Neue Theorie: Ötzi war Krieger und Jäger

SO SAH ÖTZI LAUT FORSCHERN AUS: Viele Indizien sprechen dafür, dass er ein erfahrener Jäger und Krieger seines Stammes war, der zu einem Kampf gegen übermächtige Gegner gezwungen war.

SO SAH ÖTZI LAUT FORSCHERN AUS: Viele Indizien sprechen dafür, dass er ein erfahrener Jäger und Krieger seines Stammes war, der zu einem Kampf gegen übermächtige Gegner gezwungen war.

Neue Daten aus der experimentellen Archäologie ergeben ein völlig neues Bild von Ötzi: War der Mann aus der Jungsteinzeit ein Krieger, den der Überlebenskampf in eine tödliche Auseinandersetzung zwang?

Manuel Lizarralde legt einen Pfeil ein und spannt den Langbogen. Über die Pfeilspitze visiert er die Mitte der Zielscheibe an, die etwa 30 Meter entfernt steht. Fast lautlos verlässt der Pfeil den Bogen und landet präzise im innersten Kreis. Für einen geübten Schützen wie Lizarralde ist ein solcher Schuss nichts Besonderes, im Gegensatz zur Ausrüstung, die er gerade in den Händen hält. Denn genau so hätten der Bogen und die Pfeile Ötzis ausgesehen, wenn der Mann aus der Jungsteinzeit noch Zeit gefunden hätte, seine Waffen fertigzustellen, bevor ihn seine Verfolger erwischten.

Lizarralde, Anthropologe und Professor für Ethnobotanik am Connecticut College (USA), hat in mehr als 1600 Arbeitsstunden Ötzis Bogen und Pfeile nachgebaut und gemeinsam mit seinen Studenten getestet, weil er herausfinden wollte, was sie taugen. Bisher hätten die Forscher die Qualität der Waffen unterschätzt, offensichtlich habe es ihnen an praktischem Wissen und empirischen Daten über die Lebensweise vorgeschichtlicher Jäger und Sammler gefehlt, meint Lizarralde: "Ich forsche nicht nur bei indigenen Völkern im Amazonasgebiet, die noch heute mit Langbögen ihre Nahrung beschaffen, sondern bin auch Bogenbauer und jage seit meiner Jugend.“ Ötzi war ein Jäger und Krieger, wie es sie bei den Indianern Nord- und Südamerikas gab, ist der Anthropologe überzeugt - und nicht ein Hirte oder ein reisender Händler einer Bauerngesellschaft, wie Prähistoriker bisher vermuteten.

Dieses Bild ergibt sich, wenn man die neuen, empirischen Daten Lizarraldes mit all jenen Puzzlesteinen kombiniert, die Wissenschafter bisher über Ötzis letzten Lebenstage zusammentrugen. Vielleicht gehörte er einem der letzten Jäger- und Sammlerstämme in Europa an, die von den damals aus dem Osten kommenden, nach Land gierenden Bauern verdrängt und bekämpft wurden, so wie die Indianer im 19. Jahrhundert von den Euroamerikanern. Möglicherweise wurde sein Volk so sehr in die Gebirgsregion zurückgedrängt, dass sie dort nicht mehr genug Ressourcen hatten, um zu überleben. Dann hätten sie immer wieder im Territorium der Landnehmer wildern und wohl auch Vorräte stehlen müssen. Vielleicht wurde Ötzi bei solch einem Streifzug erwischt und schaffte es trotz seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten als Jäger und Krieger nicht, ungestraft zu entkommen, meint der Forscher.

Eintrittstelle des tödlichen Pfeiles an der linken Schulter.

Eintrittstelle des tödlichen Pfeiles an der linken Schulter.

Der Ötztalmann, dessen Leiche vor einem Vierteljahrhundert entdeckt wurde, hatte genau jene Kleidung und Ausrüstung bei sich, die man braucht, um einige Tage auf die Jagd zu gehen. Er trug Leggings, wie sie bis ins 19. Jahrhundert bei Indianern gebräuchlich waren, einen Lendenschurz, lederne Oberbekleidung, mit Heu gefütterte Schuhe und einen Grasmantel, der nicht nur Wärmeschutz, sondern auch eine perfekte Tarnkleidung war, wie der Innsbrucker Prähistoriker Konrad Spindler schon früher erkannte. Das Outfit verrät einen erfahrenen Outdoor-Menschen, war teils abgenutzt und verschlissen, aber durch regelmäßige Reparaturen sorgsam in Ordnung gehalten, erklärt Spindler in seinem Buch "Der Mann im Eis“. Außerdem trug Ötzi eine Mütze aus dem Fell eines Bären, des größten und gefährlichsten Tiers in der Gegend. Sie war wohl nicht nur Kleidungsstück, sondern auch eine Trophäe, die ihn als Bärenbezwinger auswies. Ihr Kinnriemen war gerissen, was möglicherweise direkt vor seinem Tod geschah.

Neben einer Kupferaxt hatte Ötzi einen handlichen Dolch im Gürtel stecken sowie Werkzeug, um die Ausrüstung zu warten und Feuer zu machen. Außerdem besaß er Medizin gegen Magen- und Gelenksprobleme. Er trug einen Köcher und führte einen Bogenstab sowie Pfeilschäfte mit sich. Bei seinem Tod waren diese Waffen aber nicht einsatzbereit, offensichtlich waren seine intakten Pfeile und der Bogen verloren gegangen oder zerstört worden, und Ötzi wollte sie ersetzen. Er hatte einen drahtigen Körper mit keinem Gramm Fett zu viel, wie Spindler schreibt, und war wohl stets viel auf den Beinen, wovon Gelenkabnutzungen zeugen. Seine Armmuskulatur war nicht übermäßig ausgeprägt, weshalb er sicher kein Handwerker oder Bauer war. Er hatte kein Stück gewebten Stoff am Körper, sondern ausschließlich robuste, vielleicht schon etwas veraltete Fellkleidung. Natürlich könnte auch ein Hirte oder Händler am Übergang von der Jungstein- zur Kupferzeit so gekleidet und ausgerüstet gewesen sein. Aber noch viel besser passt sein rekonstruiertes Erscheinungsbild zu der These, dass Ötzi ein Jäger und Krieger seines Stammes war, so Lizarralde.

Landnahme durch Bauerngesellschaften

Genau in jener Zeit, in der Ötzi lebte (ab dem vierten Jahrtausend vor Christus), fand in den Alpen eine Landnahme durch Bauerngesellschaften statt, die ansässige Jäger und Sammler verdrängten. Die Jäger- und Sammlergesellschaften, die in den Einflussgebieten der frühen Bauern lebten, wurden zunächst in abgeschiedene, unwirtlichere Gebiete verdrängt und verschwanden dann wohl ganz. Von Ötzi ist durch Isotopenanalysen bekannt, dass er seine Kindheit im oberen Eisacktal oder unteren Pustertal verbrachte, seine letzten zehn Lebensjahre hingegen im Vinschgau, also etwa 60 Kilometer weiter im Westen, unweit der Stelle, wo er ermordet wurde. Möglicherweise flohen seine Leute vor Siedlern dorthin und wurden am Schluss so sehr in die Gebirgsregion zurückgedrängt, dass sie dort nicht mehr genügend Vorräte für einen langen Winter anlegen konnten. An Ötzis Nägeln fanden Forscher drei sogenannte Beau-Streifen. Diese Zonen verringerten Nagelwachstums weisen auf Zeiten mit enormem Stress durch Krankheiten oder Hungerphasen hin, und zwar vier, drei und zwei Monate vor seinem Tod im späten Frühling. Vielleicht unternahm er einen verzweifelten Versuch, im Territorium der Landnehmer oder auf der nördlichen Seite der Alpen, im heutigen Ötztal, zu wildern und an Lebensmittel zu gelangen, und wurde dabei gestellt.

Verschiedene Werkzeuge und Ersatzmaterialien von der Fundstelle.

Verschiedene Werkzeuge und Ersatzmaterialien von der Fundstelle.

Jedenfalls hatte er zwei Tage vor seinem Tod eine gewaltsame Auseinandersetzung, bei der er schwer verletzt wurde. Einen potenziell tödlichen Hieb mit einem Dolch oder Beil konnte er nur in einer typischen Abwehrreaktion mit der bloßen Hand abwehren, wie Münchner Kriminalisten erklärten, die den Fall vor einigen Jahren untersuchten. Dabei erlitt Ötzi in der rechten Hand eine tiefe Schnittwunde zwischen Daumen und Zeigefinger, die fast bis zu den Knochen reichte und möglicherweise die Daumensehne durchtrennte. Als erfahrener Jäger und Kämpfer entkam er, möglicherweise musste er dazu aber einen Angreifer töten. Außerdem gingen bei diesem oder einem anderen Vorfall seine wichtigsten Ausrüstungsgegenstände verloren oder wurden zerstört: der Bogen und die Pfeile, mit denen er sich Nahrung beschaffen und im Fernkampf verteidigen konnte.

Spätestens nach diesem Kampf war Ötzi auf der Flucht. Trotz chronischer Gelenksprobleme, seiner schlechten Verfassung und der schweren Handverletzung stieg er in den letzten 24 Stunden vor seinem Tod zuerst von über 2500 Meter Höhe ins Tal ab, um dann wieder in die Gipfelregionen zurückzukehren. Dies belegen Pollen von Pflanzen aus unterschiedlichen Höhenlagen in seinem Verdauungssystem. Eine davon, die Hopfenbuche, kommt nur im Süden der Alpen vor, was beweist, dass er wohl im Schnals- oder Etschtal war. Vielleicht besorgte er sich dort aus einem Versteck Nahrungsmittel und beschaffte sich einen vorzüglichen Eibenstab für den Bogen und Schneeballstäbe für die Pfeile.

"Definitiv geübter Bogenbauer"

Für den Bogenstab fällte er wohl eine saftfrische Eibe, denn ausgehärtetes Holz lässt sich mit vorzeitlichem Gerät nicht bearbeiten, so Experte Spindler. "Mit rund 50 Jahresringen auf einer Strecke von nur dreieinhalb Zentimetern innerhalb des ursprünglichen Stammquerschnitts hätte der Mann im Eis damals wie heute ein qualitativ kaum besser geeignetes Eibenholz für die Herstellung seines neuen Bogens wählen können“, schrieb er in einer Publikation des Südtiroler Archäologiemuseums. Allerdings: Mit der verletzten Hand hätte Ötzi wohl große Probleme gehabt, das Holz zu schneiden und zu bearbeiten. Er war wahrscheinlich Rechtshänder, denn er hatte auf der linken Hand Einschnürungen, die wohl von den Befestigungsschnüren eines Lederschutzes gegen die schnalzende Bogensehne stammten. Außerdem taugt frisches Holz nicht für einen Bogen, es muss kontrolliert trocknen und härten. Vielleicht holte er also einen schon früher gefundenen und bearbeiteten Bogenstab. Dieser war meisterlich gewählt und bearbeitet, meint Lizarralde. Die Länge von 182 Zentimetern ergebe einen perfekten Winkel der Sehne mit dem Pfeil für eine gute Beschleunigung - und garantiere Treffsicherheit. "Er war definitiv ein geübter Bogenbauer und hätte aus diesem Stück Holz einen perfekten Bogen hergestellt“, so Lizarralde: "Als ich mit den Replikaten von Ötzis Bogen und Pfeilen schoss, bemerkte ich, dass dadurch die Spitze beim ausgezogenen Bogen genau auf ein 25 bis 35 Meter entferntes Ziel zeigt.“ Er konnte dadurch perfekt anvisieren.

Ötzis Gürteltasche mit "Feuerzeug“ und Knochenahle.

Ötzis Gürteltasche mit "Feuerzeug“ und Knochenahle.

Nach seinem Ausflug ins Tal zog sich Ötzi rasch in die abgelegenen Höhen zurück. Er rastete so weit weg vom Schuss wie möglich, nämlich an der Grenze zweier Territorien. So wie heute die Wasserscheide die Grenze zwischen Österreich und Italien markiert, war sie auch schon in der Steinzeit mit einiger Sicherheit eine Reviergrenze, sagt Lizarralde. Alle Experten sind sich einig darin, dass sich Ötzi hier vorerst sicher fühlte. Er stellte seine Ausrüstung wohlgeordnet ab und aß Brot sowie ein Stück Speck, wie sein Mageninhalt 5000 Jahre später beweisen sollte. Entweder hatten ihn aber Späher des Volkes aus dem Norden entdeckt oder Verfolger aus dem Süden unbemerkt eingeholt. Nachdem Ötzi zuvor im Nahkampf nicht zu besiegen war, versuchten sie es nun aus der sicheren Distanz. Es ist gut möglich, dass ein aufkommender Schneesturm die Bewegungen und Geräusche der anschleichenden Angreifer verhüllte, meint Lizarralde. Tosen und Schneetreiben hätte ihnen bestimmt sehr geholfen, auf Schussdistanz an den erfahrenen und wachsamen Krieger heranzukommen. Sie schossen ihn aus höchstens 40 Metern in den Rücken. Möglicherweise bückte er sich gerade, um zu trinken, denn der Pfeil verfehlte Herz und Lunge und landete in der linken Schulter.

Doch die Spitze traf genau jene Arterie, die den Arm mit Blut versorgt, und Ötzi war durch den raschen Blutverlust schnell benommen und brach nach kurzer Zeit zusammen. "Eine solche Wunde ist tödlich, wenn man sie nicht innerhalb von Minuten operiert“, erklärte Albert Zink, der Leiter des Instituts für Mumien und den Iceman der Europäischen Akademie in Bozen, wo Ötzi seine zweite ewige Ruhe fand, jüngst bei einem Vortrag in Wien. Ötzi hatte aber auch eine Schädel-Hirn-Verletzung, die genau wie die Pfeilwunde für sich alleine letal ist. Entweder stürzte er auf den Hinterkopf oder ein Angreifer verpasste ihm dorthin einen Schlag etwa mit der stumpfen Seite einer Axt. Dafür spricht, dass der Kinnriemen an Ötzis dicker Bärenfellmütze riss. Sie wurde ihm vermutlich heruntergezogen, damit sie den Hieb nicht dämpfte, meint Lizarralde. Der Schütze zog dann wohl den Pfeilschaft aus dem Körper des Sterbenden, was die Blutung beschleunigte, obwohl die Spitze im Schulterblatt stecken blieb.

Ötzis Mörder hielten sich wohl nicht mehr lange an dem Ort auf und ließen sogar sein Kupferbeil liegen, obwohl es sicher von einigem Wert war. Vielleicht veranlasste sie der Schneesturm zu einem schnellen Abstieg, oder sie waren einfach erleichtert, die Sache erledigt zu haben. Schnee bedeckte jedenfalls den Leichnam recht rasch, so dass keine Fleischfresser oder Insekten ihm Schaden zufügen konnten. So überdauerte der Leichnam 5000 Jahre. Erst im September des Jahres 1991 aperte die Mumie des Steinzeitjägers aus und wurde von deutschen Bergwanderern entdeckt.