Soziologin Illouz: "Die Besatzung ist die Bürokratisierung des Bösen"

Eva Illouz

Eva Illouz

Die israelische Soziologin Eva Illouz beklagt, dass das moralische Fundament Israels seit der Eroberung der palästinensischen Gebiete vor 50 Jahren ausgehöhlt wurde.

Vor bald 50 Jahren, im Juni 1967, eroberte Israel im Sechstagekrieg neben der Sinai-Halbinsel auch die palästinensischen Gebiete im Westjordanland, im Gazastreifen und in Ostjerusalem. Das Land hat sich seitdem fundamental verändert - bereits zwei Generationen von Israelis sind mit der Besatzung aufgewachsen. Inzwischen leben etwa 800.000 jüdische Siedler in den Gebieten, in denen nach verschiedenen Friedensplänen eigentlich ein palästinensischer Staat gegründet werden sollte. Aus Gaza hat sich Israel 2005 zurückgezogen, der Küstenstreifen zwischen Ägypten und Israel steht heute unter der Kontrolle der islamistischen Hamas-Bewegung. Ostjerusalem wurde 1980 von Israel annektiert, was aber international nicht anerkannt ist. Im Westjordanland werden immer mehr jüdische Siedlungen errichtet.

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INTERVIEW: TESSA SZYSZKOWITZ

profil: In einem Essay über Hanna Arendts "Banalität des Bösen“ deuten Sie an, etwas habe Israel in einen "bösartigen Staat verwandelt“. Was meinen Sie damit?
Eva Illouz: Der Staat Israel hat sich in einem illegitimen Projekt engagiert: der Besatzung. Ursprünglich war Israel ein kolonialer Staat. Ein Volk kommt in einem Land an, das es anfangs für unbewohnt hält, erobert das Gebiet und drängt die lokale Bevölkerung, auf die es stößt, zurück. Seither wird das Leben der anderen durch Waffengewalt beherrscht, sie werden eingesperrt, im schlimmsten Fall umgebracht. Wenn ein bedeutender Teil der israelischen Nation dies entweder nicht bemerken will oder es sogar rechtfertigt, dann sind wir in der Kategorie des Bösen. Das Böse beginnt mit der Gleichgültigkeit oder der Blindheit gegenüber der rohen Macht. Die Besatzung ist die Bürokratisierung des Bösen.

profil: Hannah Arendt diskutierte die Banalisierung des Bösen am Beispiel der Nazi-Diktatur. Halten Sie es nicht für sehr heikel, auch nur im Entferntesten Analogien zu Israel zu ziehen?
Illouz: Missverstehen Sie mich bitte nicht: Ich stelle keine Analogie zwischen Nazi-Deutschland und Israel her, das wäre widersinnig und nicht akzeptabel. Das jüdische Volk hatte 1948 moralisch und politisch ein Anrecht auf einen eigenen Staat - moralisch, weil die Juden jenes Volk waren, das, historisch gesehen, am meisten verfolgt worden war; und politisch, weil es 1947 einen Teilungsplan der Vereinten Nationen gab, den die Palästinenser ablehnten. Der Zionismus, das Streben nach einem jüdischen Nationalstaat, kam mit Gewalt zur Welt, doch es war richtig, dass er geboren wurde. Viele haben Schwierigkeiten, diese beiden Wahrheiten nebeneinander stehen zu lassen.

profil: Fast sieben Jahrzehnte sind seit der Gründung Israels vergangen, 50 Jahre seit dem Sechstagekrieg von 1967 und der damit beginnenden Besatzung des Westjordanlandes. Was bedeutet das heute für die israelische Gesellschaft?
Illouz: Am Anfang dachten alle, die Besatzung sei eine kurzfristige Angelegenheit. Für viele junge Israelis ist die Herrschaft über ein anderes Volk inzwischen jedoch selbstverständlich geworden. Ihnen ist nicht klar, dass internationale Verträge Israel dazu verpflichten, die besetzten Gebiete im Austausch für Frieden zurückzugeben. Sie halten den Respekt vor dem internationalen Recht für überflüssig und mühsam.

profil: Sie haben geschrieben, dass die Unterscheidung zwischen Verbrechen und Krieg in der Besatzungspolitik Israels zunehmend verblasse. Woran machen Sie das fest?
Illouz: Das moralische und juristische Fundament Israels ist, wenn es um die besetzten Gebiete geht, ausgehöhlt worden. Viele Israelis denken, dass Demokratie nur für Juden gelte. Eine mächtige und grausame Militärherrschaft über eine Minderheit widerspricht in ihren Augen nicht der Demokratie. All dies ist eine Folge der Besatzung.


Ob Israel ungestraft davonkommt oder nicht, hängt davon ab, wie sich das Machtgefüge in der Region entwickelt. Werden Europa und die USA Israel auch in Zukunft als regionale Macht brauchen?

profil: Niemand kann UN-Resolutionen durchsetzen. Vielleicht wird Israel die Gebiete einfach behalten?
Illouz: Ob Israel ungestraft davonkommt oder nicht, hängt davon ab, wie sich das Machtgefüge in der Region entwickelt. Werden Europa und die USA Israel auch in Zukunft als regionale Macht brauchen? Israel ist ein Staat mit geliehener Macht. Der gesamte Nahe Osten verändert sich. Saudi-Arabien ist ein befreundeter Staat, Ägypten auch - der Libanon hingegen nicht mehr. Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten ist heute viel intensiver als noch vor 30 Jahren. Der Irak und Libyen sind zerstört. Alles bewegt sich, Allianzen sind nicht mehr vorhersagbar. Sollte Israels Bedeutung für den Westen abnehmen, kann die internationale Gemeinschaft mehr Druck auf Israel ausüben - über Wirtschaftssanktionen oder den Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Irgendwann wird der Preis dafür, gar nichts zu tun, zu hoch werden.

profil: Verwandelte sich der Zionismus gleich nach 1967 von einer Befreiungsbewegung in eine national-religiöse Unterdrückungsmaschine?
Illouz: Nicht direkt nach 1967. Es gab erst eine Phase, in der es keinen Krieg gab und die beiden Bevölkerungen seltsam friedlich nebeneinander lebten. Es gab eine territoriale Kontinuität, Juden und Araber konnten sich ohne Grenzkontrollen bewegen und erkannten das Übel der Besatzung nicht. Als die Erste Intifada 1987 begann, wurde schlagartig klar, dass die Palästinenser keine Lämmer waren, die alles einfach akzeptierten, was man ihnen antat. Dieser Aufstand führte zu einer Veränderung im Bewusstsein der Israelis.

profil: Die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) unter Jassir Arafat aber hatte schon in den 1970er-Jahren Terroranschläge verübt.
Illouz: In der Intifada kämpfte erstmals die gesamte palästinensische Bevölkerung gegen Israel. Davor war der Terror nur von der PLO ausgegangen. Die Israelis waren erstaunlich blind gewesen, wenn es um die Existenz, die Präsenz und die Rechte der Araber ging. Das war wohl das Erbe der europäischen Einwanderer. Die europäischen Juden betrachteten sowohl lokale Araber als auch Juden aus dem Nahen Osten als minderwertig. Der Aufstand der palästinensischen Zivilbevölkerung 1987 aber machte deutlich, dass es so nicht weitergehen konnte. Es folgte der Oslo-Friedensprozess. Als er scheiterte, brach 2000 die Zweite Intifada aus. Ab diesem Zeitpunkt wurde die Besatzung eine wirklich bürokratisierte Herrschaft über ein anderes Volk: Checkpoints, Trennmauer, Hauszerstörungen, Anhaltehaft. Es wurde ein ganzes System aufgezogen, ein Staat innerhalb des Staates. Die Bürokratie entwickelt ihre eigene Methode, die feindliche Bevölkerung zu bekämpfen.

profil: Ist diese Entwicklung der Siedlerbewegung geschuldet?
llouz: Anfangs waren die Siedler eine marginale Gruppe - keiner nahm sie ernst. Der harte Kern war radikal und hatte nichts zu tun mit dem säkularen europäisch-jüdischen Establishment. Die radikalen Siedler verlangten eine bevorzugte Behandlung als Juden. Gleichzeitig waren sie Außenseiter, die jenseits des normalen Zionismus standen. Doch Demokratien sind leider sehr verletzlich, wenn sie von extremistischen, entschlossenen Gruppen oder Individuen angegriffen werden.

profil: Kann man die politischen Entwicklungen in den USA und in Israel vergleichen?
Illouz: In Israel sagt der rechte Likud-Block: "Wir sind das wahre Volk.“ Das hat auch Trump in Amerika geschafft. Doch die Amerikaner werden das Phänomen Trump überleben, weil die Institutionen stark sind und ein großer Teil der Bevölkerung sich gegen ihn auflehnt. In Israel ist es leider anders. Wir haben diese Basis nicht. Deshalb sind wir heute so tief gefallen: Die Linken schwächeln, die Rechten sind korrupt, und die Siedler betreiben weiter den moralischen Bankrott.

Eva Illouz, 55
Im marokkanischen Fez geboren, in Paris aufgewachsen und seit Jahrzehnten in Israel wohnhaft, hat sich die 55-jährige Soziologin weit über Israel hinaus einen Namen als streitbare Denkerin gemacht. Sie lehrt an der Hebräischen Universität in Jerusalem und an der Pariser École des Hautes Études en Sciences Sociales. Auf Deutsch erschien ihr Buch "Israel - Soziologische Essays“ (2015, edition suhrkamp) .

Dieser Artikel stammt aus dem profil Nr. 11 vom 13.3.2017. Das aktuelle profil können Sie im Handel oder als E-Paper erwerben.