Massengrab bei Butscha, einem Vorort von Kiew

Massengrab bei Butscha, einem Vorort von Kiew

© APA/AFP/SERGEI SUPINSKY / SERGEI SUPINSKY

Ausland
04/15/2022

Krieg in der Ukraine: Kämpfen oder flüchten?

Eine quälende Gewissensfrage mitten im Krieg gegen einen Diktator wie Putin. Doch sie muss gestellt werden.

von Edith Meinhart, Christa Zöchling

Als der italienische Fotograf Gianluca Cecere in die Ukraine reist, ist seit einer Woche Krieg. Cecere will seinen Schrecken dokumentieren. In Kiew trifft er den 23-jährigen Kyrill Moroz, einen zartgliedrigen jungen Mann, mit einem trainierten, biegsamen Körper. Er stammt aus Dnipro, studierte Tanz und gehörte zum Ensemble des Kyiv Modern Theatre.

Das war, bevor die Bomben fielen. Das Theater sperrte zu. Und aus dem jungen Mann, der Kyrill Moroz bis dahin war, wurde jemand, den weder er selbst noch seine Familie und Freunde für möglich gehalten hätten. Er fährt für das Rote Kreuz mit dem Rad in zerstörte Viertel, um die notleidende Bevölkerung zu versorgen. Dabei hört er klassische Musik und hat immer ein Buch im Rucksack.

Und dann wird er Soldat. Der Fotograf weicht dem Ukrainer während dieser Verwandlung nicht von der Seite. Cecere beobachtet, protokolliert, fragt nach, drückt auf den Auslöser und versucht, einen Prozess einzufangen, der "für mich mehr über den Krieg erzählt als alles andere, was ich dort gesehen habe", sagt er (siehe: Der Tänzer als Soldat).

Seit Russland am 24. Februar das Land mit Panzer-Brigaden und Fliegerbomben überfiel, flohen 4,5 Millionen Menschen Richtung Moldawien, Polen, Ungarn oder die Slowakei (Stand: 10. April).An den Grenzen spielen sich herzzerreißende Szenen ab. Frauen und Kinder dürfen passieren, Männer müssen zurück, seit die Ukraine alle zwischen 18 und 60 Jahren zu den Waffen ruft.

Ausnahmen gibt es für Väter von drei Kindern, Männer, die sich um Angehörige kümmern müssen, Männer mit offensichtlichen Behinderungen. Dieses "sehr mechanistische Konzept von Fürsorge" ist für den Sozialpsychologen Klaus Ottomeyer "in einer militärischen Auseinandersetzung "nachvollziehbar". Warum aber müssen sich Männer im wehrfähigen Alter, die es über die Grenze schaffen-etwa mithilfe bestochener Wachposten-auf der anderen Seite fragen lassen, warum sie überhaupt hier sind? Ob sie nicht in der Heimat Widerstand leisten sollten? "Wir könnten uns eine einfühlsamere Verständigung leisten. Ein Mann, der nur ein kleines Kind hat, ist doch genauso berührt wie einer, der drei Kinder hat", sagt Ottomeyer. Und: "Viele Männer, die jetzt in den Westen mitgekommen sind, haben nicht nur die typische Überlebensschuld von Flüchtlingen, sondern vielleicht auch die Überlebensschuld des Mannes, der als Soldat eigentlich sein Land verteidigen sollte."

Das zeigt sich auch bei der Recherche. Ein Ukrainer, der als Berater in Österreich tätig war, meldete sich bei einer ehemaligen Arbeitskollegin mit der Nachricht, er bringe gerade "die Familie zur Grenze". Kurze Zeit später waren alle in Wien. Die Grenzbeamten ließen auch den Vater durch. Was sich seither in seinem Innersten abspielt, das Glück und die Scham, entkommen zu sein, vermöge er nicht zu schildern, lässt er profil ausrichten. Er ist nicht der Einzige.

Ukrainische Männer rechtfertigen oft von sich aus, warum sie hier sind: Kinder, Herzfehler, Betreuungspflichten für ihre gebrechlichen Eltern, aber das sind bloß Worte. Den eigentlichen Grund können sie nicht nennen: Angst; fehlender Glaube an eine militärische Lösung und dass sie das körperlich und psychisch durchstehen. profil hat einen der Väter, der mit seiner Frau und seinem kleinen Kind über Rumänien in die EU eingereist ist, mehrmals getroffen. Als die Bilder aus Butscha um die Welt gingen, war sein erster Impuls, ins Land zurückzufahren. Er ist zerrissen und es wird mit jedem Tag schlimmer. Als eines Morgens auf seinem Auto in Wien ein großes Z (das russische Siegeszeichen) gesprüht war, fühlte er sich wie vor einem anonymen Strafgericht. "Wenn ich anfange, nachzudenken, tut mir das Herz weh", sagt er. Er meint das nicht im übertragenen Sinn. Es ist ein körperlicher Schmerz.

Benjamin Vyssoki überrascht das nicht. Der ärztliche Leiter des psychosozialen Zentrums ESRA, das sowohl jüdische wie nichtjüdische Flüchtlinge berät und behandelt, erklärt, warum es noch zu früh ist, darüber zu reden. "Anfangs sind Flüchtlinge abgelenkt durch Fragen des Alltags und im Survival-Modus: Wo bekomme ich eine Versicherungskarte, wie bezahle ich die Unterkunft? Von den Gräueln wird noch nicht gesprochen, und schon gar nicht vom Schuldgefühl, weil man hier in Sicherheit ist und nicht dort",sagt Vyssoki.

Der Schock, in dem sich Flüchtlinge anfangs befinden, schützt auch. Es ist eine Frage der Zeit, bis die Debatte über männliche Flüchtlinge und Heroismus anhebt. "Wie wird das sein, wenn die Männer in ihr Dorf, ihre Stadt zurückgehen. Dort treffen sie auf Kriegshelden, Lebende wie Tote. Und sie selbst sind geflohen. Wie wird man sie begrüßen? Das werden die Sorgen der Männer sein",sagt Vyssoki.

Der Schriftsteller Doron Rabinovici spricht vom Glück, sich nicht entscheiden zu müssen. Zurufe wie jene von Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka, Ukrainer sollten kämpfen statt flüchten, hält er für "präpotent" - als würde man "mit fremdem Hintern durch das Feuer reiten" (siehe Interview).

Laut einem Sprecher der ukrainischen Grenzpolizei seien seit Kriegsausbruch über 500.000 Ukrainer in ihre Heimat zurückgekommen. Das Gros von ihnen Männer, die kämpfen wollen, aber auch Frauen. Auch Ältere melden sich freiwillig zur bewaffneten Territorialverteidigung. Der 67-jährige Sprachwissenschafter Stanislav Kikot, der selbst geflüchtet ist und seit zwei Wochen ukrainische Kinder in Wien in Deutsch unterrichtet, sagt: "Der Hass, den jede neue Nachricht von Kriegsverbrechen auslöst, wächst mit jedem Tag, und die Solidarität untereinander." Menschen wie der 23-jährige ukrainische Tänzer Kyrill werden wegen ihrer Opferbereitschaft und ihres Mutes bewundert. Sein Widerstand hat Dringlichkeit und Würde. Kaum jemand würde das bestreiten. Zweifel haben es schwer. Die ukrainische Soziologin Oksana Lemishka, die am 24. Februar vor dem Krieg floh, gehört zu den wenigen, die davon sprechen: "Ich glaube nicht an die Militarisierung. Ich frage wie ein Kind: Wenn wir mehr Waffen haben, wird es dann mehr Tote geben? Und was genau ist ein Soldat? Es ist eine Person, die tötet. Ich denke, dass nicht jeder dazu fähig ist. (...) Es sollte eine persönliche Entscheidung sein."

Die Wiederaufrichtung des kämpfenden Mannes hat seine Schattenseiten. Bis in die 1980er-Jahre hinein herrschten klare Muster vor, so der Sozialpsychologe Ottomeyer: "Auf der einen Seite der beschützende Mann vom Typus John Wayne - und auf der anderen Seite die zu beschützende Frau, die mit den Kindern zusammen ist." Dieses Modell sei von der Frauenbewegung aufgebrochen worden, "nicht zuletzt nach der Niederlage der Männer im Vietnam-Krieg, durch Feminismus und den Kampf um Chancengerechtigkeit". Gleichzeitig kehrte der "starke Mann" - etwa in Gestalt des US-Präsidenten Ronald Reagan - zurück: "Der Kulturkampf zwischen der einfühlsamen Kultur der Frauen und der Kultur der angeberischen, übermäßig selbstbewussten, in Wirklichkeit zutiefst gekränkten Männer hat nie aufgehört." Ottomeyer sieht die Gefahr, "dass man den kämpfenden Helden auf allen Seiten wieder gut findet". Über die extreme Frauenfeindlichkeit von Diktatoren wie Putin blickt man hinweg.

Dabei hatten wir schon einmal einen Krieg in nächster Nachbarschaft. In den 1990er-Jahren suchten serbische und kroatische Deserteure Zuflucht in Österreich. Die "Arge für Wehrdienstverweigerung und Gewaltfreiheit", aus der später die "Deserteurs-und Flüchtlingsberatung" hervorging, nahm sich ihrer an. Auch heute, 30 Jahre nach der Gründung, wolle man wieder eine "antimilitaristische Stimme" sein, heißt es in einem auf der Website veröffentlichen Statement: "Egal auf welcher Seite - es muss das Recht geben, sich jedem Krieg zu verweigern, aus ethischen, politischen, religiösen, persönlichen Gründen - ohne mit staatlicher Repression oder sozialer Ächtung rechnen zu müssen."

Sie sind in diesen Tagen einsame Rufer in der Wüste. Die öffentliche Debatte geht in eine andere Richtung: Militärbudgets werden hochgefahren, Militärs erklären im Fernsehen Waffensysteme und Kriegsstrategien. Die öffentliche Sprache wird kriegerischer. Dass es Dissidenz, Widerspruch, Zweifel und Anti-Militaristen auf allen Seiten gibt, gerät aus dem Fokus.

Vor zwei Wochen widmete sich das amerikanische Magazin "New Yorker" jenen Russen, man schätzt eine Viertelmillion, die sich nach Beginn des Angriffskrieges ins Ausland absetzten. In einem 145 Millionen Einwohner zählenden Land ist selbst eine Viertelmillion noch kein Massenexodus. Die in Wien lebende kirgisische Menschenrechts-Expertin Leila Nazgül Seiitbek zu profil: "Bei Kundgebungen in Russland wurden bisher 6000 Menschen festgenommen, längst nicht alle von ihnen verlassen danach das Land. Das Gros der Menschen geht, weil sie den Komfort ihres früheren Lebens verlieren, den Zugang zu Starbucks oder Ikea, das von westlichen Arbeitgebern in Dollar oder Euro ausbezahlte Gehalt. Mit Putin oder der Ukraine hat das wenig zu tun."

Kürzlich erreichte Seiitbek ein Bittschreiben russischer Mitstreiterinnen, das einen von den wenigen betraf. Der ursprünglich aus Tadschikistan stammende Journalist Farhod Odinaev, der einen russischen Pass besitzt und nach einer Odyssee in Deutschland auf den Ausgang seines Asylverfahrens wartet, hat einen 20-jährigen Sohn, dem die Behörden den Schutz verweigern. Begründung: Er sei volljährig und müsse in Russland nicht fürchten, wegen der Überzeugungen seines Vaters verfolgt zu werden. Vergangenen Dienstag sprach profil mit dem 20-Jährigen über Zoom. Er habe "große Angst, nach Russland abgeschoben, dort sofort verhaftet, zum Militär eingezogen und in einen völkerrechtswidrigen Krieg geschickt zu werden",sagte er. Ein zweites Asylverfahren läuft.

Im Krieg gelten eigene Gesetze. Der Westen steht auf der Seite der ukrainischen Verteidiger gegen den Kriegsverbrecher Putin. Demokratie gegen Diktatur. Gut gegen Böse. "Der autoritär unter Druck gesetzte oder der autoritäre Mensch neigt dazu, in Schablonen zu denken", sagt der Sozialpsychologe Ottomeyer: "Auf lange Sicht sind das gefährliche, gewaltfördernde Muster."Wir werden auf die Fähigkeit, Ambivalenzen auszuhalten, zurückkommen müssen. Sie zeigt sich - nicht nur, aber auch - am gesellschaftlichen Umgang mit Männern, die nicht schießen wollen. Auch - und gerade - mitten in einem gerechten Krieg.