Front National: "Der Sieg unserer Ideen ist unausweichlich"

Marine Le Pen

Marine Le Pen

David Rachline, Wahlkampfleiter von Marine Le Pen, über die Persönlichkeit seiner Chefin, einen EU-Austritt Frankreichs und den österreichischen Beschäftigungsbonus.

profil: Derzeit sieht es so aus, als könnte Marine Le Pen im zweiten Wahlgang nicht gewinnen, weil niemals mehr als 50 Prozent für sie stimmen werden. Sie sind der Wahlkampfleiter - wie sieht Ihre Strategie aus?
David Rachline: Nach jeder Wahl sagen die Leute: "Jetzt hat der Front National seinen Zenit erreicht, mehr geht nicht.“ Doch unsere Ergebnisse werden immer besser, und dann heißt es: "Ja, aber wegen des Mehrheitswahlrechts ist es unmöglich, dass der Front National gewinnt!“ Wir haben aber auch solche Wahlen bereits gewonnen, in einzelnen Gemeinden zum Beispiel. Ich bin durchaus berufen, Ihnen das zu sagen, schließlich bin ich selbst Bürgermeister von Fréjus (Anm: 50.000-Einwohner-Stadt an der Côte d’Azur). Aber wenn es bei den Präsidentschaftswahlen diesmal noch nicht reichen sollte, dann eben nächstes Mal. Der Sieg unserer Ideen ist unausweichlich. Die Menschen haben die Alternative, jemanden zu wählen, der die Interessen des Volkes vertritt, oder jemanden, der die Interessen des Systems und der Mächtigen vertritt.

profil: Derzeit liegt Marine Le Pen laut Prognosen für die Stichwahl aussichtslos hinter Emmanuel Macron. Glauben Sie den Umfragen?
Rachline: Nicht unbedingt.

profil: Haben Sie andere?
Rachline: Die jüngste Geschichte hat uns gelehrt, den Umfragen nicht allzu sehr zu vertrauen. Interessant ist die Dynamik - wer steigt, wer fällt.

profil: Die USA und Europa erleben derzeit eine Tendenz zum Protektionismus. In Österreich etwa soll ein Beschäftigungsbonus Unternehmen begünstigen, die Leute anstellen, die bereits auf dem österreichischen Arbeitsmarkt sind, nicht aber etwa EU-Ausländer, die neu ins Land kommen. Begrüßen Sie solche Maßnahmen?
Rachline: Ja, sie sind die Konsequenz des guten Abschneidens der FPÖ. Zweifellos beeinflusst die FPÖ die politischen Entscheidungen bereits, ähnlich wie wir in Frankreich. Wir verlangen etwa, dass eine Steuer von zehn Prozent eingehoben wird für alle, die Ausländer beschäftigen. Es ist für uns logisch, dass in Frankreich vorrangig Franzosen beschäftigt werden sollen.


Journalisten diffamieren, sie lügen, sie sind politische Aktivisten -manche jedenfalls, nicht alle. Vielleicht liest deshalb niemand mehr die Zeitungen.

profil: Hier versuchen es jetzt einige Regionen, indem sie verlangen, dass Arbeiter auf Baustellen Französisch sprechen müssen.
Rachline: Das genügt uns nicht. Wir wollen eine Steuer. Das heißt ja nicht, dass Ausländer in Frankreich nicht arbeiten dürfen.

profil: Sie selbst wurden im Alter von 15 Jahren Mitglied des Front National, und auch damals ging es um eine Bevorzugung von Inländern.
Rachline: Ich fand es gut, als Catherine Mégret, die erste Bürgermeisterin des Front National, ein Geburtengeld einführte, um die Geburtenrate zu heben.

profil: Allerdings sollte es nur an Franzosen und EU-Bürger ausbezahlt werden.
Rachline: Ich sehe da überhaupt kein Problem. Der Front National wurde deshalb beschuldigt, rassistisch zu sein. Aber wieso? Ein französischer Vater österreichischer Herkunft und eine französische Mutter senegalesischer Herkunft hätten diese Prämie bekommen können. Was soll daran rassistisch sein, wo doch nicht die Rasse, sondern die Staatsbürgerschaft das Kriterium ist? Schon damals war das System - vor allem die Medien - verzerrend, feindlich und ungerecht.

Front-National-Wahlkampfleiter David Rachline

Front-National-Wahlkampfleiter David Rachline

profil: Ihre Großeltern waren ukrainische Einwanderer, nicht?
Rachline: Nein, eher meine Urgroßeltern.

profil: Hätte der FN zu Ihrer Zeit die Einwanderungsgesetze gemacht, wären Sie gar nicht hier.
Rachline: Das weiß ich nicht, vielleicht. Die Ukraine ist auch ein schönes Land.

profil: Ich vermute, Ihre Urgroßeltern hatten gute Gründe, es zu verlassen?
Rachline: Sie können sie nicht mehr fragen - und ich auch nicht.

profil: Sie wissen gar nichts darüber?
Rachline: Ich weiß nichts. Im Übrigen hat sich der Front National nie gegen die Möglichkeit der Einbürgerung ausgesprochen.

profil: Aber gegen die Einwanderung.
Rachline: Ja, gegen die Einwanderung schon, aber nicht systematisch. Wir sind gegen das jus soli, also dagegen, dass man automatisch die französische Staatsbürgerschaft bekommt, nur weil man auf französischem Boden geboren wird. Man kann die Staatsbürgerschaft auf anderem Weg erlangen, wenn es nötig ist.

profil: Wenn man allerdings nicht einwandern kann, wird es schwierig, eingebürgert zu werden.
Rachline: Meine Eltern sind in Frankreich geboren, meine Großeltern auch. Wie viele Generationen wollen sie in meinem Stammbaum zurückgehen, um herauszufinden, ob ein Franzose ein Franzose ist?

profil: Ich will das überhaupt nicht.
Rachline: Gut, ich auch nicht.

Zu Besuch in der Front-National-Hochburg Aisne

profil: Wann haben Sie Marine Le Pen kennengelernt?
Rachline: Das war 2006. Ich bin im Süden Frankreichs geboren und kam nach Paris, um bei einem großen Jugendtreffen des Front National mitzuarbeiten. Es war zu Beginn der Präsidentschaftskampagne von Jean-Marie Le Pen. Marine war seine Wahlkampfleiterin, ich war verantwortlich für die "Jugend für Jean-Marie Le Pen“.

profil: Welchen Eindruck hatten Sie damals von ihr?
Rachline: Sie war voll Energie, Enthusiasmus, Arbeitswillen. Sie strahlte eine Modernität aus, in der Art, wie sie Politik macht und wie sie ihre Entscheidungen begründet. Ich habe sie seither nicht verlassen.

profil: Wie ist sie als Chefin?
Rachline: Gerecht, fordernd, gleichzeitig verständnisvoll und loyal gegenüber ihren Mitarbeitern.


Was Jean-Marie Le Pen sagt, geht nur Jean-Marie Le Pen etwas an. Es ist nicht an mir, darüber ein Urteil zu fällen.

profil: Als Sie Mitglied des Front National wurden, war Jean-Marie Le Pen Parteivorsitzender. Er wurde mehrmals verurteilt, weil er etwa die Gaskammern im Dritten Reich als "Detail der Geschichte“ bezeichnete. Hat Sie das nie gestört?
Rachline: Was Jean-Marie Le Pen sagt, geht nur Jean-Marie Le Pen etwas an. Es ist nicht an mir, darüber ein Urteil zu fällen. Sie sollten Jean-Marie Le Pen dazu interviewen. Ich sage, was ich denke. Er denkt, was er will. Es ist sein Problem.

profil: Und oft auch das Problem von Marine Le Pen, nicht?
Rachline: Als sie anderer Meinung war, hat sie das sehr klar gesagt.

profil: Sie beschweren sich oft darüber, dass die Medien gegenüber Ihrer Partei feindselig seien.
Rachline: Ja, sehr feindselig.

profil: Marine Le Pen beklagte sich in einem profil-Interview 2011 darüber, dass sie nicht zu den großen TV-Abendsendungen eingeladen würde. Das hat sich inzwischen geändert.
Rachline: Es ist nicht so sehr die Frage, wie viel Zeit wir in den Medien präsent sind. Das Problem ist der Aktivismus der Medien gegen uns. Journalisten diffamieren, sie lügen, sie sind politische Aktivisten - manche jedenfalls, nicht alle. Vielleicht liest deshalb niemand mehr die Zeitungen.

profil: Finden Sie das gut?
Rachline: Wenn sie weniger lügen würden, gäbe es vielleicht mehr Leser. Die Leute sind nicht dumm. Wenn man sie belügt, bemerken sie das.

profil: Sie haben den Eindruck, alle Medien seien gegen Sie?
Rachline: Nicht alle. Manche sind eher neutral.

profil: Ist die Justiz auch gegen Sie?
Rachline: Die Justiz macht ihre Arbeit. Wichtig wäre es, dass sie ihre Arbeit in aller Unabhängigkeit von der Macht verrichtet.

profil: Tut sie das derzeit?
Rachline: Das gilt es zu beweisen. Es gibt Abläufe, die erstaunlich sind. Die Justiz-Agenda und die Medien-Agenda fließen ineinander, und das ist doch recht erstaunlich. Sehen Sie sich die Affäre um die parlamentarischen Assistenten im Europäischen Parlament an (Anm.: Marine Le Pen wird von der europäischen Antibetrugsbehörde Olaf verdächtigt, Parteiangestellte zum Schein als parlamentarische Assistenten beschäftigt zu haben). Marine hat vor einem Jahr die Eröffnung eines Ermittlungsverfahrens verlangt. Sie sagte das öffentlich im Fernsehen. Doch es geschah nichts. Plötzlich, wenige Wochen vor den Präsidentschaftswahlen, werden Durchsuchungen durchgeführt und die Medien informiert. Das ist doch überraschend, dass das genau jetzt passiert. Andere werde nicht untersucht, immer nur Marine.

profil: Es gibt auch mehrere Untersuchungen gegen François Fillon, den Kandidaten der Republikaner.
Rachline: Ja, aber die sind nicht drei Jahre alt. Außerdem widerspricht er sich. Einerseits sagt er, es handle sich um einen Justizmord, um ihn politisch fertigzumachen, andererseits unterwirft er sich der Justiz und ist zu einer Aussage bereit. Das ergibt keinen Sinn. Wenn man der Meinung ist, ein Verfahren diene nur der Destabilisierung einer Kandidatur, dann geht man da einfach nicht hin, sondern regelt das später.


Wir haben gesehen, dass man trotz der Feindseligkeit des gesamten Systems - der Mächtigen, der Medien, der Banken, der Experten - gewinnen kann.

profil: Haben Sie etwas aus den Kampagnen von Donald Trump und der Brexit-Bewegung in Großbritannien gelernt?
Rachline: Wir haben gesehen, dass man trotz der Feindseligkeit des gesamten Systems - der Mächtigen, der Medien, der Banken, der Experten und all derer, die den ganzen Tag lang dem Volk Lektionen erteilen - gewinnen kann. Was wurde alles behauptet: Nach dem Brexit werde die Wirtschaft zusammenbrechen, der Tourismus ausbleiben, die Apokalypse beginnen. Und dennoch hat das britische Volk diese Wahl getroffen. Und obwohl fast alle Zeitungen gegen Trump waren, konnte auch er siegen.

profil: Ich habe vorhin gesehen, dass Nigel Farage, (Anm.: der Ex-Parteichef der britischen EU-Austrittspartei Ukip) hereingekommen ist.
Rachline: Vielleicht. Ich weiß nicht.

profil: Das wissen Sie nicht?
Rachline: Ich bin nicht über alle Treffen von Marine auf dem Laufenden.

profil: Meine Frage war: Konnten Sie etwas von Trump und Brexit lernen, was die Kommunikation betrifft?
Rachline: Präsidentschaftswahlen sind sehr eng verknüpft mit der Persönlichkeit der Kandidaten. Man kann da nicht andere imitieren. Marine macht das mit ihrer Persönlichkeit, ihrem Temperament, ihrer Art, sich auszudrücken.

profil: Welchen Gegenkandidaten wünschen Sie sich für Marine Le Pen im zweiten Wahlgang?
Rachline: Unser Gegenkandidat ist das System. Ob der Kandidat Fillon oder Macron heißt, ist egal. Sie sind sich ohnehin in allem einig. Sie wollen die Steuern anheben, sie wollen keine Staatsgrenzen und auch keine wirtschaftlichen Grenzen. Sie wollen die Schlüssel der Macht an Brüssel übergeben, und die europäischen Kommissare werden das Sagen haben. Man muss die Leute warnen.

profil: Sie haben in Le Pens Kampagne einige der Themen des Front National fallen gelassen, etwa die Einführung der Todesstrafe. Warum?
Rachline: Ein Präsidentschaftswahlkampf ist nicht der Wahlkampf einer Partei. Der Front National hat sich immer für die Einführung der Todesstrafe eingesetzt, aber jetzt geht es um Marines Programm, nicht um jenes des Front National.

profil: Sie ist die Parteivorsitzende.
Rachline: Ja, aber das heißt nicht, dass sie mit allem einverstanden sein muss. Marine geht gänzlich frei in diese Wahl. Sie hat entschieden, anstelle der Todesstrafe für eine tatsächlich lebenslange Strafe zu plädieren.

profil: Marine Le Pen verspricht im Fall ihres Sieges ein Referendum über den EU-Austritt Frankreichs. Doch die Mehrheit der Bevölkerung will in der EU bleiben. (Anm.: Le Pen hat ihr zentrales Wahlversprechen - die Abkehr vom Euro – mittlerweile relativiert.)
Rachline: Wenn die Menschen Marine Le Pen wählen, dann bedeutet das, dass wir sie überzeugt haben, entweder die EU in ein Europa der Nationen umzuwandeln oder per Referendum aus der EU auszutreten. Die anderen Kandidaten sagen, sie wollen wieder Grenzen errichten, die Löhne erhöhen, doch wenn sie behaupten, das sei innerhalb dieser EU möglich, dann sind sie Lügner! Sie wissen ganz genau, dass das nicht geht. Man kann nicht aus dem Stabilitätspakt austreten oder der Austerität entkommen.

profil: Angenommen, Marine Le Pen gewinnt, doch bei einem Referendum spricht sich die Mehrheit der Wähler für einen Verbleib in der EU aus: Unterwirft sich die Präsidentin dann den europäischen Regeln?
Rachline: Dieser Fall wird nicht eintreten.