Stammzellenspende: Letzte Chance auf Heilung

Stammzellenspende: Letzte Chance auf Heilung

Eine Stammzellenspende ist oft die letzte Chance auf Heilung für Leukämiepatienten. Österreich liegt mit seiner Spenderzahl im europäischen Mittelfeld. Deswegen, und weil viele Spender aus Altersgründen wegfallen werden, sucht die Stammzellspenderdatei an der Medizinischen Universität Wien nach Menschen, die sich registrieren lassen. Klinikchef Simon Panzer, Projekt-Verantwortliche Agathe Rosenmayr und Spenderkoordinatorin Erika Stockinger über die wichtigsten Fakten, hartnäckige Mythen und emotionale Momente.

profil: Wer braucht eine Stammzellenspende?
Simon Panzer: Eine Stammzellenspende und die folgende Stammzell-Transplantation werden heute in erster Linie für Patienten mit akuten Leukämien, Lymphomen oder myelodysplastischen Syndromen gebraucht. Manchmal wird diese Therapieform für Patienten mit chronischer Leukämie oder, vor allem bei Kindern, für angeborene Erkrankungen wie zum Beispiel Immundefizienz oder bei angeborenen Erkrankungen des Blutes eingesetzt.

profil: Wie wird ein passender Spender gefunden?
Panzer: Die Suche nach einem passenden Spender wird in Österreich zentral vom Stammzellregister in der Gesundheit Österreich in Wien durchgeführt. Von hier erfolgt die weltweite Suche unter 30 Millionen internationalen Spendern. Bei einer durchschnittlichen Wahrscheinlichkeit der Identität von 1:500.000 und bisher registrierten 30 Millionen Spendern kann für den einzelnen Patienten innerhalb eines Monats mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 bis 90 Prozent ein passender Spender gefunden werden. Auswahlkriterium sind die Gewebemerkmale von Patient und Spender, die sogenannten "HLA-Merkmale" ("human lymphocyte antigens"). Diese müssen vollkommen oder sehr weitgehend übereinstimmen, damit die Transplantation erfolgreich sein kann.


Über 90 Prozent sind mittlerweile Stammzellenspenden aus dem Blut.

profil: Was passiert, wenn meine Daten mit jemandem übereinstimmen?
Erika Stockinger: Wenn man zusammenpasst, wird man von uns kontaktiert. Ich rufe Sie dann zum Beispiel an und frage Sie, ob Sie noch gesund sind und bereit sind, zu spenden. Dann folgt in den meisten Fällen die Stammzellenspende. Es gibt noch Knochenmarkspenden (Anm.: durch Punktierung des Hüftknochens), aber über 90 Prozent sind mittlerweile Stammzellenspenden aus dem Blut.

profil: Wie funktioniert die Stammzellenspende?
Stockinger: In den Tagen vor der Spende erhält der Spender/die Spenderin einen Wachstumsfaktor namens G-CSF. Dieser bewirkt, dass sich die Blutstammzellen im Knochenmark, in dem sie sich normalerweise aufhalten, vermehren und in den Blutkreislauf auswandern. Nach diesen vier Tagen kann man sie aus dem Blut wie bei einer Blutspende entnehmen. Man hat zwei venöse Zugänge: Zwischen diesen beiden Zugängen befindet sich der computergesteuerte Zellseparator (ein Blut-Wasch-Gerät). Dieser sammelt die Stammzellen aus dem Blut. Sie bekommen alle ihre Blutbestandteile wieder, darum ist es relativ kreislaufschonend. Am Schluss spenden sie etwa 200 Milliliter – nicht einmal ein viertel Liter Blut. Das dauert vier bis fünf Stunden. Ansonsten ist es nicht sehr aufregend, man geht danach nach Hause. Wir gehen meistens abschließend gemeinsam etwas essen. So verläuft der Spende-Tag.

profil: Was sind Blutstammzellen eigentlich?
Panzer: Blutstammzellen sind die Vorläuferzellen aller Blutzellen, der roten und der weißen Blutkörperchen und der Blutplättchen. Sie befinden sich normalerweise im Inneren der großen platten Knochen – der "Blutfabrik" des Menschen. Diese Vorläuferzellen aller Blutzellen sind für die normale Entwicklung reifer Blutzellen notwendig. Wenn ein Mensch an Leukämie erkrankt, passiert eine dramatische Veränderung dieser Zellen. Einige von ihnen unterlaufen eine krebsige Entartung und verdrängen die gesunden Stammzellen im Knochenmark. Die Zellbildung ist gestört. Anstatt der gesunden werden fast nur mehr kranke Zellen erzeugt, welche nicht funktionsfähig sind. Dadurch hat der Patient keine funktionierende Blutbildung mehr, Blässe, Blutarmut, Blutungsgefahr und Anfälligkeit für Infektionen werden zur tödlichen Gefahr für den Patienten.

Zellseparator (Sujetbild)

profil: Wie kann man sich für die Stammzellenspende registrieren?
Stockinger: Die Registrierung erfolgt durch eine Blutabnahme bei uns im AKH oder durch einen Wangenabstrich zu Hause, immer gemeinsam mit einer Einverständniserklärung. Die Probe wird dann im Labor analysiert und mit diesen Daten wird man in die weltweite Datenbank aufgenommen.


Die Registrierung neuer Spender ist sehr kostenintensiv – wird aber von der öffentlichen Hand nur geringfügig unterstützt.

profil: Kostet die Registrierung etwas?
Agathe Rosenmayr: Der Spender muss bei der Registrierung nichts bezahlen. Die Registrierung neuer Spender ist allerdings sehr kostenintensiv – wird aber von der öffentlichen Hand nur geringfügig unterstützt. Eine Spender-Bestimmung kostet etwa 50 Euro. Dankenswerterweise finden sich immer wieder Sponsoren, die uns unterstützen. Hier hat vor allem der "Lions Club International, Distrikt 114 – Ost" in den letzten Jahren hohe Beträge gespendet, um die Registrierung der neuen Spender zu finanzieren. Wir können den Lions nicht genug danken, dass sie diese Aktivitäten in diesem hohen Ausmaß unterstützen.

profil: Sind Stammzellenspender Mangelware?
Rosenmayr: Österreich liegt mit seiner Spenderzahl im europäischen Mittelfeld, ähnlich wie Schweden, Dänemark und Belgien. So wie alle kleinen Länder sind wir daher auf Stammzellspender aus aller Welt angewiesen, damit wir österreichische Patienten mit passenden Spendern versorgen können. Durch die internationale Vernetzung ist die optimale Versorgung der österreichischen Patienten jedoch garantiert.

profil: Welche Mythen gibt es über die Stammzellenspende?
Stockinger: Ein generelles Vorurteil ist, dass es sich um eine Rückenmarkspende handelt. Also, dass man ins Rückenmark gestochen wird. Ich weiß nicht, woher das kommt. Es ist absolut falsch.

profil: Gibt es Risiken für die Spender?
Stockinger: Man hat eine Voruntersuchung und ist dadurch sehr gut durchgecheckt, wenn man wirklich Spender wird. Der Spender hat so gut wie kein Risiko dabei. Vier Tage vor der Spende bekommen Sie den körpereigenen Wachstumsfaktor, das G-CSF. Dieser macht grippeartige Symptome. Er sorgt jedoch dafür, dass das Immunsystem die Stammzellen ins Blut schickt. Dazu muss man schon bereit sein.

profil: Können die Stammzellen auch für andere Dinge verwendet werden?
Stockinger: Bei uns nicht. Das ist gesetzlich sehr streng geregelt. Es gibt viel Stammzellenforschung, aber wir sind da nicht involviert. Unsere Spender-Stammzellen werden dafür nicht verwendet.


Patienten mit Leukämie können durch die Transplantation mit Stammzellen vollständig geheilt werden.

profil: Werden die Empfänger durch die Spende komplett geheilt?
Panzer: Patienten mit Leukämie können durch die Transplantation mit Stammzellen vollständig geheilt werden. Für die Patienten ist diese Therapieform jedoch ein sehr aufwendiger Prozess. Erst erfolgt eine Chemotherapie, dann die Stammzellen–Gabe. Eine Stammzell-Transplantation ist eine intensivmedizinische Behandlung, bei der die Patienten in isolierten sterilen Räumen behandelt werden – eine Art Quarantäne, die mehrere Wochen dauert. Es dauert oft Wochen, bis die transplantierten Stammzellen im Knochenmark wieder zu wachsen beginnen. Die Patienten erhalten somit eine völlig neue Blutbildung – die des Spenders. Nach der Stammzell-Transplantation hat der Patient das gesamte Blut, das gesamte Immunsystem und auch die Blutgruppe des Spenders.

profil: Erfährt man, für wen man spendet?
Stockinger: Die Stammzellspende ist anonym für beide Seiten. Der Spender erfährt nur Alter, Geschlecht und Land des Patienten. Er kann aber einen anonymen Brief an den Empfänger schreiben. In Österreich kann man sich nach fünf Jahren kennenlernen.

profil: Haben sich so schon Freundschaften ergeben?
Stockinger: Es gibt immer wieder schöne Geschichten. Es gibt einen Spender, der für seinen Patienten nach Amerika geflogen ist, um ihn kennenzulernen. Mittlerweile besucht er ihn einmal im Jahr. Es ist wahnsinnig emotional das Ganze. Ich habe einmal eine Mutter registriert, deren Kind durch die Stammzellenspende geheilt wurde. Beim Hinausgehen kam ein Herr herein, der sich ebenfalls registrieren lassen wollte. Ich sagte zu ihm: "Vielleicht spenden sie auch einmal für so ein Kind", er antwortete, dass er gerade vom Begräbnis seiner Nichte käme, für die leider nicht rechtzeitig ein Spender gefunden werden konnte.

profil: Wie wahrscheinlich ist es, dass man jemandem mit seiner Spende helfen kann?
Stockinger: Es wird für circa 80 bis 90 Prozent der Patienten ein Spender gefunden. Heute geht es oft sehr schnell: Nach einem Monat ist der passende Spender gefunden.

Weitere Infos zur Stammzellenspende finden Sie auf www.stammzellspende.cc.

Univ. Prof. Dr. Simon Panzer ist Chef der Klinik für Blutgruppenserologie und Transfusionsmedizin, a.o. Prof. Dr. Agathe Rosenmayr ist die Projekt-Verantwortliche und DGKS Erika Stockinger koordiniert die Spenden.