bluthochdruck auf den Markt kamen, dachte man auch, das werde sich die Gesellschaft nie leisten können. Inzwischen sind sie ein Standardmedikament." Dies deshalb, weil die Konkurrenz in der Regel rasch ähnliche Produkte zu einem niedrigeren Preis herausbringt: "Auch bei den Hepatitis-C-Medikamenten werden wir in zwei Jahren eine vernünftige Preissituation haben", glaubt der Pharmakologe.

Vielleicht auch schon früher: Vergangene Woche reichten Gilead Sciences in den USA eine Kombitablette namens Harvoni zur Zulassung ein. Nimmt man sie einmal täglich ein, soll Hepatitis C damit in zwölf Wochen bezwungen sein. Eine dreimonatige Kur wird dem Vernehmen nach in Europa um 66.000 Euro angeboten werden.

Das wäre immerhin nur der halbe Preis.

Infobox

Typen eines ­Massenleidens

Hepatitis A wird durch kontaminiertes Wasser oder per Schmierinfektion übertragen (Türgriffe, Wasserhähne, Toiletten etc.) und gilt als klassisches Urlaubsleiden, das sich in Übelkeit, leichtem Fieber und Gelenksschmerzen äußert. Die Krankheit verschwindet meist nach etwa zwei Wochen von selbst.

Hepatitis B ist eine Form der Leberentzündung, die in etwa fünf Prozent der Fälle chronisch wird. In den anderen Fällen heilt Hepatitis B von selbst ab. Übertragen werden die Viren durch Körperflüssigkeiten wie Blut, Speichel, Urin, Sperma, Vaginalsekret, aber auch Muttermilch. Die Symptome ähneln jenen der Hepatitis A. Weltweit sterben jährlich rund 600.000 Menschen an der Erkrankung. Gegen Hepatitis A und B sind Impfungen möglich.

Hepatitis C wird durch Bluttransfusionen, aber auch durch nicht ordnungsgemäß gereinigte Instrumente bei der Pediküre, beim Zahnarzt etc. übertragen. Sie wird in 80 Prozent der Fälle chronisch. 20 Prozent der Infizierten entwickeln­ ­eine Fibrose und danach eine Zirrhose der Leber, bei bis zu vier Prozent kommt es zu einem Leberkarzinom.