Robert Treichler: Mögen Sie es dirty?

Robert Treichler: Mögen Sie es dirty?

Warnung! Dieser Kommentar enthält die Begriffe „hodenlos“, „Muschis“ und „Berufsunfähigkeitspension“.

Die Wahlkämpfe werden immer schmutziger. Diesen Befund teilt jeder, und auch die Frage, wer dafür die Verantwortung trägt, ist konsensual geklärt: „Die anderen!“ Die allgemeine Reaktion auf dieses Phänomen ist das Beklagen des Zustands unserer Demokratie und die Forderung nach Fairness-Abkommen, um all das zu unterbinden, was aus Schmutzkübeln auf Kandidaten und Wähler herabregnet.

Das ehrt die Empörten, und ich meine das ganz ohne Ironie, denn der höfliche Umgang miteinander zeichnet eine Gesellschaft aus. Allerdings ist erstens nicht alles Schmutz, was so genannt wird, und zweitens hat auch Schmutz oft eine unbeabsichtigte Wirkung – nämlich eine reinigende.

Was ist dirty? Was ist schädlich? Und was ist bei näherer Betrachtung gar nicht so schlimm? Sieben Beispiele samt Bewertung.

1) Beginnen wir bei Donald Trump, wo sonst? Der republikanische Präsidentschaftskandidat gilt zu Recht als Wahlkämpfer eines neuen – besonders hässlichen – Stils. Er erfindet beleidigende Spitznamen für seine Kontrahenten: „Betrügerische Hillary“ für Clinton, „Lügen-Ted“ für Ted Cruz, „Kleiner Marco“ für Marco Rubio. Das ist bestimmt nicht lustig für die Genannten, aber es erlaubt mehr Rückschlüsse auf Trumps Charakter als auf ihren.

2) Ähnlich ist es mit Trumps Verunglimpfungen von Bevölkerungsgruppen wie den mexikanischen Einwanderern („Vergewaltiger“) oder den Frauen, die er in Serie beschimpft („abstoßend; hässliches Gesicht; fettes Schwein“). Strafrechtlich belangbar sind Trumps Ausritte nach US-Recht nicht, skandalös sind sie allemal, aber welchen Effekt haben sie? 70 Prozent der Latino-Wähler werden laut Umfragen für Hillary Clinton stimmen, ein ähnlich hoher Prozentsatz der Frauen ist Trump gegenüber negativ eingestellt. Wenn ein Wahlkampf den Sinn hat, dass ein Kandidat deutlich macht, wer sich von ihm vertreten fühlen kann und wer nicht, dann ist Trumps Art der Kommunikation nichts, was man unterbinden sollte.

3) Unter „dirty campaigning“ versteht man auch das Streuen von Gerüchten über den Gegner. Aktuelles Beispiel: Präsidentschaftskandidat Alexander Van der Bellen habe Krebs. Diese perfide Methode ist ohnehin nicht zu unterbinden, weil niemand dafür verantwortlich gemacht werden kann. Zudem konnte im konkreten Fall Van der Bellen per Attest belegen, dass er gesund ist. Der üble Geruch der Bösartigkeit bleibt eher am Gegner hängen, dessen Anhängerschaft an der Verbreitung des Gerüchts beteiligt war.

4) Die Veröffentlichung des Antrags auf Berufsunfähigkeitspension von FPÖ-Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer durch den „Kurier“ wurde ebenfalls als „schmutzig“ bezeichnet. Das ist Unsinn. Die körperliche Tauglichkeit eines Spitzenpolitikers zu hinterfragen, ist Aufgabe von kritischen Medien. Hofers Antrag verlangte dringend nach einer Erklärung, und die konnte er geben.

5) Wer selbst austeilt, wird entsprechend hart angefasst. Eine anarchistische Künstlergruppe stellte in mehreren US-Städten lebensgroße Statuen eines nackten Donald Trump auf, mit Hängebauch, winzigem Penis und hodenlos. Erklärte Absicht: Trump zu demütigen. Ist das dirty? Doch, ja. Ist es deshalb abzulehnen?


Sogar genital konnotierte Herabwürdigung kann lustig sein.

Ich denke nicht. Trump muss sich Hohn wegen seiner Frisur und seiner angeblich kurzen Finger gefallen lassen, sein Name wird vermurkst („Drumpf“). Wer sich um das wichtigste Amt der westlichen Welt bewirbt, muss das aushalten.

6) Hillary Clintons Anhängerschaft möchte ihre Favoritin vor unfairen Attacken schützen. Das ist verständlich, gerät aber rasch in Richtung Wehleidigkeit. Clinton wurde kritisiert, weil sie bei einer Rede über Ungleichheit eine Armani-Jacke im Wert von 12.000 Dollar trug. Der Angriff sei sexistisch, tobten ihre Verteidiger. Doch die Forderung, wer sich links gibt, solle nicht mit Luxus protzen, ist uralt und trifft Politiker und Politikerinnen gleichermaßen. Populistisch, aber zulässig.

7) Sogar genital konnotierte Herabwürdigung kann lustig und erlaubt sein. Die grüne Wiener Gemeinderätin Birgit Hebein bezeichnete Identitäre in einem Tweet als „Lulus“. (Eine vergleichbare Gruppe von Frauen würde sie vielleicht nicht als „Muschis“ veräppeln, aber auch dafür findet sich bestimmt jemand.)

Genug des Schmutzes. So schlimm war es gar nicht. Die Verspottung des politischen Gegners hat seit der Aufklärung Tradition. Wie subtil oder derb, wie hintergründig oder platt der Spott ausfällt, gibt Aufschluss über den Spötter. Wer im Wahlkampf ungeschriebene Grenzen des Anstands überschreitet, soll geächtet und nicht daran gehindert werden. Fairnessabkommen sind im besten Fall nutzlos, im schlimmeren ein Weichzeichner, der den wahren Charakter der Kontrahenten verschleiert.

In der politischen Auseinandersetzung ist die Öffentlichkeit das Höchstgericht, und sie soll es auch bleiben. Wer sich im Ton vergreift, wird von ihr bestraft, indem sie ihre Achtung in Form von Wählerstimmen entzieht.

Das ist die kathartische Wirkung des Wahltags.

robert.treichler@profil.at
Twitter: @robtreichler