Boris Johnson nach dem Wahlsieg im Dezember 2019
Boris Johnson nach dem Wahlsieg im Dezember 2019

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Ausland
12/13/2019

Boris Johnson: Karrierist, Meistertaktiker, Bildungsbürger, Lügenbold, Frauenheld

Boris Johnson: Karrierist, Meistertaktiker, Bildungsbürger, Lügenbold, Frauenheld

von Tessa Szyszkowitz

Großbritannien befindet sich nach einem Triumph der regierenden Tories auf dem Weg zu einem raschen EU-Austritt im Jänner. Die Partei von Premierminister Boris Johnson errang bei der Unterhauswahl am Donnerstag eine deutliche absolute Mehrheit und kann damit ihr Versprechen einlösen, "den Brexit durchzuziehen". Das Porträt von Tessa Szyszkowitz erschien am 21.7.2019 in profil 30/2019

1. Der Bildungsbürger

Alexander Boris de Pfeffel Johnson lernte tatsächlich nicht für die Schule, sondern für das Leben, als er im Internat Eton College fünf Jahre lang die Schulbank drückte. Als Sohn einer bürgerlichen englischen Familie in New York geboren, durchlief er eine erstklassige akademische Bildung in Englands Eliteschule. Auf dem Balliol College in Oxford studierte er dann Altgriechisch und Latein und vertiefte sich in Literatur, Philosophie und die Geschichte der alten Griechen und Römer. Diese klassische Erziehung hält der "Old Etonian", wie sich jeder Absolvent von Eton nennt, auch heute noch hoch. Boris Johnson zitiert gerne auf Lateinisch; einmal wurde er sogar dabei beobachtet, wie er im Flugzeug ein Buch in altgriechischer Sprache las.

Nicht nur die alten Römer, auch die Literatur des British Empire zitiert Johnson gerne -ob es gerade passt oder nicht. Bei einem Besuch in Myanmar schlug er, damals Außenminister, gut gelaunt eine Glocke an und begann ein Gedicht des Autors Rudyard Kipling vorzutragen, das die britische Kolonialzeit verherrlicht: "Die Tempelglocken sagen: Komm zurück, du englischer Soldat." Der britische Botschafter stoppte ihn mit einem scharf gezischten "Unpassend!" Johnson quittierte die Zurechtweisung des Untergebenen mit dem für ihn typischen verschmitztverschämten Grinsen. Ein schlimmer Fauxpas, gewiss - er darf aber nicht über Johnsons profundes Geschichtswissen hinwegtäuschen. Im September 2016, wenige Wochen nach der Brexit-Abstimmung, sah man ihn bei einem Besuch in Wien tief über das Original der Schlussakte des Wiener Kongresses im Staatsarchiv gebeugt. Mit Wolfgang Maderthaner, dem damaligen Chef des Staatsarchivs, und dem britischen Botschafter Leigh Turner fachsimpelte Johnson über die Neuordnung Europas vor 200 Jahren. Wie 1815 stellt sich auch heute wieder die Frage, wie das Gleichgewicht der europäischen Mächte gewahrt werden kann - wofür Johnson eine erhebliche Mitverantwortung trägt. Als Galionsfigur der Kampagne für den EU-Austritt hatte er die Briten gerade davon überzeugt, genau jene Staatengemeinschaft zu verlassen, die zur Überwindung des Nationalismus in Europa gegründet worden war.

Doch obwohl er seine Bildung gern vor sich her trägt, war Johnson nie ein erstklassiger Schüler. Dafür interessieren ihn Details zu wenig. Auch für große visionäre Würfe ist er nicht bekannt. "Ich hätte gerne Tausende Schulen, die so gut sind wie die, auf die ich gegangen bin: Eton!", sagte er, als er einmal zur Bildungspolitik befragt wurde, ohne mit einem Wort darauf einzugehen, dass sich die wenigsten Menschen eine Eliteschule leisten können. Als echter Engländer beherrscht Johnson die Kunst der Debatte perfekt. Als Präsident der Oxford Union Society brillierte er mit Reden, die gespickt waren mit schillernden Formulierungen und provokanten Witzen. Um Inhalt ging es dabei weniger als darum, das Publikum zum Lachen zu bringen.

2. Der Lügenbold

Knalleffekte sind Johnsons Steckenpferd - auch wenn die Wahrheit dabei auf der Strecke bleibt. Bevor Johnson sich der Politik zuwandte, arbeitete er als Journalist. Gleich in seinem ersten Job bei der "Times" wurde er gefeuert, weil er ein Zitat frei erfunden hatte. Sonia Purnell schildert in der Biografie "Just Boris: A Tale of Blond Ambition", was sie erlebte, als sie mit ihm in Brüssel Anfang der 1990er-Jahre ein Büro teilte. Die beiden waren Korrespondenten des "Daily Telegraph". Unter anderem pflegte sich Johnson selbst lauthals obszön zu beschimpfen, um sich zu schreiberischen Höchstleistungen anzuspornen: "Dieses bizarre Ritual gab jenen, die es erlebten, eine Idee davon, welch reißender Strom an Getriebenheit sich hinter Johnsons umgänglichem Äußeren verbarg", schreibt Purnell. Höchst problematisch war jedoch die Tatsache, dass Johnson in seiner EU-Berichterstattung log, dass sich die Balken bogen. Davon kann auch profil-Redakteur Otmar Lahodynsky, damals Korrespondent in Brüssel, ein Lied singen.

Mit seiner skrupellosen Fabulierlust setzte Johnson die Kollegen unter Druck: Seine Artikel waren einfach lustiger, weil er sich von der oft drögen Realität der EU-Politik nicht im Geringsten stören ließ. Chris Patten, zur selben Zeit britischer EU-Kommissar in Brüssel, bezeichnete seinen Landsmann einmal als "einen der größten Vertreter von ,fake journalism'".

In den fünf Jahren als EU-Korrespondent formierte sich Johnsons politische Persönlichkeit: Er wurde EU-Skeptiker. "Willkommen Österreich, Finnland und Schweden, ihr jugendlich frischen EGMitglieder, die ihr eure Scheckbücher öffnet", schrieb er im März 1994 im "Daily Telegraph" zum Abschied aus Brüssel: "Der britische Einfluss wird sinken, wenn statt zwölf jetzt 15 Mitglieder am Tisch sitzen . Dass politische Entscheidungen in einer ausländischen Hauptstadt getroffen werden, wird in der Vorstellung der Briten einen immer wichtigeren Platz einnehmen. Ich prophezeie Probleme." Damit sollte er recht behalten. Die Saat seiner Berichterstattung ging 2016 mit dem Brexit-Votum der Briten endgültig auf.

3. Der Frauenheld

Was seine Verführungskünste betrifft, legt Boris Johnson seit Jahrzehnten gehörigen Ehrgeiz an den Tag. Er wurde so berühmt für seine Affären, dass sein Foto 2011 von der Online-Plattform Ashley Madison verwendet wurde, die auf Seitensprünge verheirateter Menschen spezialisiert ist. Unter seinem Konterfei stand: "Egal wie Sie aussehen!" Neben seiner Ehe mit der Rechtsanwältin Marina Wheeler, mit der er vier Kinder hat, ging er eine Beziehung mit der Journalistin Petronella Wyatt ein. Als Wyatt schwanger wurde, ließ er sich nur unter massivem Druck dazu bringen, zu den Kosten einer Abtreibung beizutragen. "Ich hatte keine Affäre mit Petronella", behauptete er 2005 gegenüber der "Mail on Sunday":"Das ist eine umgekehrte Pyramide aus Unsinn." Die Lüge ließ sich nicht halten, was dazu führte, dass Johnson aus dem Schattenkabinett des konservativen Oppositionschefs Michael Howard entlassen wurde.

Boris entstammt einem gesellschaftlich gut vernetzten Clan. Sein Vater Stanley und seine Geschwister Rachel, Jo und Leo tauchen überall auf, wo sich die britische Society ein Stelldichein gibt: auf glitzernden Partys als It-Family, in Talkshows und Konferenzen. Boris und Jo waren auch Minister in konservativen Regierungen. Den geselligen "BoJo" konnte man oft auf privaten Festivitäten beobachten, wie er tapsig das Tanzbein schwang. Immer war eine Frau in der Nähe, auf die er ein Auge geworfen hatte. Bis heute will er keine Auskunft darüber geben, ob er fünf oder sechs Kinder gezeugt hat.

Allen Seitensprüngen zum Trotz scheiterte seine Ehe mit Marina Wheeler im Herbst 2018 endgültig an einer Affäre mit der 31-jährigen Carrie Symonds. Die Marketingexpertin sieht Johnsons Tochter Lara Lettice erstaunlich ähnlich und ist auch nur sechs Jahre älter als diese -eine Tatsache, die Letztere ihrem Vater dem Vernehmen nach bisher nicht verziehen hat.

Seit Carrie Symonds in sein Leben getreten ist, sind Johnsons Familienverhältnisse nicht mehr Privatsache. Symonds gilt als treibende Kraft hinter seinen Ambitionen, Chef der Tories zu werden. Kurze Zeit schien es diesen Frühling, als hätte sie etwas Ordnung in Boris Johnsons weißblonden Haarschopf, seine schlampige Garderobe, seine fettreiche Ernährung und seine wilde Wortwahl gebracht.

Lang währte des Widerspenstigen Zähmung allerdings nicht. Ende Juni wurde der Tageszeitung "The Guardian" die Aufzeichnung einer wüsten Auseinandersetzung zwischen dem Paar zugespielt. "Get off me!" ("Lass mich los!"), schreit Symonds etwa. Danach stellten viele die Charakterfrage: Soll dieser Rüpel tatsächlich Premierminister werden?

4. Der Karrierist

Der talentierte Mr. Johnson steht knapp vor dem Ziel - obwohl es ihm auch nach Ansicht der meisten Tories an politischer Ernsthaftigkeit fehlt. Das wiederum ist sowohl ein Zeichen des populistischen Zeitgeistes als auch ein Hinweis darauf, wie verrückt die politischen Verhältnisse auf den Britischen Inseln geworden sind. Trotz all seiner offenkundigen Defizite gilt Johnson seit Jahren als Geheimwaffe der konservativen Partei. Bei jedem Tory-Parteitag konnte man das gleiche Spiel erleben: Die Delegierten -und Medienvertreter -warteten auf seine Rede wie Verhungernde auf einen Bissen Brot. Johnson war der Pausenclown, der nie auch nur vortäuschte, sich für politische Inhalte zu interessieren. Dafür würzte er seine Rede mit Zoten und Insiderwitzen, über die sich der versammelte konservative Stammtisch vor Lachen bog. Die PR-Strategen in Downing Street hatten es schon lange aufgegeben, Johnsons Redetexte vorher einzufordern. Er hielt sich sowieso nicht daran. "Ich halte mich lieber an der Nutte neben mir fest", flachste er ungeniert bei seiner Rede auf dem Parteitag im Herbst 2015. Damals war er bereits Abgeordneter für Uxbridge und South Ruislip, seinen Wahlkreis in Westlondon. Man konnte Parteichef und Premierminister David Cameron herzlich im Publikum lachen sehen. Er machte gute Miene zum bösen Spiel -wohlwissend, dass oben auf dem Podium sein gefährlichster Gegner stand, der nur auf seine Chance wartete.

5. Der Meistertaktiker

Als Boris Johnson 2015 eine Biografie über Winston Churchill veröffentlichte, machte er kein Hehl aus seiner Intention: "Der Churchill-Faktor" (auf Deutsch bei Klett-Cotta erschienen) ist eine Liebeserklärung an den Kriegspremier und ein unverhohlener Versuch, sich selbst in eine Reihe mit ihm zu stellen. An Ambition mangelte es Johnson noch nie. "Churchill entschied sich schon früh dafür, eine politische Position zu schaffen, die über links und rechts stehen würde. Er wollte die besten Aspekte beider Seiten übernehmen und damit den Willen der Nation verkörpern", schreibt Johnson in dem Buch über das politische Denken seines Idols: "Damit ging eine Art von Halb-Ideologie einher - ein linker Toryismus: imperialistisch, romantisch, aber auf der Seite des arbeitenden Mannes."

Als Taktiker sieht sich Johnson ebenfalls jenseits der Kategorien von rechts und links. Er hätte sich 2016 wohl auch dem proeuropäischen Lager angeschlossen, wenn dort ein karriereträchtiger Platz freigewesen wäre. Doch dort drängten sich schon David Cameron und seine Vertrauten. Also versprach Johnson den Briten das Blaue vom Himmel und brachte als Chef-Brexiteer dem Leave-Lager den Sieg. Ist Boris Johnson stolz darauf? Sein Idol Winston Churchill bescherte den Briten ihren größten Triumph, den Sieg über Nazi-Deutschland. Der cholerische Zigarrenraucher hatte im Zweiten Weltkrieg nicht nur seinen Landsleuten, sondern der ganzen Welt gezeigt, wo die einzig richtige Seite der Geschichte lag.

Boris Johnson dagegen läuft aus monomanem Ehrgeiz, einem Mangel an politischer Vision und inhaltlicher Faulheit Gefahr, die Briten auf die falsche Seite der Geschichte zu führen. Der Rückzug in eine kleinstaatliche Idylle, die es im globalisierten 21. Jahrhundert nicht geben kann, geht mit einem Nationalismus einher, der nicht nur innerhalb von Großbritannien ausgrenzend wirkt, sondern auch die Einheit des Vereinigten Königreichs sprengen könnte, sollten die Schotten und die Nordiren den Weg aus der EU nicht mitgehen.

Boris Johnson weiß natürlich um die Gefahren des Brexit und wurde über die Kosten eines nicht durch ein Abkommen mit der EU abgesicherten Austritts gebrieft. Dennoch bleibt er dabei, dass er die Briten am 31. Oktober 2019 aus der EU führen werde -"mit oder ohne Deal".

Seine Partei trägt diesen Kurs wohl oder übel mit, weil Johnson als der Einzige gilt, der den europhoben Rand der konservativen Partei zähmen kann. Er ist der Darling der 180.000 konservativen Parteimitglieder, die sich während des Brexit-Prozesses immer stärker radikalisiert haben. Seine liberalen Unterstützer hoffen nun, dass er Opportunist genug ist, um den Brexit sofort zu verraten, wenn es seiner eigenen Karriere nützt.

"Die Chancen, dass ich Premierminister werde, sind etwa so groß wie die, dass ich mich in eine Olive verwandle", sagte Johnson einmal. Im Zweifelsfall zieht er wohl doch lieber in 10 Downing Street ein.