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profil-Morgenpost
02/15/2022

Augenhöhe sieht anders aus

Welche Sprache die Möbelstücke von Autokraten sprechen. Über Putins XXL-Verhandlungstisch.

von Franziska Tschinderle

Ich bin gerade mit einem Umzug beschäftigt, ständig klingelt jemand von Willhaben an meiner Türe, deswegen will ich heute über das Möbelstück schreiben, über das gerade die ganze Welt spricht. Es geht um Putins sechs Meter langen XXL-Verhandlungstisch. Angeblich ist er aus Marmor, getragen wird er von drei schweren Säulen. Im Internet kursiert dazu eine Fake-Anzeige aus einem IKEA-Katalog. Montagen zeigen, wie zwei Eiskunstläufer auf der Tischplatte schlittschuhfahren oder Jesus mit seinen Jüngern beim letzten Abendmahl zusammensitzt.

Eine Machtdemonstration auf drei Beinen

All das wäre ja lustig, wenn es nicht so ernst wäre. An Putins Tisch im Kreml wird über Krieg und Frieden in Europa verhandelt. Es ist anzunehmen, dass der russische Präsident die Tafel nicht aus virologischen Gründen ausgewählt hat. Sein jüngster Besucher, der deutsche Kanzler Olaf Scholz (SPD), ließ gestern im Flugzeug einen PCR-Test anfertigen. Den russischen Test hat Scholz abgelehnt, weswegen ihn Putin auf Abstand hält. Ein Vorwand?

Putins Tisch hat selbstverständlich Symbolcharakter. Er ist eine Machtdemonstration auf drei Beinen. Putin will die europäischen Regierungschefs, die der Reihe nach bei ihm antanzen, klein aussehen lassen. Die leere Platte deutet an: Alles ist möglich. Und die Distanz macht es unmöglich, sich von irgendjemanden über den Tisch ziehen zu lassen. Angesichts der frostigen Kälte muss man befürchten, dass das mickrige Blumengesteck in der Mitte gefriert.

„Vielen Dank, ich freue mich auch, dass unser Gespräch hier zustande kommt“, sagte Scholz gestern, selbstverständlich ohne zu erwähnen, dass es netter gewesen wäre, ein bisschen näher zusammenzusitzen. „Leider müssen wir einen bedeutenden Teil unserer Zeit Themen widmen, die mit der Situation in Europa und der Sicherheit zusammenhängen, vor allem in Bezug auf die Ukraine“, antwortete Putin, selbstverständlich ohne zu erwähnen, dass er die Krise mit dem Truppenaufmarsch an der ukrainischen Grenze selbst ausgelöst hat.

Am Tag des Scholz Besuches hat ein Kreml-Sprecher einen teilweisen Abzug der russischen Truppen angekündigt. Einheiten im Süden und Westen Russlands hätten „ihre Aufgaben erfüllt“ und seien auf den Weg zurück in ihre Militärbasen. Ein Lichtschimmer? Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg zeigt sich vorsichtig optimistisch. Es gäbe Anzeichen, dass die Diplomatie fortgesetzt werden kann. Heute Mittwoch kommen dazu die Verteidigungsminister der 30 Nato-Staaten in Brüssel zusammen. An Putins Tisch in Moskau könnten sie problemlos alle gemeinsam Platz finden.

Franziska Tschinderle