Boris Johnson und Manuela Zinsberger

Premier Boris Johnson geht, Torfrau Manuela Zinsberger bleibt

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profil-Morgenpost
07/08/2022

Boris Johnson weg! Uns bleibt immer noch die EURO

Johnson-Rücktritt, Fußball-Freuden, Ostsee-Sommerlektüre: Anmerkungen zum Wochenausklang.

von Philip Dulle

Viel los auf der Insel. Nach der Revolte in den eigenen Reihen (“Go now” schrieb sein Parteifreund Nadhim Zahawi auf Twitter) hat sich der britische Premier Boris Johnson (58) zum Rücktritt entschlossen. Es gibt, das kann man sagen, nicht nur einen Grund für die Meuterei. In Erinnerung bleiben werden etwa die illegalen Lockdown-Partys an seinem Amtssitz in der Downing Street oder sein hochgradig unseriöser Umgang mit sexuellen Übergriffen im britischen Parlament. Das Magazin “The Economist” (Titel der aktuellen Ausgabe: “Clownfall”) schrieb zu den aktuellen Entwicklungen: "Boris Johnson tritt zurück. Er hinterlässt Großbritannien in einem gefährlichen Zustand: Die Zeit, in der alles möglich war, ist vorbei." Der Kreml zeigte sich indes über Johnsons Ende betont gleichgültig. "Er mag uns nicht, wir mögen ihn auch nicht", sagte Präsidialamtssprecher Dmitri Peskow in einer Pressekonferenz. Das profil-Auslandsressort wiederum lässt die Nachricht keineswegs kalt, die Kolleginnen und Kollegen arbeiten aktuell an einer großen Geschichte, die Sie ab Samstag Früh in unserem E-Paper und ab Sonntag in der neuen Print-Ausgabe lesen können. 

Kick it like Schnaderbeck, Zadrazil, Zinsberger

Während es ungefähr tausend gute Gründe gibt, die Fußball-Weltmeisterschaft der Herren im Emirat Katar zu boykottieren (tote Arbeitsmigranten, Ausbeutung, Klimawahnsinn), kann man sich auch als Gelegenheitsfußballfan völlig zwang- und problemlos über die Europameisterschaft der Frauen in England freuen. Denn: Auch wenn die Österreicherinnen um Kapitänin Viktoria Schnaderbeck (aktueller Verein: Tottenham Hotspur) das Eröffnungsspiel gegen die Gastgeberinnen aus England mit 1:0 verloren haben, war spätestens ab der zweiten Spielhälfte klar, wie gut und wichtig es ist, dass Frauenfußball endlich ein Massenereignis ist. Mehr als 68.000 Menschen kamen ins Old Trafford Stadium in Manchester – eine Rekordkulisse für die Fußballerinnen. Die Österreicherin Sarah Zadrazil (die für Bayern München kickt) schrieb auf Twitter, dass sie schon als kleines Mädchen nur Fußballspielen wollte: “Ich kann nicht versprechen, dass wir erfolgreich sein werden, aber ich kann all den jungen Mädchen da draußen versprechen, dass ich alles geben werde, dass ich das Trikot mit Stolz tragen werde und dass ich es für sie tun werde, um ihnen zu zeigen, dass es möglich ist, seinen Traum zu leben!”

Sommer im Plattenbau

Seit Wochen will ich Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, ein Buch empfehlen, das ich vor einigen Wochen verschlungen haben – und das mich nicht mehr loslässt. “Nullerjahre” von Hendrik Bolz (Kiepenheuer & Witsch) ist vielleicht nicht die klassische Strandlektüre für den Adriaurlaub, sondern vielmehr ein Buch, das man immer wieder aufschlagen kann und muss, in das man sich Notizen schreib will, in das man Leseohren macht, in dem man ganze Sätze unterstreicht, bis man merkt, dass man gleich die ganze Seite, das ganze Kapitel unterstreichen will – vor allem, weil es vor Radikalität und Offenheit nur so strotzt. Zynischer Untertitel der Coming-of-Age-Geschichte: “Jugend in blühenden Landschaften”. Der deutsche Autor und Musiker Bolz, 33, schreibt vom Aufwachsen im nordöstlichsten Winkel Deutschlands. Genauer: In einem Plattenbauviertel in Stralsund an der Ostsee (“wo andere Menschen Urlaub machen”). Doch für den jugendlichen Bolz gehören Drogen, harter Alkohol, Neonazis, Böhse Onkelz, keine Perspektiven und resignierte Erwachsene zum Alltag. Die einen verlieren nach dem Mauerfall ihre Arbeit und leben in der ostdeutschen Tristesse, die anderen verlieren alles und ziehen weg. Bolz, der heute in Berlin lebt, skizziert in “Nullerjahre” nicht nur ein präzises Sittenbild der Nullerjahre in Ostdeutschland, er erklärt zudem, wie Parteien wie die rechte AfD überhaupt so erfolgreich werden konnten. Ein eindringliches Zeitdokument.

Dazu noch eine dringende Konzert-Empfehlung: Am 25. September gastiert Bolz mit seinem Hip-Hop-Projekt Zugezogen Maskulin im Wiener Flex Café. Ein erstklassiger Grund, sich auf den Frühherbst zu freuen.

Einen erholsamen Start in das Wochenende wünscht

Philip Dulle