Österreicher Josef B. in Ruinerwold: Denkmal des Schauerlichen

Österreicher Josef B. in Ruinerwold: Denkmal des Schauerlichen

profil-Reporter Wolfgang Paterno über die Idylle der kleinen niederländischen Gemeinde Ruinerwold - und ihren Versuch, mit dem Fall des Österreichers Josef B. und der "Geisterfamilie" zurechtzukommen.

Ein Gespenst geht um in Ruinerwold. Josef B., der Mann, auf den hier und im Rest der Welt derzeit alles zuläuft, ist in der kleinen niederländischen Gemeinde ein Unbekannter ohne Gesicht. Man kann zehn, 15 Menschen fragen, ob ihnen ein gewisser B. aus Österreich bekannt sei, man erntet Achselzucken, einsilbige Antworten. Es ist wie verhext. Niemand von den Angesprochenen will seinen Namen in der Zeitung lesen, keine Fotos. Man will an der gespenstischen Stille, die B. umgibt, nicht anstreifen. Die Geschichte von Josef B. ist die eines Mannes, der in der Gegend, in der er jahrelang wohnte und arbeitete, so gut wie keine Spuren hinterließ.

In den Niederlanden ist Ruinerwold zugleich eine große Sache. Seit bekannt wurde, dass im wenige Kilometer entfernten Ortsteil Berghuizen Mitglieder einer vielköpfigen Familie über Jahre im Verborgenen gehalten wurden und der gebürtige Österreicher Josef B. eine undurchsichtige Rolle spielte, durchleben hier viele aufregende Tage. In dem Landstrich, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, passiert Unfassbares. Seit Tagen wird der Bauernhof im Buitenhuizerweg 18a, der offenbar von B. angemietet wurde, von TV-Teams belagert, der Boulevard hat Reporter geschickt.

Gewöhnlich spazieren hier Menschen mit Hunden oder alte Leute, die nichts Besseres zu tun haben, weil es hier auch nicht viel Besseres zu tun gibt. Die Gegend wirkt so unscheinbar wie unaufgeregt: Eigenheime in Klinkerrot mit spitzgiebeligen Dächern, große Vorgärten mit Feuerschalen. Man kann sich die Gegend um Ruinerwold als reizende Modelleisenbahnlandschaft vorstellen.

Seit vorvergangenen Sonntag ist der Buitenhuizerweg ein Denkmal des Schauerlichen. Zahllose Neugierige am Tatort. Auf Fahrrädern kommen viele einen Sprung vorbei, im Familienauto mit Kindern, immer wieder Spaziergänger. Schwärme von Journalisten belagern das Anwesen, von dem zwischen hohen Bäumen kaum etwas zu sehen ist, ein Dachgiebel, eine braune Holzwand, ein wackeliges Tor, das offen steht, eine lange Reihe Feuerholz. Vor der undurchdringlichen Wand aus Bäumen und Büschen ragt ein haushoher Mast mit runder Plattform empor. Ein unbewohntes Storchennest. Den harmlosen Spruch, wonach der Storch die Kinder bringe, kennen sie auch hier. Er wirkt angesichts der sechs Kinder, die hier neun Jahre lang versteckt worden sein sollen, schmerzhaft zynisch.

Jeder fragt sich: Wie kam es dazu? Warum konnte das bei uns passieren? So viele Fragen. Es gibt Antworten, die meisten davon sind Halb-bis Viertelwahrheiten.

Gerüchte machen ständig die Runde. Blühender Unsinn fließt zusammen mit dem Wenigen, das halbwegs gesichert scheint. Josef B. soll in der Region zwei Geschäftslokale besitzen, in einem davon sei Spielzeug verkauft worden. In der nahen Stadt Meppel und in dem Städtchen Zwartsluis habe er Spuren hinterlassen. Ein niederländischer TV-Reporter ist einmal einem Arbeitskollegen von Josef B. begegnet, ein anderer erinnert sich an ein Haus nahe einer Asylunterkunft für Kinder, in der B. gewohnt habe. Facebook und Twitter liefern ständig neue Vermutungen und Informationen. Viele starren im Buitenhuizerweg in ihre Smartphones. Es seien Unsummen an Geld gefunden worden, streut ein Passant neue Gerüchte, die Familie sei außerdem bei der Moon-Sekte.

Die Gemeinde Ruinerwold liegt tief in der niederländischen Provinz.

"Wir sind hier in den Niederlanden", sagt Alex, ein Mann mit hoher Stirn und im blauen Mantel, der ihn wie ein Michelin-Männchen aussehen lässt. "Das passiert sonst nur in Amerika -oder Österreich." Alex lebt seit 1994 in Ruinerwold, zehn Autominuten vom Buitenhuizerweg entfernt. Er kennt den Spazierweg, die Gegend ist ihm so vertraut, wie sie einem Dorfbewohner, der seine Samstagnachmittage gern im Freien verbringt, nur vertraut sein kann.

Von Josef B. weiß er nichts, dessen Hof ist ihm bislang nicht einmal aufgefallen. "Das Haus war sommers von Bäumen, winters von dichtem Geäst komplett verdeckt." Auf seinem Handy zeigt Alex ein Filmchen vom Tag eins der Ereignisse. Zwei Polizeiautos sind darauf verlassen auf der Wiese vor dem Bauernhaus zu sehen. Seither haben Polizeikonvois tiefe Erdspuren in das Grün gegraben.

Die Fotografen langweilen sich unter tief hängenden Wolken. Seit Stunden keine Bewegung auf dem Areal, die vielen Polizeiautos scheinen wie angewurzelt. Dabei hatte es vormittags geheißen, dass die forensische Untersuchung anstehe. Bislang wurden aber keine der Beamten in ihren weißen Schutzanzügen gesichtet, der Tiertransporter, der den Hof verlässt, ist mit unbekannter Fracht beladen. Kaum nähert sich ein Security-Mann der grellorangenen Mobiltoilette, die im Niemandsland des abgeriegelten, weitläufigen Wiesenstücks steht, zücken die Fotografen ihre Kameras mit den langen Teleobjektiven. Ein Mann in schwarzer Jacke und der Rückenaufschrift "Miedema Security" geht auf die Toilette. Die Kameraverschlüsse rattern. Tack. Tack. Tack. Der Buitenhuizerweg wirkt in vielen Momenten auch wie ein kurioses Theaterstück, von dem man nicht weiß, ob man es ernst nehmen soll.

Getrübte Idylle

An der von der Polizei mit Signalband versperrten Zufahrt von Buitenhuizerweg 18a steht ein grüner Briefkasten, seit Tagen nicht geleert, Zeitungsbündel in Zellophan gepresst. Josef B. könnte darin über sich selbst einiges lesen. Die Polizei hat den Schlüssel noch nicht gefunden, um den Metallkasten zu entleeren. "Finger weg!", brummt ein kahlköpfiger Sicherheitsmann, sobald man sich dem Briefkasten mit dem aufgemalten "18a" nähert. "Privateigentum!" Die Polizei arbeitet auf dem Gelände, das von einem Wachdienst großräumig abgeschirmt wird. Vor den Nachbarhöfen, teils minutenlange Fußmärsche entfernt, haben sich Mitarbeiter postiert. Von jedem Fahrzeug, das die Zufahrt zum Buitenhuizerweg 18a passiert, wird die Nummerntafel notiert. Die Wachmänner schreiben lange Listen auf viele Blätter Papier.

profil-Reporter Paterno in Ruinerwold

Um zu ergründen, weshalb der Buitenhuizerweg so vieles auf den Kopf stellt, muss man die paar Kilometer nach Ruinerwold fahren, vorbei an Schaf- und Kuhherden und dem Hof mit den rotweißen Fußballtoren im Garten und der Leuchtschrift "Love" und "Home" in den Fenstern.

Es gibt in Ruinerwold eine lange Hauptstraße und viele Nebenwege. Drei Bars säumen den Hauptweg, das Restaurant "De Klok", etliche Tante-Emma-Läden, ein übergroßer Plastikapfel neben dem Gehweg macht Werbung für den Gemüsehändler, der Coop-Markt liegt etwas abseits. Früher gab es noch eine Diskothek. Man ist stolz auf den Fußballverein und das Korbball-Team.

In der niederländischen Provinz wird Offenheit und Toleranz zelebriert. An der Hauptstraße rufen einem Radfahrerinnen ein freundliches "Hoj!" zu, die Alten wünschen einen "goede dag". Man lebt hier noch immer so, als könne man Fahrräder und Haustore unversperrt lassen, auch wenn der große Traum des friedfertigen Nebeneinanders inzwischen von einer gewissen Melancholie umweht scheint. Die meisten Fenster haben keine Vorhänge, mannshohe Hecken sind eine Seltenheit. Man pflegt eine ganz eigene Balance von unverbindlicher Nähe und freundlicher Distanz und lebt, zumal an den Rändern des Dorfes, das spätestens in Berghuizen in vereinzelte Häuser mit viel Abstand dazwischen ausfranst, in wohlmeinender Gleichgültigkeit. Man schaut aufeinander, glaubt einander zu kennen.

Das muss man wissen, um die dunkle Faszination, die von dem Haus im Buitenhuizerweg ausgeht, zu verstehen. Man wurde über Nacht mit einer Wirklichkeit konfrontiert, die hier sonst keinen Platz hat, die allenfalls den Köpfen von Drehbuchautoren entspringt. Oder in Österreich stattfand. Ruinerwold erlebt, was es an jüngerer österreichischer Geschichte zu erleben gibt: Kinder in Verliesen, Freiheitsentzug, Menschenraub, ungeklärte Familienverhältnisse. Hört man davon, hat man sofort Nachrichtenbilder im Kopf. Finster-Österreich. Die Namen Kampusch und Fritzl kennt man auch hier.

Christian Westerbeek ist bis auf Weiteres der Einzige, der in Ruinerwold aus der Kulisse tritt, er ist das Gesicht zum Kriminalfall, der außer frühen Drohnenaufnahmen vom Gehöft, die von der Polizei inzwischen unterbunden werden, keine markanten Bilder erzeugt. Westerbeek, ein freundlicher Mittzwanziger, Kellner im "Café de Kastelein", erzählt seine Geschichte den angereisten Reportern im Akkord: wie an dem Sonntagabend ein junger, abgerissener Mann namens Jan das Lokal betrat, fünf Bier trank, von seiner Flucht vom Bauernhaus im Buitenhuizerweg berichtete. Für Ruinerwold ein historischer Abend, wie man heute weiß. Die drei Alten gehen am Ende dieses langen Tages am Stammtisch des "Café de Kastelein" langsam vom Kaffee zu kleinen Bieren über. Keiner der drei war an dem Abend im Lokal, für die internationalen Berichterstatter, die gerade verzweifelt einen Autoverkäufer suchen - einen der wenigen Augenzeugen, der zumindest berichten könnte, Jan gesehen zu haben -, sind die drei uninteressant. Für die Männer am Stammtisch ist wieder Alltag. An den Wänden des "Kastelein" hängen Aufnahmen aus Ruinerwold, mindestens 100 Jahre alt. Auf einem sind drei Männer und ein Bub zu sehen. Geister wie Josef B.