© Thomas Hoisl

Krieg in der Ukraine
03/05/2022

„Mein altes, schönes Leben ist jetzt vorbei“

Am slowakisch-ukrainischen Grenzort Vyšné Nemecké atmen Geflüchtete erstmals durch. Doch ihr Atem stockt bald wieder beim Gedanken an kämpfende Verwandte und Freunde, vom Friseur bis zum Künstler.

von Thomas Hoisl

Reda und Valentina, ein junges Paar aus Kiew, stellen sich um gratis SIM-Karten an, die von einem Mobilfunkanbieter zur Verfügung gestellt werden. „Was kann ich sagen, mein altes, schönes Leben ist jetzt vorbei“, sagt der 32-jährige Reda mit einem bitteren Lächeln. Mit ihnen gekommen sind Valentinas jüngere Schwester Xenia und die Hündin Bella. Ihren zweijährigen Sohn Lew hält Valentina am Arm. „Das Wichtigste ist, dass dieser kleine Dämon jetzt in Sicherheit ist“, scherzt Reda und deutet auf den Buben.

Vor sechs Jahren ist Reda aus dem marokkanischen Rabat nach Kiew gezogen, um Sprachen zu studieren. Dort lernte er die 25-jährige Ukrainerin Valentina kennen. „Ich verdanke der Ukraine alles“, sagt er und zeigt Bilder auf seinem Facebookprofil – Sommerfeste während ihrer Studienzeit, die Fußball-EM 2021, bei der man mit Freunden die Ukraine anfeuerte.

Plötzlich wird das Scrollen durch die Erinnerungen vom Alarmsignal eines vorbeifahrenden Einsatzfahrzeuges unterbrochen. Die Familie zuckt zusammen. „Das hat mich jetzt kurz an die schlimmen Dinge da drüben erinnert“, nickt Reda. Bis vorgestern verbrachten sie die Nächte noch in einem der städtischen Unterschlüpfe, die vor den russischen Bombenangriffen schützen. 

Da drüben herrscht Krieg. Herüben, am entscheidenden Nadelöhr für die Flucht aus der Ukraine in die Ostslowakei, atmen Geflüchtete erstmals durch. Doch der Atem stockt bald wieder beim Gedanken an kämpfende Verwandte. Der größte Grenzübergang der Slowakei mit der Ukraine beim Dorf Vyšné Nemecké ist auch in Friedenszeiten meist durch Kolonnen an Fracht-Lkw zugeparkt.

Die aktuelle Situation an der EU-Außengrenze ist aber einzigartig: Feuerwehrleute, Soldaten, Polizeibeamte und unzählige Helfer in Warnwesten tummeln sich vor dem blauen Grenzgebäude. Ein Stimmenwirrwarr aus verschiedensten Sprachen, ein Dröhnen von Generatoren, das Klappern von Trolleys auf dem Asphalt – das Geschehen ist nur auf den ersten Blick chaotisch, die Abläufe haben sich rasch eingespielt. Die Ankommenden, ganz überwiegend sind es Frauen mit Kindern, werden zunächst von Soldaten aus dem Grenzbereich begleitet, dann übernehmen freiwillige Helfer, tragen das Gepäck, geben Informationen zur Versorgung vor Ort. In Zelten, die an Großhandelslager erinnern, werden Tonnen gespendeter Hilfsgüter gestapelt und geschlichtet – von Wasserkanistern über Babynahrung, Hygieneartikel, Winterjacken, Grundnahrungsmittel bis hin zu den Gratis-SIM-Karten, damit der Kontakt ins Kriegsgebiet nicht abreißt. 

Wo Reda und Valentina nun hinwollen? Zunächst zu Freunden nach Bratislava, längerfristig vielleicht sogar gemeinsam nach Marokko. Teile von Valentinas und Xenias Familie sind noch in der Ukraine, ihr jüngerer Bruder wurde gerade 18 Jahre alt, nun kann er jederzeit in den Militärdienst eingezogen werden.

Ein paar Meter weiter steht Christina. Die 37-Jährige kam mit ihrer Mutter und ihrer siebenjährigen Tochter Daria ebenfalls aus Kiew. „Es ist surreal, da  greifen jetzt Leute zu den Waffen, die nie in ihrem Leben irgendwas mit Krieg oder der Armee zu tun hatten – Friseure, Künstler.“ Das Trio werde weiter nach Tschechien zu Bekannten gehen, Christina ist glücklich, als Grafikerin wohl auch in Zukunft arbeiten zu können. Die Teenagergeschwister Nika und Georg wollen mit ihrer Mutter zu Bekannten der Eltern ins nahe gelegene Michalovce.

Der Vater musste für einen möglichen Kampfeinsatz in Odessa zurückbleiben. Unter der Kapuze seines Pullovers blickt Georg müde drein, bemüht sich aber um einen Scherz. „Die Schule werde ich nicht vermissen. Meine Schwester schon, sie ist eine Streberin.“ Die meisten ukrainischen Flüchtlinge, die nun so gewaltsam aus ihrem normalen Leben gerissen wurden, haben keinen langfristigen Plan, nur eine kurzfristige Lösung.

Menschen, die zu Fuß kommen, werden von Bekannten oder Taxis abgeholt. Daneben fahren immer wieder Gratisbusse nach Košice, die zweitgrößte Stadt der Slowakei. Auch in Wien bildeten sich Initiativen, die mit Kleinbussen und Sachspenden nach Vyšné Nemecké aufbrachen, um Geflüchteten eine Fahrgelegenheit nach Österreich anzubieten. Andere, die mit dem Auto über die Grenze kommen, mieten sich oft fürs Erste in den umliegenden Städten ein Zimmer. 

Die Invasion Russlands in die Ukraine trat eine historische Fluchtbewegung los. Innerhalb der ersten Woche der Kampfhandlungen verließen laut den Vereinten Nationen bereits eine Million Menschen die Region. Polen, Ungarn, Rumänien, Moldawien oder die Slowakei sind die Erstaufnahmeländer. In Richtung Slowakei werden es bis Redaktionsschluss am Freitag an die 100.000 Geflüchtete sein. Zum Vergleich: Im Rekordflüchtlingsjahr 2015 suchten in Österreich 90.000 Personen um Schutz an. Ukrainischen Staatsangehörigen hat das slowakische Innenministerium eine Aufenthaltsmöglichkeit bis Ende 2022 in Aussicht gestellt.

Die Stadt Humenné, 30 Kilometer von der Grenze entfernt, zählt für gewöhnlich nicht zu den vibrierendsten Orten in der Slowakei. In der Pension Aston herrscht nun aber Hochbetrieb. Wirt Radovan ist mit allerlei organisatorischen Details beschäftigt – immer wieder meldet sich etwa Botschaftspersonal, das um Zimmer für aus der Ukraine kommende Staatsbürger anfragt. Auch sechs Nigerianer, die in Kiew studierten, nahmen sich Zimmer und sind hier vorerst gestrandet. Mitarbeiter des tschechischen Roten Kreuzes sind ebenfalls einquartiert. „Wir machen ein ziemliches Geschäft, aber ehrlich gesagt könnte ich auf die eine oder andere Buchung verzichten, wenn ich mir die Schicksale so ansehe“, sagt er in gutem Deutsch. Auch eine ukrainische Familie aus Charkiw kommt für eine Nacht in der Pension unter. Die Mutter, ein zweijähriges Kind und sogar der Vater ist dabei – ein ärztliches Attest befreite ihn von der Wehrpflicht. Für die Familie geht es am nächsten Tag weiter Richtung Deutschland. In der Pension Aston zeigt sich, welche vielfältigen Folgen die Massenflucht nach sich zieht.

Auch die Stadtverwaltung von Humenné will aktiv helfen. Auf der Wiese hinter einem Gebäude des slowakischen Innenministeriums hat die Feuerwehr zwei Dutzend wärmeisolierte Zelte aufgebaut. Auf Wäscheleinen trocknen bunte Kleidungsstücke. Neben der Zeltstadt spielen Kinder aufgeweckt Fußball. Vor einem geöffneten Zelt unterhalten sich zwei Bewohnerinnen mit einer Gruppe von Leuten mit blauen Armbinden. Einer von ihnen stellt sich als Ethnologe Andrej Belák vor. Er erklärt, dass in der Zeltstadt hauptsächlich Bewohner einer Romasiedlung aus dem ukrainischen Grenzort Uschhorod einquartiert wurden. „Auch sie mussten fliehen und ihre Männer zurücklassen.“ Belák versucht mit seinem Team, die besonderen Bedürfnisse der Bewohner zu erfragen und sie zu unterstützen. Hilfe kommt auch von der EU. 

Zurück in der Pension Aston. Wirt Radovan hat schon wieder eine neue Anfrage bekommen. Ein Mitarbeiter der pakistanischen Botschaft möchte Zimmer für geflüchtete Studenten buchen, ihr Anschlussflug gehe erst in ein paar Tagen. Bei allem Trubel kommt Radovan aber doch auch zu ein paar ästhetischen Neuerungen. Über der Eingangstür der Pension Aston wehen Flaggen verschiedener Länder – eine der Fahnenstangen ist seit Kurzem unbeflaggt. „Die russische Fahne ist im Müll gelandet“, bemerkt der Hotelier trocken. Dafür steht seit ein paar Tagen ein neues Tischbanner auf der Rezeption. In Blau-Gelb.

Wer von der Grenze nach Košice fährt, passiert zwei russische Panzer. Die originalgetreuen Nachbildungen älterer Sowjetmodelle stehen am Straßenrand bei Dargov. Sie sind Teil eines Kriegsdenkmals, das an den Sieg der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg erinnert. In diesen Tagen vermitteln die Panzerattrappen kein Gefühl der Freiheit, sondern des Grauens.

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