"MythBuster" Adam Savage: "Trump bereitet mir jeden Tag Kopfweh"

Adam Savage als Han Solo aus "Star Wars"

Adam Savage als Han Solo aus "Star Wars"

Adam Savage ist Gastgeber der legendären US-Wissensserie "MythBusters", Spezialeffektdesigner und Barack Obamas persönlicher Legenden-Tester. Nun erhält er in Wien den Heinz Oberhummer Preis. Der TV-Tüftler über das Entlarven von Fake News, die Neuauflage seiner Show und seine Todesangst bei Experimenten.

INTERVIEW: FRANZISKA DZUGAN

profil: Sie haben in Ihrem Leben mehr als 22 Tonnen Sprengstoff in die Luft gejagt. Was war die bisher beste Explosion?
Savage: Am liebsten jage ich Wasserboiler in die Luft. Sie sind etwas ganz Besonderes. Sprengstoff verursacht schnelle Explosionen, die man mit freiem Auge nicht genau sieht. Wasserboiler hingegen explodieren langsam mit einem tiefen Bums. Das ist eine Explosion, wie sie sich der Bugs Bunny in mir wünscht.

profil: Sind Wasserboiler wirklich so explosiv?
Savage: Nein, wir mussten uns schon anstrengen. Aber wir haben bewiesen, dass sie wie eine Rakete zwei Stockwerke durchschlagen können. Zum Glück haben sie sechs Sicherheitsstufen, die sie davon abhalten, durch die Decke zu gehen.

profil: Sie haben mit Ihrer Serie "MythBusters" viele Mythen entlarvt. Tat es Ihnen je um eine leid?
Savage: Im Gegenteil. Wenn ein Ergebnis besonders weit von dem entfernt war, was mein Partner Jamie Hyneman und ich erwartet hatten, machte uns das umso glücklicher. Das hieß, dass wir - und damit unser Publikum - wirklich etwas gelernt hatten.

profil: Haben Sie je einen Erfinder von Fake News aufgesucht, um ihm zu sagen, dass er falsch liegt?
Savage: Das ist uns ein paar Mal gelungen. Wir konnten zum Beispiel herausfinden, wer das Gerücht in Umlauf gebracht hatte, dass Handys beim Tanken eine Explosion auslösen können. Es war ein Verwandter von jemandem, der bei einem Tankstellenbrand verletzt wurde. Er hatte einen Wissenschafter des American Petroleum Institute angeschrieben und um Erklärungen gebeten. Der Wissenschafter gab ihm per E-Mail eine lange, korrekte Antwort, die der Angehörige aber völlig missverstand. Er verfasste daraufhin einen alarmistischen Facebook-Eintrag. Dieser Eintrag versetzte viele Menschen in Panik.

profil: Wie ging es weiter?
Savage: Wir haben das in unserer Sendung aufgeklärt. Tatsächlich passierte es damals etwa acht Mal im Jahr weltweit, dass sich jemand beim Tanken durch eine Explosion verletzte. Wir zeigten die wirkliche Ursache auf: Ist man durch das Tragen von Polyester elektrisch aufgeladen und greift zum Zapfhahn, kann tatsächlich ein Funke entstehen. In extrem seltenen Fällen kann dieser die aus dem Tank wehende Benzinwolke entzünden. Das ist leicht zu vermeiden, indem man vor dem Zapfhahn einen anderen Gegenstand berührt und die Spannung damit loswird. Seit unserer Sendung gibt es nur noch zwei solcher Unfälle jährlich.

profil: 2010 hat Sie der damalige Präsident Barack Obama beauftragt, eine Legende zu testen. Wie kam das?
Savage: Es gibt die Legende vom Todesstrahl des griechischen Mathematikers Archimedes. Dieser soll mithilfe von polierten Schildern vieler Soldaten Sonnenlicht gebündelt und auf die feindlichen Schiffe der Römer gelenkt haben. Wir wissen, dass man mit Spiegeln genug Hitze erzeugen kann, um Feuer zu machen. Doch kann man damit wirklich Schiffe in Brand setzen, wie die Legende besagt? Obamas Auftrag war, das mit 500 Freiwilligen zu probieren.


Trumps Regierung ist unglaublich desinteressiert an Wissenschaft oder irgendeiner Form von empirischer Wahrheitsfindung.

profil: Hat der Todesstrahl funktioniert?
Savage: Nein. Man kann 500 Menschen nicht so koordinieren, dass sie wirklich einen zündenden Strahl produzieren. Nicht einmal ein Segel qualmte. Obama war dennoch begeistert.

profil: Und Sie beide glauben trotzdem weiterhin an den Mythos.
Savage: Stellen Sie sich vor: Eine feindliche Flotte, die vor 2000 Jahren auf die Stadt Syrakus zusteuert, wird plötzlich von sehr vielen, sehr hellen Lichtern geblendet. Die Schiffsdecks erwärmen sich. Ich bin davon überzeugt, dass die Flotte die Flucht ergreift.

Barack Obama challenges The Mythbusters

profil: Glauben Sie, dass sich Präsident Donald Trump auch einmal an Sie wenden könnte?
Savage: Niemals! Seine Regierung ist unglaublich desinteressiert an Wissenschaft oder irgendeiner Form von empirischer Wahrheitsfindung. Das ist eine traurige Situation, die mir jeden Tag Kopfweh bereitet.

profil: Sie haben einmal gesagt, Sie hätten Wissenschaft per Zufall cool gemacht. Machen Sie es inzwischen absichtlich?
Savage: Wir brauchen jeden kritischen Kopf, um diese Regierung durchzustehen. Ich nehme meinen Job als Wissensvermittler extrem ernst - besonders jetzt. Ich will Menschen und vor allem Kinder davon überzeugen, dass sie die Wahrheit selbst herausfinden können. Dass es Spaß und die Welt bunter macht, das zu tun.

profil: Manche Ihrer Experimente waren nicht ungefährlich. Bei welchem hatten Sie am meisten Angst?
Savage: Ein Test brachte mich zu nahe an diesen kritischen Punkt, an dem man Todesangst hat. Wir fragten uns: Stimmt es, dass es so gut wie unmöglich ist, sich aus einem Auto zu befreien, das mit dem Dach nach unten ins Wasser gefallen ist? Ich ließ mich also am Fahrersitz angeschnallt ins Wasser werfen, auf dem Rücksitz saß ein Taucher, der mir im Notfall Luft geben konnte. Es war schrecklich. Durch die vom Aufprall gesprungene Windschutzscheibe floss permanent Wasser, die Luft wurde knapp. Zweimal drehte sich das Auto, was meine Orientierung außer Kraft setzte. Am Ende sank es rapide mit dem Dach voran nach unten. Ich konnte nichts mehr sehen und suchte verzweifelt nach den Türgriffen. Als alle Luft weg war, musste ich mir vom Taucher welche holen, sonst wäre ich ertrunken. Ich saugte eine Menge Wasser mit ein, was mich in Panik versetzte.

Adam Savages gefährlichstes Experiment


Jacks dramatischer Tod in 'Titanic' war tatsächlich unnötig.

profil: In dem Video wirken Sie dennoch erstaunlich ruhig.
Savage: Ich bin ein Produkt der Filmindustrie. Ich bin es gewohnt, komplizierte Spezialeffekte zum Laufen zu bringen, während 40 Menschen mir ungeduldig zusehen, weil jede verstrichene Minute 10.000 Dollar kostet. Ich kann in solchen Situationen meine Muskeln bewusst entspannen, meine Atmung kontrollieren und meinen Puls herunterfahren. Daran erinnerte ich mich im Auto auf dem Weg zum Grund des Sees. So fand ich den Türgriff und konnte mich befreien.

profil: Ebenfalls im Wasser haben Sie versucht herauszufinden, ob Leonardo DiCaprio alias Jack im Film "Titanic" überleben hätte können.
Savage: Die Fans haben uns bekniet, die Szene endlich nachzustellen. Zum Glück war Regisseur James Cameron ein begeisterter "MythBusters"-Zuschauer. Er gab uns alle Informationen, die wir brauchten: Wie groß war das Holzstück, an das sich Rose und Jack klammerten? Wie sah die Rettungsweste von Rose aus? Wie lange dauerte es, bis Rettung kam? Jamie und ich legten uns also zu zweit auf das Floß, was tatsächlich schwierig war, weil es zu tief sank und wir schnell auskühlten. Schließlich hatten wir die zündende Idee: Wir banden die Rettungsweste von Rose unter dem Floß fest. So konnten wir mehr oder weniger bequem über Wasser ausharren. Jacks dramatischer Tod, bei dem er Rose heldenhaft das Floß überließ, war tatsächlich unnötig.

profil: Was hielt James Cameron von Ihrem Ergebnis?
Savage: Er sagte: "Im Skript stand, Jack stirbt, also stirbt er. Zugegeben, wir hätten das Floß etwas kleiner machen sollen, dann wäre er definitiv ertrunken."

Die Mythbusters stellen die dramatischste "Titanic"-Szene nach

profil: Haben Sie sich je ernsthaft verletzt?
Savage: Nicht vor der Kamera. Meine Hände wurden über die Jahre mit insgesamt 60 Stichen zusammengeflickt, weil ich abends nicht zu arbeiten aufhören kann und ungeschickt werde.

profil: Gibt es ein Experiment, das Sie unbedingt machen wollten, aber nicht realisieren konnten?
Savage: Auf Formel-1-Autos wirkt eine zusätzliche Kraft, der Anpressdruck, der durch negativen dynamischen Auftrieb erzeugt wird. Ab einer gewissen Geschwindigkeit könnte ein Rennwagen so viel Anpressdruck entwickeln, um in einem Tunnel an der Decke zu fahren - theoretisch. Leider konnten wir bisher keinen Rennstall finden, der uns ein Auto geliehen hätte, um das in der Praxis zu probieren.


Die nächste Entwicklungsphase von YouTube muss Reviews ermöglichen, die dem Nutzer beim Unterscheiden zwischen Fakten und Fake News helfen.

profil: 2016 wurden die "MythBusters" wegen sinkender Quoten abgesetzt. Nun kommt Ihre neue Show "MythBusters Jr.". Wie wird sie aussehen?
Savage: Es wird die Reinkarnation der Show, die ich so liebe. Anstatt Jamie werden sechs junge Talente zwischen zwölf und 15 Jahren mit mir Autos in die Luft jagen, Hoverboards basteln, Hunden Geheimnisse entlocken und verrückte Crashtests machen. Junge Menschen dazu zu inspirieren, Wissenschafter oder Ingenieure zu werden, ist eine Mission, die ich mit dem Discovery Channel teile. Dort wird die Show im Winter anlaufen.

profil: Ihr YouTube-Kanal "tested" hat drei Millionen Abonnenten. Auf der Videoplattform tummeln sich aber auch Unmengen von Falschmeldungen. Ärgert Sie das nicht?
Savage: YouTube wird von vielen unterschätzt, im Positiven und im Negativen. Es gibt nichts, was man dort nicht lernen könnte, vom Gitarrenbauen bis zum Autolackieren. Ich nutze das permanent. Andererseits fragen mich immer wieder Menschen, ob es die Mondlandung wirklich gab. Auf YouTube gibt es Videos, die das Gegenteil behaupten. Die nächste Entwicklungsphase der Plattform muss Reviews ermöglichen, die dem Nutzer beim Unterscheiden zwischen Fakten und Fake News helfen.

profil: Sie bauen Spezialeffekte und Kulissen für Hollywoodstreifen. Was war besonders schwierig?
Savage: Das detaillierte Modell eines Space Shuttles für den Film "Space Cowboys" von Clint Eastwood zu bauen, war eine echte Herausforderung. Es war in mehreren Szenen zu sehen und musste deshalb perfekt sein.

profil: Sie haben nicht nur reale Mythen abgeklopft, sondern auch solche aus der Welt der Science-Fiction. Spricht das nicht gegen das Aufdecken der Wahrheit, dem Sie sich verschrieben haben?
Savage: Darüber hatten wir heftige Auseinandersetzungen im Team. Jamie Hyneman war anfangs strikt dagegen. Ich finde es absolut gut, wenn man einen fiktionalen Mythos findet, den man in der Realität testen kann.

profil: Sie haben einen Laserschwertkampf aus "Star Wars" überprüft.
Savage: Im diesem Fall hatten wir einen gut entwickelten Kampfstil und die Warnung von Obi-Wan Kenobi an Anakin Skywalker:'Der Kampf ist vorbei. Ich stehe deutlich über dir!' Also ließen wir uns von einem Jedi-Trainer schulen und stellten uns schließlich einem Lichtschwertduell. Obwohl Jamie und ich im Training ungefähr gleich gut waren, gewann ich haushoch, weil ich auf einer Anhöhe stand. Obi-Wan hatte recht.

profil: Sie wohnen in Kalifornien, wo im Silicon Valley unter Hochdruck an der technologischen Zukunft gearbeitet wird. Freuen Sie sich darauf oder sind Sie skeptisch?
Savage: Ich bin sehr optimistisch. Viele Menschen fürchten sich davor, dass künstliche Intelligenz die Macht übernehmen könnte. Davon sind wir so weit entfernt wie der Mensch, der das erste Feuer machte, von Atomwaffen entfernt war. Aber natürlich darf man einem Roboter niemals eine Waffe in die Hand drücken.

profil: Was halten Sie von selbstfahrenden Autos?
Savage: Ich liebe sie. Sie machen das Rad- und Rollerfahren sicherer. Wenn ich zu alt sein werde, um zu fahren, brauchen mir meine Kinder die Autoschlüssel nicht wegzunehmen.

Adam Savage, 51

Aufgewachsen in Sleepy Hollow, 50 Kilometer nördlich von New York, begann er seine TV-Karriere bereits als Zehnjähriger als Sprecher bei der "Sesamstraße". Nach der Schauspielschule wollte er lieber "etwas mit den Händen machen", wurde Zimmerer, Bühnenbildner und schließlich Spezialeffektdesigner in Hollywood. Die Sets der Blockbuster "The Matrix Reloaded", "Star Wars: Episode II", "Terminator III" und "Space Cowboys" tragen seine Handschrift. 2003 bis 2016 war Savage gemeinsam mit Jamie Hyneman Gastgeber der legendären Wissenschaftsshow "MythBusters", in der bei 2391 Experimenten 22 Tonnen Sprengstoff explodierten. Seither war Savage auf seinem YouTube- Kanal "tested" zu sehen. Im Winter startet seine neue TV-Show "MythBusters Jr." auf Discovery.

Busters zum Quadrat

Am 23. November nimmt Adam Savage in Wien den Heinz Oberhummer Award für Wissenschaftskommunikation entgegen. Martin Puntigam initiierte den Preis im Gedenken an den 2015 verstorbenen leidenschaftlichen Physiker und "Science Buster" Heinz Oberhummer. "Abgesehen davon, dass es die 'Science Busters' nicht nur namentlich ohne die 'MythBusters' nicht gäbe, waren und sind die Arbeiten von Adam Savage stets Inspiration für die Arbeit der 'Kelly Family der Naturwissenschaften'", so Puntigam. Im Wiener Stadtsaal werden "MythBuster" und "Science Busters" eine Live-Show zum Besten geben, bevor Savage der Preis von 20.000 Euro und mit einem Glas Alpakakot (frisch geerntet auf Oberhummers Farm) übergeben wird. Auf Letzteres freue er sich besonders, sagte Savage im Interview. Der erste Preisträger des Oberhummer Awards war der legendäre US-Magier und Urgestein des Skeptizismus James Randi (profil 47/2016). Im Vorjahr ging die Trophäe an die deutsche Ärztin und Science Slammerin Giulia Enders, die mit ihrem Bestseller "Darm mit Charme" über vier Millionen Menschen lehrte, ihre Eingeweide zu lieben.

Heinz Oberhummer Award, 23. November, 20 Uhr im Stadtsaal, 1070 Wien, Mariahilfer Straße 81.