Kann Donald Trump tatsächlich Präsident werden?

Kann Donald Trump tatsächlich Präsident werden?

Niemand versteht Donald Trump. Und niemand will begreifen, dass er der nächste amerikanische Präsident werden könnte. Die Demokraten nicht, die Republikaner nicht, die US-Medien nicht - und profil auch nicht.

Anmerkung: Dieser Artikel erschien ursprünglich in der profil-Ausgabe 10/16 vom 7. März 2016.

Diese profil-Story beginnt mit einem seltenen Eingeständnis: Trauen Sie ihr nicht! profil wie auch alle anderen Medien versagen bei der Einschätzung des Phänomens Donald Trump geradezu notorisch. Das heißt nicht, dass sie nichts leisteten: Sie liefern schlüssige Analysen, wonach der wahrscheinliche US-Präsidentschaftskandidat der Republikaner irrwitzige und unhaltbare Versprechungen macht; sie legen dar, weshalb seine öffentlich geäußerten Ansichten rassistisch, sexistisch und vulgär sind; sie verspotten die Eigenheiten, Dummheiten und Eitelkeiten des Immobilienmoguls in teils brillanten Satiren und verstoßen zu diesem Zweck ausnahmsweise gegen das Gebot, Leute nicht wegen ihrer Äußerlichkeiten und ihres Namens zu verunglimpfen. Zur Hölle damit, schließlich trifft es Donald J. Trump! Das Verbot, auf den Boden zu spucken, gilt schließlich nicht im Lamagehege.

Doch in einem Punkt scheiterten - und scheitern - alle Medien: Es gelingt ihnen nicht, auch nur ansatzweise nachzuvollziehen, wie dieser Mann bei Wählern so großen Erfolg haben kann. Deshalb liegen sie mit ihren Einschätzungen dauernd falsch. Erst dachte man, die vermeintliche Witz-Kandidatur werde wegen Aussichtslosigkeit abgeblasen, ehe Trumps Haupthaar zum Nachfärben geschickt werden muss. Trump blieb. Dann erwartete man ein Aufbäumen der vernünftigen Republikaner und einen Absturz des Radau-Milliardärs. Trump siegte. Und nun, da der Outlaw nach seinem Sieg beim Super Tuesday die Kandidatur in der Tasche zu haben scheint, lautet die allgemeine Auffassung, damit sei die Wahl am 8. November nur noch Formsache. Niemals werde eine Mehrheit der Amerikaner ihre Stimme einem Politiker geben, der Muslime mit Einreiseverbot belegt, öffentlich einen Behinderten verspottet oder einen amerikanischen Kriegshelden verächtlich macht. Hillary Clinton werde ins Weiße Haus zurückkehren, und diesmal darf Bill die Vorhänge aussuchen.

Es kann einfach nicht anders kommen.

Unmöglich.

Oder etwa doch?

Es fällt ziemlich leicht aufzuzählen, was alles gegen einen Sieg von Trump spricht:

Erstens der Ekelfaktor. Mag sein, dass es Menschen gibt, die Trumps Tiraden gegen Ausländer, Journalistinnen und seine Gegner nicht abstoßend finden. Schlimm genug, wenn sich ausreichend Unterstützer finden, um Trump die Nominierung einer desorientierten Republikanischen Partei zu bescheren. Doch niemals werden mehr als 50 Prozent der Wähler einen Rüpel gegenüber einer vernünftigen Politikerin wie Hillary Clinton vorziehen.


Donald Trump zieht bei einer Wählergruppe besonders stark: den wenig gebildeten, weißen Arbeitern.

Zweitens das Auseinanderbrechen der Republikanischen Partei. Während Hillary Clinton keine große Mühe haben wird, die Demokraten nach dem erwartbaren Ausscheiden von Bernie Sanders mittels ein wenig linken Süßholzraspelns hinter sich zu sammeln, gleicht das Hauptquartier der Republikaner dem Käfig in einem Fight Club. Wer kann und Lust hat, prügelt auf Trump ein, der sich seinerseits zu wehren weiß. Jede Idee, wie man dem verhassten Emporkömmling die Nominierung streitig machen könnte, ist willkommen.

Drittens die Demografie. Mitt Romneys Niederlage gegen Barack Obama im Jahr 2012 beinhaltete die schlechte Nachricht für die Republikaner, dass mit weißen Wählern allein keine Wahl mehr gewonnen wird. Donald Trump zieht bei einer Wählergruppe besonders stark: den wenig gebildeten, weißen Arbeitern. Besser Gebildete rümpfen bereits in großer Mehrheit die Nase. Nachdem Trump zudem Frauen und Latinos verunglimpft hat, wird er mit den Stimmen der wenig Gebildeten, die er nach eigenem Bekunden "liebt“, Vorlieb nehmen müssen.

Und dennoch gibt es Beobachter, die vorhersagen, dass die Wahl am 8. November eine knappe Angelegenheit sein werde. Darunter etwa ein gewisser Bill Clinton. Er sagt das vielleicht auch aus wahltaktischen Gründen, aber er ist ein schlauer Fuchs, der die Gefährlichkeit eines politischen Gegners einschätzen kann. Trump hält er für jemanden, der ein Sensorium für die Gemütslage in der Wählerschaft hat.

Die Stimmung, die Trump aufgreift und für sich nutzt wie kein anderer, ist beileibe keine freudvolle, sondern: Zorn.

Wie verbreitet dieser ist, zeigt eine CNN-Umfrage vom Dezember des vergangenen Jahres: Dabei gaben 69 Prozent der befragten Amerikaner an, "sehr zornig“ oder "eher zornig“ darüber zu sein, "wie die Dinge in den USA laufen“. Der Ärger richtet sich je nach politischer Grundhaltung bei Linken gegen Milliardäre, Banken und die Wall Street, bei Rechten gegen Immigranten, andere Staaten - und bei beiden gegen die globalisierte Wirtschaft. So viel Zorn kann einer Wahlkampagne die nötige Dynamik verschaffen, und genau da ist Trump schwer zu schlagen. Zorn kann er.

Während Hillary Clinton höflich formuliert, sie verstehe, "warum Leute verärgert sind“, adoptiert Trump das Gefühl und schnaubt, er selbst sei "sehr, sehr zornig“. Die Zornigen werden bislang nicht als homogene Wählergruppe betrachtet, doch die Emotion ist etwas, das andere Merkmale überdecken kann.


Trump präsentiert sich als erster Politiker, der nicht vom Geld anderer Leute abhängig sei und nicht wie seine Konkurrenten die Interessen irgendwelcher Geldgeber vertrete.

Woher kommt der Zorn? Nach der plausibelsten Interpretation ist die wirtschaftliche Lage der Amerikaner die Quelle der miserablen Laune. Zwar sank die Arbeitslosigkeit in den vergangenen Jahren von zehn Prozent (2009) auf fünf Prozent (2015), doch das Durchschnittseinkommen der Haushalte stagniert seit 15 Jahren. Dazu kommt, dass der wirtschaftliche Aufstieg in die Mittelschicht seit dem Jahr 2000 zu Ende ist. Mittel- und Oberschicht schrumpfen, die Unterschicht wächst. Stagnation und Abstieg blieben vom politischen Wechsel zwischen republikanischen und demokratischen Präsidenten unberührt. Der Schluss, den die Zornigen daraus ziehen: Egal, wer bisher regiert hat - niemand kümmert sich um die kleinen Leute.

In dieser Situation taucht der Immobilien-Mogul Trump auf und präsentiert sich als erster Politiker, der nicht vom Geld anderer Leute abhängig sei und nicht wie seine Konkurrenten die Interessen irgendwelcher Geldgeber vertrete. Er vertritt radikale Ansichten, schwadroniert von den Fabriken, die er aus China zurückholen werde, und tänzelt zwischen Freihandel und Protektionismus. Hauptsache, die Vorschläge klingen drastisch.

Er pflaumt bei jeder Gelegenheit das Establishment an, benimmt sich daneben und pfeift auf die politische Korrektheit, worunter er auch die gute Kinderstube zu subsumieren scheint. Bei der TV-Debatte am vergangenen Donnerstag ließ er das Publikum wissen, es gebe bei der Größe seines Penis "kein Problem“. Der britische "Telegraph“ befand, die Sendung sei "vulgär“ und "schmerzvoll anzusehen“ gewesen. Doch die zornigen Trumpianer freuen sich, wenn sich mal die ärgern müssen, die immer genau wissen, was man sagen und tun soll. Endlich können die Wutbürger auf Kosten der anderen so richtig Spaß haben.

Das Establishment, ob demokratisch oder republikanisch, steht da wie das Ancien Régime. Clinton, aber auch seine republikanischen Kontrahenten, bezeichnet Trump allesamt als "das Washington-Kartell“. Und je mehr Entsetzen er bei allen anderen hervorruft, je mehr Gegner ihn als "ausländerfeindlichen Faschisten“ (ein Zitat des Schauspielers George Clooney) oder als "Clown und Rassisten“ (der Schriftsteller Mario Vargas Llosa) bezeichnen, umso beherzter tritt Trump als Revolutionär auf, der die Herrschaft des überkommenen Establishments beenden muss.

Star-Journalist Joe Klein kommt in seinem Hillary-Clinton-Porträt im Magazin "Time“ zu einem überraschenden Schluss: Clinton sei von allen Kandidaten in gewisser Weise die konservativste, verglichen mit den "utopischen Fantasien“ von Trump (und auch, wenngleich auf einer anderen Ebene, Sanders). Diese Betrachtungsweise hat einiges für sich. Clinton will im Rahmen des bestehenden Systems Verbesserungen erreichen: mehr Krankenversicherungen, gerechtere Steuergesetze, bessere internationale Verträge. Trump will einen Bruch und ist bereit, dafür jede Regel, jedes Prinzip über Bord zu werfen.


Gelingt es Trump, mit dieser Taktik durchzukommen und als Erneuer aufzutreten, während Clinton - als altgediente Politikerin - für das herkömmliche System steht, kann ihm das Punkte bringen.

Zudem hat sich Trump durch die demonstrative Leichtfertigkeit, mit der er Positionen einnimmt und notfalls wieder verwirft, einer ernsthaften Debatte entzogen. Er spielt nicht nach den herkömmlichen Regeln der Politik, denen gemäß ein Kandidat sein Programm nachvollziehbar argumentieren und schlüssig beziffern muss. Er poltert, schlägt Krach und ignoriert Einwände.

Gelingt es Trump, mit dieser Taktik durchzukommen und als Erneuer aufzutreten, während Clinton - als altgediente Politikerin - für das herkömmliche System steht, kann ihm das Punkte bringen. Er werde Amerika wieder großartig machen, verspricht Trump. Clinton beteuert, Amerika habe nie aufgehört, großartig zu sein. Es ist noch nicht ausgemacht, wem die Wähler in dieser Frage recht geben.

Das Clinton-Lager wird in den kommenden Monaten nicht davor zurückschrecken, Trump ebenso scharf zu attackieren, wie er das tut - wenn auch nicht in Trumps untergriffigem Stil. Einer der zentralen Vorwürfe: Trump sei ein "Fanatiker“. Doch wenn es etwas gibt, womit das Großmaul Trump besonders gut zurechtkommt, dann sind es Vorwürfe gegen seine Person. Nichts konnte ihm bisher nachhaltigen Schaden an seiner Popularität zufügen.

Clinton hingegen hat mit Vorbehalten vor allem junger Wähler zu kämpfen, und Umfragen bescheinigen ihr Defizite in Sachen Vertrauenswürdigkeit und Ehrlichkeit.

Es entsteht der Eindruck, Clinton würde als herkömmliche Politikerin mit anderen Maßstäben gemessen als der Amateur Trump. Die Tatsache, dass sie als Außenministerin einen privaten E-Mail-Account nutzte anstatt den sicheren des State Department, hat ihr nicht nur mehrere behördliche Untersuchungen eingebracht, sondern auch Ablehnung bei den Wählern. Donald Trump hätte dasselbe Vorgehen achselzuckend zugegeben und die Kritiker niedergeblafft.

Nein, profil sagt bestimmt keinen Wahlsieg von Donald Trump voraus. In nationalen Umfragen liegt Hillary Clinton maximal acht Prozentpunkte vor Trump. Dazwischen liegen keine Welten. Dennoch, unsere Vernunft lässt die Annahme nicht zu, dass tatsächlicher Unsinn, echter Krawall und behauptete Penisgröße bei einer US-Präsidentschaftswahl triumphieren.

Aber Vorsicht, trauen Sie dieser Story nicht!