Andreas Sönnichsen

Andreas Sönnichsen

© MedUni Wien

Wissenschaft
12/16/2021

Kündigung für „Corona-Kritiker“ Andreas Sönnichsen

Die MedUni Wien stellt den Professor, der gegen Covid-Maßnahmen und die Impfung polemisiert, ab sofort dienstfrei.

von Alwin Schönberger

Die Wortmeldungen von Andreas Sönnichsen unterliegen einer erheblichen Schwankungsbreite. Manche sind abwägend und basieren auf der Interpretation wissenschaftlicher Studien. Sie mögen dem Konsens der Fachwelt zuwiderlaufen, doch es spräche wenig dagegen, zumindest darüber zu debattieren. Schließlich schadet es nie, Evidenz einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Andere Behauptungen Sönnichsens sind jedoch dermaßen fern aller Fakten, dass Wissenschaftern übel wird – und natürlich brachte er es besonders mit diesen Äußerungen zu einiger Prominenz und fand Gehör bei all jenen, die eine Pandemie generell für eine Zumutung halten. So meinte er kürzlich in einem Youtube-Video, das Infektionsgeschehen werde durch Geimpfte angeheizt, die Impfung biete keinen Vorteil in Bezug auf die Infektiosität mit dem Coronavirus und für Kinder sei das Risiko durch Covid-10 vernachlässigbar.

Zudem sucht oder toleriert Sönnichsen die Nähe skurriler Gruppierungen und Plattformen, die Fehlinformationen verbreiten und zu Protesten, Demonstrationen und Widerstand gegen die Covid-Maßnahmen, gegen Impfungen und Impfpflicht aufrufen. Mitte Dezember wurde ein offener Brief samt Rücktrittsforderung an Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres lanciert, wobei Sönnichsen mit folgenden Worten zitiert wurde: „Die vierte Welle ist eine Welle der Geimpften“, was aber vertuscht werde. „In den Krankenhäusern und auf den Intensivstationen liegen überwiegend Geimpfte.“

Faktenwidrige Äußerungen fallen unter „wissenschaftliche Freiheit“

Würde ein vom Kurs des Rationalen abgewichener Querdenker solchen Unsinn absondern, wäre dies nicht weiter erwähnenswert. Sönnichsen ist aber Mediziner und Professor für Allgemeinmedizin an der Medizinischen Universität Wien. Beziehungsweise: Er war es. Denn soeben hat die MedUni Wien die Kündigung ausgesprochen, wie Pressesprecher Johannes Angerer auf profil-Nachfrage bestätigt. Per März 2022 wird der Job des 64-Jährigen am Zentrum für Public Health gekündigt. Mit sofortiger Wirkung ist er allerdings dienstfrei gestellt.

Allerdings erfolgte der Rauswurf nicht lediglich aufgrund von Aussagen, die auf Kriegsfuß mit der Wirklichkeit stehen (etwa: „Die hochgelobte Impfung hat doch versagt!“). Tatsächlich plagen sich die Universitäten ganz allgemein auch dann, sich von Mitarbeitern zu trennen, wenn deren Äußerungen mit akademischem Wissen eindeutig nicht vereinbar sind. So konnte sich die MedUni im vergangenen Jahr nur mehrfach von Sönnichsens Kommentaren zur Pandemie distanzieren – ob er nun die Maßnahmen für übertrieben oder kontraperoduktiv, den Nutzen von Masken für nicht belegt oder PCR-Tests und breite Impfstrategien für fragwürdig hielt. All dies fällt interessanterweise unter wissenschaftliche Freiheit und den Ausdruck persönlicher Ansichten – ebenso offenbar der Umstand, dass er sich auf Flyern abbilden ließ, die vor Schulen verteilt wurden und vor Bullshit strotzten (etwa: „GEN-Impfmittel“). Auf einem dieser Flyer bezeichnet Sönnichsen die Impfstoffe als „unzureichend getestet“, was „ein Skandal“ sei.

Sammelbecken der Coronaskeptiker

Gekündigt wurde Sönnichsen nun, wie es heißt, wegen „mehrfacher Verstöße gegen die Corona-Vorgaben der Universität“ sowie aufgrund von „Verstößen gegen Weisungen“. Der Professor kam der Erfüllung der an der MedUni geltenden 2,5-Regelung nicht nach, verabsäumte also die Vorlage von Tests oder einer Impfbescheinigung.

Dass dem 1957 in Hamburg Geborenen, der die Professur für Allgemeinmedizin seit 2018 innehatte, künftig langweilig sein wird, ist eher nicht anzunehmen. Sönnichsen ist zum Beispiel in der deutschen Partei dieBasis engagiert – einem Sammelbecken für Zeitgenossen, die originelle Thesen zur Pandemie vertreten. Mitstreiter in der Organisation sind etwa Sucharit Bhakdi und Wolfgang Wodarg, die wie Sönnichsen zu den wichtigsten Protagonisten der Kritikerszene zählen.