© Cedric Rehman

Ausland
01/19/2021

profil-Morgenpost: Eisige Kälte

Die Corona-Krise verdrängt andere Tragödien aus unserem Bewusstsein, doch verschwunden sind sie nicht. So spielt sich vor den Toren der EU eine humanitäre Katastrophe ab: Hunderte Migranten sitzen in klirrender Kälte und ohne jede Perspektive an der bosnisch-kroatischen Grenze fest.

von Siobhán Geets

Die Corona-Krise wirft dieser Tage einen langen Schatten. Kaum ein anderes Thema schafft es in die Köpfe der Menschen. Das ist nicht weiter verwunderlich, immerhin betrifft sie uns alle.

Doch es gibt sie noch, die anderen Krisen, die humanitären Katastrophen, die, verdeckt vom langen Schatten der Corona-Krise, kaum mehr Aufmerksamkeit finden.

Eine dieser Katastrophen spielt sich direkt vor der Haustür der Europäischen Union ab. Es geht um jene Menschen, die an der bosnisch-kroatischen Grenze festsitzen. Die Hölle, in der diese Migranten und Flüchtlinge leben, wurde erst sichtbar, als kurz vor Weihnachten das Flüchtlingslager Lipa im Nordwesten Bosniens abbrannte. profil-Mitarbeiter Cedric Rehman beschreibt im aktuellen Heft, wie danach hunderte Menschen in klirrender Kälte durch die Wälder irrten.

Helfer Serkan Eren (Stelp)

Zlatan Kovacevic (SOS Bihać)

Flüchtlings- und Staatskrise

Die Situation ist verfahren, denn die humanitäre Krise wird von der Staatskrise in Bosnien noch verschärft: Die Regierung in Sarajevo, örtliche Behörden und Hilfsorganisationen streiten darüber, wie und vor allem wo die Menschen untergebracht werden sollen. „Überall in Bosnien zeigt sich, wie frühere Kriegsfürsten nun als Lokalpolitiker in Amt und Würden ausschließlich an die Interessen ihres Einflussgebietes denken“, schreibt Rehmann. Denn Bosnien ist ein zutiefst gespaltener Staat: Die Republika Srpska lehnt ein geeintes Bosnien ab und weigert sich, überhaupt Flüchtlinge aufzunehmen. Und auch die bosnisch-kroatische Föderation ist gespalten. Das Misstrauen zwischen Muslimen und Kroaten ist auch ein Vierteljahrhundert nach Kriegsende groß.

Seit einigen Tagen gibt es zwar beheizbare Zelte für rund 800 der Männer (in dem Lager waren ausschließlich Männer von 18 bis 50 Jahren untergebracht), auch Essen wird verteilt. Für jene, die noch immer in den Wäldern herumirren, hat das österreichische Außenministerium Container bereitgestellt. Für die Versorgung der Migranten hat die Regierung der Internationalen Organisation für Migration (IOM) eine Million Euro überwiesen, weitere 3,5 kommen von der EU.

Doch fließendes Wasser gibt es nach wie vor keines – und eine Perspektive darüber, wie es weitergeht, schon gar nicht. Die Männer wollen in die EU, so viel ist klar. Die meisten von ihnen kommen aus dem Iran, aus Afghanistan und Pakistan – aus Ländern also, bei denen es wenig Hoffnung auf eine Anerkennung des Asylantrags gibt. Was soll also mit den Menschen geschehen?

Helfer weisen darauf hin, dass es nicht reicht, Geld zu überweisen. Wichtiger sei es, Politiker aus Sarajevo mit lokalen Entscheidungsträgern der unterschiedlichen Ethnien zusammenzubringen, sagt etwa IOM-Missionschef Peter Van der Auweraert zu profil.

Das „Spiel“ wagen?

Nun ist eine Kältewelle im Nordwesten Bosniens eingetroffen. Auf minus 20 Grad kann die Temperatur in den kommenden Tagen fallen. Das könnte viele dazu bewegen, es dennoch zu versuchen – und die Grenze zum EU-Land Kroatien illegal zu überqueren. „The Game“ nennen die Männer im Lager das gefährliche Unterfangen. Wer es durch die minenverseuchten Wälder bis nach Kroatien schafft, berichtet mitunter davon, mit Gewalt von der Grenzpolizei nach Bosnien zurückgeschleppt worden zu sein.

Bald sollen auch Familien und unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Lipa untergebracht werden. Damit droht das Lager zum neuen Symbol eines großen Versagens zu werden: Jenem der Europäischen Union, sich auf eine einheitliche Flüchtlings- und Migrationspolitik zu einigen.

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