Brexit-Autor Jonathan Coe: "Die Patienten haben die Irrenanstalt übernommen"

Jonathan Coe

Jonathan Coe

Der Erfolgsautor Jonathan Coe über seinen Brexit-Roman „Middle England“, die vielen Zufälle, die den EU-Austritt möglich machen – und seine Hoffnung, dass Großbritannien abseits Europas trotzdem erfolgreich ist.

INTERVIEW: TESSA SZYSZKOWITZ, LONDON

profil: Am Ende von „Middle England“ wird ein Brexit-Baby geboren. Dürfen wir das als Metapher für eine rosige Zukunft Britanniens sehen?
Coe: Ich wollte den Roman hoffnungsfroh enden lassen. Ich glaube, als Person und als Schriftsteller habe ich die moralische Pflicht, optimistisch zu sein. Das letzte Kapitel ist allerdings nicht so realistisch wie die anderen Teile des Buches. Meine Hoffnung für Großbritannien ist auch nicht kurzfristig angelegt. Es wird ein Jahrzehnt oder sogar mehr dauern, bis wir dieses Durcheinander geordnet haben.

profil: Boris Johnson hat Feierlichkeiten für den 31. Jänner angesetzt. Dabei soll überall der Union Jack, die Nationalflagge, gehisst werden – ganz so, als ob das während der EU-Mitgliedschaft nicht möglich gewesen wäre. Wird das Land von irrealer Scheidungseuphorie erfasst?
Coe: Ehrlich, ich sehe hier keine Euphorie. Der Brexit hat unsere Politik in Pantomime verwandelt. Wir werden nicht mehr als seriöses Land wahrgenommen. Es ist nicht so, dass es die Leute, die den Brexit betrieben haben, vorher nicht gab. Doch unser System konnte mit ihnen umgehen, sie waren dort, wo sie hingehörten: am Rand des demokratischen Spektrums. Politiker wie Jacob Rees-Mogg sind keine ernsthaften politischen Figuren. Doch unser politisches System ist in den letzten Jahren zusammengebrochen – und jetzt sind sie die bestimmenden Kräfte darin geworden. Die Patienten haben die Irrenanstalt übernommen.


Das hätte George Orwell einfallen können.

profil: Meinen Sie damit auch Premierminister Boris Johnson?
Coe: Boris Johnson ist die schlimmste Besetzung für den Premierminister, in jeder Hinsicht.

profil: Wieso das? Ob man ihn nun schätzt oder nicht: Er hat es doch immerhin geschafft, den Brexit durchzusetzen.
Coe: Hat er das? Der Brexit ist doch überhaupt nicht erledigt, nur weil jetzt Teil eins, der offizielle Austritt, absolviert wird. Nach dem 31. Jänner beginnt erst der harte Teil der Verhandlungen über unsere Beziehung zur EU. Am 31. Dezember 2020 wird sich zeigen, ob Johnson gut verhandeln konnte oder nicht. Wenn nicht, dann wird es hart.

profil: Johnson hat seinen Beamten und Ministern verboten, nach dem 31. Jänner das Wort „Brexit“ noch in den Mund zu nehmen.
Coe: Das hätte George Orwell einfallen können. Vielleicht dürfen seine Tory-Minister nicht mehr darüber reden – aber wenn ich eingeladen werden sollte, in der BBC zu sprechen, dann werde ich den Begriff Brexit 30 Mal im ersten Satz unterbringen. Einer der tragischen Aspekte des EU-Austritts ist, dass er durch Zufall zustandegekommen ist. Hätte nicht Boris Johnson die Austrittskampagne betrieben, wäre ein anderer als Spindoktor aufgetreten als Dominic Cummings und hätte nicht Jeremy Corbyn, sondern Keir Starmer die proeuropäische Opposition und die Labour-Party angeführt – dann würden wir vermutlich EU-Mitglied bleiben.

profil: Sie beschreiben in „Middle England“ allerdings sehr anschaulich, wie sich die Stimmung in England seit 2011 langsam verändert hat. Neben den Folgen der Finanzkrise und der Sparpolitik der konservativen Regierung richtet sich die Wut der Bevölkerung immer mehr gegen die Einwanderer. Das Brexit-Referendum war insofern doch kein Zufall?
Coe: Ich habe den Roman geplant, bevor das Ergebnis des Brexit-Referendums bekannt war. Ich wusste also nicht, dass wir die EU verlassen würden. Ich glaube, David Cameron hatte keine Idee davon, was er aufs Spiel setzte, als er dem Referendum 2015 zustimmte. Er hat wohl nicht verstanden, was sich an Wut in England aufgestaut hatte. Cameron konnte sich auch nicht vorstellen, was jemand wie Dominic Cummings aus der simplen Referendumsfrage machen würde. Das EU-Referendum wurde zur Identitätsfrage: Wer wollen wir Engländer sein? Einwanderung und Rassismus erhielten plötzlich zentrale Bedeutung. Nicht alle Brexiters sind Rassisten, aber die zentrale Message der Leave-Kampagne war: „Stoppt die Einwanderung, wir sind am ,Breaking Point‘“. Diese Frage hat das Land gespalten, und ich beschreibe das auch in meinem Buch.


Ich habe nach dem Referendum noch jahrelang gehofft, dass wir den Austritt aus der EU vermeiden können.

profil: Warum entlud sich die Angst vor Überfremdung aber gegen die EU? Die Polen sind weiß und christlich, kaum von den Engländern zu unterscheiden.
Coe: Birmingham, wo ich aufgewachsen bin, wird oft als Modell für den Erfolg der britischen, multikulturellen Koexistenz hochgehalten. Trotzdem hat dort eine knappe Mehrheit für den Brexit gestimmt. Die asiatischen Briten waren den Osteuropäern nicht unbedingt freundlicher gesinnt als die englischen Engländer.

profil: Geht es bei der Xenophobie eher um Verdrängungsängste als um reale Unterschiede?
Coe: Es hat jedenfalls wenig mit der Realität der EU-Mitgliedschaft zu tun. Ich habe nach dem Referendum noch jahrelang gehofft, dass wir den Austritt aus der EU vermeiden können. Oder dass wir wenigstens möglichst nahe an der EU bleiben würden. Das Erschütternde ist, dass wir jetzt auch noch unter Bedingungen austreten, die sicher von keiner Mehrheit der Briten unterstützt wird.

profil: Vielleicht hätte das Parlament dem sanften Deal von Theresa May doch zustimmen sollen?
Coe: Ich persönlich finde, dass alles, was schiefgehen konnte, in den letzten Jahren schiefgegangen ist, und das wird sich auch in den nächsten Jahren nicht ändern. Wenn wir Briten zu einer Weggabelung kommen, nehmen wir immer den falschen Weg. Dadurch geraten wir immer tiefer in den Wald hinein. Und es wird immer schwerer, wieder herauszufinden.

profil: Auch Jeremy Corbyn ist als Oppositionsführer an der Brexit-Frage gescheitert. War er ein schlechter Labour-Führer?
Coe: Corbyn war ganz sicher der falsche Parteichef für diesen Zeitpunkt der britischen Geschichte. Als er gewählt wurde, konnte man nicht wissen, wie wenig geeignet er dafür war. Er wurde für seine Position gegen die Sparpolitik der Tories gewählt. Die Diskussion über Austerität wurde dann aber vom Thema Brexit weggefegt. Corbyns Expertise war komplett unwichtig geworden. Seine zweite Schwäche: Er genießt die Auseinandersetzung an der Dispatch-Box im Unterhaus weit weniger als sein Gegenüber Boris Johnson. Johnson ist ein gefährlicher Gegner, er ist ziemlich schamlos und wendig und er setzt Humor als Waffe ein. All das kann Corbyn nicht.

profil: Hat Corbyn keinen Humor?
Coe: Ich glaube er hat keinen. Bei linken Politikern ist das oft so. Vielleicht ist ein Sinn für Humor auch nicht wichtig. Was die Leute an Boris Johnson besonders gern haben, ist seine Heiterkeit. Die Briten hören seit Jahren, dass ihr politisches System zerbrochen ist, dass das Wrack ruderlos herumtreibt. Das stimmt vielleicht, aber die Leute wollen das nicht hören.

profil: Ihr Roman gewann den Costa-Preis weil er nach Meinung der Jury die Brexit-Debatte von beiden Seiten mit einem Hang zur Satire betrachtet.
Coe: Ich sehe „Middle England“ nicht als Satire. Es ist eher sozialer Realismus mit komischen Einlagen. Ich glaube, Humor spielt in der britischen Politik eine zu große Rolle. Die Leute erwarten, dass Politiker sie unterhalten. Aber sie sollten lieber still und leise ihre Arbeit machen und das Land regieren.


Das Problem ist, dass die Leute sich in Wahrheit nur für die Personen und nicht für die Institutionen interessieren. Johnson ist lustig und Corbyn ist langweilig.

profil: Das Brexit-Chaos hat aber auch dazu geführt, dass Millionen Menschen hier im Vereinigten Königreich und im Rest der EU stundenlang den BBC-Parlamentskanal im Fernsehen angesehen haben. Wir sind jetzt alle Experten für Unterhausentscheidungen aus dem Jahre 1604 geworden. Ist es nicht gut, wenn Politik die Menschen interessiert?
Coe: Das ist ein sehr optimistischer Spin. Das Problem ist, dass die Leute sich in Wahrheit nur für die Personen und nicht für die Institutionen interessieren. Johnson ist lustig und Corbyn ist langweilig. Fertig. Wir Briten können gutes Theater inszenieren, aber die Briten sind auch schnell gelangweilt. Vielleicht ist die britische Literatur deshalb weltweit beliebt, weil wir uns bemühen, die Leute zu unterhalten. Und dabei Lehrreiches zu vermitteln.

profil: An Unterhaltung haben die Briten in den vergangenen Jahren tatsächlich viel geboten. Wie geht es jetzt weiter? Wird es wieder stabil und langweilig wie vor dem Brexit-Referendum?
Coe: Kommt darauf an, wie es der britischen Wirtschaft gehen wird. Viele Brexiters sagen ja jetzt, es sei ihnen nie um die Wirtschaft, sondern immer um die nationale Unabhängigkeit gegangen.

profil: Das müssen sie wohl sagen, schließlich wird der Brexit zumindest kurzfristig kostspielig.
Coe: Stimmt. Aber die entscheidende Frage wird sein: Wie schlimm wird es? Wenn schnell klar wird, dass der Brexit eine blöde Idee war, dann kann sich auch die „Rejoin“-Bewegung schnell formieren. Umgekehrt: Wird Großbritannien außerhalb der EU erfolgreich sein, können die Proeuropäer das dann verzeihen und sich arrangieren oder bricht ihre Enttäuschung dann wieder woanders aus? Ich halte es für wahrscheinlich, dass unsere Wirtschaft in den nächsten zwei, drei Jahren erst mal baden geht. Dann wird die Schuldfrage erneut gestellt. Werden die Briten dann wieder die EU für alles verantwortlich machen? Brexit ist ja nur ein Stellvertreterkrieg für die Probleme dieses Landes.

profil: Dazu gehören auch die nationalistischen Spannungen zwischen den Engländern, Schotten, Nordiren und Walisern. Fürchten Sie um den Bestand des Vereinigten Königreichs?
Coe: Der englische Nationalismus wird ein Problem bleiben. Gerade haben die Schotten, Nordiren und Waliser in ihren nationalen Parlamenten gegen das Brexit-Gesetz von Boris Johnson gestimmt.


Es wird immer offensichtlicher werden, dass der Brexit ein englisches Problem ist. Das wird den Druck auf das Vereinigte Königreich immer weiter verstärken.

profil: Diese „Withdrawal Bill“, das Austrittsgesetz, wurde im britischen Parlament aber bereits angenommen. Im Unterhaus in Westminster haben die Engländer die große Mehrheit, sie sind ja auch 55 von 66 Millionen Briten. Das heißt, legal ändert sich nichts mehr am Brexit.
Coe: Genau. Aber die drei anderen Regionalparlamente sind gegen das britische, mehrheitlich englische Parlament in dieser Frage vereint. Es wird immer offensichtlicher werden, dass der Brexit ein englisches Problem ist. Das wird den Druck auf das Vereinigte Königreich immer weiter verstärken. Das ist nicht nur ein nationales Problem. Es gibt auch inhaltliche Übereinstimmungen: Wer für die Todesstrafe ist, ist meist auch für den Brexit. Die Leute, die den Klimawandel leugnen, ebenso. Diese Tendenzen werden auch mit dem Brexit nicht erledigt sein.

profil: Kann Britannien nicht doch ganz erfolgreich ohne die EU sein? Eine neoliberale, mittelgroße Wirtschaftsmacht am Rande Europas, die als Steueroase genug einnimmt, um die Leute bei der Stange zu halten?
Coe: Für mich wäre das kein Erfolg. Ich werde immer europäisch fühlen und traurig darüber sein, dass wir die EU verlassen. Als Patriot hoffe ich andererseits schon, dass mein Land auf seinem neuen Weg erfolgreich sein wird. Wir müssen uns irgendwie damit abfinden.

profil: Was werden Sie denn am 31. Jänner um 23 Uhr machen, wenn Boris Johnson die Korken knallen lässt?
Coe: Für mich gibt es keinen Grund zu feiern. Ich werde ein gutes Buch lesen, eine Tasse heißen Kakao trinken und früh schlafen gehen.

Zur Person

Jonathan Coe, 58,
hat für seinen Roman „Middle England“ den European Book Prize 2019 und den britischen Costa Fiction Book Award 2019
erhalten. Die Jury begründete ihre Entscheidung damit, der englische Autor beschreibe brillant die Geschichte eines „sich ändernden Landes und die Brüche innerhalb von Familien und zwischen Generationen“. Das britische Magazin „Prospect“ nannte das Buch
„den perfekten Brexit-Roman“. „Middle England“ ist der dritte Teil einer Triologie, die mit „The Rotters Club“ (2001) und „The Closed Circle“ (2004) begann. Coes feiner satirischer Humor und seine tief empfundene Sympathie für England haben den linken Autor zum Brexit-Erklärer unter den Literaten werden lassen.