Libyen: "Manche sind 24 Stunden, sieben Tage die Woche eingesperrt"

Migranten, aufgegriffen von der libyschen Küstenwache, in Tripolis.

Migranten, aufgegriffen von der libyschen Küstenwache, in Tripolis.

Schreckliche Zeugnisse von Misshandlung und Menschenhandel in Flüchtlingslagern zwangen die EU vergangenes Jahr, der Situation in Libyen mehr Priorität einzuräumen. Sebastian Jung war als Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Tripolis und berichtet im profil-Interview von seinen Erfahrungen.

profil: Sie waren drei Monate für Ärzte ohne Grenzen als Projektkoordinator in Libyen. Haben Sie etwas von den Maßnahmen der EU zur Eindämmung des Flüchtlingsstroms über die Mittelmeerroute bemerkt?
Jung: Wir bemerken jedenfalls keine Minderung der Flüchtlingszahlen. Momentan sind 5000 Geflüchtete in den offiziellen Lagern. Eine noch größere Zahl bewegt sich im Land und verdingt sich zum Beispiel als Tagelöhner. Traditionell gab es immer schon Menschen, die nach Libyen migrierten, um dort zu arbeiten. Aufgrund der schlechteren Situation im Land besteigen nun auch diese immer öfter Boote nach Europa.


Das sind geflüchtete Personen und keine Kriminellen.

profil: Wie kann man sich die Flüchtlingslager vor Ort vorstellen?
Jung: Die Lager, in denen wir tätig sind, unterscheiden sich sehr stark voneinander. Die meisten sind aber ehemalige Lagerhäuser. Darum sind die sanitären Anlagen selten ausreichend. Die meisten sind überfüllt, der gesamte Raum ist dann mit Matratzen ausgelegt. Es kann sein, dass die Geflüchteten weniger als einen Quadratmeter für sich selbst haben. Was uns aber am meisten Sorgen macht, ist, dass diese Lager geschlossen sind. Manche dieser Menschen sind 24 Stunden, sieben Tage die Woche eingesperrt, unter besorgniserregenden hygienischen Bedingungen. Sie sehen die Sonne nicht und kommen nicht an die frische Luft. Sie sind zudem im Unklaren über ihre Verweildauer und über die nächsten Schritte. Wir sprechen uns ganz klar gegen solche geschlossenen Lager aus. Das sind geflüchtete Personen und keine Kriminellen.

profil: Wie ist der Zustand der Menschen in den Lagern?
Jung: Der Gesundheitszustand der Menschen ist ganz klar schwer beeinträchtigt, woran auch die Unterbringung Schuld ist. Wir stellen viele Krätze-Fälle, Atemwegsinfektionen, Durchfallerkrankungen und natürlich Depressionen und posttraumatische Störungen fest. Die Menschen haben schlimmste Erfahrungen gemacht.

profil: Wie sieht die medizinische Versorgung aus?
Jung: Es gibt nichts. Wir sind der alleinige medizinische Versorger vor Ort. Je nach Belegung sind wir ein- bis dreimal pro Woche in den Lagern. Und untersuchen dann alle Personen. Wir hören viele erschütternde Geschichten, die die Menschen auf der Reise durch die Wüste und auch in Libyen erlebt haben.


Es ist ein offenes Geheimnis, dass es Zwangsarbeit und auch schlimmste Formen des Missbrauchs gibt.

profil: Es gibt aber ja nicht nur offizielle Lager.
Jung: Genau, man muss unterscheiden. In die Lager, in denen wir sind, werden Menschen gebracht, die versucht haben, das Mittelmeer zu überqueren, aber auch Menschen, die aus inoffiziellen Lagern im Süden des Landes kommen, wo die Konditionen noch viel schlimmer sind. Zu diesen Lagern haben wir keinen Zugang, da sie nicht in den Einflussgebieten der beiden Regierungen des Landes liegen. Das ist ganz im Interesse der Betreiber, die vor allem Schmuggler, Schieber und letztendlich auch Menschenhändler sind. Die Menschen, die aus diesen Lagern kommen, zeigen schlimmste Folgen der Folter und des Missbrauchs.

profil: Hören Sie auch von Sklavenhandel?
Jung: Es ist ein offenes Geheimnis, dass es Zwangsarbeit und auch schlimmste Formen des Missbrauchs gibt.

profil: Manchen Geflüchteten wird die Möglichkeit gegeben, in ihre Herkunftsländer zurückzukehren, wie läuft das ab?
Jung: Wir unterscheiden zwei Flüchtlingsgruppen: "POCs" sind "Persons of Concern", die vor allem aus dem östlichen Afrika kommen. Ihr Flüchtlingsstatus wird aufgrund der Situation im Herkunftsland schneller anerkannt und sie wollen auch nicht nach Hause zurück. Diese werden in ein Auffanglager in den Niger geflogen, wo sie dann auf sichere Länder verteilt werden sollen. Momentan gibt es aber keine Flüge, weil das Lager voll ist. Dann gibt es die, die bei uns leider oft "Wirtschaftsmigranten" genannt werden. Sie kommen aus dem westlichen Afrika. Viele davon werden ebenfalls politisch verfolgt, zum Beispiel von der Terrororganisation Boko Haram. Für sie besteht die Möglichkeit, eine freiwillige Rückführung ins Heimatland in Anspruch zu nehmen. Ich frage mich aber, wie freiwillig eine solche Rückkehr ist, wenn man in so einem Internierungslager sitzt, was faktisch Gefängnis bedeutet.

profil: Wird die schlechte Situation andere davon abhalten, sich auf den Weg zu machen?
Jung: Das ist die Strategie der EU. Dies geschieht aber auf dem Rücken der Geflüchteten, die schon in Libyen sind. Im Moment deutet auch nichts darauf hin, dass die Zahl jener, die sich auf den Weg machen, einbrechen würde. Das ist keine nachhaltige Lösung, denn in den Herkunftsländern bleibt die Situation ja gleich. Aus meiner Sicht wird sich - selbst, wenn Libyen keine Alternative mehr ist - eine andere Route auftun.

Interview: Ines Holzmüller

Sebastian Jung