Wirkt der Pflanzenextrakt Echinacea doch?

Wirkt der Pflanzenextrakt Echinacea doch?

Sonnenhutaufgang: Die Heilpflanze Echinacea galt in den vergangenen Jahren als unwirksam. Neue Studien rehabilitieren das Kraut als Viren-Blocker.

Die Nordamerikanerinnen sind betörend hübsch: "Fatal Attraction“ leuchtet verführerisch in Purpurrot, "Razzmatazz“ schmückt sich mit knalligem Pink, "Tiki Torch“ versprüht Frische in Hellorange. Schmetterlinge, Hummeln und Libellen rasten gern auf den großen bunten Blüten mit den langen Hälsen. Unter Insekten und Gärtnern mag der Ruf der aus den USA stammenden Echinacea tadellos sein, unter Medizinern und Pharmazeuten war er bisher angekratzt. Viele Studien hatten die Wirksamkeit der traditionellen Heilpflanze, die auch unter dem Namen Sonnenhut firmiert, infrage gestellt. Doch das Blatt hat sich gewendet. Eine groß angelegte klinische Untersuchung der britischen Universität Cardiff zeigte nun: Richtig dosiert verringert Echinacea purpurea die Chance deutlich, sich einen Erkältungsvirus einzufangen. Die Europäische Arzneimittel-Agentur, ein Organ der EU, das Medikamente beurteilt, empfiehlt die Pflanze mittlerweile als wirksamen Schutz gegen Verkühlungen.

Immunstärkende und entzündungshemmende Wirkung
Botaniker unterscheiden - abgesehen von den eingangs beschriebenen Zierzüchtungen - drei Arten des Sonnenhuts: Echinacea purpurea, Echniacea pallida und Echinacea angustifolia. Allen dreien wird seit jeher eine immunstärkende und entzündungshemmende Wirkung nachgesagt. Lange wurde aber weder zwischen den verschiedenen Arten unterschieden noch darauf geachtet, welche Teile der Pflanze in welcher Konzentration in Arzneien landeten. Eine Vielzahl verschieden zubereiteter Präparate waren auf dem Markt: gepresste Frischpflanzensäfte, alkoholische Tinkturen, Tees, Tabletten, Kapseln und Globuli. Darin befanden sich Blüten, Blätter, Wurzeln oder auch ein Mix aus allem. In diesem wilden Durcheinander begann man in den 1990er-Jahren, die Wirksamkeit der Echinacea wissenschaftlich zu untersuchen. "Es wurden einzelne klinische Studien publiziert ohne Angabe, wie die Zubereitungen hergestellt wurden und welche Pflanzenteile beziehungsweise welche Art verwendet wurde“, sagt Rudolf Bauer, Leiter des Instituts für Pharmazeutische Wissenschaften an der Universität Graz. Die Ergebnisse variierten stark, viele Zubereitungsarten stellten sich als wirkungslos heraus. So kam die Echinacea als Heilpflanze in Verruf.

90 Prozent aller Atemwegsinfekte werden von Viren verursacht. 550 grippale Infekte schwirren jährlich durch die Luft, vorzugsweise in den Wintermonaten. Je nach körperlicher Verfassung infiziert sich ein Mensch zwei bis fünf Mal im Jahr. An der Universität Cardiff in Großbritannien wurde nun die bisher größte klinische Studie mit Sonnenhut durchgeführt. Es mag auf den ersten Blick verdächtig klingen, dass der Auftraggeber der Studie das Schweizer Arzneimittelunternehmen Bioforce ist. Doch die Qualität der Studie wurde von der Cochrane Collaboration überprüft. Getestet wurden die in der Apotheke erhältlichen Echinaforce-Tropfen, bestehend aus 95 Prozent Blättern und fünf Prozent Wurzeln der Echinacea purpurea. Eine Hälfte der 755 Probanden nahm den alkoholischen Extrakt vier Monate lang vorbeugend. Die andere Hälfte bekam Placebo-Tinkturen. Den Teilnehmern, die währenddessen an Erkältungen litten, wurde Nasensekret entnommen, das man auf Viren untersuchte. Das Ergebnis: Die Placebo-Gruppe war deutlich öfter krank. Bei ihr traten um 52 Prozent mehr Erkältungsepisoden auf als bei der Echinacea-Gruppe. Ihre Symptome waren länger zu spüren, weshalb die Probanden einen größeren Bedarf an Schmerzmitteln hatten.

Bei der Echinacea-Gruppe hingegen tauchten weniger Infektionen mit Viren auf, besonders wirksam erwies sich die Heilpflanze gegen Respiratorische Synzytial Viren (RSV), Parainfluenza und Coronaviren. "Bei der Placebogruppe wurden 58 Erkältungsepisoden mit 268 Erkältungstagen berichtet, währen die Echinacea-Gruppe nur 36 Episoden mit 155 Erkältungen verzeichnete. Dieser Unterschied ist statistisch hoch signifikant“, schreibt die Forschergruppe um den britischen Mediziner Martez Jawad. Auch die Rückfallquote war bei den Probanden, die Placebos einnahmen, um 60 Prozent höher. Nebenwirkungen wie allergische Reaktionen blieben in beiden Gruppen aus. Trotzdem: Echinacea zählt zu den Korbblütlern. Menschen mit Allergien gegen andere Korbblütler (zum Beispiel Artischocken, Topinambur, Schwarzwurzel oder Kamille) rät Pharmakologe Bauer von der Einnahme von Sonnenhutpräparaten ab.

"Beim ersten Kratzen im Hals"
Zuletzt gab es eine Reihe pharmakologischer Untersuchungen mit einzelnen Sonnenhut-Inhaltsstoffen und Gesamtextrakten im Reagenzglas. Auch sie zeigten die signifikante Wirkung von Echinacea purpurea und Echinacea pallida gegen Influenza-, Herpes- und RSV-Viren. Den größten Effekt erzielten wiederum Extrakte aus den Blättern der Pflanzen. Sie verändern die Oberflächenrezeptoren der Viren, die für das Eindringen in die Zelle verantwortlich sind. Damit verhindern sie den Replikationsvorgang, also die Vermehrung der Viren innerhalb der Zelle, und wirken einer Infektion entgegen. Waren die Viren bereits in der Zelle, musste die Dosis deutlich erhöht werden. In der Praxis heißt das: "Beim ersten Kratzen im Hals sollte man mit der Einnahme von Echinacea beginnen. Je früher, desto besser“, sagt Rudolf Bauer von der Uni Graz.

Viren reagieren auf medikamentöse Behandlung oft mit der Bildung resistenter Stämme. Untersuchungen der Universität Gießen zeigten, dass dies bei einer Therapie mit Echinacea nicht passiert. Während Grippe-Stämme bereits bei der zweiten Behandlung mit dem Neuraminidasehemmer Oseltamivir, dem Wirkstoff des weltweit meistverkauften Grippemittels Tamiflu, Resistenzen bildeten, blieben sie Echinacea gegenüber sogar bei der dritten Behandlung noch empfindlich. Den Mechanismus dahinter verstehen die Forscher bisher noch nicht.

Zusätzlicher Effekt
Präparate des Sonnenhuts wirken nicht nur antiviral, sondern auch entzündungshemmend und immunmodulierend. Bauer macht dafür vor allem die in den Blättern enthaltenen Alkamide verantwortlich. "Sie täuschen dem Körper eine Infektion vor und regen so das Immunsystem an. Sie aktivieren die im Immunsystem vorhandenen natürlichen Killerzellen, die Viruszellen erkennen und töten“, sagt Pharmakologe Bauer. Die ebenfalls in den Blättern steckenden Kaffeesäurederivate wirken entzündungshemmend. Grundsätzlich gilt: Patienten mit schwachem Immunsystem profitieren stark von der Einnahme von Echinacea, während sich bei Menschen mit intakter Immunabwehr kein zusätzlicher Effekt einstellt.

Mittlerweile hat auch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) Anwendungsempfehlungen publiziert. Für den Presssaft aus den oberirdischen Teilen von Echinacea purpurea wurde ein "gut etablierter Nutzen“ anerkannt. Im Klartext: Die Wirkung von aus dem Saft der Pflanze bestehenden Tropfen wurde durch mindestens eine klinische Studie guter Qualität belegt. Die Wurzelextrakte von allen drei Echinacea-Arten sowie die äußerliche Anwendung des Purpurea-Presssaftes bei kleinen oberflächlichen Wunden wurden in die Kategorie "Traditionelle kräutermedizinische Produkte“ eingestuft - der Effekt der Kräuter wird also aufgrund langjähriger Erfahrung als plausibel eingeschätzt.

Weitere Infos:

Amerikanische Wurzeln
Ursprünglich schätzten amerikanische Ureinwohner die heilsame Wirkung des Sonnenhuts. Sie zerquetschten die Pflanze zwischen Steinen und legten den Brei auf Pfeilverletzungen, Schlangenbisse und Verbrennungen, um Blutvergiftungen vorzubeugen. Im 19. Jahrhundert verbreitete sich der Sonnenhut in Europa und wurde als Allheilmittel auch für Krankheiten wie Syphilis, Hämorriden, Migräne oder Rheuma eingesetzt. Durch die Entdeckung von Penicillin geriet Echinacea in Vergessenheit. Damals wusste man nicht um die antivirale Wirkung der Pflanze und behandelte viele Virus-Erkrankungen fälschlicherweise mit antibakteriellem Penicillin. Erst als in den 1970er-Jahren die ersten Antibiotika-Resistenzen auftauchten, erinnerte man sich des Heilkrauts. Noch heute wird Echinacea in den USA auf riesigen Anbauflächen kultiviert, die Wurzeln werden zu Nahrungsergänzungsmitteln verarbeitet. Deren Wirkung ist bisher nicht eindeutig nachgewiesen.