Weg von der Pille: Verhütungsapps als Alternative?

Weg von der Pille: Verhütungsapps als Alternative?

Die Antibabypille gerät zunehmend in die Kritik. Verhütungsapps wie "Natural Cycles" nutzen die Skepsis vieler Frauen und präsentieren sich als natürliche Alternative. Gleichzeitig wird ihnen vorgeworfen, zu mehr Abtreibungen zu führen. Wie sicher ist es, mit solchen Apps zu verhüten?

Weniger Lust auf Sex, Depressionen oder gar Thrombosen: Nur einige der Nebenwirkungen, die die Antibaby-Pille auslösen soll. Widerstand regt sich unter Frauen: Warum sollen wir die Nebenwirkungen in Kauf nehmen? Warum tragen vorwiegend Frauen die Last der hormonellen Verhütung?

Eine Kerbe, in die das Physiker-Paar Elina Berglund und Raoul Scherwitzl mit ihrer App "Natural Cycles" schlägt. All jenen Frauen, die ohne Hormone verhüten wollen, möchten sie eine "sichere" Alternative bieten, nämlich die Algorithmus-gestützte Temperaturmessung zur Feststellung der unfruchtbaren Tage im Zyklus. Angeblich sollen bereits 600 000 Frauen weltweit Natural Cycles nutzen. Jene, die im Sexualkunde-Unterricht gut aufgepasst haben, werden sich jetzt fragen: Ist das nicht eine der unsichersten Verhütungsmethoden?

Elina Berglund und Raoul Scherwitzl

Elina Berglund und Raoul Scherwitzl

Das Image der Natürlichkeit, ein pseudo-feministischer Anstrich sowie eine Prise Kritik an der Pharmaindustrie sollen darüber hinwegtäuschen, dass die Kalender- und Temperaturmethode eigentlich als überholt gelten. Vor allem für Frauen mit unregelmäßigen Zyklen, die verlässlich verhüten wollen, ist sie nicht zu empfehlen.

Wie sicher ist die Methode?

Die Sicherheit eines Verhütungsmittels wird durch den Pearl-Index angegeben. Er gibt an, wie viel von 100 Frauen im gebärfähigen Alter, die ein Jahr lang die jeweilige Verhütungsmethode anwenden, schwanger wurden. Hat ein Verhütungsmittel den Pearl-Index 3, heißt das, dass 3 Frauen in dieser Zeit schwanger wurden. Je niedriger der Pearl-Index desto sicherer die Methode. Die Pille kommt bei korrekter Anwendung auf einen Pearl-Index von 0,3, mit Anwendungsfehlern auf 9. Bei der Temperaturmethode geben verschiedene Studien einen Pearl-Index von 3 bis 20 an. Natural Cycles wirbt mit einem Pearl-Index von 1 bei perfekter Anwendung bis 7 mit Anwendungsfehlern, den sie in einer eigenen Studie erforscht hat.

Während die richtige Anwendung bei der Pille relativ einfach ist, stellt sich dies bei der Temperaturmethode schon etwas schwieriger dar. Jeden Morgen muss vor dem Aufstehen die Temperatur mit einem speziellen Thermometer gemessen werden. Die App errechnet dann jene Tage, an denen man ohne Verhütung Sex haben kann. Wie viele Tage das sind, ist nicht festgelegt: "Benutzerinnen mit ziemlich regelmäßigen Zyklen, die fünfmal oder öfter pro Woche Temperaturdaten eingeben, können nach 3 Monaten der Nutzung einen Anteil an grünen Tagen von etwa 60 % pro Zyklus erreichen", so steht es auf der Natural Cycles-Website. An allen anderen Tagen muss irgendwie verhütet werden. Zahlreiche Faktoren können das Ergebnis negativ beeinflussen, sei es unregelmäßiger Schlaf, Medikamenteneinnahme, ein Kater, Rauchen oder Drogeneinnahme.

"Wissenschaftlich geprüft und zertifiziert"

Trotzdem wirbt Natural Cycles damit, als einziges Verhütungsmittel "wissenschaftlich geprüft und zertifiziert" zu sein. Tatsächlich ist die App vom TÜV mit einer CE-Prüfnummer versehen. Mit der Verlässlichkeit der Verhütungsmethode hat diese aber nichts zu tun. Der TÜV prüft hier lediglich die Anwendungssicherheit.

In der Praxis wird Natural Cycles mittlerweile mit einer relativ hohen Anzahl an Abtreibungen in Verbindung gebracht. In Schweden wurde deswegen bereits von einer Klinik die Arzneimittelbehörde eingeschaltet. Die Gründer von Natural Cycles beunruhigt das nicht, sie führen die ungewollten Schwangerschaften vor allem auf Anwendungsfehler zurück. Die Frauenärztinnen Nina Brochmann und Ellen Støkken Dahl rechnen indes im Gespräch mit profil damit, dass die Verbreitung von Verhütungsapps in Zukunft zu mehr Abtreibungen führen wird.

Nina Brochmann und Ellen Støkken Dahl: Zwei Frauenärztinnen im Kampf gegen Sex-Mythen