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Ausland
06/24/2020

Der Tag, an dem die US-Polizei ein Wohnhaus bombardierte

1985 eskalierte eine Razzia in Philadelphia. Der Fall rückt durch die Proteste der Black Lives Matter-Bewegung wieder ins Bewusstsein.

von Ines Holzmüller

6221 Osage Avenue, Philadelphia: Ein rot-weißes Reihenhaus in einer vorwiegend schwarzen Nachbarschaft - und der Schauplatz eines der schlimmsten Fälle von Polizeigewalt in den USA: Am 13. Mai 1985 wurde von der Polizei eine Bombe auf das Haus abgeworfen. Elf Menschen kamen ums Leben, darunter fünf Kinder. Zwei Bewohner überlebten. Der Fall rückt durch die Proteste der Black Lives Matter-Bewegung in den USA erneut ins Bewusstsein.

In dem Haus lebten damals die Mitglieder einer politischen Gruppierung namens "MOVE", von vielen auch als Kommune oder Kult bezeichnet. Sie war Teil der Black Power-Bewegung und charakterisiert durch Systemkritik und die Ablehnung der modernen Gesellschaft - inklusive jeglicher Wissenschaft und Technologie. Ihr Kopf, John Africa, der ebenfalls bei dem Angriff starb, propagierte eine Rückkehr zu einer Jäger und Sammler-Gesellschaft. Als eine "schräge Verschmelzung von Black Power und Flower Power", bezeichnet der "Guardian" MOVE.

Die Bombardierung war der traurige Höhepunkt eines jahrelangen Konfliktes zwischen der Polizei in Philadelphia und MOVE, der mit Beschwerden aus der Nachbarschaft rund um das erste von MOVE bewohnte Haus begann. Um ihren Widerstand gegen jegliche Bestrebungen einer Räumung deutlich zu machen, präsentierten sich Mitglieder in Kampfanzügen und mit Waffen im Vorgarten. 1976 starb dann das Baby eines Mitglieds bei einer Razzia der Polizei, als es dabei auf den Boden fiel und am Kopf verletzt wurde.

Der damalige Bürgermeister Frank Rizzo, zuvor selbst Polizist, trug seinerseits zur Eskalation bei, indem er die Gruppe als "Kriminelle" und "Barbaren" bezeichnete, wie ihn der "Guardian" zitiert. 56 Tage ließ er das erste MOVE-Haus 1978 belagern, bis es schließlich zu einer weiteren Razzia der Polizei kam. Wasserwerfer und Tränengaskanonen wurden eingesetzt, bevor schließlich Schüsse fallen. Ein Polizist wird von einer Kugel getroffen. Die Polizei behauptet MOVE-Mitglieder hätten zuerst geschossen, MOVE behauptet zu diesem Zeitpunk gar keine funktionierenden Waffen gehabt zu haben. Trotzdem wurden schließlich neun Mitglieder der Gruppe für den Mord am Polizisten James Ramp verhaftet und zu 30 Jahren bis lebenslanger Haft verurteilt - die MOVE 9. Ihre Kinder sind es teilweise, die Jahre später beim Bomben-Angriff sterben.

MOVE zieht um, doch auch in der neuen Nachbarschaft sorgen sie für Probleme. Sie beschallen mit einem Megafon die Straße, halten Tiere und bauen einen Bunker auf ihr Dach. Nachbarn äußern sich besorgt über die Kinder, die im MOVE-Haus leben. Sie sind scheinbar massiv unterernährt. Der neue und erste schwarze Bürgermeister, Wilson Goode, stuft MOVE als Terrororganisation ein.

Am Tag der Bombardierung finden sich mehr als 500 Polizisten beim MOVE-Haus ein. Wieder werden Wasserwerfer und Tränengas gegen die 13 Bewohner eingesetzt. Die Polizei feuert über 10.000 Mal auf das Gebäude. Schließlich befehlen Polizei-Chef Gregore Sambor und sein Team das Haus zu bombardieren - und scheinbar gibt es niemanden, der sie stoppt. Der Sprengsatz, der aus einem Helikopter auf das Haus geworfen wird, löst ein Feuer aus, das zunächst bewusst nicht gelöscht wird. Elf Menschen sterben in den Flammen, fünf von ihnen Kinder. Der Brand gerät schließlich außer Kontrolle und vernichtet über 60 Häuser (Bild).

Eines der überlebenden MOVE-Mitglieder, Ramona Africa, gab später an, die Polizei habe auf Flüchtende gefeuert, darum seien sie zurück ins Haus gerannt. Nur ein Polizist brach damals die Reihen, um das einzige überlebende Kind, Birdie Africa, zu retten. Er gab an, die Polizei hätte nicht auf die Überlebenden gefeuert, sondern umgekehrt.

Bürgermeister Goode setzte später eine Untersuchungskommission ein und entschuldigte sich formell. Sanktionen für die beteiligten Beamten gab es aber keine. Ramona Africa wurde wegen Verschwörung verurteilt und saß folglich sieben Jahre im Gefängnis.