Space Odyssey: Tagebuch aus dem All

Space Odyssey: Tagebuch aus dem All

Der US-Astronaut Scott Kelly und sein russischer Kollege Michail Kornienko verbrachten 2015/2016 als erste Menschen ein Jahr am Stück im Weltraum. Sie führten 400 wissenschaftliche Experimente durch, viele davon an sich selbst. Ein Vorabdruck aus Kellys faszinierendem Tagebuch.

Letzter Tag auf der Erde Der Start im Kosmodrom Baikonur in der Steppe Kasachstans wurde auf 1:42 Uhr festgesetzt. Seit die Spaceshuttles 2011 außer Dienst gestellt wurden, sind wir auf die Russen angewiesen, wenn wir ins All wollen. Kaum bin ich in der Früh aus der Dusche, erscheint der russische Arzt, um uns am ganzen Körper mit Alkoholpads abzureiben. Danach warte ich darauf, in meinen Anzug verpackt zu werden. Zuerst wird Michail in einen benachbarten Raum gerufen, wo er sich auszieht, um eine Windel, Herzelektroden und lange Unterwäsche anzulegen. Dann bin ich an der Reihe. Jedes Mal, wenn mir das passiert, muss ich innerlich schmunzeln, weil ich nie gedacht hätte, dass ich schon viel früher als gegen Lebensende einmal gewickelt würde.

Später, auf dem Weg zur Startrampe, folgen wir einer russischen Tradition: Als Juri Gagarin bei seinem historischen ersten Raumflug auf dem Weg zur Startrampe war, hatte er verlangt, dass der Bus hielt, und gegen den rechten Hinterreifen des Busses gepinkelt. Dann flog er ins All und kam lebend zurück. Jetzt müssen wir alle das Gleiche tun. Raumfahrerinnen bringen eine Flasche Urin mit, anstatt sich ganz aus dem Anzug zu pellen.

Die Aggregate fahren brüllend zu voller Leistung hoch, dann drücken die Sitze schwer in unseren Rücken. Innerhalb einer Minute von null auf Schallgeschwindigkeit - das lässt den Puls rasen und macht süchtig. Dann kommt der Augenblick namens MECO (Main Engine Cut-off), also der Brennschluss des Haupttriebwerks: Es ist jedes Mal ein Schock, in der Schwerkraft anzukommen. Auf der ISS finde ich mein Teamquartier, den einzigen Teil der Raumstation, der im Jahr 2015 mir allein gehört. Die Kammer hat das Format einer altmodischen Telefonzelle. Schwebend zu schlafen, ist nicht einfach. Von Zeit zu Zeit wird mein Gesichtsfeld trotz geschlossener Augen von kosmischen Blitzen erhellt. Sie sind das Ergebnis der meine Augen durchdringenden und auf die Netzhaut treffenden Strahlung, die eine Illusion des Lichts wachruft. Erstmals wurde dieses Phänomen von den Astronauten der Apollo-Ära registriert, und die Ursache ist noch immer nicht vollständig erforscht.

Ein Zwilling auf der ISS, einer auf der Erde

Ich verpasse mir eine Grippeimpfung, die Erste ihrer Art im All. Wir sind hier oben vor Infektionskrankheiten sicher, daher dient die Spritze nicht meinem Schutz. Sie ist Bestandteil der Zwillingsstudie, in deren Verlauf mein Bruder Mark und ich verglichen werden. Er ist ebenfalls Astronaut, aber auf der Erde geblieben, und bekommt zur selben Zeit die gleiche Injektion. Anschließend werden unsere beiden Immunreaktionen analysiert.

Die genetischen Unterschiede zwischen meinem Bruder und mir, die im Laufe des Jahres entstanden sind, könnten nicht nur neue Einsichten eröffnen, wie der Raumflug sich auf den Körper auswirkt, sondern auch, wie wir auf der Erde altern. Überraschend war zum Beispiel, dass meine Chromosomenenden im All länger wurden. Sie schrumpfen normalerweise mit zunehmendem Alter - wodurch wahrscheinlich Alterungsprozesse in Gang gesetzt werden.

Schlaf, Nahrungsaufnahme, Herzfunktion, Kreislauf, psychisches Befinden: 400 Experimente haben Michail Kornienko und ich während unseres Jahres im All gemacht, deren Ergebnisse werden nun laufend publiziert.

Weltraumspaziergang

Auf der Erde gehen wir mit den Beinen, im All mit den Händen: Ich hantle mich entlang von Schienen, die außen an der ISS angebracht sind. Hier geht die Sonne alle 90 Minuten auf und wieder unter. Während die Russen in der Dunkelheit ruhen, arbeiten wir Amerikaner durch - was nicht nur Vorteile bringt. Ich sollte eigentlich die Ablassventile des Ammoniaktanks einstellen, kann ihn aber einfach nicht finden. Ich bin völlig orientierungslos, schaue in die Richtung, in der ich die Erde vermute, und hoffe, einen flüchtigen Blick auf erhellte Städte zu werfen. Aber es ist alles schwarz. Frustriert taste ich mich zur Anschlagstelle meiner Sicherheitsleine zurück, aber auch das hilft mir nicht weiter. Schließlich kann ich flüchtig Lichter über mir erkennen, es sind die Städte Abu Dhabi und Dubai. Was ich für unten hielt, ist oben, und bis ich den Tank erreiche, ist die Sonne bereits aufgegangen.

Drei Abstürze und eine Beinahe-Kollision

Mein Blick fällt auf eine CNN-Schlagzeile : "SpaceX-Rakete explodiert bei Frachtflug zur Raumstation." Ihr wollt mich doch verarschen! Der Flugdirektor informiert uns, dass die Rakete verloren gegangen ist. "Station verstanden", sage ich. Ich brauche einen Augenblick, um mir bewusst zu machen, was da alles nun dahin ist: Kimiyas Unterwäsche, meine Pillen, der 100-Millionen-Dollar-Adapter der NASA. Wir haben in den vergangenen neun Monaten drei Versorgungsraketen verloren, die letzten beiden direkt hintereinander. Unsere Lebensmittelvorräte sind nun bis auf etwa drei Monatsrationen abgeschmolzen, die Russen sind noch viel schlechter dran.

Kurze Zeit später die nächste Hiobsbotschaft: Ein Stück Weltraumschrott fliegt uns mit 14 Kilometern pro Sekunde entgegen. Wir haben nur zwei Stunden, bis es hier ist, deshalb ist es zu spät, unsere Triebwerke zu starten und auszuweichen. Es gibt nur zwei Szenarien: Entweder der Satellit verfehlt uns oder er trifft uns - in diesem Fall würde die ISS augenblicklich pulverisiert. Zehn Minuten vor dem möglichen Zusammenprall begeben wir uns in das angedockte Raumschiff Sojus, das meine russischen Kollegen bereits startklar gemacht haben. Die Uhr läuft herunter. Wir warten. Dann nichts. Wir sehen einander an, während die Erwartung der Katastrophe uns noch ins Gesicht geschrieben steht. "Das war's, ihr könnt zurück an die Arbeit", vermeldet die russische Einsatzleitung.

Schmerzhafte Rückkehr

Nach der holprigen Landung in der Sojus-Kapsel registriere ich erstaunt, dass ich mich trotz der zermalmenden Kraft der Gravitation selbst aus den Gurten lösen kann. Ich sage meinem Fliegerarzt Steve, dass ich sofort wieder arbeiten könne, und das tue ich dann auch. Doch schon nach ein paar Tagen verschlechtert sich mein Zustand. Eine Nacht ist besonders schlimm: Ich suche die Bettkante, stelle die Füße auf den Boden, richte mich auf, stehe auf. In jedem Stadium habe ich das Gefühl, mich durch Treibsand zu quälen. Im Stehen habe ich das Gefühl, dass das gesamte Blut meines Körpers in meine Beine strömt. Im Bad schaue ich an mir herunter und sehe fremdartige, geschwollene Stümpfe. Ich habe zudem merkwürdigen Ausschlag, überall dort, wo ich Kontakt mit dem Bett hatte. Normalerweise würde ich in die Notaufnahme fahren, aber niemand dort dürfte meine Symptome kennen. Erst einige Monate später fühle ich mich wieder deutlich besser.

Scott Kelly: Endurance. Mein Jahr im Weltall. C. Bertelsmann, 480 Seiten, 25,70 Euro. Erschien am 15. Oktober auf Deutsch.