Johannes Wesemann: Ein Österreicher gegen Bolsonaro

Der Wiener Johannes Wesemann hat beim Internationalen Strafgerichtshof Anzeige gegen Brasiliens Präsidenten Jair Bolsonaro eingereicht. Wie kam er auf diese Idee? Und: Hat er damit Aussicht auf Erfolg?

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Einen Klimaaktivisten stellt man sich anders vor.

Johannes Wesemann hat im Wiener Café Prückel Platz genommen und trinkt eine Melange. Unter dem Sakko trägt er einen dunklen Rollkragenpullover, die Frisur sitzt. Es ist ein kalter Nachmittag Anfang November, Wesemann ist soeben aus Glasgow zurückgekehrt, bei der Klimakonferenz hat er „Radau“ gemacht, wie er sagt.
Das ist keine Übertreibung. Mitte Oktober hat der 50-Jährige Österreicher den brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro beim Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag angezeigt. Der Vorwurf: Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Begründung: Seit Bolsonaros Amtsantritt ist die illegale Abholzung des Amazonas-Regenwalds rapide angestiegen. Das dadurch freigesetzte C02 lässt die globale Temperatur weiter ansteigen.

Es ist das erste Mal, dass Wesemann als Kämpfer gegen den Klimawandel auffällt. Der Wiener ist so etwas wie die Versinnbildlichung des Trägers klassischer Familientraditionen: Seine Mutter Christina Wesemann-Wittgenstein war eine Urgroßnichte des berühmten Philosophen Ludwig Wittgenstein, der Vater Lothar Wesemann Unternehmer und später Manager der Creditanstalt in Hongkong.

„Wir sind keine Kolonialisten, die Brasilien retten wollen, sondern heben die Diskussion auf eine globale Ebene.“

Johannes Wesemann

Unternehmer, Gründer der NGO AllRise

Als Johannes Wesemann seine erste Firma gründete war er gerade einmal 20. Nach dem BWL-Studium verbrachte er einige Jahre in Singapur und Hongkong, arbeitete für eine Reederei und auf einer Rennstrecke. Bekannt wurde Wesemann 2014, als er den Fahrdienstservice Uber in Österreich aufbaute.

Auf den Klimawandel ist er spät gekommen, mehr aus Zufall oder aus einer Eingebung heraus, in seiner großbürgerlich-aristokratischen Familie war Umweltschutz kein Thema. Wesemann ist, wenn man so will, ein Quereinsteiger in Klima-Fragen.

profil: Sie sind seit Jahren Unternehmer, jetzt haben Sie die NGO „AllRise“ gegründet und Anzeige gegen Jair Bolsonaro erstattet. Wie kamen Sie darauf? Sie wirken nicht gerade wie ein Klima-Aktivist.
Wesemann: Ich habe mich auch nie als solchen empfunden. Ich bin Unternehmer. Ich mache das, weil man solche Leute bekämpfen muss. Es muss weh tun. Und ich habe ein Recht dazu. Jeder kann Anzeige beim IStGH erstatten. Im Jahr 2019 haben wir alle gesehen, wie der Amazonas brennt. Ich habe mich so geärgert – vielleicht war es auch eine Midlife-Crisis – dass ich mir dachte: Ich gehe jetzt nicht Tennis spielen, sondern mache etwas. Mein Anwalt Wolfram Proksch und ich haben beschlossen, Bolsonaro zu klagen.

„Der Planet gegen Bolsonaro“, so lautet die Anzeige, die Wesemann zusammen mit Juristen eingebracht hat. In der 300 Seiten starken Klageschrift versuchen sie zu belegen, dass Bolsonaros Handeln in direktem Zusammenhang mit der Erderhitzung steht.

Dabei geholfen haben die renommierten Klimaforscher Rupert Stuart-Smith und Friederike Otto, Mitautorin des Weltklimaberichts. Sie haben errechnet, welchen Schaden das Klima durch Bolsonaros Politik nimmt. Die Gesamtemissionen Brasiliens seien seit seinem Amtsantritt um

1,7 Milliarden Tonnen gestiegen. Bis 2100, so die Experten, werde die Abholzung im Amazonas mehr als 180.000 Hitzetote fordern.

profil: Sie wollen juristisch gegen Umweltzerstörung vorgehen, weil sich in der Politik zu wenig bewegt. Ist das der demokratisch richtige Weg?
Wesemann: Es ist alternativlos und nicht undemokratisch, denn Gerichte sind eine wesentliche Säule der Demokratie. Wir kriegen diese Krise nicht durch Mülltrennung in den Griff. Auch nicht durch die Politik allein, das sehen wir aktuell wieder bei der Klimakonferenz in Glasgow. Bei der Frage, wie wir gegen Umweltzerstörung vorgehen können, wird immer häufiger der Rechtsweg beschritten. Wir müssen bestehendes Recht testen. Ich habe Systeme immer infrage gestellt, auch bei Uber. Das ist der rote Faden in meinem Leben.
 
Wesemann wollte eigentlich Schauspieler werden, doch das ist für einen wie ihn nicht vorgesehen. Der 50-Jährige kommt aus einer großbürgerlichen Familie, im Stammbaum schwingt der Adel mit. So wurde Wesemann Unternehmer, nach dem Abschied von Uber gründete er die Beratungsfirma „Sprudel“. Auf Aufmerksamkeit will er aber nicht verzichten. In der Manier der Wiener Kaffeehausliteratur las er früher Texte von Helmut Qualtinger und Anton Kuh vor, bis heute erzählt er gern Anekdoten von Kreisky.
 
profil: Der IStGH muss entscheiden, ob es überhaupt zu einer Anklage kommt. Juristen halten das für unwahrscheinlich. Was können Sie realistischerweise erwarten?
Wesemann: Bedenkenträger sagen immer, das könne nicht funktionieren. Im April hat der Deutsche Bundesverfassungsgerichtshof das Klimaschutzgesetz von 2019 als teils verfassungswidrig verurteilt, weil es zu kurz greife. Das hatten auch viele für unmöglich gehalten. Es stimmt, in den Statuten des IStGH gibt es keinen Straftatbestand für Umweltverbrechen. Dennoch konnten wir viele für unser Vorhaben begeistern. Unsere Beiratsmitglieder sagen: Wesemann, du bist ein schräger Vogel, aber der Zeitpunkt könnte nicht besser sein. Die Wetterextreme werden häufiger, und die Abholzung ist der zweitgrößte Klimakiller. Und es gibt erste juristische Erfolge. In den Niederlanden hat eine NGO die Regierung 2019 wegen ihrer -Politik verklagt und gewonnen. Die müssen jetzt Milliarden in die Erreichung ihrer Klimaziele investieren. Das Bewusstsein der Öffentlichkeit ist geschärft, und auch die Gerichtshöfe haben erkannt, sich das ansehen zu müssen.
 
profil: Sie werfen Bolsonaro Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor. Wie soll das bewiesen werden?
Wesemann: Wir spielen es über diese Bande, weil es den Straftatbestand „Ökozid“ nicht gibt. Es ist juristisch sehr schwer zu beweisen, dass massive Abholzung in Brasilien mit ihren Auswirkungen auf das Weltklima zu mehr Hitzetagen und zum Tod von Menschen führt. Wir haben daher einen anderen Weg gewählt: Umweltschützer in Brasilien sind Repressalien ausgesetzt oder werden ermordet. Das sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Juristisch betrachtet sind die 180.000 zusätzlichen Hitzetoten irrelevant. Sie zeigen aber die Schwere des Verbrechens. Wir haben uns mit Friederike Otto eine der besten Klimatologinnen ins Boot geholt, um zu beweisen, dass Bolsonaros Politik auch auf globaler Ebene ein Drama ist. Der Chefankläger des IStGH muss sich der Sache annehmen.
 
profil: Wie waren die Reaktionen auf Ihre Anzeige?
Wesemann: Natürlich habe ich auch Hassmails bekommen, aber der positive Zuspruch überwiegt. In Brasilien wurde unser Anliegen von etlichen Medien besprochen, es gab international Hunderte Artikel. Wir haben klar gemacht: Wir sind keine Kolonialisten, die Brasilien retten wollen, sondern heben die Diskussion auf eine globale Ebene. Der Regenwald betrifft uns alle.
 
profil: Sie sagen, dass es nicht bei der einen Anzeige bleiben wird. Was ist geplant?
Wesemann: Wir brauchen Geld dafür. Ich kann so etwas mit einem solchen finanziellen Risiko nicht noch einmal machen. Ich muss ein Team aufbauen. Es geht aber darum, sich auch die Unternehmen anzusehen, die von der Zerstörung des Regenwaldes profitieren. Es ist zum Beispiel eine Katastrophe, dass die Autohersteller Leder aus Brasilien für die Sitzbezüge verwenden.

Mit Aktivisten und Klimaschutz-NGOs kann Wesemann nicht viel anfangen, er geht auch nicht auf Klimademos. Es sei gut, dass sich immer mehr Menschen mit dem Thema befassen – auch jene, die ein kommerzielles Interesse daran haben. Man müsse darüber nachdenken, neben den Klagen einen „business case“ zu etablieren: Wenn man sich über bestimmte Kanäle finanziere, gewinne man an Einfluss und könne intensiver an Klagen arbeiten.

profil: Sie wollen den Kampf gegen den Klimawandel kommerzialisieren?
Wesemann: Nein. Ich will ihm eine Substanz geben, damit er langfristig  agieren kann, ohne Ausbeutung jener Menschen, die sich dafür einsetzen. Es geht darum, die Schlagkraft von NGOs und Stiftungen neu zu denken. Es braucht alle Experten an einem Tisch, mit einer ausreichenden Finanzierung. Und es braucht Unternehmer, die die gleiche Sprache wie jene sprechen, die juristisch zur Rechenschaft gezogen werden sollen. Dann sind wir auf gleicher Augenhöhe. Die Aktivisten von Fridays for Future wollen auch in ihrem späteren Berufsleben zum Umweltschutz beitragen, das können sie nur, wenn sie damit finanziell überleben können. Nur so können solche Strukturen Bestand haben.
 
profil: Sie haben mit Howard Morrison auch einen ehemaligen Richter des IStGH an Bord. Wie schätzt er die Chancen auf eine Klage ein?
Wesemann: Er kennt den neuen Chefankläger Karim Khan und kann sich vorstellen, dass er sich das ansieht. Morrison ist aber kein Träumer. Das wird ein schwieriges Vorhaben. Aber da bin ich jetzt wieder Unternehmer und sage: Na und? Das heißt nicht, dass wir es nicht machen sollen. Stellen Sie sich vor, das funktioniert!
 
Eines haben Wesemann und seine Mitstreiter bereits erreicht: Das Thema hat wieder mehr Aufmerksamkeit bekommen. Bis zur Entscheidung, ob es überhaupt zur Anklage kommt, wird es aber noch dauern. Frühestens kommendes Jahr wird sich zeigen, ob David gegen Goliath antreten kann – oder ob die Sache am Ende doch nur eine gut gemeinte Kaffeehaus-Träumerei war.
Siobhán Geets

Siobhán Geets

ist seit 2020 im Außenpolitik-Ressort.