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Krieg in der Ukraine
03/05/2022

„Großartig, damit habt ihr Putin aber ganz toll bekämpft!“

Ein Moskauer Physiker und Unterzeichner des offenen Briefs russischer Wissenschafter gegen den Krieg berichtet, wie seine Familie Besuch von der Polizei bekam – und warum er Sanktionen gegen die akademische Welt für verrückt hält.

von Alwin Schönberger

ist Physiker in Moskau. Er ist korrespondierendes Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften und hat ein ausgeprägtes Interesse an populärer Wissenschaftsvermittlung. Kovalev ist einer von inzwischen mehr als 7000 russischen Wissenschaftern, die einen offenen Brief gegen den Krieg unterzeichnet haben.

profil: Wie erleben Sie als Wissenschafter in Moskau diese Tage des Krieges?
Kovalev: Wie viele Menschen schlafe ich seit Beginn des Krieges schlecht. Letzte Nacht habe ich erstmals in meinem 
Leben ein Schlafmittel genommen. Ein Teil unserer Familie ist in Kiew, Verwandte meiner Frau. Sie können sich die Situation vielleicht vorstellen.

profil: Wie offen können Sie reden?
Kovalev: Ich werde sicher nicht lügen, aber vielleicht nicht alle Punkte ansprechen. Vor einigen Tagen wurden wir vom Büro des Staatsanwalts darauf hingewiesen, dass wir bei Verstößen gegen bestimmte Richtlinien bis zu 20 Jahre Gefängnis riskieren. Und ich habe Familie.

profil: Sie sind Unterzeichner eines offenen Briefes von mehr als 7000 russischen Wissenschaftern, die sich klar gegen den Krieg aussprechen und die Invasion in die Ukraine scharf kritisieren. Wie gefährlich ist diese Exponierung?
Kovalev: Meine Frau und ich sind beide Wissenschafter, und wir beide haben den offenen Brief unterzeichnet. Noch am selben Tag hat uns die Polizei zu Hause besucht. Wir wissen nicht, ob der Brief der Grund war.

„Kultur und Wissenschaft sind die letzten Kanäle der Kommunikation zwischen Ländern.“

profil: Die Polizei hat keinen Grund genannt?
Kovalev: Die Frage, warum sie gekommen sind, haben sie nicht beantwortet. Die Polizei hat meine Frau ermahnt, sich wohlzuverhalten. 

profil: Man kann nur austesten, wie weit man gehen kann?
Kovalev: Ja, das ist korrekt.

profil: Offensichtlich ist es riskant, sich kritisch zu äußern oder überhaupt Worte wie „Krieg“ oder „Invasion“ zu verwenden.
Kovalev: Trotzdem gibt es jeden Tag Anti-Kriegs-Aktivitäten, die Menschen reden miteinander, äußern sich in sozialen Medien. Eine Petition gegen den Krieg hat mittlerweile eine Million Unterzeichner, das ist Rekord. Manche dieser Menschen wurden zwar zur Polizei bestellt und hatten Formulare zu unterzeichnen, die sie verwarnten. Das ist noch freundliches Verhalten der Polizei. Dafür muss man eigentlich dankbar sein.

profil: Das ist freundlich?
Kovalev: Es ist nicht alles schwarz und weiß. Ich habe auch eine Menge positive Erfahrungen mit der Polizei. Meine Frau und ich kamen 2009 zurück nach Russland. Davor waren wir drei Jahre in den USA und drei Jahre in Deutschland. 2011 gab es Wahlen, die eindeutig gefälscht waren. Bei vielen der nächsten Wahlen waren meine Frau und ich Mitglieder der Wahlkommission und haben kontrolliert, dass die Stimmen korrekt gezählt werden. Die Polizei war immer dabei und hat uns bei der Organisation geholfen.

profil: Der Brief der Forscher kursiert auch in Russland. Das bedeutet, dass die Menschen wissen können, wie die Wahrheit über den Krieg aussieht, sofern sie es wollen.
Kovalev: Ja, aber ich bin mit dem Begriff Wahrheit vorsichtig. Ich bin Naturwissenschafter. Dieser Brief bildet einen Blickpunkt der gegenwärtigen Situation ab, die private Position individueller Wissenschafter. Sehr viele Menschen stimmen dem Brief überhaupt nicht zu und sind von Propaganda beeinflusst, die in unserem Land stark ist. Aber ich denke, die Mehrheit der russischen Wissenschafter unterstützt den Krieg ganz sicher nicht.

profil: Die internationale Forschungswelt kritisiert allerdings, dass sich offizielle Institutionen wie die Akademie und Universitäten nicht deutlich genug vom Angriff auf die Ukraine distanzieren. Dies wird als Anlass angeführt, um Forschungskooperationen zu beenden und russische Wissenschafter zu isolieren.
Kovalev: Wer verantwortlich für Universitäten ist, hat die wichtige Rolle übernommen, diese Institutionen am Leben zu erhalten. Jetzt gibt es viele Forderungen, dass diese Leute offizielle Statements gegen den Krieg abgeben sollen, zum Beispiel die Akademie. Das ist aber komplett unmöglich. Es handelt sich schließlich um staatliche Institutionen. Wenn sie das machen, ist es das Ende der jeweiligen Institution. Man muss überleben. Wir repräsentieren daher nicht unsere Institutionen mit dem Brief, sondern uns als Personen.

profil: Die Folgen für die russische Wissenschaft dürften katastrophal sein: Langjährige Kooperationen und große Projekte werden beendet, teils wird ein kompletter Boykott russischer Forschung gefordert. Eine für Herbst geplante Marsmission wird wohl verschoben oder sogar gestrichen. Selbst die Zusammenarbeit auf der Internationalen Raumstation steht zur Debatte.
Kovalev: Ja, die Folgen sind gravierend. Viele dieser Initiativen der vergangenen Tage haben für mich aber überhaupt keinen Sinn. Ich sage es immer wieder: Kultur und Wissenschaft sind die zwei letzten Kanäle der Kommunikation zwischen Ländern. Wissenschaft ist eine der letzten Möglichkeiten, miteinander zu reden und einander zu hören. Wenn man das jetzt kappt, bitte sagen Sie mir: Welches Ziel wollen Sie damit erreichen? Ich habe bisher keine einzige Antwort auf diese Frage bekommen. Das ist reine Emotion, das ist Hysterie.

profil: Die Situation ist hoch emotional …
Kovalev: Das ist auch verständlich, es gilt für mich genauso. Mir bricht wirklich das Herz, wenn ich mir vorstelle, dass mein Land diesen Krieg begonnen hat. Es ist das Schlimmste, das je hätte passieren können. Und unsere Gefühle sind nichts in Vergleich zu dem, was die Ukrainer gerade durchmachen. Der Konflikt in Donbass und Lugansk hätte unbedingt anders gelöst werden müssen. All die Emotionen sind also verständlich. Wer Politik macht, wird aber dafür bezahlt, zu denken. Was also ist das Ziel, diese letzten Verbindungen zu Russland zu kappen?

profil: Sie sind Astrophysiker. Das ist eine Sparte, in der internationale Kooperationen besonders ausgeprägt sind.
Kovalev: Ich habe am ersten Weltraum-Observatorium gearbeitet, das nach dem Kollaps der Sowjetunion gestartet wurde. Es war eine absolut internationale Kooperation, verbunden mit vielen Teleskopen auf der Erde. Wir hatten wunderbare Jahre der Zusammenarbeit. Das ist einer der Gründe, warum sich Wissenschafter so gut verstehen. Auch heute kann ich mit meinen internationalen Kollegen diskutieren, und sie unterstützen uns. Aber europäische Politiker wollen zeigen, wie massiv sie Russland bekämpfen. Und was tun sie? Sie bekämpfen die russische Wissenschaft. Das hilft ganz bestimmt!

profil: Sind Boykottmaßnahmen bereits zu spüren?
Kovalev: Es gibt internationale Journale, die damit beginnen, Artikel russischer Wissenschafter abzuweisen. Da kann man nur sagen: Großartig, damit habt ihr Putin aber ganz toll bekämpft! Es gibt auch Empfehlungen, keine Kontakte mit russischen Wissenschaftern mehr zu unterhalten. Das deutsche Röntgenteleskop eRosita an Bord des russischen Weltraum-Observatoriums SRG wurde abgeschaltet. Das ist alles verrückt.

profil: Können Sie uns einen Einblick in die russische Forschungslandschaft geben? Manche europäische Wissenschafter schwärmen von einem wahren Paradies, weil sie dort hoch dotierte Forschungsprojekte erhalten. Zugleich liest man von maroden Instituten und mieser Bezahlung. Was stimmt?
Kovalev: Da müssen wir in Sowjetzeiten zurückgehen. Ich vereinfache ein wenig, gut? Es gab sehr viele Wissenschafter. Viele waren fantastisch, viele haben aber auch gar nichts getan. Das war trotzdem fein, denn die Sowjetunion kannte keine Arbeitslosigkeit. Nach dem Kollaps lautete die Frage: Was tun mit ihnen?

profil: Was geschah?
Kovalev: Man beschloss, ein Grundgehalt zu zahlen, das gerade noch akzeptabel ist, aber eigentlich nicht hoch genug. Man sagte: Okay, Leute, hier habt ihr euer kleines Gehalt, wenn ihr aber richtig gute Wissenschafter sein wollt, könnt ihr zusätzlich einen Grant gewinnen, ein gut dotiertes Forschungsprojekt. Dann könnt ihr euer Projekt, eure Mitarbeiter und euch selbst besser unterstützen. Bedeutende Wissenschafter aus dem Ausland können ebenfalls an solchen Programmen teilnehmen.

profil: Und diese sind oft von der Motivation russischer Studenten geradezu begeistert.
Kovalev: Studenten von guten Universitäten in den großen Städten sind absolut brillant. Unsere besten Schulen sind fantastisch. Und von dort gehen die Schüler an die besten Universitäten. Ich zum Beispiel arbeite an einer Universität, die die Besten der Besten in Physik hat.

profil: Gibt es ein öffentliches Bekenntnis zu Wissenschaft und Forschung?
Kovalev: Ja, es gibt eine Strategie. Es wurden wissenschaftliche Schwerpunkte definiert und zusätzlich mit Budgets ausgestattet. Das sind vor allem Lebenswissenschaften und Verteidigung. Kurz zusammengefasst: Medizin, Hightech, IT, Energie, Navigation, Transport, militärische und elektronische Verteidigung.

profil: Bekennt sich Präsident Putin selbst zur Forschung? Erkennt er ihren Nutzen?
Kovalev: Ja. Es wurde auch ein Wissenschaftsrat der Regierung eingerichtet, dem er vorsaß. Vergangenes Jahr wurde das Jahr der Wissenschaft in Russland ausgerufen.

profil: Ist der Impfstoff Sputnik-V ein Ergebnis dieser Forschungsschwerpunkte?
Kovalev: Sicher. Es ist übrigens gar nicht verständlich, warum der Impfstoff in Europa nicht akzeptiert ist. Das hatte nichts mit Medizin zu tun, sondern ausschließlich mit Politik. Es war völlig heuchlerisch. Was erwartet man da, was wir von den europäischen Freunden denken sollen?

profil: In Russland ist der Impfstoff aber auch nicht sonderlich beliebt.
Kovalev: Das liegt am Misstrauen. Sehr viele Menschen misstrauen der Regierung.

profil: Man könnte auch annehmen: Wenn ein Land hochwertige Forschungsergebnisse produziert, lassen sich diese zu guten Zwecken gebrauchen, aber auch missbrauchen. Sei es für militärische Zwecke oder für Cyber-Attacken. Ist das nicht auch ein Resultat der Unterstützung von Wissenschaft?
Kovalev: Natürlich ist es das. Es gibt durchaus Wissenschafter, die es ehrenhaft finden, die Landesverteidigung zu stärken. Sacharow hat die Wasserstoffbombe nie bedauert, weil er überzeugt war, dass sie den Frieden erhält. Andere hingegen wollen nicht riskieren, dass ihre Arbeit für militärische Zwecke benutzt wird. Sie konzentrieren sich auf Grundlagenforschung und treffen die Entscheidung: Wir versuchen, unser Land besser zu machen und wert, es zu verteidigen. Sie wollen es der Verteidigung wert machen statt direkt für die Verteidigung zu arbeiten.