Vatikan-Astronom: "Ich habe nur einen Gott mehr als Stephen Hawking"

Vatikan-Chefastronom Guy Consolmagno

Vatikan-Chefastronom Guy Consolmagno

Guy Consolmagno leitet die vatikanischen Sternwarten in Rom und Arizona. Ein Gespräch mit dem Chefastronomen des Papstes über Gott und den Urknall, die Degradierung Plutos zum Zwergplaneten und den Sinn von Horoskopen.

INTERVIEW: FRANZISKA DZUGAN

profil: Die Zeitung "Chicago Tribune“ schrieb einmal, das vatikanische Observatorium sei dazu da, das Horoskop des Papstes zu erstellen. Stimmt das?
Guy Consolmagno: Das machen wir natürlich nicht. Als ich vor 25 Jahren im Vatikan zu arbeiten begann, sagte der Direktor zu mir: "Machen Sie gute Wissenschaft.“ Ich war zuvor schon 20 Jahre lang Astronom gewesen, und meine bisherigen Chefs hatten immer gesagt: "Machen Sie Forschung, die uns innerhalb von drei Jahren Resultate bringt, damit wir wieder um Gelder ansuchen können.“ Ich genieße große wissenschaftliche Freiheit hier.

profil: Sind alle Ihre Mitarbeiter Katholiken?
Consolmagno: Mein Stab besteht aus einem Dutzend Jesuiten. Wir leben zusammen in Castel Gandolfo im Süden Roms, wo auch das erste Observatorium steht. Meine Mitarbeiter kommen aus unterschiedlichen Bereichen der Astronomie, von Interplanetarem Staub bis zur Quantenkosmologie. Jeder hat seine eigenen Mitarbeiter, insgesamt gibt es zwölf Teams.

profil: Was halten Sie von Horoskopen?
Consolmagno: Darüber habe ich kürzlich mit einem Mitbruder hitzig debattiert. Mein erster Satz war: "Horoskope sind Nonsens.“ Er widersprach. Sie erfüllten den Wunsch in uns, die Zukunft unter Kontrolle zu haben. Das ist natürlich eine falsche Hoffnung. Ich würde sagen: Die Astronomie hinter der Astrologie ist richtige Wissenschaft. Die Interpretation ist Nonsens.

profil: Versuchen Sie herauszufinden, was der Stern von Betlehem wirklich war?
Consolmagno: Diese Frage frustriert mich. Das mögliche Phänomen hinter der Erzählung des Sterns von Betlehem zu finden, hat mit astronomischer Forschung nichts zu tun. Hätten wir dieses Rätsel gelöst, dann wüssten wir deshalb nicht mehr über Astronomie, und wir wüssten nicht mehr über Gott. Es gab einige interessante Himmelserscheinungen rund um Christi Geburt. Aber es ist doch egal, ob der Weihnachtsstern ein realer Komet war oder eine Erfindung von Matthäus, um auf die Geburt von Jesus hinzuweisen.


Vielleicht haben wir alle die gleiche Illusion? Vielleicht ist Religion ein menschlicher Defekt? Ich werde es nie mit Sicherheit wissen.

profil: Wenn Sie die Sterne beobachten, suchen Sie dann nach Gott?
Consolmagno: Wir finden Gott nicht, indem wir durch das Teleskop blicken. Wir schauen durch das Teleskop, weil wir Gott bereits gefunden haben. Wenn ich logische mathematische Aufgaben lösen muss, stelle ich zuerst eine Theorie auf. Für mich ist Gott die Theorie, mit der ich beginne.

profil: Könnte es sein, dass Religion nur im Gehirn des Menschen existiert?
Consolmagno: Ich teile meine Erfahrungen mit Gott mit vielen anderen Menschen. Vielleicht haben wir alle die gleiche Illusion? Vielleicht ist Religion ein menschlicher Defekt? Ich werde es nie mit Sicherheit wissen. Das Leben besteht doch aus Entscheidungen, die wir auf Basis mangelhafter Informationen treffen. Am Ende hat weder der Atheist noch der Gläubige ausreichende Argumente.

profil: Nach 20 Jahren als Meteoritenforscher wurden Sie Jesuit. Warum?
Consolmagno: Meine Karriere hat mehrere Wendungen genommen. Nach ein paar Jahren fragte ich mich: Warum schaue ich in die Sterne, während Menschen verhungern? Ich habe die Astronomie aufgegeben und bin mit dem US-Friedenscorps nach Afrika gegangen. Als die Menschen dort mitbekamen, dass ich Astronom bin, wollten sie unbedingt durch mein Teleskop sehen. Ich stellte fest: Wir lieben die Astronomie, weil wir nicht nur Hunger nach Essen haben. Also ging ich zurück in die USA und unterrichtete Astronomie, was mich sehr glücklich machte.

profil: Wie sind Sie zum Orden gekommen?
Consolmagno: Eine Beziehung ging in die Brüche. Das gab mir große Freiheit, und ich dachte mir, ich könnte an einer Jesuitenschule unterrichten und damit für etwas stehen, das größer ist als ich selbst. Als ich mich beim Orden meldete, schickten sie mich nicht in eine Schule. Stattdessen sagten sie mir, ich solle nach Rom gehen und in einem Palast wohnen, in dem es eine Sammlung von 1000 Meteoriten gibt, die ich erforschen sollte. Es war - und ist - ein Traum!

profil: Wie stellen Sie sich Gott vor?
Consolmagno: Mein Gott ist keiner, der Blitze auf die Erde schickt oder überall auf der Welt die Fäden zieht. Mein Gott ist außerhalb des Universums. Er bewirkt, dass die Natur existiert, in jedem Moment - bei der Entstehung des Universums vor 13,8 Milliarden Jahren, heute und in Milliarden Jahren, wie lange auch immer das Universum existieren wird.


Eine der erstaunlichsten Fähigkeiten Gottes ist seine phänomenale Zurückhaltung.

profil: Reicht die Urknall-Theorie nicht aus, um das Universum zu erklären? Wozu brauchen wir Gott?
Consolmagno: Gott hat beim Urknall nicht die Zündschnur entfacht. Der berühmte Astrophysiker Stephen Hawking und ich sind uns in dieser Sache einig. Hawking sagt, eine Quantenfluktuation des Gravitationsfelds hat das Universum entstehen lassen. Wahrscheinlich hat er recht. Meiner Meinung nach hat Gott den Urknall ermöglicht. Er ist die Macht, die Existenz existieren lässt. Er ist der Autor von Raum und Zeit. Ich habe nur einen Gott mehr als Stephen Hawking - wir sind also gar nicht so weit voneinander entfernt.

profil: Was tut Ihr Gott den ganzen Tag, wenn er keine Strippen zieht und keine Lunten entfacht?
Consolmagno: Das ist schwer in Worte zu fassen, weil er außerhalb von Zeit und Raum agiert. Was er tat, ist, was er tut. Er ermöglicht Existenz, Naturgesetze und Freiheit. Eine seiner erstaunlichsten Fähigkeiten ist seine phänomenale Zurückhaltung. Wenn ich Gott wäre, würde ich dies und das verändern, reparieren, hineinpfuschen.

profil: Aber lernen wir nicht, dass Gott uns immer zusieht, jede einzelne Sünde erkennt?
Consolmagno: Das ist die kindliche Vorstellung von Gott. Viele Menschen haben eine sehr kindliche Idee von Gott - aber auch von der Wissenschaft.

profil: Sie haben in der Antarktis nach Meteoriten gesucht. Warum gerade dort?
Consolmagno: Meteoriten sehen aus wie gewöhnliche Steine, deshalb sind sie schwer zu finden. Sie enthalten Eisen, das auf der Erde sofort zu rosten anfängt, und sie zerfallen. In der Antarktis ist es zu kalt, um zu rosten, und die schwarzen Meteoriten sind auf dem Eis leicht zu entdecken.

profil: Was machen Sie mit den Meteoriten?
Consolmagno: Wir haben in den vergangenen zehn Jahren die Dichte von 2000 Meteoriten gemessen. Wir haben dafür ein aufwendiges Verfahren entwickelt, das niemand anwenden kann, der auf zeitlich begrenzte Forschungsgelder angewiesen ist. Seit Kurzem erst können wir Laser verwenden, da sie inzwischen sensibel genug sind, um schwarze Steine zu erkennen. Wir machen keine glamouröse Arbeit, weshalb ich nie den Nobelpreis gewinnen werde. Aber jeder Astronom greift heute auf unsere Daten zurück.

profil: Haben Sie auch etwas herausgefunden?
Consolmagno: Wir begannen mit unseren Messungen, als man anfing, Asteroiden mit Raumsonden zu erforschen. Wir entdeckten, dass Asteroiden 20 bis 50 Prozent weniger Dichte aufweisen als die Meteoriten, die von ihnen stammen. Eine erstaunliche Erkenntnis!


Das Bild vom bärtigen Gott, der in den Wolken sitzt, ist lächerlich - niemand kann ernsthaft daran glauben.

profil: Warum ist das so?
Consolmagno: Ein Asteroid ist kein kompakter Stein. Er besteht aus Geröll, das in der Vergangenheit einmal auseinandergebrochen und wieder zusammengewachsen ist. Wir wissen also nun, dass Asteroiden nicht Teile des ursprünglichen Sonnensystems sein können, weil sie schon mindestens ein Mal zerfallen sind. Niemand hat vor unseren Messungen darüber nachgedacht.

profil: Ihre Forschung passt so gar nicht in das Bild, das man von der katholischen Kirche hat. Wie stellen Sie sich das Leben nach dem Tod vor?
Consolmagno: Das Bild vom bärtigen Gott, der in den Wolken sitzt, ist lächerlich - niemand kann ernsthaft daran glauben. Viele Menschen glauben, in der Bibel stehe, wenn wir tot sind, würden wir unseren Körper verlassen und zu Engeln oder Geistern werden. Das ist Unsinn. Das ewige Leben ist keine rein geistige Angelegenheit. Die Verheißung lautet, dass Gottes Reich kommen und kein Ende haben wird. Wir haben keine Ahnung, wo und wann dieses Reich sein wird. Aber es existiert, und uns ist verheißen, dass es bereits da ist. Wie das gehen soll, weiß ich nicht. Daten über die Zukunft haben wir nicht.

profil: Jesus soll von den Toten auferstanden sein.
Consolmagno: Er hatte nach der Auferstehung einen Körper, den man berühren konnte. Die Menschen, die ihn erlebt haben, waren bereit, für ihn zu sterben. Sein Körper konnte erscheinen und verschwinden. Wie geht das? Jesus ist kein Zombie. Er ist keine reine Fantasie. Wir können nur sagen, was er nicht ist, aber nicht, was er ist.

profil: 2006 gab es einen Disput zwischen Papst Benedikt XVI. und Ihrem Vorgänger George Coyne. Worum ging es dabei?
Consolmagno: Es war eher ein Missverständnis. Es ging um die Idee von Anhängern des Intelligent Design, die behaupten, die Evolution sei nicht eine Folge von Selektion, sondern das Werk eines Designers - nämlich Gott. Wenn man sagt, es gibt Design und Strukturen im Universum, also gibt es Gott, ist das der falsche Ansatz. Man darf die Wissenschaft nicht verwenden, um die Existenz von Gott zu beweisen. Am Ende haben sich Benedikt und mein Vorgänger auf diesen Grundsatz geeinigt.

profil: Hatten Sie Kontakt zu Benedikt?
Consolmagno: Papst Benedikt kam gerne zu uns ins Observatorium, um über den Fortschritt unserer Forschung zu plaudern. Als Papst ist man oft abgeschnitten von dem, was in der intellektuellen Welt passiert. Das schmerzt, und man versucht, Freunde zu finden, mit denen man sich austauschen kann. Benedikt hat einen feinen Sinn für Humor. Er lachte über meine Witze.


Ursprünglich wollte ich, dass Pluto ein Planet bleibt. Ich habe meine Meinung aber geändert.

profil: Wie ist Ihr Verhältnis zu Papst Franziskus?
Consolmagno: Er unterstützt die Sternwarte sehr. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit aß er ungezwungen mit unserem Team zu Abend. Vor zwei Wochen hatten wir eine wichtige Konferenz zum Thema Schwarze Löcher und Gravitationswellen. Es war der Tag, an dem Franziskus nach Fatima aufbrach. In der Früh vor seiner Abreise empfing er uns noch, um uns alles Gute zu wünschen.

profil: Sie waren dabei, als die Internationale Astronomische Union Pluto zum Zwergplaneten degradierte. Sie stimmten dagegen. Warum?
Consolmagno: Ursprünglich wollte ich, dass Pluto ein Planet bleibt. Ich habe meine Meinung aber geändert. Die aktuelle Definition ist korrekt. Pluto ist viel zu klein, um ein Planet zu sein, hat aber eine viel zu hohe Dichte, um als Asteroid durchzugehen.

profil: Sie sind Vorsitzender der Kommission, die Namen für Krater auf dem Mars vergibt. Gibt es dafür bestimmte Regeln?
Consolmagno: Krater mit über 50 Kilometer Durchmesser werden nach Menschen benannt, deren Arbeit wichtig war für die Erforschung des Planeten und die seit mindestens drei Jahren tot sind. Das ist gar nicht so leicht. Ich hätte liebend gern einen Krater nach dem wundervollen Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke benannt, aber es gibt bereits einen Krater, der nach dem Astronomen Alvan Clarke benannt ist.

profil: Kleinere Krater bekommen keinen Namen?
Consolmagno: Doch, sie werden nach kleinen Dörfern auf der Erde benannt. Sie sollten leicht auszusprechen sein und nicht alle von einem Kontinent stammen. Nerd, der ich bin, führe ich darüber eine Statistik. Wir benennen nur jene Krater, an denen Forscher arbeiten. Die restlichen Taufen überlassen wir künftigen Generationen.

profil: Gab es schon einmal Streit bei der Namensfindung?
Consolmagno: Dauernd! Krater auf dem Merkur werden nach Künstlern benannt, zum Beispiel nach dem französischen Maler Claude Monet. Ein Wissenschafter wollte einen anderen Krater unbedingt nach seinem Lieblingsmaler Edouard Manet taufen lassen. Ich fand, dass das zu Verwechslungen führen könnte, und schlug stattdessen den Namen Rembrandt vor. Der Kollege war wirklich sehr wütend.

profil: Es gibt einen Asteroiden der Consolmagno heißt. Wie kam es dazu?
Consolmagno: Ich wurde vor 20 Jahren von Kollegen vorgeschlagen, weil ich einige Arbeiten über Asteroiden veröffentlicht hatte. Ich war sehr erfreut und schrieb an meinen Vater: Du wirst von mir keine Enkel bekommen, aber du kriegst dafür einen Asteroiden.

profil: Sie werden manchmal gefragt, ob Sie einen Außerirdischen taufen würden. Würden Sie?
Consolmagno: Es ist nicht ausgeschlossen, dass Leben auf anderen Planeten existiert. Würde also ein intelligentes Wesen auftauchen, egal wie viele Tentakeln es hätte, würde ich es natürlich taufen - aber nur, wenn er oder sie mich darum bittet.

Guy Consolmagno, 64
Der Sohn einer religiösen Familie wurde in Detroit, Michigan, geboren und studierte Astronomie am MIT und an der Universität Arizona. 1991 legte Consolmagno sein Ordensgelübde als Jesuit ab und arbeitet seither in der vatikanischen Sternwarte. Seit 2015 ist er deren Direktor. Neben seinen Publikationen als Meteoriten- und Asteroidenforscher verfasst Consolmagno auch populärwissenschaftliche Bücher über Astronomie.

Guy Consolmagno, Paul Müller: Wo war Gott, als das Universum geschaffen wurde? Verblüffende Antworten aus der vatikanischen Sternwarte. Herder, 285 Seiten, 20,60 Euro.