Robert Treichler: Uncool Britannia

Robert Treichler: Uncool Britannia

Keiner versteht den Brexit. Und alle wollen Europäer sein!

Prinzipiell kann man sich in die Gedankenwelt jedes Menschen hineinversetzen – außer vielleicht in die eines Briten. Was in Leuten vorgeht, die sich für eine WhatsApp-Gruppe der Tageszeitung „Daily Telegraph“ anmelden, um „Fashion-Neuigkeiten von der Royal Tour der Herzogin von Sussex“ (auch bekannt als Meghan Markle) zu empfangen, kann nur jemand verstehen, der bei einem Outdoor-Wettkampfsport einen weißen Wollpollunder trägt und anschließend Pudding aus Rindernierenfett und Korinthen unter dem Namen „Spotted Dick“ zu sich nimmt. Briten also.

Glücklicherweise zwingt uns Kontinentaleuropäer niemand, nebelig-benebelte politische Konzepte wie den Soft Brexit, den Hard Brexit und den Half-in-half-out-Brexit nachzuvollziehen oder Boris Johnson für einen Elder Statesman zu halten.

Doch in das Kuddelmuddel, das die Briten mit ihrem Austrittsgesuch erzeugt haben, ist die gesamte Europäische Union verstrickt, da können wir „Blimey!“ rufen, so laut wir wollen. Wir sind dazu verdammt, mitanzusehen, wie die Briten im Schneckentempo realisieren, dass der Wunsch nach einer Außengrenze zur EU auch tatsächlich eine Außengrenze mit der EU bedeutet, und dass sie dort verläuft, wo das Vereinigte Königreich Großbritannien und Nordirland endet und die EU beginnt: an der nordirisch-irischen Grenze. Wer hätte das gedacht!

Auch wenn die Europäer (und inzwischen wohl ein großer Teil der Briten) das Gezerre um Binnenmarkt, Zollunion, Übergangsperiode und Backstop schon längst nicht mehr mitansehen wollen, so haben wir auf dem Kontinent dennoch einen Grund, uns zu freuen. So paradox es klingt, aber die Brexit-Verhandlungen zeigen, wie großartig die Europäische Union funktionieren kann.

Und zwar so:

Die Europäische Union nominierte erst einen Beauftragten für die Austrittsverhandlungen mit dem Vereinigten Königreich, den ehemaligen französischen Außenminister und Ex-EU-Kommissar Michel Barnier. Dieser wurde von den Staats- und Regierungschefs mit einem klaren Verhandlungsmandat ausgestattet. Bereits das unterscheidet die EU von Großbritannien. Premierministerin Theresa May ist von einer konsistenten Verhandlungsposition, die von ihrer Unterhausfraktion einhellig unterstützt würde, so weit entfernt wie Boris Johnson von einem als solchen erkennbaren Haarschnitt.

Daraus ergibt sich in weiterer Folge, dass Barnier und seine Stellvertreterin Sabine Weyand weitgehend ungehindert ihren Job als Verhandler machen können, während Theresa May permanent in „friendly fire“ gerät wie ein unglücklicher Treiber bei der Fuchsjagd.


Das Brexit-Kuddelmuddel ist eine unbezahlbare Image-Kampagne für die EU.

Es brauchte offenbar den Irrsinn des Brexit, um in der EU den Gedanken der politischen Integration am lebenden Objekt wahr werden zu lassen: Da die gesamte EU vom Austritt des Königreichs betroffen ist, tritt sie auch geeint auf. Parallelgespräche einzelner EU-Staaten mit den Briten wurden von Anfang an unterbunden. Und bislang hält der Pakt. Ob große Staaten oder kleine, nördliche oder südliche, Visegrád oder Benelux – für alle spricht Barnier.

Moment mal: War das nicht so gedacht, dass die EU in bedeutsamen Fragen, die alle Mitglieder betreffen, mit einer Stimme spricht, um stärker und einflussreicher zu sein? Stimmt! So stellen sich das üblicherweise ein wenig träumerische Pro-Europäer vor, wenn sie Reden schwingen oder Bücher schreiben. Und plötzlich ist es Realität – wenigstens in der Brexit-Frage.

Wer ist eigentlich dieser Michel Barnier? 67 Jahre alt, ein Mann aus der zweiten Reihe, Mitglied der französischen konservativen Partei der Republikaner; bereits seit 40 Jahren Politiker; Vertreter der EU-Kommission im Verfassungs-Konvent. Ein Pro-Europäer.

In Zeiten eines Viktor Orbán, des illiberalen Premierministers von Ungarn, der sich wenig um die Grundwerte der EU schert, und von Koalitionsregierungen wie der österreichischen, in der mit der FPÖ Vertreter der EU-feindlichen Fraktion Europa der Nationen und der Freiheit sitzen, repräsentiert Barnier die etwas in Bedrängnis geratene konservative Säule der Union.

Gestützt werden selbstbewusste Pro-Europäer derzeit jedoch von einer unerwarteten Hurra-Stimmung gegenüber der EU. Laut Eurobarometer sehen 62 Prozent der Befragten die Mitgliedschaft ihres jeweiligen Landes positiv – das ist der höchste Wert seit 25 Jahren.

Das Monty-Python-artige Schauspiel, das die britische Regierung und ihre inner- und außerparteilichen Widersacher seit dem Brexit-Referendum 2016 zur Aufführung bringen, ist eine unbezahlbare Image-Kampagne für den Verbleib der restlichen 27 in der EU. Zeitungsberichte zu Themen wie „Was würde ein No-Deal-Brexit für meine Pension bedeuten?“ lehren die Briten das Gruseln. So werden es wohl die rechts- und linkspopulistischen Austrittsliebäugler bei den Wahlen zum EU-Parlament im kommenden Mai schwer haben. Oder möchte irgendjemand mit dem Word „Exit“ in Zusammenhang gebracht werden?

Dann kopieren wir eher noch das obsessive Interesse der Briten an Personen, die schon einmal mit einem Top-Ten-Thronfolger aus einer Kutsche gewinkt haben. Übrigens sehr hübsch, Meghan Markles weißes Karen-Gee-Kleid mit den Nude-Pumps. Sagt meine neue Lieblings-WhatsApp-Gruppe „Fashion-Neuigkeiten von der Royal Tour der Herzogin von Sussex“.

robert.treichler@profil.at
Twitter: @robtreichler