Bleibt Donald Trumps Präsidentschaft nur ein Intermezzo, oder schwört sich das Land endgültig auf ihn ein?
Midterms: Reportage aus der Trump-Hochburg West Virginia

Midterm Elections: Reportage aus der Trump-Hochburg West Virginia

In den Bergen von West Virginia stimmten bei der Präsidenschaftswahl 2016 mehr als 80 Prozent für Donald Trump, weil er versprochen hatte, die Probleme des heruntergekommenen Landstrichs zu lösen. Zwei Jahre später geht es den Menschen hier nicht viel besser - trotzdem würden sie den Republikaner wieder wählen. Warum?

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Text und Fotos: Christoph Zotter, Pineville/West Virginia

Straße Nummer 16 führt durch nebelverhangene Wälder zu Ruinen, die von vergangenem Reichtum zeugen. Am Autofenster ziehen aus rotem Backstein errichtete Städte vorbei, die Häuser ragen mehrere Stockwerke in den Himmel. Einst wuchsen sie so schnell, dass es hieß, sie könnten es bald mit den Wolkenkratzern von Chicago oder New York aufnehmen. Nun verwittern sie an den Rändern einer Landstraße, die sich an ausgebrannten Wohnwagen und aufgelassenen Geleisen entlang durch den Süden von West Virgina schlängelt.

In einem leeren Diner an einer Kreuzung der Straße Nummer 16 sitzt Jarrod McGraw und starrt müde aus dem Fenster in den Regen. Die Nacht zuvor hat der 35-Jährige tief unter der Erde verbracht und Equipment aus einer der letzten Kohleminen geholt, die es in der Gegend noch gibt. Die Pinnacle Mine erstreckt sich über eine Fläche so groß wie die Hauptstadt Washington, D. C. Seit den 1970er-Jahren wühlen Maschinen Kohle in einer Qualität aus dem Boden, wie sie nirgendwo sonst auf der Welt zu finden ist. Doch bald werden die Minenarbeiter die Pumpen abdrehen, die verhindern, dass Wasser in die Schächte läuft. Nach spätestens zwei Tagen wird dann alles überflutet sein.

Jarrod McGraw (35): Der Kohlearbeiter steht weiter zu Trump - auch wenn er gerade seinen Job verloren hat.

Es ist ein Freitag Anfang Oktober, an dem die Pinnacle Mine für immer schließt – ausgerechnet jetzt, wo es bergauf gehen sollte. Donald Trump hatte versprochen, das Geschäft mit der Kohle wieder groß zu machen. Deswegen hatte McGraw ihm vor zwei Jahren seine Stimme gegeben. Der Minenarbeiter war nicht der Einzige: Im Kohlestaat West Virginia gewann Trump bei der Präsidentschaftswahl 2016 alle Wahlbezirke, was ihm sonst nur in Oklahoma gelang. Im Bezirk Wyoming – hier liegt die Pinnacle Mine – erhielt er 83,6 Prozent der Stimmen. Die Kohlekumpel wurden zum Symbol einer Bewegung. „Die Vergessenen“ hatte Trump sie genannt.

Genau so hatte McGraw sich auch gefühlt: vergessen. Mit 19 Jahren, gleich nach der High School, ging er das erste Mal in die Mine – wie sein Vater und sein Großvater vor ihm. „Das geht in dein Blut über. Du liebst es oder du hasst es. Es ist wie eine Bruderschaft, ein Gefühl von Stolz. Du trägst ein Erbe“, sagt er leise. Er arbeitet zehn Stunden am Tag, „um Essen auf den Tisch zu stellen“, sieht seine kleine Tochter kaum, hat nur eine Woche Urlaub im Jahr, die er jedes Jahr im selben Wasservergnügungspark in Tennessee verbringt. Er lebt in einer Welt, in der man Opfer bringt: für die Familie, für die Nation. Kein Bundesstaat schickt pro Kopf so viele Rekruten zur US-Armee wie West Virginia. Aber auch ohne Krieg ist der Tod allgegenwärtig. Vor einem Jahr starb ein Kumpel McGraws bei einem Unfall in der Mine. „Ich hatte an dem Tag frei. Das hätte ich sein sollen in dem Sarg“, sagt er.

Jarrod McGraw interessiert sich nicht für den Streit um den Höchstrichter Brett Kavanaugh. Die Mauer zu Mexiko ist ihm egal, er hat kein Problem mit Arbeitsmigranten – Jobs gebe es hier ohnehin keine.

Doch außerhalb des 700-Seelen-Ortes Pineville, in dem er sich vor Kurzem ein Haus gekauft hat, schien diese Welt nur wenige Menschen zu interessieren. Als Trump wie aus dem Nichts auftauchte, fühlte McGraw sich angesprochen von dem Außenseiter, über den sich alle lustig machen. Wie viele andere seiner Kollegen hörte er zum ersten Mal einen Präsidentschaftskandidaten, der versprach, sich um die Probleme der paar Tausend verbliebenen Kohlearbeiter zu kümmern, und sich direkt an die Einwohner des kleinen West Virginias wandte. „Wir lieben Trump“, sagt McGraw.

Daran hat sich nach zwei Jahren nichts geändert. Jarrod McGraw sagt, er habe kaum Zeit, sich mit politischen Feinheiten zu beschäftigen. Er interessiert sich nicht für den Streit um den Höchstrichter Brett Kavanaugh. Die Mauer zu Mexiko ist ihm egal, er hat kein Problem mit Arbeitsmigranten – Jobs gebe es hier ohnehin keine. Er hat andere Sorgen: Sein Arbeitgeber ist bankrott, nun kämpfen die Kumpels vor Gericht um ihre Gesundheitsversicherungen und Pensionen. „Es ist einfach nicht richtig“, sagt McGraw: „Die haben ihre Körper umsonst ruiniert.“ Seine siebenjährige Tochter Maddie braucht eine Augenoperation. Wie er sie nun bezahlen soll, weiß er nicht.

Was McGraw neben all seinen Problemen von Trump mitbekommt, gefällt ihm: „Ich hoffe, dass er wiedergewählt wird. Wir brauchen jemanden, der nicht streng politisch ist – einen Amerikaner. Vielleicht kann er das Land wieder aufbauen.“ Den ersten Schritt hat der Präsident nach McGraws Ansicht bereits gesetzt: Trump nahm die Umweltgesetze seines Vorgängers Barack Obama zurück und verhängte Strafzölle über importierten Stahl, um die heimische Produktion zu stärken. Nun öffnen anderswo in West Virginia neue Minen, in denen Kohle abgebaut wird, mit der die Hochöfen der Stahlwerke angeheizt werden. Die Lokalzeitung „Charleston Gazette“ schätzt, dass in den vergangenen zwei Jahren rund 2500 Jobs in der Kohleindustrie geschaffen wurden. „Es ist furchtbar frustrierend, dass unsere Mine in einer solchen Situation zusperrt“, sagt McGraw: „Aber andere Betriebe stellen jetzt Leute an, ich werde schon unterkommen.“

David Stover (64): "Höre ich mich schon an wie ein rechter Nationalist?"

Pineville richtet sich unterdessen auf ein Desaster ein. 1,5 Millionen Dollar Steuern zahlte der Kohlekonzern jedes Jahr. Rund 400 Kohlearbeiter werden arbeitslos. Wenn sie als Konsumenten ausfallen, trifft das die wenigen Geschäfte, die sich in dieser armen Region bisher über Wasser hielten. Es könnte so weit kommen, dass Lehrer entlassen werden oder Schulen zusperren müssen, weil das Geld nicht mehr reicht. Dem Städtchen droht ein ähnliches Schicksal wie vielen anderen entlang der Landstraßen West Virginias: Abwanderung.

„Die Leute wissen, dass der Präsident nicht für alles verantwortlich ist“, sagt David Stover: „Wenn am Sonntag Wahlen wären, würde Trump hier wieder haushoch gewinnen.“ Der 64-Jährige, den alle nur „Bugs“ nennen, ist ein Trump-Wähler, der nicht in die Schablonen passt, die oft für die Anhänger des Präsidenten geschnitzt werden. Er arbeitet am Bezirksgericht. Den jüngeren Bewohnern von Pineville brachte er früher in der Schule Geschichte bei, von den älteren wird er wegen seines Wissens über die Kohleminen und die Umwelt bewundert. Er selbst bezeichnet sich als Hobby-Ökologe: „Ich habe nahezu religiöse Erlebnisse, die mich an dieses Land binden, als wäre es meine Mutter.“ Vier Jahre lang lebte er nicht in seinem Haus, sondern in einem Zelt im Wald.

„Ich mochte Präsident Obama“, sagt Stover, der als Republikaner registriert ist: „Es war wichtig, dass ein Schwarzer Präsident wurde, um die gläserne Decke zu durchbrechen. Wenn es eine Frau wird oder ein Einwanderer erster Generation, wäre das großartig.“ Trotzdem hat er Trump gewählt und hält ihn auch für einen guten Präsidenten. Die Arbeitslosigkeit sei niedrig wie nie, die Löhne stiegen. Das Land wehre sich gegen China, verhandle mit Nordkorea über die Atomwaffen, mit Kanada und Mexiko über den Freihandel. „Höre ich mich schon an wie ein rechter Nationalist?“, sagt Stover und lacht laut auf.

Für David Stover ist das Dilemma mit Trump einfach: Man konzentriere sich zu sehr auf seinen Stil, nicht auf die Politik, die er mache.

Auch die Idee einer Mauer im Süden findet er gut. „Wir sind eine Nation von Einwanderern. Ich kenne niemanden, der ein Problem mit Migranten hat, sie machen eine Gesellschaft besser. Nur: Sie sollen auf korrektem Weg herkommen.“ Wäre er selbst ein Einwanderer, sagt Stover, würde er sich ärgern, wenn er sich um legalen Aufenthalt bemühen müsste, während ein anderer sich vordränge, indem er über die Grenze marschiere. In Pineville habe es einen Mexikaner gegeben, der in einem Restaurant arbeitete. Ein toller Koch sei das gewesen und ein begnadeter Geschäftsmann. Vor Kurzem kam die Einwanderungsbehörde und nahm ihn mit. „Hatte ich dem Typen gegenüber Vorurteile?“, sagt Stover: „Nein, ich mochte ihn, er arbeitete hart. Aber er war illegal hier. Ich hoffe, er kommt zurück, war ein guter Kerl.“

Für Stover ist das Dilemma mit Trump einfach: Man konzentriere sich zu sehr auf seinen Stil, nicht auf die Politik, die er mache. „Ich mag ihn nicht, er ist ein Schwein“, sagt er. „Wenn er nur einmal die Klappe halten würde. Aber wie kann man wegargumentieren, dass es funktioniert?“ Dann erzählt er eine Geschichte, die jeder von ihm zu hören bekommt, der nicht aus West Virginia stammt: Auf seinem Weg in die Arbeit muss Stover einen Bahnübergang überqueren. Jahrelang fuhr dort kein einziger Zug. Ein halbes Jahr nach Trumps Wahl musste er auf dem Heimweg plötzlich hart bremsen. Da war ein Zug, Waggons voller Kohle! Ergriffen sei er aus dem Auto gestiegen und habe die Hand übers Herz gehalten, als singe er die Nationalhymne.

Präsident Trump hat uns Hoffnung gegeben“, sagt Deirdre Cline in ihrem Büro, das neben den Zuggleisen liegt, über die nun gelegentlich wieder Kohlewaggons rattern. „Da kam einer und sagte: ,Ich werde mich um euch kümmern.‘ Wir fühlten uns nicht mehr so unsicher. Du wirst egoistisch, wenn dein Lebensunterhalt infrage gestellt wird.“

Jahrelang sah Cline mit an, wie Pineville mit mehr Problemen zu kämpfen hatte, als es bewältigen konnte. Seit 30 Jahren ist die 54-Jährige im Bildungssystem tätig. Anfangs war sie Lehrerin, mittlerweile leitet sie als erste Frau in der Geschichte von Wyoming die Bezirksschulbehörde. Ihre Mitarbeiter betreuen Kinder, die zwischen Vernachlässigung und Verzweiflung aufwachsen. Um die Jahrtausendwende begannen Ärzte auf Anraten von Pharmakonzernen, auch in West Virginia schon wegen gezerrter Muskeln oder leichter Rückenschmerzen stark abhängig machende Opioide zu verschreiben. Der Missbrauch von Medikamenten wie Oxycontin oder Vidocin wuchs sich zu einer Epidemie aus, die „ganze Familienstrukturen zerstört, wie ich es noch nie gesehen habe“, sagt Cline. In den Schulen müsse sie Kindern beibringen, wie sie sich und ihre Kleidung waschen, weil zu Hause niemand mehr für sie sorge. Die Zahl der Waisen sei explodiert, immer öfter müssten die Großeltern einspringen, weil sich niemand sonst um ihre Enkel kümmere. Früher habe es in jeder Familie hier jemanden gegeben, der an der Arbeit in den Minen gestorben sei. Nun seien es die Pillen, die in jeder Familie ihre Opfer forderten.

Deirdre Cline (54): "Präsident Trump hat uns Hoffnung gegeben"

Bis zu 45.000 US-Amerikaner sterben mittlerweile pro Jahr durch Medikamentenmissbrauch. So wie der wirtschaftliche Aufstieg begann auch der Kampf gegen die Opioide zwar schon in der Amtszeit von Obama, doch das Lob von seinen Fans bekommt nur Trump, der die Epidemie zu einem „nationalen öffentlichen Gesundheitsnotfall“ erklärte.

Viele seiner Fans rezitieren, was der Präsident ihnen auf Twitter oder in Fernsehinterviews vorsagt. Zwar zählen die Faktenchecker der konservativen „Washington Post“ mehr als 5000 faktische Aussagen, die der Präsident in rund 600 Tagen seiner Amtszeit getroffen hat, die falsch oder irreführend sind – ein Rekordwert. Trump scheint das aber bislang genauso wenig zu schaden wie die Tatsache, dass auch er keinen Plan für die Zeit präsentiert hat, wenn die letzte Kohlemine leer ist: Die Menschen in West Virginia sind loyal.

Du bist für ihn oder gegen ihn, und wenn du gegen ihn bist, gehörst du nicht dazu.

„Wenn Präsident Trump attackiert wird, nehmen das die Leute hier persönlich“, sagt Schulleiterin Cline: „Du bist für ihn oder gegen ihn, und wenn du gegen ihn bist, gehörst du nicht dazu.“ Wie sie selbst zum Präsidenten steht, will sie nicht sagen – nur so viel: In ihrer Behörde werde nicht mehr über Politik gesprochen. Nicht über Trump, nicht über die #MeToo-Bewegung oder Brett Kavanaugh, den Höchstrichter, dem sexueller Missbrauch vorgeworfen wird. Sie wolle den Hass umgehen, der die Gesellschaft auf Facebook oder bei Familienfeiern spalte. „Wir reden lieber über unsere Hunde“, sagt sie.

Es ist eine der Paradoxien des Aufstiegs von Donald Trump: Er wird in Gemeinden gewählt, die stolz sind auf Anstand und Zusammenhalt, die das Obszöne, Laute und Ungehörige meiden, und in denen an jeder zweiten Ecke eine Kirche steht. Auch in Pineville schütteln viele nur den Kopf, wenn sie an die Wahlkampfauftritte denken, bei denen der Präsident die johlende Menge aufwiegelt.

Zwei Wochen nach dem profil-Besuch in Pineville werden sich weit weg davon zwei Verbrechen ereignen: eine Rohrbombenserie, bei der ein Dutzend führende Demokraten und Trump-Kritiker Sprengsätze geschickt bekommen; und ein Schussattentat, bei dem elf Menschen in einer Synagoge in Pittsburgh getötet werden. Die zwei mutmaßlichen Täter sollen sich im Internet mit rechten Verschwörungstheorien beschäftigt haben, die auch der amtierende Präsident immer wieder über Twitter unter seinen Wählern verbreitet.

Joe Hill (91): "Ich habe 70 Jahre lang auf jemanden wie Trump gehofft"

profil fragt via E-Mail in Pineville nach, welche Rolle Trumps scharfe Rhetorik dabei gespielt haben könnte, David Stover antwortet. „Wenn eine politische Persönlichkeit nicht zur Gewalt aufruft, kann sie auch nicht dafür verantwortlich sein“, schreibt er: „Dieses dumme politische Getue (der Trump-Gegner, Anm.) hat keinen Platz in unserem Diskurs. Eines Tages wird die Nation eine ernsthafte Diskussion darüber führen, wie man diese sinnlosen Schießereien und Bomben stoppen kann.“

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Eine Viertelstunde mit dem Auto die Straße Nummer 16 entlang steht Mullens, eine leere Stadt aus roten Backsteinhäusern. Zwei Kinos gab es früher, drei Hotels und 13 Restaurants. Mehr als 5000 Menschen lebten hier in den 1960er-Jahren, vielleicht ein paar Hundert sind es heute noch. Die Maschinen kamen, die meisten Jobs wurden im Zuge der Automatisierung wegrationalisiert, die Städte verwaisten zusehends.

Kinos, Hotels und Restaurants haben lange geschlossen. Nur in einem der Backsteinhäuser brennt am frühen Abend noch Licht. Auf einem Friseurstuhl sitzt der 91-jährige Joe Hill. Wie jeden Tag hat er um halb zehn in der Früh aufgesperrt, um halb sechs Uhr abends wird er zusperren. Dazwischen schläft der Barbier meist, Kunden gibt es ohnehin keine mehr. „Ich habe 70 Jahre lang auf jemanden wie Trump gehofft“, sagt er: „Er versucht, die Nation zu reparieren – und alles, was so lange falsch gelaufen ist.“

Es gehe nicht um den Verlust der Kohlejobs – daran seien die Maschinen schuld. Aber mit Trump habe Amerika endlich einen Präsidenten, der die Nation vor das Wohl seiner eigenen Partei stelle. Republikaner und Demokraten würden das Land zerstören. „Wenn die so weitermachen, enden wir in einer Situation wie in Deutschland“, sagt Hill: „Adolf Hitler hat die Macht nur für seine Leute verwendet, er hat die Juden leiden lassen. Trump ist für alle da. Er möchte, dass es allen in diesem Land gut geht.“

Das ist ein ungeheurer Vergleich, eine Verharmlosung eines der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte und wohl auch eine schwere Fehlinterpretation der vielen aufgeheizten Reden Donald Trumps. Aber es klingt in seiner Unbedarftheit und Unkorrektheit, als stammte es direkt aus dem Mund des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika.