Interview

Proteste im Iran: „Es ist eine Revolution der Frauen“

Die Proteste im Iran sind der Anfang vom Ende des Regimes, sagt der US-iranische Historiker Abbas Milani.

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Im Iran hat es immer wieder große Proteste gegeben, stets wurden sie brutal niedergeschlagen. Können die Frauen im Iran schaffen, was in den vergangenen Jahren gescheitert ist?
Mīlānī
Wir sehen hier eine Revolution der Frauen. Das ist ein bemerkenswerter historischer Moment. Überraschenderweise bekommt er nicht die Aufmerksamkeit, die er verdient, auch nicht von westlichen Feministinnen, den progressiven Verfechterinnen der MeToo-Bewegung. Es ist der Beginn einer Revolution gegen ein despotisches, frauenfeindliches, theokratisches Regime.
Sie meinen, die Frauenbewegung wird das Regime am Ende stürzen?
Mīlānī
Ich hege keinen Zweifel daran, dass das Regime nicht bestehen kann. Ohne Zweifel ist aber auch, dass es die Kapazitäten für mehr Gewalt und Unterdrückung hat. Ich mache mir keine Illusionen, ich denke nicht, dass ich morgen meine Koffer packen und in den Iran zurückkehren kann. Das Regime hat noch Brutalität und Zerstörungswut in sich, aber kein Leben mehr. Es ist todgeweiht, denn es hat keine Antworten auf die Herausforderungen, vor dem das Land steht. Es hat die Wirtschaft nicht im Griff, es ist zutiefst korrupt und inkompetent. Das Regime kann sich nicht für das internationale, globale Informationszeitalter öffnen, weil es glaubt, sie hätte die einzige Wahrheit.

Ich mache mir keine Illusionen, ich denke nicht, dass ich morgen meine Koffer packen und in den Iran zurückkehren kann.

Die Wut der Frauen nach dem Tod der 22-jährigen Mahsa Amini trifft auf den ohnehin schon großen Frust in der Gesellschaft. Viele Menschen können sich das Leben nicht mehr leisten. Ist die Bewegung heute diverser als etwa 2009 bei den Protesten gegen den Wahlbetrug?
Mīlānī
Es ist eine andere Art der Bewegung. 2009 hat man noch gefordert, das System zu reformieren. Jetzt wollen die Menschen es abschaffen. Selbst Prominente, die früher als Apologeten des Regimes galten, haben sich der Bewegung angeschlossen, weil sie erkannt haben, dass es nicht von Dauer ist. Nochmals: Ich will nicht übertrieben klingen oder naiv. Ich glaube, dass dieses Regime mindestens eine weitere Runde der Brutalität bereithält. Viel mehr als das wird es aber nicht sein. Vor allem, wenn es die Milliarden Dollar, die es braucht, nicht bekommt.
Dafür bräuchte es eine Lockerung der westlichen Sanktionen.
Mīlānī
Ja. Ich verstehe nicht, wie Europa und die Vereinigten Staaten glauben können, dass man diesem Regime vertrauen kann. Es hat seine Linie bei jeder Gelegenheit geändert. Die militärische Komponente des Atomprogramms war viel größer, als sie je zugegeben haben. Und just in dem Moment, in dem das Regime die Bevölkerung brutal unterdrückt, bietet die Regierung Joe Bidens ihm an, wieder Verhandlungen aufzunehmen. Ich halte das für unglaublich töricht. Abgesehen von der Tatsache, dass das Regime das iranische Volk brutal unterdrückt, unterstützt es auch Putin in seinem Krieg in der Ukraine.

Abbās Mīlānī, 73,

ist ein iranisch-amerikanischer Historiker und Buchautor und leitet das Institut für Iranistik an der Stanford University in Kalifornien.

Einige Beobachter meinen, der Westen sollte auf den Iran zugehen, das würde auch der Lage der Menschenrechte im Land helfen. Sollten wir stattdessen weitere Sanktionen verhängen?
Mīlānī
Ich habe in den letzten 30 Jahren stets die Meinung vertreten, dass der Westen mit dem Iran reden sollte. Die Frage ist, was man ihnen zugesteht, und worüber man verhandelt. Meiner Ansicht nach hat der Westen verloren. Das Regime ist jetzt nach allem, was man hört, in der Lage, eine Bombe herzustellen. Sie können Uran anreichern. Der Sprecher des US-Außenministeriums Ned Price sagte in einer Pressekonferenz: „Wenn wir ein Atomabkommen bekommen, haben wir das größte Ziel dieses Regimes vereitelt.“ Nein, das ist falsch. Dieses Regime wird betrügen und lügen, wie es das in der Vergangenheit getan hat.
Was sollte der Westen tun? 
Mīlānī
Der Westen sollte sehr deutlich machen, dass der Iran unter Beobachtung steht, dass es mehr Sanktionen gegen das Regime geben wird, nicht gegen das Volk. Wir sollten sofort alle Beschränkungen für die Versorgung der Iraner mit Medikamenten und Lebensmitteln aufheben, damit die Menschen im Iran wissen, dass der Westen auf ihrer Seite steht und gegen die Brutalität einsteht, die ihnen derzeit widerfährt. Diese Botschaft kommt gelegentlich an, aber nicht immer. Dieses Regime ist die Verkörperung des Extremismus. Es hat über 120 Dissidenten in Europa ermordet und nimmt Europäer als Geiseln. Wenn Frankreichs Präsident Macron sich dann noch mit Präsident Raisi trifft, dann lässt das seine Behauptung, er wolle die Werte der Französischen Revolution verteidigen, zumindest für mich ungewöhnlich erscheinen.

Jeder, der gehen kann, verlässt das Land. Das sind anekdotische Beweise dafür, wie isoliert das Regime ist. 

Die Proteste finden sogar in religiösen Hochburgen wie der Stadt Ghom statt. Können Sie abschätzen, wie groß die Unterstützung für diese Bewegung in der Bevölkerung ist – und wie viele Menschen dem Regime tatsächlich kritisch gegenüberstehen?
Mīlānī
Es gibt glaubwürdige Umfragen, die zeigen, dass die Mehrheit der Menschen dieses Regime nicht will. Sie wollen einen säkularen, demokratischen Iran. Das versuchen die Iraner schon seit 120 Jahren zu erreichen. Sehen Sie sich die Zahl der Menschen an, die den Iran verlassen. Allein im letzten Jahr waren es 14.000 Ärzte. Jeder, der gehen kann, verlässt das Land. Das sind anekdotische Beweise dafür, wie isoliert das Regime ist. Sehen Sie sich die regimetreuen Demonstrationen an, die sie nun zu organisieren versuchten. Das war eine Blamage. Es gibt Satellitenbilder, die zeigen, wie viele Menschen dort waren – nicht viele. Das Regime behauptet, es seien Zehntausende. Die meisten von ihnen wurden gezwungen, das waren Regierungsangestellte.
Die Bekleidungsvorschriften für Frauen im Iran sind zuletzt noch strenger geworden, die Revolutionsgarden mächtig wie nie zuvor. Ist das ein Ergebnis des Machtkampfes, weil Präsident Raisi Ayatollah Khomeini als oberster geistlicher Führer folgen will?
Mīlānī
Mein Eindruck ist, dass die Iranische Revolutionsgarde (IRGC) jetzt eindeutig das Sagen hat und die wichtigste politische Kraft ist. Sie kontrolliert auch etwa die Hälfte der iranischen Wirtschaft. Raisi ist nichts weiter als eine Marionette in den Händen des IRGC, er hat keine Glaubwürdigkeit. Er ist im Iran zu einem Witz geworden, weil er so inkompetent ist. Bevor Raisi Präsident wurde war die sogenannte Sittenpolizei zwar auf der Straße, aber sie war nicht sehr aktiv. Das hat sich geändert. Frauen wurde nicht mehr erlaubt, das Kopftuch zu lockern. Doch viele Frauen ignorierten das und begannen sich zu wehren und zu kämpfen.
Erkennen die Leute die Macht des Regimes nicht mehr an?
Mīlānī
Dieses Regime stützt sich auf zwei Säulen: Die eine ist eine Art selbsterklärte Heiligkeit, Ayatollah Khomeini beansprucht diese Heiligkeit für sich. Die zweite Säule ist Angst. Beide dieser Fundamente halten nicht mehr. Das zweite ist komplett weg, weil die Korruption der Ayatollahs und ihrer Kinder bekannt geworden ist und unglaubliche Dimensionen erreicht hat. Die Angst begann sich zu verflüchtigen. Wenn man sich die Bilder von den Demonstrationen ansieht, sieht man marschierende Menschen in der Mitte der Straße und viele, die auf dem Gehsteig stehen und sich nicht entschieden haben, ob sie sich anschließen sollen oder nicht. Der nächste Schritt des Zusammenbruchs der Angst-Säule wird diese Menschen in den Protest führen. Das wird das Ende des Regimes sein.
Die von den Sittenwächtern getötete Frau war Kurdin. Welche Rolle spielt das bei den Protesten? Immerhin hat das Regime es bisher verstanden, Minderheiten gegeneinander auszuspielen. Das scheint diesmal nicht zu gelingen?
Mīlānī
Nein. Es hat eine Rolle gespielt, aber ganz anders, als das Regime geplant hatte. Als klar wurde, dass die Menschen der Erzählung, Amani sei an einer Krankheit gestorben, nicht glauben, hieß es plötzlich, sie stehe in Verbindung mit einer linken kurdischen Gruppe. Sie versuchten, aus Mahsa eine kurdische Separatistin zu machen. Auch das hat nicht funktioniert. Im Sinne eines Kampfes für einen demokratischen, säkularen Iran haben sich die Minderheiten zusammengeschlossen. Das iranische Volk ist weise genug zu erkennen, dass wir dieses Regime nur durch Einigkeit in der Sache und in der Zielsetzung loswerden können.
Frauen sind im Iran seit der Islamischen Revolution von 1979 zu Menschen zweiter Klasse geworden. Ohne das Einverständnis eines Mannes dürfen sie nicht arbeiten, nicht reisen. Andererseits sind rund 70 Prozent der Hochschulabgänger weiblich. Ist das nicht ein Widerspruch?
Mīlānī
An den Top-Universitäten gibt es eine Negativ-Quote: Sie lassen nicht zu, dass der Frauenanteil über ein bestimmtes Maß hinaus steigt. Die Frauen kommen an die besten Universitäten und leisten die beste Arbeit. Kennen Sie die Frau, die den Fields-Preis in Mathematik gewonnen hat?
Ich habe von Maryam Mirzakhani gelesen. Sie war 2014 die erste Frau, die diese Auszeichnung erhielt.
Mīlānī
Im Iran hatte niemand erkannt, was für eine talentierte junge Frau sie ist. Das Regime versucht den Frauen aufzuzwingen, mehr Kinder zu bekommen. Das funktioniert nicht, selbst in der schiitischen Hochburg Ghom ist die Geburtenrate rückläufig. Und das trotz aller denkbaren Bemühungen.
Um auf Ihre Kritik am Anfang dieses Gesprächs zurückzukommen: Was können Feministinnen ist Westen tun, um die Frauen im Iran zu unterstützen?
Mīlānī
Sie sollten sich bedingungslos hinter diese Bewegung stellen. Sie sollten sich nicht darum sorgen, als islamophob zu gelten. Darum geht es nicht. Wäre diese Bewegung in einem anderen Land gestartet, würde sie in Medien als nationale MeToo-Bewegung gefeiert. Wer Angst hat, als islamophob zu gelten und sich deshalb mit der Unterstützung der Frauen im Iran zurückhält, macht sich zum Komplizen des Regimes. Die Geschichte wird nicht mit Wohlwollen auf diese Menschen zurückblicken.
Siobhán Geets

Siobhán Geets

ist seit 2020 im Außenpolitik-Ressort.