© Gianluca Cecere

Ausland
04/15/2022

Der Tänzer als Soldat

Der Ukrainer Kyrill Moroz legte sein Tanztrikot ab, um den Kampfanzug anzuziehen. Fotograf Gianluca Cecere begleitete seine Verwandlung.

von Edith Meinhart

Als der italienische Fotograf Gianluca Cecere in die Ukraine reist, ist seit einer Woche Krieg. Cecere will seinen Schrecken dokumentieren. In Kiew trifft er den 23-jährigen Kyrill Moroz, einen zartgliedrigen jungen Mann, mit einem trainierten, biegsamen Körper. Er stammt aus Dnipro, studierte Tanz und gehörte zum Ensemble des Kyiv Modern Theatre. 

Das war, bevor die Bomben fielen. Das Theater sperrte zu. Und aus dem jungen Mann, der Kyrill Moroz bis dahin war, wurde jemand, den weder er selbst noch seine Familie und Freunde für möglich gehalten hätten. Er fährt für das Rote Kreuz mit dem Rad in zerstörte Viertel, um die notleidende Bevölkerung zu versorgen. Dabei hört er klassische Musik und hat immer ein Buch im Rucksack.

Und dann wird er Soldat. Der Fotograf weicht dem Ukrainer während dieser Verwandlung nicht von der Seite. Cecere beobachtet, protokolliert, fragt nach, drückt auf den Auslöser und versucht, einen Prozess einzufangen, der „für mich mehr über den Krieg erzählt als alles andere, was ich dort gesehen habe“, sagt er.  

Es sind Bilder einer Verwandlung. Sie zeigen den 23-jährigen Ukrainer in jenen Tagen, in denen er dabei ist, das Tanztrikot abzulegen, den Kampfanzug anzuziehen, den Stahlhelm aufzusetzen und die Waffe in die Hand zu nehmen.

„Wir haben uns mit dem Versprechen verabschiedet, dass er wieder tanzen wird. Und ich werde da sein, um die Geschichte seiner Rückkehr zu erzählen. Im Theater sehen wir uns wieder“, sagt der Fotograf Gianluca Cecere. 

Kyrill Moroz gehört nun zu den „territorialen Verteidigungskräften“, einem autonomen Teil der ukrainischen Armee. Jeder zwischen 18 und 60 Jahren kann sich dazu melden, um die regulären Einheiten hinter den Frontlinien zu unterstützen. profil erreichte ihn vergangenen Montag über Telegram. Die Kommunikation zog sich mit Unterbrechungen über zwei Tage. Die Nachrichten wurden von Google Translate übersetzt.

Auf die Frage nach dem Auslöser dafür, in den Kampf zu ziehen, folgt eine lange Antwort: „Von buchstäblich den ersten Tagen des Krieges an war ich stolz, Ukrainer zu sein! Ich bin im Leben immer meinem inneren Gefühl gefolgt. Ich weiß nicht, wie genau ich dazugekommen bin, ich habe für mich entschieden, dass ich nicht weglaufen, sondern bei meinen Leuten sein will. Und dann kam natürlich die Frage auf: Was kann ich tun? Der Beruf des Soldaten erfordert Mut, ich habe mich zum Sanitäter ausbilden lassen. Es tut weh, dass wir kämpfen müssen. Leider geht es nicht anders. Russland verhält sich barbarisch, sich nicht zu widersetzen, bedeutet, alle Grausamkeiten zu akzeptieren. Ich erinnere mich an diesen seltsamen Widerspruch, als ich in Irpen war: Minen und Granaten fliegen herum, gleichzeitig singen Vögel, blühen Bäume, alles ist an seinem Platz, nur wir Menschen sorgen für Zerstörung. Der Krieg lehrt uns auch viel, einander wahrzunehmen und den ganzen Bullshit aus dem Kopf zu verbannen, es ist unendlich bitter, dass der Preis dafür so hoch ist. Ich hoffe wirklich, dass das, was jetzt passiert, uns – die Menschheit, die Erde – nicht an die letzte Grenze führt, dass wir das alles noch stoppen können und überleben! Ich hoffe es, aber leider kann ich es nicht mehr glauben.“

Am nächsten Tag schreibt er weiter. Moroz’ Freundin ist in Italien. Es geht um innere Zweifel. „Gefühle sind extrem wechselhaft. Wie ich mich vor der Reise nach Irpin als Krieger gefühlt habe und danach, das ist nicht zu vergleichen. Ja, natürlich gab es Zweifel. Jemandem das Leben zu nehmen, ist abscheulich! Und ich denke, wenn Soldaten von der einen und von der anderen Seite unter anderen Umständen aufeinandertreffen, könnten wir uns einigen, und das alles würde aufhören. Leider befinden wir uns nicht in diesen Umständen. Ich möchte nicht, dass Menschen sterben. Aber es gibt einen Unterschied: Bei dem russischen Soldaten, der wie Menschenmaterial in den Krieg geschickt wird, kann ich den Verlust seiner Mutter mitfühlen und betrauern. Aber in dem Moment, in dem derselbe russische Soldat auf die Zivilbevölkerung schießt, sein Projektil gezielt auf Wohngebäude oder Entbindungsstationen abfeuert, überschreitet er eine Grenze. Ab da kann ich mich nicht mehr in ihn einfühlen. Er verwandelt sich, um mit Antoine de Saint-Exupéry zu sprechen, in einen verdorrten Ast, der mit der Gartenschere abgeschnitten werden muss, damit neue Äste wachsen können, damit das Leben weitergehen kann.