Marshall McLuhan: Medienphilosoph und Internet-Visionär

Marshall McLuhan als Google Doodle

Marshall McLuhan als Google Doodle

Der Kanadier Marshall McLuhan sah das Internet schon Jahrzehnte vor seiner Entwicklung voraus. Am Freitag wäre McLuhan, der 1980 starb, 106 Jahre alt geworden.

Er war ein strenggläubiger Katholik und hatte den Habitus eines zerstreuten Professors. Mit seiner aufbrausenden Art macht sich der studierte Mittelalterwissenschafter an seiner Universität viele Feinde, und bis zu seinem Ende sollten seine Theorien von allen Seiten angegriffen werden. Bei seinem Tod im Jahr 1980 fiel es dem von Schlaganfällen und einem Hirntumor Gezeichneten schwer, sich an seinen eigenen Namen zu erinnern, und er verstarb mit den einzigen Worten auf seinen Lippen, die er noch aussprechen konnte: "Boy, oh boy.":

"The Medium Is The Message"

Dieser Tage erlebt McLuhan sein Comeback. Mit seiner Arbeit über die neuen Massenmedien Radio und Fernsehen revolutionierte der gebürtige Kanadier in den 1960er Jahren die Art, wie über Medien gedacht wird. Weltruhm erlangte er mit dem Satz "The Medium Is The Message", in dem er erklärte, dass die Art der Vermittlung einer Botschaft in Zeiten multimedialer Beschallung bedeutsamer sei als ihr Inhalt.

Prophet der sozialen Netzwerke

Heute gilt McLuhan als Prophet der sozialen Netzwerke. Seine Theorie des "globalen Dorfes" nahm die Entwicklung des Internets und seiner zwischenmenschlichen Auswirkungen vorweg, und das rund drei Jahrzehnte, bevor erstmals eine Webseite online ging. Der Popstar der Medienwissenschaften sollte den Siegeszug des Web freilich nicht mehr miterleben.

Im Europa der 1930er Jahre macht sich McLuhan mit Joyce und Chaucer vertraut, während ihm seine dominante Mutter hätschelnde Briefe schickt. Das emotionale Leben des Kanadiers liegt unterdessen brach, er gilt als menschenscheu. Coupland legt dem Kapitel einen 50-Punkte-Test zur Erkennung von Autismus bei, um seine Theorie zu untermauern, dass McLuhan unter Kontaktstörungen litt. In seinen Studien verlegte sich McLuhan zu dieser Zeit auf die Erforschung alter Texte, und konvertiert mit 35 Jahren zum Katholizismus.

Akademischer Superstar

Erst spät in seinem Leben gelangte McLuhan zu einiger Berühmtheit. Mit der Veröffentlichung der "Gutenberg-Galaxie" im Jahr 1962 schaffte er im Alter von 51 Jahren einen unerwarteten Bestseller, dessen These in der Wissenschaft weite Kreise zog. In dem Buch argumentiert McLuhan, dass die Druckerpresse der Menschheit die Möglichkeit gegeben habe, ihre Geschichte nicht nur mündlich weiterzugeben, sondern gedruckt Fakten zu schaffen. Mit dem Siegeszug von Radio und Fernsehen kehre man jedoch in die orale Tradition der Stammesgesellschaften zurück. In den folgenden Jahren wurde McLuhan zu einem akademischen Superstar, der es bis auf das Cover des US-Magazins "Time" schaffte. Ganz behagt hat dies dem Anti-Modernisten nie.

"Kinder des Fernsehens"

Seine Erweckung zum "Hardcore-Gläubigen" habe McLuhan in seiner Ablehnung der Moderne und seinen reaktionären Vorstellungen von Politik und Gesellschaft bestärkt. So beschrieb der Katholik Frauen als "von Natur aus fügsam, unkritisch und Routine liebend." Die besondere Verachtung von McLuhans traf jedoch die "Kinder des Fernsehens", seine Studienobjekte. Bei diesen falle die Befriedigung ihrer Bedürfnisse auf eine erschreckend "primitive und dürftige" Art aus, und ihr Leben verlaufe in zügellosen und amoralischen Bahnen. Vor allem gegen Ende seines Lebens, das nach der Operation an einem Gehirntumor im Jahr 1967 wesentlich eingeschränkt war, neigte McLuhan einer mehr und mehr apokalyptischen Weltsicht zu.

Die Gegenwart bringe einen körperlosen Menschen hervor, schrieb McLuhan. Dieser sei es gewohnt, mit Gesprächspartnern auf anderen Kontinenten zu telefonieren, während der Fernseher sein zentrales Nervensystem besiedele. Dies vielfache Beschallung halte den Mensch in einer Welt zwischen Fantasie und Traum gefangen, und führe letztlich zum totalen Identitätsverlust.


Waren die bekannten Sätze McLuhans nach seinem Tod bald zu akademischen Allgemeinplätzen verkommen, bahnte sich zuletzt eine Renaissance seiner Ansichten an. Mit seiner Kritik an der sensorischen Überfrachtung durch die Medien nahm McLuhan die Kassandrarufe zeitgenössischer Skeptiker vorweg.