Kornkammer Ukraine: In den 1930er-Jahren starben vier Millionen Ukrainer den Hungertod.

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Krieg in der Ukraine
03/06/2022

Die dunkle Geschichte der Ukraine

Wladimir Putins zentrale Begründung für den Krieg ist die angebliche Geschichte der Ukraine. Aber wie sah diese wirklich aus?

von Christa Zöchling

Es gab Vorboten: nationale Selbstbespiegelung, Heldenkult, gigantische Aufmärsche. Und das rasante Tempo, mit dem all dies in Gang gesetzt wurde. 

Ein Seismograf für Machtverschiebungen ist immer auch der Geschichtsunterricht in den Schulen. Wenn heroische Gestalten aus der Tiefe der Vergangenheit auftauchen, empfiehlt es sich, genauer hinzusehen. 

Bevor Adolf Hitler in Deutschland an die Macht kam, sickerte die „Hermannsschlacht“ von Heinrich von Kleist in  den Deutschunterricht  ein. Das Drama wurde als Anleitung für eine wehrhafte „Volksgemeinschaft“ gelehrt. Der Dichter konnte nichts dafür.

Ein ähnlicher Vorbote aus neuerer Zeit war die Rede von Slobodan Milošević zur Schlacht am Amselfeld vor einem Millionenpublikum  im Kosovo. Wo serbische Gebeine liegen, sei Serbien, sagte  der damalige Serben-Präsident. Das war 1989 und Auftakt für den Krieg am Balkan. Es gibt auch Politiker, die ihren Anspruch mit der Bibel in der Hand begründen, dem Koran oder dem Olivenbaum der Ururgroßeltern. 

Geschichte ist eine gefährliche Wissenschaft. Sie lebt nicht von Fakten allein, bedarf der Quellenkritik, der Interpretation und tritt an gegen Legenden und Mythen. 

Sind die Ukrainer nun ein Volk, das einen eigenen Staat verdient, oder doch nur ein künstliches Gebilde, das Wladimir Iljitsch Lenin in einem Moment der Schwäche den Ukrainern schenkte? Kam 30 Jahre später in Gestalt des ebenso nachgiebigen Nikita 
Chruschtschow noch die Krim dazu? So predigt es Wladimir Putin. So begründet er seinen Krieg. 

Er entstellt das historische Gedächtnis, wie Unbekannte im Jahr 2004 das Antlitz des westlich orientierten ukrainischen  Präsidenten Wiktor Juschtschenko entstellten. Durch eine Vergiftung mit Dioxin. Lügen und Halbwahrheiten wechseln einander ab. Die komplizierte Staatswerdung der Ukraine macht es Putin leicht. Sie ist verworren, überlagert von Konflikten und wechselnden Zugehörigkeiten, kaum nachzuerzählen. Der  Kriegsschauplatz, der in unsere Wohnzimmer flimmert, gehörte im Lauf der Jahrhunderte verschiedenen Großreichen an. 

Wie Russland und Weißrussland verstehen sich auch die Ukrainer als Nachfolger des historischen Reiches der „Kiewer Rus“, das sich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer erstreckte. Was die „Wiege“ betrifft, hat vermutlich keiner der Kontrahenten eine Freude mit den historischen Quellen. Die Historikerin Kerstin Jobst zitiert in ihrer „Geschichte der Ukraine“ einen Eintrag einer Chronik aus dem Jahr 862: Darin heißt es, die slawischen Bewohner seien über das Meer zu den Wikingern gezogen und hätten mit den Worten: „Unser Land ist groß und reich, aber es gibt darin keine Ordnung. Deshalb kommt, um bei uns zu herrschen und uns zu regieren“ um Unterwerfung angesucht. 

Geschichte lässt sich biegen und bringt doch nur Uneindeutiges zutage.  

Die Ukrainer (Ruthenen) in Galizien und der Bukowina waren eines der vielen Völker des Habsburgerreichs, das kaisertreueste, „Tiroler des Ostens“ genannt. Galizien war ein Mythos des Miteinanders von Polen, Ruthenen, Juden, Armeniern. Doch so schön war es nicht immer. Juden fielen im Kampf zwischen Polen und Ruthenen Pogromen zum Opfer. 
Für Ruthenen aber waren es goldene Jahre.  Sie hatten eigene Volksschulen, Schulbücher, eine ukrainische Grammatik. Im Gegensatz zu den Repressionen im Zarenreich konnten sie unter Franz Joseph in ihrer Sprache lesen und schreiben. 

Im Reichsrat waren sie unterrepräsentiert. Das Wahlrecht unterschied nach einem angenommenen kulturellen Niveau der einzelnen Nationalitäten – die als rückständig geltenden Ruthenen brauchten doppelt so viele Stimmen für ein Mandat wie polnische Kandidaten. Und doch waren sie bescheiden. Sie forderten keine eigene Nation, nur eine Teilung des Kronlandes in einen polnischen und einen ruthenischen Teil. 

Der Erste Weltkrieg war für sie eine tiefe Enttäuschung und veränderte ihre Sicht auf die Dinge. Auf dem Vormarsch Richtung Osten waren viele ukrainische Bauern, der Spionage für die Russen verdächtigt, von kaiserlichen Soldaten an Bäume geknüpft oder in Lager gesteckt worden. In Graz-Thalerhof liegt ein solches Grab des Unrechts. Nie wurde dafür jemand zur Verantwortung gezogen. Die  Nationswerdung – ein Konstrukt der Moderne, um ein Gemeinwesen zu organisieren – wurde dadurch aber zweifellos angefacht.  

Die erste ukrainische Volksrepublik entstand 1917 in den Wirren des Ersten Weltkrieges,  mit wechselnden Bündnissen und Loyalitäten. Einmal für, dann wieder gegen die Bolschewiken; 1922 wurde die Ukraine in die sozialistischen Sowjetrepubliken eingegliedert. Eine Dekade später verhungerten vier bis sieben Millionen Ukrainer. Die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, die Eintreibung von immer mehr Getreide und Saatgut, verbunden mit der Deportation der ukrainischen Intelligenz, ihrer Kleriker, Dichter und Denker, wirken wie eine Strafaktion, um das ukrainische Nationalbewusstsein zu brechen. Die Historiker sind uneins, doch vieles spricht für einen kalten Plan. 

In der Sowjetunion wurde der massenhafte Hungertod lange geleugnet. In der Ukraine war er ein Trauma, von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Der von der Maidan-Bewegung ins Amt gewählte Präsident Juschtschenko setzte 2008 ein Gedenken in Gang. Dmitri Medwedew, damals russischer Präsident, verweigerte die Teilnahme mit der Begründung, dies führe zur Entfremdung der Ukrainer von den Russen.

Die Ukrainer haben andere dunkle Flecken. Im Jahr 1929 wurde in Wien die „Organisation Ukrainischer Nationalisten“ (OUN) gegründet, eine ursprünglich von links kommende faschistische Bewegung, die von der Deutschen Reichswehr finanziert wurde.  Einer ihrer Anführer – Stepan Bandera – ist heute in der Ukraine eine Kultfigur.  Die Verteidiger  von heute nennen ihre selbst gebastelten Brandsätze nicht mehr Molotow-Cocktails, sondern Bandera-Smoothies.

Die OUN bildete SS-Bataillone und war an Judenmorden beteiligt. Sie stellte Freiwillige für die KZ-Wachmannschaften. Sie war am größten Massaker außerhalb der Lager beteiligt, an der Erschießung von 30.000 Juden in einem Steinbruch südlich von Kiew. Die OUN hoffte auf einen eigenen Staat, und als sich das nicht erfüllte, überwarf sie sich mit den Nazis. Bandera wurde im KZ Sachsenhausen inhaftiert,  in der „Prominentenabteilung“. 

Teile der Maidanbewegung trugen Bandera-Plakate auf ihren Kundgebungen. 2015 wurde die OUN  offiziell als „Unabhängigkeitsbewegung“ geehrt. Eine Bandera-Sonderbriefmarke wurde herausgegeben. 

Die Ehrung der OUN nimmt Putin gern zum Anlass, die ukrainische Führung als Faschisten zu denunzieren. Ein schräger Vorwurf, angesichts des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, der einem jüdischen Elternhaus entstammt, und einer Jugend, die nichts anderes will als Freiheit: kulturell, europäisch, politisch. Ohne Angst vor dem Staat, vor Korruption – und ohne Angst vor dem Krieg.  

Die Fahne der Ukrainer ist seit 1848 blau und gelb; auch die ukrainische SS-Freiwilligen-Division 1943 trug diese Farben –  das machte es der älteren Generation auch nicht leichter, die Nationalflagge zu hissen.

Die Absurdität, in Zeiten des Völkerrechts mit historischen Mythen eine Landnahme zu rechtfertigen, zeigt sich am Beispiel der Krim. Hitler fantasierte hier von seinem „Gotenland“, weil die Goten in früher Vorzeit dort durchgekommen seien. Russen sehen in der Krim die heilige Geburtsstätte des orthodoxen Christentums. Auch Polen und Ungarn könnten Urahnen benennen.  Und Putin missbraucht die Geschichte. Mehr hat er nicht. Das reine Machtdenken formuliert man nicht. Das hat er in seiner Jugend in Sowjetzeiten gelernt.