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Interview
08/02/2022

„Russlands Wirtschaft implodiert gerade“

Die Sanktionen des Westens haben Russlands Wirtschaft viel stärker zugesetzt, als es den Anschein macht, sagen die Yale-Ökonomen Jeffrey Sonnenfeld und Steven Tian – und warnen dafür, Putins Propaganda zu glauben.

von Siobhán Geets

profil: In Europa, auch in Österreich, werden die Rufe nach einem Ende der Sanktionen lauter. Sie würden uns mehr schaden als Russland, heißt es etwa. Doch Ihre aktuelle Studie zeigt etwas anderes.
Jeffrey Sonnenfeld: Wenn wir uns von der Angst lösen, die Putins Propaganda auslöst und uns die Fakten ansehen, dann sehen wir, dass er die wahren Zahlen zur russischen Wirtschaft verschweigt. Viele Akademiker, aber auch Journalisten haben verkannt, wie hart die Sanktionen Russland in den vergangenen Monaten getroffen haben. Russlands Wirtschaft implodiert gerade. Das Narrativ Putins zu wiederholen ist naiv und leichtsinnig.
Steven Tian: Das ist genau der Widerspruch, den Putin erreichen will. Er versucht stets, Gesellschaften zu spalten und kennt die Trennlinien, auch in Europa. Die opportunistischen Politiker und Medien, die sein Narrativ übernehmen, helfen ihm dabei. Mit unserer Studie wollen wir zeigen, was wirklich geschieht.

profil: Österreich ist stark von russischem Gas abhängig, auch hier mehren sich die Stimmen für ein Ende der Sanktionen. Was antworten Sie diesen Menschen?
Sonnenfeld: Diese Forderung kommt zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Die EU hat eben beschlossen, den Gasverbrauch um 15 Prozent zu reduzieren. Das ist bemerkenswert und kommt gerade rechtzeitig. Im Jänner wäre das noch unvorstellbar gewesen. In Deutschland hat man vor fünf Monaten nicht einmal über eine Abkehr von Gas nachgedacht. Vergessen wir nicht, dass Russland großes Interesse daran hat, sein Gas in Länder wie Österreich und Deutschland zu verkaufen.
Tian: Wir verstehen, dass die Opfer, die der Westen bringen muss, groß sind Aber es gibt einen Unterschied in den Herausforderungen: Europas Probleme sind akut, aber sie werden vorübergehen und sie sind lösbar. Russland steht hingegen vor unlösbaren, zutiefst strukturellen Herausforderungen. Es gibt für Russland keine Alternativen. Das zeigt auch unsere Studie.
Sonnenfeld: Österreich kann die Probleme lösen. Es gibt Alternativen, es kommt Flüssiggas etwa aus Norwegen und den USA. Putins spielt mit der Gas-Karte sein altes Spiel, „Teile und Herrsche“. Jetzt behauptet er, das Gas künftig an China und Indien zu verkaufen. Doch das ist nicht möglich. Es gibt eine einzige kleine Pipeline nach Asien und keine Infrastruktur, um das Gas dort weiter umzuverteilen. Putin kann das nicht durchhalten. Österreich kann es.

profil: Kann Russland sein Gas nicht auch per Schiff nach Asien bringen?
Tian: Das funktioniert nur bei Flüssiggas, und davon hat Russland nicht viel. Um Gas zu verflüssigen, fehlt es Moskau an finanziellen Mitteln, Technologie und Infrastruktur. Das gesamte Pipeline-Netzwerk für Russlands Gas führt von Westrussland nach Europa. Die Leitung von Sibirien nach Asien hat sehr geringe Kapazitäten – und neue Netzwerke zu bauen dauert Jahre. Russland bleibt auf seinem Gas sitzen. Öl kann zwar verschifft werden, aber auch das kostet viel Zeit: Nach Europa dauert es zwei, nach Asien per Schiff 35 Tage.

profil: In Ihrer Studie haben Sie etliche Mythen entlarvt, die über die Sanktionen in Umlauf sind. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse?
Sonnenfeld: Neben den Mythen über Öl und Gas hört man immer wieder, die Sanktionen würden der Wirtschaft nicht schaden. Das stimmt keineswegs. Die Arbeitslosigkeit ist massiv. Die 1100 multinationalen Firmen, die Russland verlassen haben, haben 35 Prozent der Jobs im Land geschaffen. Die sind jetzt weg. Hinzu kommt, dass zahlreiche Unternehmen auf Kooperationen mit diesen Firmen angewiesen waren. Sogar der Bürgermeister von Moskau Sergei Semonowitsch Sobjanin hat zugegeben, dass Hunderttausende in der Stadt arbeitslos sind. In Wahrheit sind es deutlich mehr. Zudem haben etwa 700.000 Fachkräfte und Experten das Land verlassen, das ist ein massiver Brain-Drain. In den Schlüsselbranchen beträgt die Inflation rund 60 Prozent. Russland will diese Zahlen für sich behalten, aber dann holen wir sie uns eben von den Handelspartnern. Sogar China hat zugegeben, seine Exporte nach Russland um 50 Prozent reduziert zu haben.

profil: Wieso?
Sonnenfeld: Weil der Westen für China immer noch der wichtigere Handelspartner ist. China exportiert allein in die USA sieben mal mehr als nach Russland. Die Chinesen handeln danach, was ihnen am meisten Vorteile bringt. Putin hält die Statistiken zum Nationaleinkommen zurück, zu Importen und Exporten vor allem nach Europa: Öl und Gas, andere Rohstoffexporte und Kapitalströme. Ausländische Direktinvestitionen, die die Zahlen zur Wirtschaft maßgeblich beeinflussen, sind verschwunden. Putin hat diese Statistiken schlicht beseitigt.

profil: Verfügt Putin nicht auch über gewisse Rücklagen für schlechte Zeiten?
Sonnenfeld: Nicht wirklich. Er hat 600 Milliarden Dollar, davon ist allerdings die Hälfte vom Westen eingefroren. Ich hoffe übrigens, dass diese Milliarden für den Wiederaufbau der Ukraine genutzt werden.

profil: Der Präsident der Österreichischen Wirtschaftskammer Harald Mahrer hat vor kurzem gesagt, die Sanktionen seien nicht zu Ende gedacht gewesen. Liegt er damit komplett falsch?
Sonnenfeld: Ja. Die Sanktionen könnten gar nicht effektiver sein. Natürlich schlittert Russland nicht sofort in den Bankrott. Was wir sehen ist ein Zerfall der Wirtschaft und der Lebensqualität. Wir haben Regime- und Regierungswechsel erlebt, darunter das Ende von Nicolae Ceaușescu in Rumänien oder Pieter Willem Botha in Südafrika, bei denen der Schaden für die Wirtschaft viel geringer was als das jetzt in Russland der Fall ist. Andere Länder, die mit hohen Budgetdefiziten kämpfen, bekommen Unterstützung. Doch niemand kann russische Anleihen kaufen. Putin sind die Hände gebunden.
Tian: Es ist bemerkenswert, dass Putin bei den aktuell hohen Gaspreisen immer noch ein Budgetdefizit macht. Russlands Rücklagen werden bald aufgebraucht sein.
Sonnenfeld: Bei einer TV-Diskussion haben wir Österreich erst gestern dafür gelobt, wie es die Sanktionen mitträgt und dafür sorgt, einem Tyrannen den Garaus zu machen. Ihr habt eure Lektionen aus dem Zweiten Weltkrieg gelernt. Putin nachzugeben und Appeasement zu betreiben bringt uns nicht weiter.

profil: Wie lange wird es dauern, bis die Sanktionen auch Russlands Angriff auf die Ukraine stoppen oder zumindest bremsen?
Sonnenfeld: Es ist schwer vorherzusagen, wann Russland das Geld ausgeht. Sicher ist: Der Krieg kostet Putin viel mehr als er gedacht hatte. Es gibt auch andere Faktoren, die zu einem Ende des Krieges beitragen, darunter etwa die Anzahl toter russischer Soldaten. Um die Menschen auf die Straße zu treiben braucht es eine kollektive Bewegung. Leider wissen wir nichts über die Volksmeinung in Russland, weil Umfragen nichts taugen in einem Land, in dem dich das Wort Krieg ins Gefängnis bringen kann. Sanktionen entfalten ihre beste Wirkung in Kombination mit anderen Faktoren. So hat das damals auch in Südafrika funktioniert.

profil: Wie ist es möglich, dass der russische Rubel bisher relativ stabil geblieben ist?
Tian: Das liegt daran, dass die Wechselrate eine künstliche ist, sie ist das Produkt einer noch nie dagewesenen Kontrolle über das Kapital. Russen können auf legalem Weg keine Dollar mehr kaufen, sie können nicht auf ihre Dollar zugreifen, Unternehmen müssen Dollar-Schulden in Rubel zahlen. Das offizielle Handelsvolumen ist nach der Einführung dieser umfassenden Kapitalkontrolle in den Keller gefallen. Das führt dazu, dass der Handel auf dem Schwarzmarkt stattfindet. Der Wechselkurs von Rubel zu Dollar ist keineswegs offiziell.
Sonnenfeld: Ähnlich ist es beim russischen Aktienmarkt, der um etwa 60 Prozent eingebrochen ist. Viele fragen, wieso er nicht komplett abgestürzt ist. Auch das liegt an der staatlichen Kontrolle: Ausländische Investoren dürfen ihre Aktien schlicht nicht mehr verkaufen.

profil: In Österreich sind die Energie- und Lebensmittelpreise stark gestiegen, viele Menschen können sich das Leben schlicht nicht mehr leisten. Würden diesen Menschen ein Ende der Sanktionen langfristig mehr schaden?
Sonnenfeld: Ja. Wenn wir Putin die Mittel für seine Kriegsmaschine nicht sofort abschneiden, dann kommt der Krieg näher. Wir haben Putins Säbelrasseln Richtung der baltischen Staaten erlebt. Jetzt aufzugeben würde bedeuten, denselben Fehler zu machen wie damals der britische Premier Neville Chamberlain, als er Hitler das Sudetenland überließ. Die Opfer mögen groß sein, doch sie sind vor allem kurzfristig spürbar.

Jeffrey Sonnenfeld ist ein US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler und seit 1999 Professor für Managementpraktik an der Yale University. Der Autor von mehr als 200 Fachaufsätzen und sieben Büchern gilt als einer der einflussreichsten Ökonomen in den USA. Moskau hat ihn Ende Juni in einer Liste von Personen aufgenommen, die nicht mehr nach Russland einreisen dürfen.

Steven Tian ist Forschungsdirektor am Chief Executive Leadership Institute an der Yale University.